19

O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh‘ man aus unserm Staube Krüge macht.

Omar Hayyam

Am Ende der Woche aber stehe ich bei P&C am Leipziger Platz und ziehe ein Kleid nach dem anderen an. Abstrakt mag ich starke Farben und Muster, aber rein praktisch sehe ich auch heute in den bunten Kleidern irgendwie sonderbar aus, und verlasse das Kaufhaus wieder mit Kleidung in beige und blau. Ich bin nämlich nicht nur Juristin. Ich ziehe mich auch so an.

In den Umkleidekabinen neben mir wird gelacht. Zwei Mütter und zwei Töchter probieren Kleider, offenbar für den Abiball, und die beiden Mädchen treten nacheinander in den tollsten Kleidern vor den Spiegel. Groß und rothaarig ist die eine, mit weißer Haut und schlanken Armen. Blond und strahlend die andere. Noch ganz glatt sind ihre Oberarme und Rücken, ihre Haare sehen, man kann es nicht anders sagen, saftig aus, und sicherlich sind auch ihre Zähne besser als meine. Ihre Mütter wirken dagegen fleckig und zerknittert, und auch ich mache in meinen blauen Etuikleidern vermutlich keine besonders gute Figur.

Für einen Moment beneide ich die Mädchen um ihre Vitalität. Die können bestimmt auch noch ausgehen, ohne sich tagelang zu fühlen wie Hackfleisch. Dann aber fällt mir ein, wie ich mit 19 in einem cremeweißen Kleid auf meinem Abiball stand; ich hielt gemeinsam mit einem Freund die Abirede und sah, glaubt man den Bildern, eigentlich wirklich ziemlich gut aus. Ich war ziemlich schlank, weil ich dreimal die Woche beim Sport war, ziemlich braun, weil ich immer draußen war, ich hatte lange, schwarze Haare und mein Kleid stand mir.

Ich fühlte mich fürchterlich.

Dass ich die verdammte Rede nicht hinter einem Vorhang halten konnte, setzte mir ernsthaft zu. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, dass sowieso niemand mit mir tanzen wollen würde und behauptete deswegen, ich hätte zum Tanzen keine Lust. Ich hielt mich für eine etwas schwierige Einzelgängerin, dabei war ich im Vorjahr im Schülersprecherteam gewesen, feierte den ganzen Sommer bei lauter Leuten, die mich schließlich aus irgendeinem Grunde eingeladen haben mussten, und außerdem hielt ich mich für erotisch unvermittelbar, dabei stand mein Freund neben mir und mein Exfreund schlich irgendwo beleidigt um die Säulen.

Ich hätte eine großartige Zeit haben können. Ich wünschte, ich hätte sie gehabt. Wenn ich den fremden Mädchen in der Umkleidekabine neben mir einen Rat geben könnte, würde ich ihnen raten, sich für diesen Sommer zwischen Schule und Studium unwiderstehlich, unbesiegbar und wunderschön zu fühlen, und jedes Geschenk, jedes Lächeln und jedes Kompliment als berechtigten Tribut mitzunehmen, den das Leben ihnen vor die Füße wirft.

Doch die Mädchen bemerken mich nicht einmal, ich kaufe zwei blaue Kleider und einen Trenchcoat in beige, und im Gehen frage ich mich nur flüchtig, was mir in wiederum zwanzig Jahren leidtun wird von dem, was ich heute denke, mache, sage. Lasse.

Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn0

14 Gedanken zu „19

  1. Man weiss gar nicht wie schön man ist, ein Leben lang. Immer sind es die anderen, die schöner sind. Man selbst ist immer nur im Rückblick schön.
    Ein Jammer.

  2. Das kannte ich nur allzu gut, diese Selbstzweifel und Unsicherheit in der Jugend trotz Abitur, der Schönheit und den vielen Möglichkeiten. Ich wollte ich könnte für immer 40 bleiben mit dem Selbstbewusstsein, der Klarheit und der Gelassenheit von heute.

  3. Ja, mir geht es auch so. Wenn ich die jungen Frauen sehe, halb so alt wie ich und voller Energie und Leben, denke ich mir meist: „Wie SCHÖN sie sind!“ – und weiß gleichzeitig, dass fast jede von ihnen immer wieder jammernd vor dem Spiegel steht und Teile an sich HASST.
    Was für eine Verschwendung, wie traurig das ist.

  4. —————KOMMENTAROMAT—————
    Gerne gelesen
    Genau!

    Hätte von mir sein können
    —————KOMMENTAROMAT—————

  5. Pingback: Joël
  6. „wieviel dir in 20 jahren von dem leid tun wird, was du lässt.“ oh weia. geh einfach nochmal los. an einem andern tag, in einen andern laden. kauf KEIN jusistinnenblaubeige. (ich bin juristin. aber ich habe den götterngetrommeltundgepfiffen keinen kleidercode im job. ich kann in jeans antanzen oder im kleid.) weisste, als ich 37 war (hm, vor beinah 20 jahren…) nach dem zweiten kind, arg in die breite gewachsen, todunglücklich, weil kein kleid mehr passte, hab ich das erste mal im leben einen hipstersecondhandladen ausprobiert. und kam raus mit einer weissen dreiviertel hose (nie vorher getragen. weiss! steht mir doch nicht!) und einem krachbunten männerhemd, das so herrlich weit, farbig, witzig war, dass ich mit einem schlag gute laune hatte und leise dachte „geht doch“. ich wünsch dir was.


  7. „Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen“
    Sir Peter Ustinov

    In zehn Jahren wirst du neuartige Details an dir feststellen, die du dir heute nicht einmal ausmalen kannst. Aber sie tun nicht unbedingt weh. Man arbeitet zunehmend gegen die Schwerkraft. Nicht alle Reifeprozesse, die man im Spiegel sieht, sind erhebend (im wahrsten Sinne des Wortes nicht), aber wenn man mit Fünfzig noch putzmunter und gesund ist, ist das ein schönes Gefühl. Und kann außerdem feststellen, dass manche Phasen, die man für altersbedingt hielt, von Ereignissen konterkariert werden können, die man durchaus als Jungbrunnen bezeichnen kann. Es ist zwar nicht ALLES möglich, aber sehr viel, was man nicht mehr für möglich hielt.

  8. Jeden Tag passieren aufregende Sachen und das nicht nur wenn gerade der Abiball ansteht … und Äusserlichkeiten sind nun wirklich das absolut Unwichtigste überhaupt!

  9. Was Gaga sagt. Denn die „guten“ Zeiten sind allermeistens immer genau „jetzt“. Kaufen Sie eine Klamotte, like you just don’t care.

  10. Mir hat Madame de la Fressange mit ihren Tipps“Was ziehe ich heute an?“ aus meiner Bekleidungsmidlife Crisis geholfen und mich davon kuriert, zwingend bunt und lustig sein zu müssen.
    (Was ich bei Juristinnen als Berufsbekleidung im übrigen nach wie vor für deplaciert halte, nachdem ich in England in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts in der legal world sozialisiert wurde).

  11. Ich denke immer, dass Frauen sich zu viel Gedanken wegen Ihres Aussehens machen.

    Egal, wie Frauen sich kleiden, sie sehen immer gut aus, wenn sie sich wohl in ihrer Haut fuehlen.

    Ich sage meiner Frau immer, dass sie mir in Jeans und weisser Bluse oder einem weiten Pullover und auch einem einfachen T-shirt am besten gefaellt.

    Sie sieht auch in einem Spitzenkleid oder Kostuem gut aus, aber das ist nicht wichtig.

    Ich kann allen Damen nur den Rat geben: kleidet euch so, dass Ihr Euch wohl damit fuehlt – das verleiht Euch Austrahlung und Autentizitaet.

    Meine Frau wird immer schoener – auch weil sie daran glaubt und sich akzeptiert – nicht nur weil ich und andere Leute das sagen.

    Vor einigen Jahren war sie so unzufrieden mit sich selbst, weil sie so kritisch war. Sie hat es gelernt, sich zu moegen, wie sie ist und ist dadurch attraktiver geworden.

    Also, denken Sie nicht so viel nach, das machen intelligente Frauen viel zu viel – fuehlen Sie sich gut! Das Leben ist zu kurz, um sich schlecht zu fuehlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken