Fleischlos glücklich

Nun, an mir lag es nicht. Ich habe dem F. niemals verschwiegen, dass das von ihm hochgeschätzte weiße Fleisch einmal einem Hühnchen als Brustmuskel gedient hatte. Ich kaufe auch ganze Hühner, bei mir hat eine Lammkeule einen dicken Knochen, und ab und zu kaufe ich sogar ein Kilo Markknochen und streiche das Mark dick auf Weißbrot. Das esse ich dann mit Salz. Wir sind mit dem F. auch mehrmals auf Bauernhöfe gefahren, und jeden Sommer fahren wir zum Hoffest in Brodowin, damit er sieht, woher der Inhalt der Kiste kommt, die er jeden Freitagmorgen vor der Wohnungstür findet.

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Richtig zu ihm durchgedrungen scheint die Erkenntnis, dass irgendwo eine Kuh für seinen Bulette gestorben ist, aber trotzdem nicht zu sein. Erst vor einigen Wochen, wir gingen zu Fuß vom Einkaufen nach Hause, sprach der F. mich auf den Fleischverzehr an. Ob es den Kälbchen denn weh täte, wenn man das Fleisch abmacht. Ich wand mich. Ich stotterte. Ich sagte ihm schließlich die Wahrheit.

Die schnellen Stimmungswechsel von Minderjährigen sind berühmt. Der friedlich neben mir einhertrottende kleine Kerl mutierte also auf der Schnelle zu einem kreischenden, schluchzenden Derwisch, nicht ganz unähnlich meiner Vorstellung eines Altägyptischen Klageweibs. Tatsächlich spritzten aus seinen Augenwinkeln Tränen kraftvoll einige Zentimeter nach rechts und links. Die armen Kälbchen. Die armen Kä-ä-ä-älbchen. Die erbärmlichen, bösen Kackmetzger.

Am nächsten Tag will der F. kein Würstchen. Wir sprechen lange über den Kreislauf der Natur, über den Tod, über die Frage, ob Tiere dazu da sind, gegessen zu werden, und am Abend isst der F. zum aller-, allerletzten Mal eine Bulette. Am nächsten Tag folgt die aller-, aller-, allerletzte Wurst, begleitet von Verwünschungen des F. bezüglich der gewerblichen Fleischverarbeitung.

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Am nächsten Tag kaufe ich, müde der häuslichen Auseinandersetzungen, vier vegetarische Buletten bei REWE. Zwei Wochen später habe ich alle gängigen vegetarischen Produkte durch. Gelegentlich vergisst der F. die Tierliebe, dann wird doch ein Würstchen verschlungen, aber danach gibt es meistens Tränen, deswegen steigen wir fast vollständig auf pflanzliche Würste um. Parallel fahre ich die Milch- und Eierversorgung hoch. Irgendwann fällt mir auf, dass der F. das mögliche Leid der Fische nicht vergleichbar ernst nimmt. Seither essen wir ständig Lachs. Aufmerksam beobachte ich den F., seine Entwicklung und sein Verhalten: Bisher fällt mir noch nichts Nachteiliges auf.

4 Gedanken zu „Fleischlos glücklich

  1. Keine Sorge, das wird wieder. Auf dem Weg zum Kindergarten mussten wir am Hof eines Viehhändlers vorbei und als mein damals dreijähriger Sohn die nicht gerade sanfte Verladung der Schweine sah beschloss er (nach ausgiebigen Befragungen und entsprechenden Antworten), nie mehr Fleisch zu essen. Er hielt es durch bis zu jenem Tag, als er Obelix ein Wildschwein verspeisen sah(wohlgemerkt mit Papa, Mama und den Geschwistern zusammen). Da war er 6 Jahre alt und wollte unbedingt auch Wildschwein essen. Er bekam es. Bis heute isst er Fleisch und wartet darauf, dass seine kleine Tochter vielleicht auf dem weg zum kindergarten bei dem Viehhändler eine entsprechende aussage…..

  2. Selten finde ich so treffende, liebevolle und doch genaue Beobachtungen wie in Ihrem Blog. Sie bringen es fertig, weit über den Horizont der umgebenden Hipster-Szene hinauszusehen. Falls F. das – in reiferem Alter – mal lesen wird… er wird feuchte Augen bekommen.
    Selbst ein Heinz liest das mit Freude und Genuss. Eine literarische Veröffentlichung von Ihnen würde ich sicher kaufen.

    Heinz

  3. „Wir sprechen lange über den Kreislauf der Natur, über den Tod, über die Frage, ob Tiere dazu da sind, gegessen zu werden…“

    Das verstünde ich auch gerne. Es lässt mich nicht los.

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