Journal :: 22.11.2017

Wir sitzen kaum im ICE, da bekommt der F. richtig Hunger. Also nicht so richtigen Hunger, mehr so einen Pawlowschen Eisenbahnhunger, der ihn von der Frage, was er bereits gegessen hat, komplett abstrahiert überfällt, wenn er in einem Zug sitzt.

Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein familiär tradiertes Verhalten. Damals, irgendwann Anfang der Achtziger Jahre, reiste meine Großmutter auch nie ohne eine Tasche voller belegter Brote mit kaltem Braten und Ei, Apfelschnitzen, Frikadellen, Miniportionen Salat in milchig-weißen Plastikschälchen und dicken Stücken Marmorkuchen. Damals reiste man aber auch noch in Abteilen mit Vorhängen davor, störte mit seinem Picknick deswegen niemanden als einzelne kritische Familienmitglieder, meistens den überzeugten Vegetarier Onkel P., und weil fast alle Leute mit solchen Fresspaketen reisten, wirkte unser Fresspaket auch noch gar nicht einmal so arg exzentrisch.

Heute aber sitzen wir im Großraumabteil und das Fresspaket ist, glaube ich, ausgestorben. Um uns herum starren fresspaketlose Geschäftsreisende auf ihre Notebooks, außer dem F. gibt es weit und breit kein anderes Kind, und es ist dermaßen leise, dass die Ausführungen des F. wirklich niemand überhören kann. Der F. spricht immer, außer, wenn er schläft oder isst. Zum Glück isst er ziemlich viel.

Weil der Service auf sich warten lässt, lässt der F. das ganze Abteil an seinen Überlegungen über die Evolution teilhaben. Wir waren letzten Sonntag im Naturkundemuseum, der F. steckt randvoll mit brandneuem Wissen, und sollte jemand der anwesenden Anzugmänner noch nichts über invasive Arten in Australien oder die Ringe des Saturn gewusst haben, so ist das seit Mittwoch Abend jedenfalls radikal anders.

Nach und nach und so kurz vor Wolfsburg wird der F. allerdings immer zappeliger. Es kann nicht sein, dass rund um ihn herum Biere angeschleppt werden und Sandwiches verteilt. Der F. schaut immer dringlicher die Kellnerin an, vor lauter Sehnsucht materialisieren sich schon Butterbrezeln in der trockenen Luft, aber dann kommt sein Essen doch. Eine Pappbox in Form eines Bahnhofs. Ein Teller Nudeln. Ein Tütchen Kompott, eine halbe Packung Kinderschokolade, eine Apfelschorle, Minibrezeln, Puffreis mit Schokolade, ein Malbuch und ein Plastikzug, und bis Hannover kaut der F. mit einer Begeisterung, um die ihn jeder, ausnahmslos jeder der Anzugmänner im Abteil dermaßen heftig beneidet, dass kleine, grüne Wölkchen aus Missgunst durch die schale Luft wabern, um über des F. Kopf lautlos zu zerplatzen.

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