Wo bist Du, mein Golem?

Am Tag gehört auch Prag den anderen Leuten. Am Tag haben die Prager Anzüge an oder Kleider von Topshop und Ralph Lauren und verschwinden fast zwischen all den anderen, die auch durch die Stadt laufen, um alles zu photographieren und so viel Bier zu trinken wie wir. Wenn es aber dunkelt hebt und senkt sich das Pflaster der Stadt. Am Grunde der Moldau mögen die Steine wandern, doch in den engen Gassen wandern die Toten umher, tragen Kutten und lederne Wämser, zerfallende Anzüge mit seltsamen Kragen, kurze Hosen aus Asche und lange Kleider aus mürbem, staubigen Gold.

Auf dem alten Friedhof sitzen die Toten auf ihren Gräbern und recken die weißen Finger ins Mondlicht. So viel Leben weht ungelebt voller Sehnsucht im Wind. Am Tag ist es schon warm heuer im März, aber bei Nacht zähle auch ich all meine fehlenden Stunden. Wo bist du, mein Golem, rufe ich über die Friedhofsmauer bis zur Parisžka, und sage mir lautlos meinen Zauberspruch vor.

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2 Gedanken zu „Wo bist Du, mein Golem?

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