Immer Abschied

Die reine Wahrheit ist leider, dass er mir jetzt schon fehlt, der kleine Kerl, das tapsige Baby mit den speckigen, kurzen Beinen und dem struppigen Schopf. Das lallende Lachen, das Glucksen, die ausgestreckten Arme und wie er im Dämmerlicht in seinem Bett lag, mit seinen Füßen in der Hand, weich und rund und sehr, sehr warm.

***

Seit ein paar Wochen nimmt er auf der Straße nicht mehr meine Hand. Er ist zutraulich, noch, er erzählt seinen ganzen Ärger, seine Freude, mit wem er gespielt und was er gegessen hat, worauf er stolz ist und seinen ganzen, kleinen Kummer, aber er geht nicht mehr direkt neben mir, ein großer Schatten auf der Straße, sondern ein, zwei Schritte neben mir, 30 Zentimeter Kluft. Ein heller Streifen zwischen unseren Schatten, der wachsen wird, zu Metern werden wird, einige Kilometer umspannen, wenn er die Schule wechselt in eine paar Jahren, sich verbreitern wird irgendwann zu Bahnfahrten, Flügen, ein Korridor aus Leere zwischen Berlin und München, Palo Alto, Heidelberg, Paris, ach, was weiß ich schon, aber ich fürchte ihn schon, diesen Andreasgraben, der sich langsam öffnet, während er Tag für Tag wegwächst von mir.

4 Gedanken zu „Immer Abschied

  1. Und es wird Brücken geben über den Graben, kleine Treffen in München und Malta, oder wie nächsten Donnerstag, auf dem Weihnachtsmarkt in Bonn.
    Und ich freue mich wie verrückt drauf und sollte das Kind dann, wie beim letzten Mal, verspätet erscheinen und es blass ist und einsilbig, frage ich mich wieder, ob der Termin auch nur eine weitere Belastung ist, die abgearbeitet werden muss… selfish me.

  2. So schön und treffend beschrieben, vielen Dank dafür.

    Aber so ist nun mal – was wäre denn die Alternative: ein ewig klammerndes Muttersöhnchen? Ohne Glaube an die eigene Kraft und die Zuversicht, alles schaffen zu können?
    Ich erlebe diesen Prozess nun schon zum zweiten Mal – diesmal aus einiger Entfernung als Oma – und es ist schon alles gut so, wie es ist. Wenn wir Ihnen Wurzeln gegeben haben, kommen sie auch immer wieder gerne „nach Hause“.

  3. Das Geheimnis der Verbundenheit besteht darin, ihn von Anfang an so frei wie möglich los zu lassen, dann kann es so kommen, dass er 30 Jahre später um die Ecke wohnt und Sie zu seiner Geburtstagsparty einlädt. Dabei riskiert man natürlich auch, dass er später nach Kalifornien oder Australien auswandern will.

    Und noch was: der Papa wird immer wichtiger, auch falls Sport ins Spiel kommen sollte (Windsurfen? Eishockey? Kung Fu?)

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