Sankt Martins Mantel

Wie kann man, denke ich zwei bis zwölfmal täglich, nur so sein. Wie kann man sich auf die Straße stellen und allen Ernstes behaupten, ausgerechnet die vor Geld platzende Bundesrepublik könne niemanden mehr aufnehmen, denn andernfalls reiche es nicht mehr für diejenigen, die schon hier leben.

Ihr Trottel, denke ich beim Überfliegen der Kommentarspalten. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass auch nur ein Euro mehr bei euch landen würde, wenn von morgen an kein einziger Flüchtling nach Deutschland gelangt. Wie dämlich muss man sein, um nicht zu erkennen, dass der Mangel an Geld und Anerkennung für manche Deutsche nichts mit Ausgaben und Überfluss an anderer Stelle zu tun hat, sondern mit einer bewussten politischen Entscheidung, und wie schlecht und verkommen müssen Leute sein, die ernsthaft lieber andere Menschen im Meer ertrinken oder verelenden lassen möchten, als selbst auch nur ein alte Kleider oder ein bisschen Geld abzugeben oder einen Kuchen für neue Nachbarn zu backen, und wie heuchlerisch und kalt, um über christliche Werte zu sprechen, und nicht an einen römischen Offizier zu denken, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilt.

St. Martin and the Beggar, 1836 (oil on canvas)

So, wie ihr seid, denke ich und schaue mir eure Bilder im Internet an. So wie ihr will ich niemals sein, und so eine Welt, wie ihr sie wollt, hat niemand verdient, und dann spende ich euch zum Trotz Geld für die Seerettung, für Medizin, für Familiennachzug und kaufe ein für ein herzliches Willkommen, und wenn es auch nur für fünf Cent Gründe geben könnte, wieso ihr so seid, wie ihr seid: Ich will sie nicht wissen.

(Ihr anderen aber: Bitte gebt. Man liest immer, es sei die Aufgabe des Staates, zu retten und zu schützen. Das mag so sein. Aber vor allem ist es unsere Aufgabe. Ihre und auch meine.)

Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn0

9 Gedanken zu „Sankt Martins Mantel

  1. Es tut gut, diesen Text zu lesen, neben all den Kommentaren, die mir die Laune verderben und den täglichen Nachrichten zur schrittweisen Abwendung von der Idee, Flüchtlingen zu helfen.. Danke!

  2. Genau das denke ich jeden Tag: wie kann man nur so sein. Und ich bin traurig und fassungslos, weil es den Anschein hat, als verrohe unsere Gesellschaft zusehends. Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Dich gibt, die Wichtiges ohne Wenn und Aber beim Namen nennen und zum Helfen aufrufen.

    1. Aha. Jene Menschen hierzulande, die an oder sogar unter der Armutsgrenze leben, sind für Sie also „der Rest“. Dann will ich mal für Sie hoffen, dass Sie finanziell immer so gut gestellt sein werden, um nicht für andere als „Rest“ zu gelten.

      1. OK, das war daneben. Ich gehöre auch zu dem großen „Rest“ der Leute, die nicht vor Geld platzen, aber trotzdem keine Rassisten sind. Ich meinte eigentlich diejenigen, die sich betrogen und zu kurz gekommen fühlen, und deshalb alle „Fremden“ hassen in dem Irrglauben, dass die ihnen etwas wegnehmen würden.

    2. @ Paula: Ich gehöre zu diesem „Rest“, aber ich bin kein Problem. Dafür aber manch einer, der „vor Geld platzt“. Oder zumindest genug davon hat, um gut zurecht zu kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken