Journal :: 15.11.2017

Rechtsreferendare, einige unter Ihnen wissen das, durchlaufen in zwei Jahren mehrere Stationen, unter anderem auch bei der Staatsanwaltschaft. Man kann sich kümmern, dann kommt man irgendwohin, wo es einigermaßen spannend wird, oder man kümmert sich nicht, dann landet man beispielsweise bei dem P.

Der P. ist erst ganz kurz Staatsanwalt, blond, fröhlich und 30, und er klagt im Wesentlichen ein einziges Delikt an. Ansonsten trinkt er mit einem Freund um die Ecke Kaffee, spielt leidenschaftlich gern mit seiner Spielkonsole und geht mittags um die Ecke zu einem chinesischen Restaurant. Ich immer mit, schließlich will ich ausgebildet werden, und tatsächlich entwickele ich sehr schnell erhebliche Fertigkeiten an der Konsole. Wenn wir zusammen Mittag essen, nehme ich jedesmal etwas anderes und überrede P., ab und zu zu anderen Lokalen zu gehen. Widerstrebend kommt er meistens mit. „Man kann doch nicht immer dasselbe essen.“, behaupte ich, aber der P. isst an vier von fünf Tagen Schweinefleisch süß-sauer. Wie man so leben kann, denke ich.

Heute mittag war ich in der Ming Dynastie. Da gehe ich meistens einmal die Woche hin. Manchmal esse ich die M 8, das ist das Huhn Gong Bao. Ohne Erdnüsse. Manchmal nehme ich auch das Mapo Tofu. Wenn ich nicht in die Ming Dynastie gehe, gehe ich zu einem Italiener in der Nähe. Da esse ich das Mittagsmenü, das ist immer gut. Suppe, Pasta, kleines Dessert. Oder zu einem Vietnamesen, da esse ich die Suppe mit Teigtaschen und Glasnudeln oder die Pho mit Tofu. Ganz selten esse ich Burger.

Ab und zu schmeckt eins der Mittagsgerichte anders als sonst, dann fällt mir das auf. Oder Kellner wechseln. Ich weiß ganz genau, wo ich mit Karte zahlen kann und wo es bar sein muss. An welchen Gerichten Knoblauch ist. Manchmal esse ich auch nichts, dann gehe ich abends essen. Ich frühstücke nie.

Gelegentlich, meistens zu unseren Geburtstagen, denke ich an den P., dann schreiben wir uns kurz, und ich frage nach, ob er eigentlich immer noch das Schweinefleisch süß-sauer isst. Dann bejaht er jedesmal, und ich weiß ganz genau, dass man nicht nur so leben kann, sondern dass auch ich im Grunde genau so fertig leben würde, mit Huhn Gong Bao und Pho mit Tofu, und dass das nichts für mich wäre.

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