Kleines Mädchen

„Was hast du in der Tüte?“, fragt mich das kleine Mädchen auf dem Bahnsteig, vielleicht fünf Jahre alt, und hofft vielleicht auf Schokolade oder etwas sehr Aufregendes wie den Krönungsmantel einer Prinzessin, deren Gouvernante ich bin, aber leider ist sie entführt worden, und bis sie wieder da ist, hebe ich den Mantel für sie auf.

Tatsächlich ist leider nur Haarseife in der Tüte. Und Strumpfhosen und eine runde Packung von diesen, na, wie heissen sie noch, Zupftaschentüchern, also denen, die man so nach und nach aus einer kleinen ovalen Box zieht, und ein Deostift von balea, das sind die dm-Deostifte für 89 Cent. Für das kleine Mädchen interessant sind höchstens die Pfefferminzbonbons, aber vermutlich nicht einmal die, denn mein kleiner Junge isst Pfefferminzbonbons erst seit dem diesem Jahr, vorher waren sie ihm zu scharf, und als er fünf war, hätte er sie sofort ausgespuckt.

Nichts, sage ich deswegen und öffne meine Tasche weit, damit sie hineinschauen kann. „Oh!“, ruft sie und zeigt auf einen kleinen Kamm, zehn Zentimeter lang mit einem Werbeaufdruck und eine Mini-Weihnachtsbaumkugel von unserem Adventskranz, die heute morgen aus unerklärlichen Gründen vorm Empfangstresen des Büros lag.

„Ich mach dir einen Zopf.“, biete ich der Kleinen an, teile ihre langen Haare mit dem Kamm, flechte, ziehe ein Haargummi aus meiner Tasche und binde die Haare hoch und schlinge den Weihnachtsbaumkugeldraht einmal über den kleinen, dünnen, seidigen Knoten. Sie hat starke, schwarze Haare.

„Schön siehst du aus!“, sage ich, als die S 9 endlich kommt. Sie freut sich, nimmt den entgegen gehaltenen Kamm, bedankt sich und winkt mir noch einmal, und dann läuft sie zu ihrer Mutter, die auf dem Treppenabsatz auf einer Decke sitzt und bettelt, und dreht sich nicht mehr um.

Mach es gut, kleines Mädchen, denke ich. Und wenn Sie an der Warschauer Straße vorbeikommen: Seien Sie nett zu ihr.

3 Gedanken zu „Kleines Mädchen

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