Bei Nacht

Wie ein Gemisch aus Lehm und stumpfen Steinen schlägt der Regen hart auf die Dächer. Das ist kein leichter, lauer Sommerregen, das ist noch nicht einmal der warme Monsun in den Straßen Bangkoks, wo ich vor fast 15 Jahren im weissen Kleid vor dem Seven Eleven in der Sathorn Soi 16 stand, dampfend durchnässt bis auf die Knochen, lachend mit einer Flasche Bier in der Hand.

Der Boden ist von den Niederschlägen der letzten Tage schon so durchtränkt, dass die trübe, braune Brühe auf der Straße steht wie ein schmieriger Strom aus Schlamm. Es ist kurz nach drei. Dunkel sind die Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nutzlos, sich selbst genug, beleuchten nur die Schaufensterlampen Schmuck, Möbel und Kleider.

Als ich klein war, erzählte meine Mutter mir, dass bei Nacht die Dinge zu einem eigenen Leben erwachen, aber so lange ich auch am Fenster bleibe: Schlaff hängen die Ketten des Juweliers vom Regal, und die Beine der Betten des Tischlers zucken nicht einmal ein winziges bisschen.

Kalt ist es, als ich schließlich in der Loggia stehe, einen Trenchcoat über dem Nachthemd und mit nackten Füßen. Schon entfärbt sich die Nacht, der Himmel wird bleich wie ein Fischbauch und ich lege mich wieder ins Bett und male mir warme, goldleuchtende Nächte aus, raschelnde Kleider, Haut, Wodka aus eiskalt beschlagenen Gläsern und Lampions in den Bäumen.

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Ein Gedanke zu „Bei Nacht

  1. Sehr schönes Stimmungsbild, das kann man wirklich nicht Sommer nennen. Aber, Abwarten, oft zaubert der August noch Überraschungen aus dem Hut. Daran glaube ich ganz fest, denn im August habe ich Geburtstag!

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