Journal :: 17.11.2017

Ich glaube den ängstlichen Männern, sage ich zum A. beim Frühstück ins Eimsbüttel und trinke meinen Earl Grey. Ich glaube nicht, dass die arglistig versuchen, sich durch gespielte Naivität Privilegien zu sichern. Die haben wirklich keine Ahnung, wie man eine Liebelei anbahnt, wenn man Frauen nicht mehr einfach anfassen darf, aber das hat eigentlich nichts mit Misogynie zu tun, sondern mit einer in Deutschland aus irgendwelchen Gründen nicht besonders weit verbreiteten Kulturtechnik. Die wissen einfach nicht, was man wann sagen soll, wenn einem jemand gefällt. Die haben keine Ahnung, wie lang Blicke morgens um neun sein sollten, und wie lang nachts um drei. Die kennen die Choreographie der unabsichtlichen, der absichtlich unabsichtlichen und der absichtlich absichtlichen Berührungen nicht, und deswegen sind ihre Annäherungen so digital wie ein Kippschalter. An oder aus. Der ermäßigte Umsatzsteuersatz oder Küssen mit Zunge.

Die anderen, also die, denen es einfach Freude macht, Frauen zu verängstigen oder zu verletzen. Die gibt es auch. Aber die meisten, die jetzt verärgert und ratlos reagieren, sind einfach amouröse Nichtschwimmer.

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Über Frauen und Männer spreche ich auch mit Herrn Kid37, abends im Karoviertel bei Salat mit Lachs und Muscheln. Wann man, wie es im Internet heißt, zu alt ist für sehr junge Frauen, und ich erzähle ein bisschen von der Zeit, als ich selbst eine sehr junge Frau war, damals Ende der Achtziger. In den Texten in den Medien über Männer und Frauen in dieser Zeit wird gerade viel über Macht und Machtmissbrauch gesprochen, aber uns erschien die Liebe damals ungemein verheißungsvoll, wir waren fürchterlich neugierig und spielten mit den bescheidenen Mitteln unserer Kleinstadtkindheit eine wüste Melange französischer Filme nach, die wir uns aus der Stadtbücherei geliehen hatten. Ganze Sommer waren wir Truffaut, Rohmer, Lubitsch en miniature, es war schrecklich abgeschmackt und grauenhaft unterhaltsam, und hätte uns jemand gesagt, dass die Liebe Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse sei, und unsere Spiele nicht schmerzhaft lustig, sondern falsch, hätten wir ihn einfach ausgelacht, aber das waren andere Zeiten.

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„Wie war ich mit 14?“, schreibe ich im ICE an jemanden, der dabei war und sehe sehr, sehr lange den pulsierenden drei Punkten auf dem Handy zu und lächele, als die Antwort kommt, in die Schwärze der Nacht zwischen Hamburg und Berlin und versuche mich an mich zu erinnern, und an ihn und an alle anderen.

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4 Gedanken zu „Journal :: 17.11.2017

  1. Ja,und die „der böse Feminismus versucht Männer und Frauen auseinanderzudividieren !!!!!Einself!!!!!!“-Fraktion hat überhaupt keine Ahnung, was für ein Zurückstecken der Frauen immer nötig war, um Männern ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Die glauben tatsächlich, vor dem bösen Feminismus gingen Männer und Frauen einträchtig, harmonisch und Hand in Hand durchs Leben.
    So einen Mangel an Reflexion wünscht man auch keinem.

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