Alle Beiträge von Modeste

Ausgetrickst

Man braucht nicht verheiratet zu sein, um eine Schwiegermutter zu haben. Meine ruft gestern an, es ist 17.30 Uhr, und ich liege auf dem Sofa und amüsiere mich mit einer Tasse Tee über Marina Lewyckas A Short History of Tractors in Ukrainian.

Wenn das Telephon klingelt, nimmt der J. so gut wie nie an, weil er keine Lust hat, aufzustehen. Ich dagegen wuchte mich vom Sofa, wühle in der Wohnung nach dem Fernsprechgerät und belle irgendwann „Modeste!“ in den Hörer. – „Ja? Modeste?“, flötet die Mutter der J. zurück. „Es ist deine Mutter!“, rufe ich dem J. zu, der aber einfach nur nickt und keine Anstalten macht, nach dem Telephon zu greifen. Nach dem letzten komplett misslungenen Besuch reicht es vermutlich auch ihm, denn es gibt kaum etwas Anstrengenderes als den Autofetisch des Vaters vom J. und die schrill-verzweifelten Versuche seiner Mutter, die etwas unterkühlte Stimmung während der Besuche durch demonstrative Fröhlichkeit zu verdecken, wenn nicht gar zu beseitigen. Die Versuche misslingen regelmäßig und machen jeweils alles eigentlich noch viel schlimmer.

„Habt ihr denn auch schon einen Baum?“, leitet die Mutter des J. das Gespräch auf das bevorstehende Fest. Ich verneine. Der J. soll den Baum kaufen, ich kümmere mich um das Essen, die Dekoration und die Koordination mit den Freunden, mit denen gefeiert werden soll, und wälze unendlich viele Kochbücher auf der Suche nach Vor- und Zwischengängen, Desserts und befrage das Internet und spezialisierte Händler wegen passender Weine. Nur das Hauptgericht steht fest: Es gibt eine Ente mit Maronen, Knödel und Rotkohl dazu.

„Das klingt ja schön.“, jubelt die Mutter, deren Harmoniebedürfnis es verbietet, irgendetwas auf Erden nicht als optimal einzuordnen. Auch Fondue am Heiligabend sei gut, denn das sei ja überhaupt das Beste.

Was denn meine Eltern machen, werde ich weiter befragt, und antworte wahrheitsgemäß, diese feierten auch dieses Jahr am Strand. Es solle, wie ich per E-Mail erfahren habe, ein Elefantenfest geben mit einem festlichen Diner. Meine Eltern feiern seit Jahren außer Landes und bleiben dieses Jahr gleich mehrere Monate da. „Ach schön!“, kommentiert die Mutter des J., die selbst niemals im Ausland überwintern würde, und setzt zum Sprung an.

„Wann sollen wir denn kommen?“, werde ich also gefragt. „Am 26. oder am 27.?“, setzt man mir die Pistole auf die Brust. Ich schnaufe. Mein Familiensinn erstreckt sich höchstens auf meine eigene Familie. Ich brauche außerdem gerade dringend Urlaub, und es gibt kaum etwas, was dem Erholungseffekt so zuwiderläuft wie der angekündigte Besuch.

„Wir machen auch alles so, wie ihr es sagt!“, drängt die Mutter des J. weiter. Wir sollen das Programm aussuchen und das aufzusuchende Lokal. Keinesfalls würden sie lange bleiben, wird mir versichert, und die Mutter tut mir ein bißchen leid. Es kann nicht schön sein, so betteln zu müssen, wenn man seinen einzigen Sohn Weihnachten besuchen will.

„Soll deine Mama Samstag oder Sonntag kommen?“, frage ich daher den J., statt einfach zu behaupten, wir seien total verplant und hätten keine Zeit. Ich ärgere mich im selben Moment. „Dann Sonntag.“, grunzt der J. und sieht auch etwas angestrengt aus.

„Ach schön!“, zwitschert die Mutter nun deutlich entspannter. Sie habe auch schon Geschenke gekauft, und ich schiebe die Frage vorerst weg, wo ich weitere Handtücher und Bettwäsche unterbringen soll, die ich seit Jahren in einer Art Festtagsabonnement beziehe. Die letzten liegen noch unausgepackt unter dem Bett, aber das sage ich nicht.

So egal wie einfach alles.

Caravaggio, Staatsoper am 19.12.2009

Malakhov tanzt, aber das geht mich nichts an. Nicht gerade gelangweilt, aber allerhöchstens halbwegs interessiert statt mitgerissen sitze ich im ersten Rang und schaue dem Ensemble der Staatsoper zu, wie sie in einer Choreographie eines (mir unbekannten, aber der Rest der Welt scheint ihn zu kennen) Mauro Bigonzetti das Leben Michelangelo Caravaggios glatt und hübsch und leidenschaftslos heruntertanzt. Es sieht ganz nett aus: Recht gekonnt, soweit ich das beurteilen kann, und komplett asexuell.

Irgendwann nach der Pause fallen mir sogar kurz die Augen zu. Ich kann nicht einmal sagen, dass mir die Tänzer gefallen. Nun gut, ich verstehe nichts davon, aber keinem der sichtbar gut trainierten Menschen auf der Bühne nehme ich die Leidenschaft ab, die das Sujet verlang: Lebensgier und Brutalität, Radikalität, Lust am Vulgären, am betäubenden Übermaß. Hingabe und Hingegebensein, Schweiß, Sp*rma und Blut und die grellen Kontraste, die außerordentliche Berührbarkeit dieses fleischlichsten Malers des italienischen Barock: Man sieht nichts davon.

Kunstvoll verdrehen sich die Solisten um- und nebeneinander, führen vor, was sie können, und das ist nicht wenig, und obwohl sie kaum etwas anhaben, wirken sie so geschlossen wie dunkle, blinde Schaufenster in einer verwaisten Fußgängerzone am Sonntag. Dazu fiedelt ein wenig Monteverdi.

Ich gähne. Neben mir wippt ein junger Mann ungeduldig mit dem Fuß und schaut ab und zu auf die Uhr. Möglichst lautlos ziehe ich meine Lederschärpe wieder fest und schlage die Beine andersherum übereinander, um halbwegs bequem zu sitzen, und sehe mir die älteren Damen in der Reihe vor mir an, die sorgfältig onduliert gebannt auf die Bühne starren, und denen der Abend sichtlich gefällt, weil sie vielleicht von Fleisch und Blut und Leben nicht mehr erwarten als das.

Der Dunst von Indochina

Diese Ungeheuerlichkeit, ein Land nicht einfach zu kaufen, sondern sich zu nehmen, gleichsam aufzuessen und als eigenes Fleisch am eigenen Körper zu tragen. Kleine Beamte aus der Provinz zu Herrschern zu machen, und mit ihnen Frauen zu senden, mit den Frauen Kinder, mit den Kindern Lehrer und all das, was man vermisst, wenn man am Ende der Welt in einem viel zu großen Haus ein viel zu fremdes Land regiert.

Das Land aber lässt sich nicht verdauen, und so wird Indochina nicht ein fernes, wärmeres Frankreich, sondern etwas ganz, ganz anderes, und im Dunst über dem Mekong, in den geschäftigen, schmutzigen Straßen Saigons entsteht eine eigene, unendlich flirrende Welt, über die man uns Schlechtes erzählt, und die wir uns doch schön vorstellen, träge und elegant: Staubige Straßen, Reisfelder, Bambus, Seide und lächelnde Diener. Die Schmerzen sehen wir nicht.

Die Liebe aber bleibt sichtbar. Vielleicht gerade, weil es eine kühle, ihrer selbst kaum bewusste Liebe ist, die die alte Marguerite Duras beschreibt, denn sie, die fünfzehnjährige Tochter der verwitweten Schulleiterin von Sadec ist keine Romantikerin, und was sie mit dem viel älteren, reichen Chinesen verbindet, ist mit S*x zwar nur ungenügend beschrieben, aber Liebe, Liebe in des Wortes reiner Bedeutung ist es nicht. Ein reines Utilitätsverhältnis aber mag man die Liaison auch wiederum nicht nennen, denn mehr als Geld und Lust und Hunger nach dem, was man so Leben nennt mit 15, liegt in der warmen, feuchten Luft dieses Romans, der 1984 erschienen ist, aber in den späten Dreißigern spielt, als die Herrschaft Frankreichs über diesen Teil der Welt schon müde geworden ist, und die Risse im Gebälk tief und sichtbar.

Dass es der Duras gelingt, eine Liebesgeschichte zu schreiben, deren männlicher Protagonist nicht begehrenswert erscheint, ein kraftloser, nicht einmal schöner Sohn, ist eine Kunst und zwar keine geringe. Ganz allein um das Mädchen kreist die Erzählung, die wie zum Hohn „Der Liebhaber“ heißt, als ginge es nicht allein um die Seele des Mädchens, die sich seiner schwächlichen Liebe nicht ergibt: Wie ein Baum einen prächtigen Parasiten tragen kann, eine blühende, tödliche Orchidee, die schillert und wuchert und ihm den Lebenssaft nimmt, so trägt der chinesische Bankierssohn die Liebe und das Begehren des Mädchens auf seinem schmächtigen Körper, und bisweilen erinnert – bei allen Wüsten der literarischen Distanz – dieser Bericht über Leidenschaft und Kälte der eigene Seele an Stendhal, und wie bei jenem liegt unter der gläsernen Klarheit des Wissens um die Regungen des eigenen Ich eine zweite, feine, silbrige Membran, in der sich eine zweite, schwärzere Geschichte spiegelt, die die Duras nicht aufschreibt, und die sich doch erzählt.

Der Stil freilich hält auch mit geringeren Konkurrenten nicht Schritt. Assoziativ malt die Duras Pinselstriche, Tuschezeichen, ein paar Sätze lang und bisweilen rankend ins Entlegene. Ein längeres Buch hätte an diesem Makel gelitten, doch wenn der Chinese lange Jahre später am Telephon über seine Liebe spricht, sind noch keine 200 spärlich bedruckte Seiten vorbei, und wir verlassen Madame Duras mit dem verlegenen Lächeln der Ertappten, auch wenn wir kaum wissen, warum.

Marguerite Duras
Der Liebhaber
1984

Etwas schief (12.12.2009)

Es ist anstrengend. Ich lächele, ich trinke Wein, ich versuche, möglichst den richtigen Ton zu treffen, nicht zu ernsthaft, aber auch nicht zu leger, und meistens schweige ich einfach, weil das – das habe ich gelernt – meistens richtig ist und selten falsch.

Um mich herum bricht so eine Art demonstrative Partyekstase aus, es wird getanzt, und auf der Tanzfläche kann man ziemlich gut sehen, wer seine Jugend auf den Raves der Neunziger verbracht hat, wer in den Clubs mit den krachenden Gitarren, und wer auf den Verbindungsbällen einmal mächtig viel Spaß gehabt haben muss.

Es wird gar nicht wenig paargetanzt. Zumindest die Einfachversion des Paartanzes, die ich als Knotentanz kenne, aber nicht genau weiß, ob er wirklich so heißt, kann hier fast jeder, oder zumindest die Hälfte oder so, und nach und nach werden die Frauen auf die Tanzfläche geholt. Mich aber holt keiner und für ein paar Minuten bin ich wieder 13, mit dicker Brille, einem lächerlichen Eigensinn und etwas skurrilen Neigungen, die keiner teilt. Irgendwo zwischen Schlüsselbein und Magen regt sich ein alter Trotz, den ich meistens verlache, weil es nichts bringt, etwas sein zu wollen, was man nicht ist: Ich sehe an guten Tagen ganz ordentlich aus, aber attraktiv, attraktiv bin ich nicht.

Irgendwann später fahre ich heim. Es ist kalt auf der Frankfurter Allee. Der Winterhimmel liegt wie ein schwarzer Stein auf der Stadt, und ich trete schneller in die Pedale, um endlich zu Hause zu sein.

Ich bin etwas schief in die Welt gestellt
, fällt mir ein Zitat ein, das vielleicht ein bißchen anders lautet, und dann gehe ich zu Bett. Der J. ist in Franken, ich bin allein, und nur die Katzen drängen sich zu mir, wie sie sich zu jedem drängen würden, der Katzenfutter austeilen kann und Katzen streichelt.

Geschenk (10.12.2009)

Männer und Frauen, so sagen aufgeklärte Leute, sind eigentlich ziemlich ähnliche Wesen, und meistens ist das wahr. Fähigkeiten und Unfähigkeiten verteilen sich recht gleichmäßig auf die Geschlechter, und dass die Damen von diesen weniger profitieren, nun, dies fällt ganz eindeutig in die Kategorie der veritablen Schweinerei. Aber nicht hiervon wollen wir reden, denn heute soll einmal nicht von den Punkten die Rede sein, in denen wir uns gleichen, nein, die Punkte, die uns trennen, seien thematisiert, denn mit rasender Geschwindigkeit, um nicht zu sagen: Viel zu schnell für jemanden, der noch kein einziges Geschenk gekauft und nicht einmal einen ordentlichen Weihnachtsablaufplan hat, nähert sich das Fest und will gefeiert sein.

Einen Baum werde ich also auch dieses Jahr erwerben. Eine Ente wird gebraten, gefüllt mir Maronen und Schalotten und Pilzen und Brot, Rotkohl und Knödel gibt es wie jedes Jahr, und vielleicht finde ich sogar die Strohsterne wieder und die roten Kugeln. Ich stecke Bienenwachskerzen, die riechen am besten.

Neben dem Baum sitzen dann also Heiligabend zumindest der J. und ich. Vielleicht kommt Besuch. Jeder von uns hat ein Glas Champagner in der Hand, der J. hat einen Anzug an, und ich mein neues lila Kleid von parapluie. Vermutlich läuft Musik.

Wahrscheinlich sind wir beide ein bißchen zu satt. Überall steht Gebäck herum, Plätzchen vielleicht oder Quarkstollen mit Butter, und während bei den Nachbarn mit den kleinen Kindern der Weihnachtsmann selbst erscheint, überreichen wir uns einfach so kleine Geschenke. In dem Päckchen für mich ist vielleicht Schmuck. Oder eine neue Tasche. Oder eine der verlockenden Duftkerzen von Annick Goutal aus dem Lafayette, die ich sehr gern hätte, auch wenn ich zu geizig bin für eine Kerze für 80 Euro. Vielleicht ein orangefarbener, zentnerschwerer Bräter von Le Creuset, den hätte ich auch gern. Oder ein wunderschönes Seidentuch, vielleicht so eins mit Pferdeköpfen und goldenen Ketten.

Was aber in dem Päckchen des J. steckt, weiß keiner, und erst recht nicht ich. Schmuck scheidet für einen Mann eigentlich aus. Anzuziehen hat der J. genug, die Taschen stapeln sich, Koffer hat er auch genug für sehr lange Reisen, und all die Kleinigkeiten, die Frauen Männern zu Weihnachten kaufen, sind entweder zu groß wie ein Billardtisch, zu hässlich wie goldene Krawattennadeln in lustigen Formen, am Empfänger vorbei wie ein Kochkurs oder Skier, oder der J. hat das Erwünschte schon und braucht es nicht zweimal.

„Mein lieber J.“, trete ich also alle paar Tage an den J. heran und frage nach seinen Wünschen. Wunschlos sei er an sich, wirft mir der J. die härteste Nuss des Jahres zum Knacken vor die Füße, und verzweifelter werde ich von Tag zu Tag. Im Internet, stelle ich fest, wirbt man nur für abscheuliche Dinge, Magazine, die sich dem männlichen Leben verschreiben, gehen an der Lebensrealität des geschätzten Gefährten vollends vorbei, und am Ende, ich sehe es kommen, gibt es nichts als ein

Die anderen Nächte (09.12.2009)

Aber die Tram fährt vorbei. Ein paar Jungen heben Bierflaschen hoch wie Pokale gegen die Fenster der rollenden Bahn, ein Mädchen lacht laut, an die Scheibe gelehnt, den Kopf weit im Nacken, und zwei küssen sich so, als ob morgen die Welt zu Ende sei und die Liebe vorbei. Heute aber ist die Nacht noch jung und riecht so elektrisch nach Benzin, nach Parfum und gebrannten Mandeln vom Markt.

Du aber läufst nur heim: Eine dickliche Frau in zu dünnem Mantel, die Hände ganz tief in den Taschen. Dunkel, fürchtest du, wird es sein in deiner Wohnung, und keine Seele wartet auf dich mit blitzenden Kelchen, Gesang und sprühenden Küssen. Niemand flüstert dir lauter hübsche Lügen ins Ohr, niemand lacht und nimmt dich warm in die Arme. Neblig und kalt wird es sein und frieren wirst du bei laufender Heizung, und wenn du heute nacht stirbst, dann stirbst du allein.

Tilly (07.12.2009)

„Sehr okay!“, sage ich, als ich von der Weihnachtsfeier heimkomme, und packe meine Gewinne aus. Pappsatt bin ich und ein wenig angetrunken von einer ungeordneten Melange aus Glühwein, Rotwein, Weißwein und Sekt. Als ich mich aufs Sofa setze, springt mir die Katze auf den Bauch und rollt sich zusammen. Ich bin ein weiches, warmes Kissen.

Was eine Katze eigentlich den ganzen Tag so denkt, frage ich mich und streichele mit der linken Hand der Katze über Rücken und Kopf. Leise erst, dann lauter beginnt Tilly zu schnurren, streckt sich, dehnt sich und dreht mir den breiten, schwarzen Kopf entgegen. „Meine Süße!“, sage ich und wünsche mir, auch bei einem viel, viel größeren, freundlichen Wesen zu wohnen, das mich füttert und liebevoll kratzt.

Nachts würde auch ich auf einem Kissen auf einem alten Sessel schlafen und leise schnarchen. Hätte ich Hunger würde ich maunzen, liefe auffordernd in die Küche und bliebe so lange vor meinem Napf sitzen, bis dieser sich füllt. In der Sonne würde ich liegen, den ganzen Morgen, von Mäusen träumen, die ich nicht jagen müsste, spielen würde ich wie eine Prinzessin sich herablässt zu ihrem Hofstaat, und stolz wäre ich auf mein schönes, glänzendes Fell und meine Augen aus heller, chinesischer Jade.

Italien, Italiener (06.12.2009)

Ganz München ist voller Italiener. Mailand und Rom müssen nahezu entvölkert sein, denn Massen lauthals italienisch parlierender Personen schieben sich die Maximilianstraße entlang, bleiben vor jedem Schaufenster stehen und bevölkeren dann einen der offenbar unzähligen Weihnachtsmärkte der Innenstadt.

Die Weihnachtsmärkte sind recht nett, es gibt zu essen und zu trinken, es riecht gut, und anders als in Berlin gibt es weder Dosenwerfen noch Fahrgeschäfte, denn so radikal säkularisiert, dass Weihnachtsmarkt und Rummelplatz synonym verwendet werden können, ohne etwas Falsches zu sagen, ist man offenbar nur an der Spree.

Dass wir morgen mit ganz vielen Kollegen eine Weihnachts-Trash-Rallye auf dem Weihnachtsmarkt am Alexa feiern, löst bei der Münchenerin M.3 daher auch eher Belustigung aus. Mit unseren Feuerzangenbowlen stehen wir in drangvoller Enge eingeklemmt zwischen lauter Italienerinnen im Pelz, die glühweintrinkend geradezu aggressiv überaus teure Handtaschen schwenken.

Die Kinder, die über den Weihnachtsmarkt geschoben werden, erwerben vermutlich gerade alle eine manifeste Klaustrophobie. Es kann nicht amüsant sein, wenn eine ganz, ganz viele Hosenbeine umzingeln und bedrohlich nahe kommen, und entsprechend brüllt ab und zu eins der Kinder ziemlich laut los.

Vor der Theatinerkirche kaufen Leute Weihnachtsbäume, die anscheinend fürchten, die Bäume könnten in den nächsten Wochen zur Neige gehen. Noch auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich einen Mann unter einem riesenhaften Baum fast zusammenbrechen, den er alle paar Schritte abstellt, um kurz zu verschnaufen.

Als ich im Flughafenbus sitze, höre ich hinter mir wieder Italiener. Ein Mädchen singt ein Weihnachtslied mit einem Rentiergeweih aus Filz auf dem Kopf, und ein Bub, der ihr Freund sein kann oder auch ihr kleiner Bruder, lacht sich schier tot und schlägt sich buchstäblich auf die mageren Schenkel.

Am Terminal 2 verlassen beide den Bus, noch immer lachend.

München (05.12.2009)

10.00 Uhr

Ganz kurz spiele ich mit dem Gedanken, einfach den ganzen Tag in meinem sogenannten Alpenzimmer (einer Art Laura-Ashley-Imitat im Chalet-Stil, überraschend geschmackvoll ausgefallen) im Bett zu bleiben. Wie es die Hotels bewerkstelligen, diese komplette Reinheit raschelnd weißer Bettwäsche zu schaffen, frage ich mich und taste nach meiner Brille, die ich brauche, weil ich sonst auf dem Weg zu meinen Kontaktlinsen verunglücke oder etwas zerstöre.

Weil ich nichts zu lesen habe, verwerfe ich den Gedanken an einen Tag im Bett dann doch und stelle mich nackt vor den Spiegel. Die Frauenzeitschrift Brigitte, habe ich gehört, werde künftig keine Models mehr ablichten, aber selbst diese Anhängerinnen normal dicker Frauen würden mich – würde ich dort vorstellig – vermutlich nach kurzer Ansicht heimschicken: Meine Körpermitte wirkt irgendwie breiig. Meine Körperspannung tendiert in den negativen Bereich. Mein Rücken tut weh.

An sich bin ich noch von gestern abend komplett gesättigt. Wirklich sehr schlanke Personen würden nun auch eingedenk des unerfreulichen Anblicks des eigenen Körpers auf dem Weg zum Bad einfach nichts essen, aber ich schleppe mich ungeduscht ins Erdgeschoss, lese in der Süddeutschen etwas über den Untergang der Welt wegen schlechten Wetters und stopfe mir zwei Weißwürste, eine Brezel, Rührei und Tee in den ohnehin vollen Magen.

Dann lege ich mich wieder ins Bett.

12.00 Uhr

Mein Nacken ist neunzig. Den ganzen Tag drücke und presse ich an meinen Halswirbeln herum und versuche, den archimedischen Punkt meiner Rückenmuskulatur zu finden, an dem selbiger aus den Angeln gehoben werden kann, um sich fortan wieder normal anzufühlen. Leider suche ich völlig vergeblich. Als ich vor den Spiegeln in der ersten, zweiten, dritten Boutique stehe, sehe ich mich eigentlich mangels Bewegungsfähigkeit nur frontal von vorn.

Auch eine Massage wirkt sich nur kurzzeitig wohltuend aus. Es fühlt sich gut an, das schon, man sollte viel öfter massiert werden, aber das merkwürdige Gefühl völliger Versteifung lässt nur für etwa eine halbe Stunde nach. „Sie sind verspannt.“, teilt mir die Physiotherapeutin mit, eine kleine, lebhafte Ungarin, und zieht kräftig an meinem Rücken und meinen Wirbeln. Das Mädchen wiegt maximal 50 Kilo, schätze ich und frage mich, was sie eigentlich über Leute denkt, die so teigig wirken wie ich. Kein Wunder, dass mich keiner umsonst massiert, ziehe ich den Bauch ein, aber das nützt natürlich gar nichts.

14.00 Uhr

Rund um mich herum sind alle Frauen blond, sogar die M. ist erblondet. Gelangweilte Männer sitzen auf niedrigen Hockern und warten auf ihre Freundinnen, die in immer neuen Kleidern aus den Kabinen kommen, sich drehen, in den Spiegel schauen und dann in die Kabine zurückkehren. Die meisten sind fabelhaft schlank.

„Ist der okay oder brauche ich den größer?“, frage ich eine der ebenfalls blonden Verkäuferinnen, die zur 38 rät. Tatsächlich geht es eine Größe größer besser, und mit einem Kleid, einem Pullover und einem Shirt verlasse ich das Geschäft. 5 Kg, schätze ich, müsste ich abnehmen, um akzeptabel schlank zu werden, aber das mache ich nächstes Jahr. Die M. will auch abnehmen, sagt sie, und wir verabreden eine München-Berlin-Diät mit montagmorgendlichem Contest.

16.00 Uhr

Ich trinke heiße Schokolade. Ich glaube, der Laden heißt Vianne und erinnert ein bißchen an das kakao am Helmholtzplatz, das ich mochte und das nicht mehr da ist, leider. Die heiße Schokolade im Mokkatässchen mit Orange und die halbe, kandierte Orangescheibe dazu, erinnere ich mich mit einem Löffel Wehmut und blättere ein wenig zerstreut in Marguerite Duras Liebhaber, den ich aus irgendwelchen Gründen nie gelesen habe.

Hier gibt es Schokolade und Milch getrennt mit einem Mini-Schneebesen zum Selberrühren, angenehme Musik im Stil der Dreißiger und ich werde etwas müde. Ich würde gern ein paars Stunden einfach auf einem Sofa liegen und mir etwas erzählen lassen und dabei vielleicht eine Katze kraulen, die leise schnurrt.

18.30 Uhr

Eigentlich bin ich schon hungrig. Neidisch schaue ich meinem Begleiter auf das Haloumi und den anderen Leuten im Café Puck auf das gebratene Fleisch. Demnächst gibt es etwas, sage ich mir und trinke heiße Zitrone.

Träge fließt der Abend durch den langgestreckten Raum, ich höre zu, antworte, beobachte meinen Begleiter, der seine Worte ab und zu mit den Hände unterstreicht. Nett ist es hier, überlege ich mir und schaue mich um. In Städten bin ich immer daheim, da geht es immer, egal wo, nur am Land fühle ich mich stets fremd, wie ein Alien, im besten Fall wie ein Besucher im Zoo.

20.00 Uhr

Sie sitzt schon an der Bar. Sie ist schlank geworden, so schlank, dass ich sie fast nicht erkenne, aber lacht dann doch wie in Berlin und ist so klug und schnell und witzig, wie Leute sind, die ich mag. Den Laden mag ich auch, der Schmock heißt, in der Augustenburger Straße, und der gut und etwas zu reichlich kocht.

Die Maronensuppe mit Jacobsmuschel ist sehr kompakt, an sich eine ganze Mahlzeit, und mir fällt die Maronensuppe in Wien vor zwei Jahren ein, die ein Weihnachtsmenu eröffnen sollte, und danach hätte ich eigentlich aufhören können zu essen. Statt dessen erschien der Kellner mit einer Scheibe Gänsestopfleber, die wiederum zur Speisung eines Hungrigen auch ganz allein gereicht hätte.

Hier erscheint ein Kalbfilet, butterweich, rosa und mit einer sehr schaumigen, zartweißen Emulsion. Wir trinken einen schweren, sehr dichten israelischen Cabernet Sauvignon und ich erzähle von der Weinprobe in Israel auf einem Weingut das Carmelwein oder so hieß, zu der mein Vater mich mitnehmen musste, weil meine Mutter krank war, und ich war elf und saß drei geschlagene Stunden traubensafttrinkend zwischen meinen Onkeln und langweilte mich so vor mich hin.

Nach dem Kalb bin ich unglaublich satt. Ein Dessert kann ich unmöglich essen. Noch vor drei Jahre hätte ich die Nachspeise trotzdem einfach bestellt, aber zu den Nachteilen des Alters gehört offenbar auch eine Art natürlicher Mäßigkeit, die noch viel Langeweile verursachen wird in den nächsten fünfzig Jahren. Immerhin geht es mir gut: Ich lache fürchterlich viel, rauche vor der Tür und laufe schließlich zu Fuß zurück zum Hotel.

Es ist nicht spät, aber ich bin müde.

Die große Höhle (03.12.2009)

Dass ich heut‘ nacht in der großen Höhle war, und keiner war dort außer mir. Dass es feucht von den Decken hing, und die Wände pulsierten schwarz und verkrustet von all ihren Opfern.

Dass es irgendetwas mit einem Bus zu tun hatte, dass ich dort war. Wieso keiner mir zur Hilfe kam, und nicht einmal mein Handy hatte Empfang. In meiner Tasche hatte ich zwei krümelige Kekse. Nur zu meinen Füßen bewegte sich etwas Pelziges, Kleines, vielleicht meine Katze oder ein anderes freundliches Tier.

Dass ich kurz an Flucht dachte und den Gedanken verwarf. Dass ich ins Innere lief, wo ein Strom breit nach Süden floss, dem ich folgte. Dass es hell wurde am Ausgang.

Dass ich lief und lief, aber der Schein wurde nicht heller. Ganz vergeblich rannte ich über spitze Steine, vorbei an einer ausgebrannten Telephonzelle und einem toten Pferd. Dass die Glocken läuteten irgendwann, gellend, ach: greller als alles, und der Fluß anstieg, wallte wie kochendes Öl und höher kroch, höher: Bestimmt bis zu mir.