Verwehe

Aber vielleicht schlafe ich heute Nacht gar nicht ein. Auch wenn ich müde bin. Vielleicht ziehe ich mich wieder an, stattdessen: Mein rotes Kleid, die Silberschuhe und rote Lippen für den Mann im Mond. Die Tür ziehe ich hinter mir zu.

Zu meiner Rechten hinter Hagebutten und Gestrüpp glänzt der See. Zu meiner Linken streifen Füchse durchs Feld und zählen mir Hasen. Irgendwo steht eine Eiche für mich, und die Raben singen mir Lieder. An den Ästen klettere ich höher und höher dem Himmel entgegen. Ins Laub bette ich mich. An den Wolken kann ich wohl trinken. Im dünnen Geäst werde ich leichter und leichter, schon scheint mir der Mond durch die Rippen und als Nachtwind weht mir das Haar.

Dort, wo der Mond am dunkelsten ist und die Nacht ganz kalt, steht, sagt man, ein Häuschen. In dem Haus ist ein Schrank, in dem Schrank ist ein Schrein. In dem Schrein ist ein Kästchen. In das Kästchen im Schrein, in den Schrein in dem Schrank, in den Schrank in dem Haus lege ich alles, was vergessen und niemals gewesen und nicht mal gewünscht sein soll, schiebe es ganz nach hinten in mir, schließe die Tür und verwehe.

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4 Gedanken zu „Verwehe

  1. sie schreiben heute zart und rätselhaft, vor 2 monaten nüchtern, vorvorgestern unendlich liebevoll, oft herrlich lakonisch, ab und an wehmütig, den jahresanfangstext empfand ich warmherzig und sehr traurig gleichermaßen – ich mag es sehr, ihre texte zu lesen und ich ziehe den hut vor all den registern, die sie ziehen. und manchmal denke ich, sie sind mehrere 😉

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