Tagebloggen (17.10.18)

Ich habe noch nie ein Hammerklavier live gesehen, und das ist natürlich der beste Grund, sich eins anzuschauen. Außerdem mag ich den neuen Boulez-Saal. Andreas Staier spielt.

Eigentlich, denke ich und lasse die Blicke schweifen, gibt es kaum etwas Intimeres als Leute beim Musikhören. Die leicht geöffneten, gelösten Unterkiefer. Hände, die sich im Takt der Musik ganz leicht bewegen, unwillkürlich, über dunkelblauen Anzughosenbeinen. Ganz gestreckte Nacken. Diejenigen, die bei Musik ganz schlaff werden, und die, die sich straffen vor Feierlichkeit und Erwartung.

Zu sehen gibt es ansonsten nicht viel. Man wird eines Tages nicht mehr verstehen, warum wir alle uns nicht mehr schmücken. Das ganze Grau und Blau, Sie wissen schon. Und warum dieser sparsame Schmuck. Und warum diese innere wie äußere Fasson, warum nicht ein gleißendes, glühendes Zerfließen, so ein Funkenregen, wenn wir doch könnten, und statt dessen: Nur das. Musik.

 

5 Gedanken zu „Tagebloggen (17.10.18)

  1. Kein Feuerwerk, kein Funkenregen, stattdessen Beherschtsein und Angepasstheit – warum das so ist? Nun, Sie haben es in Ihren Texten schon selbst beantwortet. Wer als Kind zum Lachen vor die Tür und mit dem Sakko in die Oper geht, wächst wahrscheinlich nicht zu einer schillernden, extrovertierten Persönlichkeit heran. Und nein, das ist überhaupt kein Angriff, sondern nur eine Feststellung. Der Mensch und seine Konventionen. Und ja, das ist schade.

  2. Gehen Sie zum Sehen oder Hören ins Konzert?

    In letzterem werden Nachbauten selten gespielt.

    Originale sind öfter in Museen zu sehen. Selten aber manchmal werden sie da auch gespielt. Haben Sie da mal geschaut?

  3. Ich will mich nur bedanken für die sehr vielen interessanten Artikel, ich genieße sehr, wenn ich einen solchen Blog lesen kann, wo es auch über persönliche Themen gesprochen wird 🙂

    Heni

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