Nicht mehr

Vielleicht ist das das Alter: Das es rundrum nicht mehr aufwärts geht. Dass man über Leute, die man gut oder nicht so gut kennt, kaum mehr frappierende Erfolgsgeschichten hört, die man ihnen so nie zugetraut hätte. Dass niemand einem auf der Friedrichstraße an den Hals springt und ruft, wie verliebt er sei, und wenn man ausgehen könnte, macht man sich nicht mehr schön und friert in der Schlange vorm Eingang, sondern sitzt einfach so bei einem Bier in einer Bar und spricht über Wohnungsbaupolitik oder Schulessen in Berlin, und niemand, wirklich niemand schaut einen noch an, als sei man gemacht aus Sahne und Federn und Morgenhimmel und Tüll.

Vielleicht ist das auch das Alter: Dass es jedem noch gut geht,  und die Männer sich ihre Fahrradtouren zeigen und die Frauen ihre Handtaschen so herausfordernd schwenken, als trügen sie die Schlüssel der Stadt mit sich herum. Über die Straßen zu laufen, den Kopf erhoben, vom Wind gesegnet und vom Alter noch nicht zerzaust. Nicht mehr sehnsüchtig zu warten, weil Vieles angekommen ist und der Rest vergessen, für nichtig erklärt, stehen gelassen und selbst in den Nächten, bei Vollmond, im Regen, im Nebel: Rein gar nicht mehr da.

5 Gedanken zu „Nicht mehr

  1. Ach Gott, ja, es sind die 15-20 Jahre, die man mindestens durchhalten muss, bis die Kinder groß sind. Wo es darauf ankommt, die Stabilität aufrecht zu halten, genug Kohle ranzuschaffen, weiter zu machen. Wo keine besonders spannenden Dinge mehr im Alltag passieren und man bestenfalls zufrieden ist.
    Das ist aber noch nicht das wirkliche „Alter“, das beginnt erst danach, so ab ca. 60. Da kann es dann noch einmal aufregender und abwechslungsreicher zugehen – wenn man das Glück hat gesund zu bleiben.

    Durchhalten – weitermachen!

    1. Ach, es ist ja alles in Ordnung. Es ist halt nur die Abwesenheit plötzlicher Ereignisse, die Überraschungen werden weniger: Eine Serie würde man als langweilig empfinden und sich ordentlich wünschen, der Drehbuchautor ließe sich noch etwas Amüsantes einfallen

  2. Besuchen Sie das Rheinland, liebe Modeste, denn vielleicht liegt es an Berlin, dass Sie dort meinen, nicht mehr angesehen zu werden, als seien Sie „gemacht aus Sahne und Federn und Morgenhimmel und Tüll“. Was für eine fabelhafte Formulierung – zum Aufsticken schön. Danke dafür!

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