Zwei auf einer Bank

Ich glaube, beim ersten Treffen saßen sie zufällig auf einer Bank. Es war eine Bahn ausgefallen, die fuhren nämlich nur alle 20 Minuten zwischen dem Vorort und einer der kleineren Landeshauptstädte der damals ja auch noch etwas kleineren Republik hin und her. Es war einer der kühleren Abende im September, wenn man also im Sommerkleid losfährt und sich auf dem Heimweg wünscht, man hätte doch die Jeansjacke mitgenommen, und vielleicht lag es auch an dem Verlassenheitsgefühl, das sich einstellt, wenn man wartet und friert, dass sie nicht abrückte, als er ihr sein Bier anbot. Dabei war er Gesamtschüler, Lederjackenträger, und eine komische Frisur hatte er auch. Die Haare schnitt ihm nämlich sein Bruder, und der war keineswegs Friseur.

Beim zweiten Treffen hätte er sie fast nicht mehr erkannt. Sie trug die Haare inzwischen hellblond, der Rucksack mit einem baumelnden Miniplüschtier war einer kamelbraunen Ledertasche gewichen, und statt einem Streifenkleid von Esprit hatte sie meistens Caprihosen und gerade geschnittene Blusen an und dazu Pumps. Er dagegen hatte sich kaum verändert. Außerdem hatte sie ihn immer noch in der kleinen Stadt verortet, in der sie beide aufgewachsen waren.

Sie wollte ihn immer einmal fragen, wie er eigentlich nach Berlin gekommen war, denn dass er auch einfach hier studieren könnte, erschien ihr eher entlegen. Wieso sie ihn nie gefragt hatte, konnte sie sich später auch nicht mehr erklären, als er einfach weg war, nachdem das Haus in Friedrichshain saniert wurde, in dem sie ihn ab und zu besuchte, und er ihr keine Telefonnummer hinterlassen hatte, nicht einmal eine E-Mail.

Bei ihrem dritten Treffen erkannte sie ihn gleich, quer durch den Raum. Er kellnerte auf einem Sommerfest eines Industrieverbandes, sah besser aus als jemals zuvor, und als sie mit allen gesprochen hatte, mit denen sie sprechen musste, sprach sie ihn an. Er wohnte immer noch in Friedrichshain, gleich um die Ecke von seiner damaligen Wohnung, er roch mit 38 wie mit 22 oder 16, es war ein bisschen, wie nach Hause zu kommen, und als sie in der Mittagshitze nach Hause ging, tat es ihr für einen Moment leid, nicht mehr zurückzukommen.

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11 Gedanken zu „Zwei auf einer Bank

  1. … nicht mehr zurückzukommen, zu ihm, auf der Party, zu seinem Haus in Friedrichshain, zu dem Ort, aus dem sie kamen … „Und dann?“ Will ich die ganze Zeit fragen, und wissen, wie er eigentlich nach Berlin gekommen war, und ich fürchte ein bisschen um das aktuelle Leben der Ich-Erzählerin, um ihre aktuelle Beziehung, falls sie eine hat … ich will wissen, wie es weitergeht, danke!

  2. @Anke
    Es gibt keine Ich-Erzählerin. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
    Das ist ja das schöne daran, dass man die Ich-Erzählerin quasi körperlich spürt. Aber sie ist nicht da!
    Und die Geschichte wird auch nicht weitergehen, außer sie treffen sich irgendwann wieder zufällig auf einer Bank.

    Sehr schöner Text, Frau Modeste.

  3. Der hat nicht studiert und kellnert, aus ihm ist „nichts“ geworden, war ja eh klar, dass es mit den beiden nichts wird. Liebe überwindet selten soziale Schranken.

    Das fand ich in dem Roman von Mankell „Der Chinese“ so toll. Sie Staatsanwältin, er Bahnmitarbeiter, und sie bleiben zum Schluss zusammen.

  4. Pingback: Dominik
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  6. Wirklich sehr schön, wie da irgendwas zwischen den Zeilen steht und man weiß nicht wirklich, was es ist…
    Eine Liebesgeschichte? Bedauern? Interesse?
    Sehr schön geschrieben!

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