In der Küche

Vier bin ich oder fünf, sitze unterm Tisch, denn da störe ich nicht, und schaue auf die leberwurstbraun bestrumpften Beine meiner Großmutter unter der wehenden Schürze, die durch die Küche hin und her läuft und immer hurtig, nie hektisch Tag für Tag drei Gänge auf den Tisch bringt. Meine Großmutter wirft nie etwas weg, kauft so wenig wie möglich, deswegen stammt so gut wie alles Gemüse aus dem Garten, den sie liebt und pflegt, und in den ich gern geschickt werde, um aus dem Weg zu sein zum einen, und zum anderen, um in einer weißen Schüssel aus Emaille mit blauem Rand Bohnen, Erdbeeren, Gurken oder eine Handvoll Dill zu holen. Riesengroß wuchern die Bohnenranken mir weit über den Kopf.

Meine Großmutter plant das Essen jeder Woche in einem schwarzen, linierten Buch mit roten Ecken, um ganz und gar sicherzustellen, dass nicht auf einmal der Rindsbraten vom Sonntag verdirbt, weil es weder Montag noch Dienstag Gröstl oder einen Ungarischen Salat mit Paprika und Tomatenmark und harten Eiern gibt. Sie ist die Königin der Resteverwertung: Gibt es am Montag Pfannkuchen mit Marmelade, tauchen am Mittwoch einzelne Pfannkuchen gefüllt mit süßem Quark und mit Eischnee überbacken als Nachtisch auf. Oder in Streifen geschnitten in einer Hühnerbouillon, die wiederum, da kann man sicher sein, von einem Hühnerfrikassee übrig geblieben ist. Am Ende jeder Woche steht, wie bei einer guten Mathematikaufgabe, jeweils eine glatte null.

Fünf bin ich oder sechs, sitze mit einem Messer am Garten, grau schraffierte Wachstuchdecke auf dem Tisch, und schäle Kartoffeln, Möhren, aber nicht zu dick, reibe Sellerie oder schneide einen Schinkenrest in ganz gleich große, rosafarbene Würfel für einen Salat. Seit kurzem gibt es eine Moulinette, seitdem gibt es noch mehr Gemüsesalate und Puffer, die bei uns mit dicker, saurer Sahne serviert werden, sehr gern mit Räucherfisch oder Matjes. Dazu gibt es grünen Salat, Gurken- oder Bohnensalat, je nach Jahreszeit. Einmal die Woche gibt es Fisch, zweimal Fleisch und je einmal Eintopf, etwas mit Nudeln oder Reis und süß.

Niemals sehe ich meine Großmutter etwas wiegen oder mit einem Litermaß messen. Vor ihr steht beim Kochen immer eine kleine Tasse, in der Tasse ein kleiner und ein großer Löffel, damit misst sie eigentlich alles: Auf drei Tassen Bouillon braucht es einen großen Löffel Mehl und einen mit Butter für die Bindung und eine halbe Tasse Sahne. Für einen einfachen Kuchen braucht es vier Eier, drei Tassen Mehl, zwei Zucker und eine Tasse flüssige Butter, einen kleinen Löffel Vanillezucker, selbst gemacht, und einen weiteren kleinen Löffel Backpulver. Wer Apfelkompott kochen will, braucht für jeden Apfel einen kleinen Löffel Zucker und auf vier Äpfel einen halben Löffel Anis. Dasselbe gilt für Zeiten: So gut wie nie stellt die Großmutter die Eieruhr. Fleisch wird mit dem Daumen geprüft, in Gemüse kurz angeschnitten, und mancher Fisch wird von jeder Seite so lange angebraten, wie ein Ave Maria dauert, das die Großmutter natürlich nicht aufsagen muss, weil sie in den Zehenspitzen hat, wann ein Fisch durch ist.

Sechs oder sieben bin ich und meine Großmutter beginnt, laut in meine Richtung zu zählen und mich wiederholen zu lassen, was sie tut. Sie hat hunderte von Rezepten im Kopf, scheint es mir, und ich bewundere meine Großmutter für diese Gedächtnisleistung, die mir ebenso artistisch erscheint wie die des Großvaters, der Zahlen, Daten und Gedichte in seinem Kopf hortet und ab und zu abfragt. Ich habe ein gutes Gedächtnis, ich fürchte seine Fragen nicht, die Schwesterchen die sonntäglichen Mahlzeiten verleiden. Vor meiner gütigen Großmutter fürchtet sich keiner.

Kauft meine Großmutter ein, gehe ich an ihrer Hand und trage ein buntes Netz wie sie, nur kleiner. Meine Großmutter spricht mit allen Händlern, erkundigt sich nach nach kranken Beinen, Ärger mit der Versicherung, der Versetzung der Kinder, und bestellt immer ganz genau das, was auf ihrem Einkaufszettel steht. Ab und zu erklärt sie mir, warum sie diese Linsen kauft und nicht jene, was Mehl von Mehl unterscheidet, wozu man Süßrahm braucht und wozu sauren, wann es sich nicht lohnt, die teuren Pfirsiche zu nehmen, und welches Suppenfleisch man auch noch essen kann und wie, und wie lange Speisen halten, roh oder gekocht. Wie man den Tisch deckt, lerne ich, und wie man Servietten faltet. Wo man Würdenträger hinsetzt, was man wem zu essen gibt, und welche Speisen für Kranke, für Männer, für Wöchnerinnen oder für Kinder am besten sind, und wie man ein festliches Essen am besten plant, wenn man niemanden zur Hilfe hat, was, wie meine Großmutter hinzufügt, gebe Gott niemals eintreten möge, solange ich lebe.

Von allem, was meine Großmutter mir gewünscht hat, ist kaum etwas eingetreten. Ich führe kein großes Haus, das sie mir prophezeit hat. Mein Mann ist kein Botschafter und kein Bankier. Ich habe kein, wie man so sagt, festes Mädchen, und ich vermisse auch nichts davon, aber manchmal, wenn ich in der Küche stehe, um schnell ein paar Nudeln zu kochen oder Currypaste in Kokosmilch rühre, dann tut es mir doch leid um die Großmutterküche, die Großmuterrezepte und die ganze Großmutterwelt, in der ich doch auch nicht glücklich geworden wäre.

Aber wer weiß.

27 Gedanken zu „In der Küche

  1. Fein und scharf beobachtet: Es ist der Platz im Leben und das damit verbundene Lebensgefühl, nach dem wir uns zurücksehnen, nicht nach dem vergangenen Leben selbst.
    (Und mein Platz wäre eh wahrscheinlicher der des festen Mädchens gewesen, nach dem sich niemand zurück sehnt.)

  2. tja, ich habe mir von meiner Großmutter nur gemerkt, wie man eine Gans macht – war gestern wieder aktuell – und wie man Fleisch pariert. Aber ich erinnere mich auch, dass sie eine ausgezeichnete Köchin war.

  3. Eine ausgezeichnete Köchin und eine unerreichte Bäckerin. Die Essen, Kuchen, Torten meiner Kindheit sind dahin. Für immer verloren. Nirgendwo mehr zu finden. Ich vermisse die Großmutterwelt schon.

      1. Meine war, glaube ich, glücklich, als ich sie kannte. Ihr Mann, mit dem sie nicht besonders kompatibel war, starb früh, aber das hat sie nicht in ihren Grundefesten erschüttert. Danach lebte sie mit der Familie ihrer Tochter, meiner Mutter. Meine Mutter und sie waren ein Dream team, und wahrscheinlich waren die zwei mehr Lebensmenschen füreinander, als sie es für ihre Partner waren. Sie liebte die Schneiderei, den Garten und die Berge, und obwohl sie mit meiner Mutter gemeinsam den Haushalt und uns Kinder „schupfte“, hatte sie immer die Zeit für die Schneiderei, den Garten und Berge, die sie sich nehmen wollte. Sie war eine unersetzliche Person im Familiengeflecht, nicht irgendwo isoliert in einer kleinen Single-Pensionisten-Wohnung und war, denke ich, doch recht glücklich mit sich, uns und ihrer Situation. Große berufliche Ambitionen hatte sie nicht haben können (da kamen soziale Herkunft und Krieg dazwischen), aber das, was sie eigentlich werden wollte (Schneiderin), konnte sie auch so ausleben. Die Jobs, die sie im Berufsleben ausgeübt hatte, waren anstrengende manuelle Tätigkeiten gewesen, ich denke, sie ging nicht ungern in Pension. Anstrengend war das Ganze gelegentlich für meine Mutter, oft für meinen Vater. Aber für uns Kinder wunderbar.
        So, wie sie kochte, koche ich heute gar nicht mehr – aber ich habe ihre Rezepte auch nie vergessen. Requiescat in pace.

        1. Sie war ein wunderbarer Mensch, ich habe sie sehr geliebt und meine Tochter nach ihr benannt.
          Das Alter, dass uns unsere geliebten Menschen und ihnen ihre Persönlichkeit nehmen kann, ist im Übrigen ein Arschloch.

  4. Ich saß als Kind auch gerne in der Küche meiner Oma, danke für diese Erinnerung. Viele der angesprochenen Fertigkeiten hat auch sie beherrscht – selbstverständlich in den Zeiten zwischen den beiden Kriegen und danach. Aber eine überzeugte Hausfrau war sie nie. Sie besaß mit ihrem Realschulabschluss die bessere Ausbildung als mein Opa, und ich glaube, in einem Beruf wäre sie vielleicht glücklicher geworden, als für ihre vier Kinder zuhause zu bleiben.

    Dass so eine Welt und Lebensweise binnen zwei Generationen verschwindet, finde ich kaum fassbar, auch wenn ich sie nicht mehr geschenkt haben wollte. Und dann auch wieder komisch, wie man die Tugenden der Zeit wie z. B. Selbstanbau und völlige Verwertung von Lebensmitteln jetzt wiederentdeckt und verhashtaggt, als hätte man sie gerade erfunden.

    1. Die Hausfrau ist ja nur deshalb momentan obsolet, weil ihren Job andere erledigen – die Lebensmittelindustrie, unterbezahlte Care-Kräfte. In dem Moment, in dem das Kartenhaus zusammenstürzt, wird auch die Hausfrau wieder gefragt sein, und schnell kann’s gehen.
      Ich erinnere mich gelegentlich an die Memoiren von Bürgerfrauen aus den 30ern und 40ern, die 1938 noch hochzivilisierte Existenzen führten und dann 1945 die herabgefallenen Kohlen von den Güterbahnhöfen klauten, um sich und die Familie durchzubringen. Die hätten sich nicht träumen lassen, dass man auf so ein elementares, primitives Level zurückfallen kann. Man kann, und die Fallhöhe ist schmerzhaft.

  5. „Da haben wir uns vielleicht zugerichtet.“

    Diese Erinnerung trifft mich direkt ins Herz. Nun ist das Herz bei unsereinem ein finsteres Loch. Also gut, der Kopf.
    Sie beschreiben eine Person mit Liebe zur Sache, Kenntnissen und Autonomie. Kauft nur wenn nötig, wirft nichts weg. Beschäftigt sich mit elementaren lebensnahen Aufgaben. Schwer zu manipulieren. Nicht die ideale Person, um sie mit dem Begriff „Karriere“ in unterschiedlich dekorierte und illuminierte Hamsterräder, sowie überfüllte Straßen und Flughäfen hineinzumanipulieren.
    Ich krieche jetzt wieder unter meinen Stein und werden nachdenken über „Cui bono“ und Verschwörungstheorien.

    1. Ich weiß nicht, ob man ausgerechnet diese Generation als „schwer manipulierbar“ anführen sollte. Sie war es nicht, aber doch viele andere. Das war nicht immer ein schönes und selten ein leichtes Leben

        1. Solange wir es hinbekommen, anders als der Jahrgang 1912 nicht ganz Europa in Schutt und Asche zu legen, sollte das Urteil nicht allzu hart ausfallen, hoffe ich

    2. Ich sehe das Karrieregedöns, das man so liest und hört, sehr kritisch, aber es spricht alles dagegen, diese Hausfrauenexistenzen zu romantisieren oder glorifizieren. Das war schwere Arbeit, die meisten schrammten gerade so an schweren finanziellen Nöten vorbei (ich erinnere mich an die Berichte aus dem Berlin der 20er Jahre, wo die Hausfrauen den Kindern Milchhaut aufs Pausenbrot gaben.), finanzielle Absicherung gleich Null. Und dem Partner waren sie mehr oder weniger ausgeliefert.

  6. Ein wunderbarer Text.

    Auch ich erinnere mich an die Stunden mit meiner Großmutter in der Küche und an den Garten, den man direkt von dort betreten konnte, um Stachelbeern für den Nachtisch zu pflücken. Schön war das und ein leichter Gelbfilter liegt auf den Bildern aus dieser Zeit, die so unfassbar weit weg erscheint.

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