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35 (01.12.2009)

Die M. wird 35. Es gibt Pizza und Sekt, und das überraschte Geburtstagskind sitzt inmitten der Freunde, die ihr Freund am Vortag per Mail zusammengerufen hat.

Gut sieht sie aus, finde ich, gut auch die anderen Freunde, die teils aus dem Büro gekommen sind und teils von zu Hause. Wir haben uns nicht sehr verändert in den letzten sieben, acht Jahren, glaube ich und schaue in die Gesichter rund um den Tisch.

„Was hast du vor im nächsten Jahr?“, frage ich irgendwann und schenke mir ab und zu Sekt nach und esse Torte. „Nichts.“, sagt die M. und fügt hinzu, dass es kaum mehr etwas gebe, was sie hoffe und erwarte, und ich bin ein wenig erschrocken.

Aber vielleicht hat sie recht: Zwischen zwanzig und dreißig passiert unglaublich viel, wenn das, was man machen wird und wie man lebt, sich langsam und mühevoll herauskristallisiert. Noch viel mehr verändert in den zehn Jahren davor, wenn man aus einem weichen, noch fast ungeformten Kind man selber wird, mit dem man leben muss den Rest seiner Jahre. Ab 30 ist dann vielleicht nicht mehr arg viel los.

Vielleicht läuft alles reibungslos weiter. Ein wenig Karriere wird man jetzt noch machen. Vielleicht bekommt die eine oder andere ein Kind. Aber jemand anders wird keiner von uns mehr werden, es sei denn, es läuft etwas schief. Nur noch Variationen wird es geben der Möglichkeiten seiner selbst, und Überraschungen, Überraschungen bieten die Jahre, die kommen, wohl nicht mehr arg viele, und was bleibt ist Verfall am Ende und ein wenig Langeweile zuvor.

Für morgen (30.11.2009)

Aber wenn ich sechs wäre, und nicht 34, bliebe ich morgen einfach daheim. Wenn man mich weckt, würde ich nur blinzeln und tun, als sei ich krank, und wenn ich Haferflocken essen soll, schüttele ich den Kopf. Dann schließe ich die Augen und schlafe wieder ein.

Nicht so krank will ich wirken, dass meine Mutter zu Hause bleibt und mich mit kalten Tüchern einwickelt und Tees kocht, die nach Schweiß schmecken und nach nassem Hund. Meine Mutter soll ruhig ins Büro, und Frau F. soll kommen. Frau F. ist sehr alt und legt sich gleich auf das Sofa und schläft. Frau F. schnarcht lauter als ein Bär.

Vor meinem Bett schläft der Hund. Ab und zu wälzt er sich träge hin und her, schnappt nach Hasen und Vögeln und lauter Tieren, die es nicht gibt, und vielleicht lasse ich ihn sogar in mein Bett. Da liegen wir dann und lesen ein Buch nach dem anderen aus der Bücherei. Jede Woche holen wir mehr. Jede Woche eine ganze, volle Tasche.

Wenn Frau F. sehr tief schläft, schleiche ich in die Küche. Auf den Zehenspitzen kann ich gerade den Kühlschrank öffnen. Bis zum Käse brauche ich noch einen Stuhl. Ein ordentliches Stück vom Emmentaler schneide ich ab, fahre zweimal mit dem Löffel in die Marmelade, und vielleicht lange ich nach Aprikosen oder Kirschen im Glas. Dann lege ich mich wieder hin.

Vielleicht höre ich Schallplatten. Dem Bär Jacob ziehe ich seine Sachen an und aus. Dem Hund erzähle ich Geschichten. Langsam wandert die Sonne müde und kraftlos über den Himmel, am Badezimmer vorbei und hängt schlapp im entblätterten Nussbaum. Weiter gen Westen treibt der Wind die bleigrauen Wolken, und auf dem Fensterbrett sitzen die Spatzen und frieren.

Aus dem Bett meiner Schwester hole ich mir eine weitere Decke. Träumen würde ich von einem eigenen Pferd. Einfach weiterschlafen würde ich, wenn meine Mutter käme, so gegen vier, und blinzeln würde ich nur, legte sie mir die Hand auf die Stirn: Leicht und kühl und kein bißchen beschwerend.

Michael Jackson (28.11.2009)

Der Spätkauf führt alles. Wer ein knallrotes Sparschwein haben will, ist hier ebenso am Ziel wie derjenige, den es nur nach drei Flaschen Sternburger und einer Schachtel L&M gelüstet, und wer Grünkohl mit Wurst der Marke Kohlkönig kaufen will, ist hier gleichfalls goldrichtig. Entsprechend ist der Laden, richtig, richtig voll: Vor dem Tresen hängen Regale, auf den Regalen stehen runde Dosen voller Haribo und Schokoriegel, Klebebildchen in einer halbgefüllten Pappschachtel und mindestens zehn verschiedene Kaugummisorten. Auf dem Tisch liegen Zeitungen und noch mehr Süßes, und hinter dem Tresen steht der Verkäufer, der eigentlich ein bißchen zu jung ist, um Inhaber des Spätkaufs zu sein, aber genau weiß man das nicht. Ich schätze ihn auf 25.

„Eine Schachtel Pepe light und ein Feuerzeug!“, brülle ich gegen das Radio an, das auf einem kleinen Wandregal hinter dem Verkäufer hängt und quietscht, keckert und scheppert. Unsere Zigaretten sind im Habermeyer um die Ecke irgendwie verschwunden.

Der Verkäufer dreht sich zweimal um die eigene Achse, bevor er hinter sich greift. Jeder Berliner Spätkauf führt mindestens sechzig Sorten Zigaretten, Pepe gehört nicht zu den am häufigsten verlangten, und so sucht der Verkäufer erst einmal ein bißchen zwischen all den anderen bunten Schachteln. „Zweite von unten, rechts.“, helfe ich nach.

Im Radio hört Duran Duran gerade auf zu spielen, und für eine Sekunde vielleicht ist es still. Dann aber jodelt wieder ein Moderator wie die Leute, die auf der Kirmes Karusselle betreiben. Michael Jackson werde singen, verheißt der Moderator und dreht die Stimme hoch, höher, am höchsten. Michael Jackson singt Billy Jean.

„Magst du Michael Jackson?“, dreht sich der Verkäufer zu mir um. „Ja.“, sage ich. Wer mag Michael Jackson nicht, hätte ich hinzufügen können, aber ich bleibe still und warte auf meine Zigaretten. Der Verkäufer hat es schon in der Hand.

Der Verkäufer aber macht keine Anstalten, mir das Päckchen zu geben. Statt dessen schlingt er die Arme melodramatisch um den Leib und beginnt zu tanzen. „Ich tanze wie Michael Jackson!“, behauptet der Verkäufer und hat gar nicht mal so unrecht. „Du tanzt total gut.“, lobe ich den Mann und sehe ihm halb ungeduldig, halb amüsiert bei erstaunlich elastischen Verrenkungen auf dem halben Meter zwischen Tresen und Zigarettenregal zu.

Billy Jean sei nicht sein Lover, proklamiert der jüngst verstorbene Sänger, und der Verkäufer reißt an geeigneter Stelle die Arme hoch und singt mit. Michael Jackson, vernehme ich, sei eigentlich Muslim gewesen, tanzt der Verkäufer immer weiter. Zwischendurch wirft er mir die Zigaretten auf den Tisch, aber weil er keine Anstalten macht, zu kassieren, stehe ich immer noch im dem winzigen Friedrichshainer Spätkauf und komme mir reichlich dumm vor. Ab und zu gehen Leute draußen vorbei und schauen fasziniert in das Innere des Geschäfts.

Als der Verkäufer aufhört zu tanzen, ist er ein ganz klein wenig außer Atem. € 4,25 bekomme er, hält er mir die Hand entgegen. Schlanke Hände hat er, fällt mir auf, sehr feinnervig und grazil.

„Ich könnte im Fernsehen auftreten.“, behauptet der Verkäufer ganz unbescheiden. Er werde das aber nicht tun, fährt er fort, denn für sogenannte Talentshows sei er sich zu schade, und ansonsten habe man in den Medien als Mann keine Chance. „Oha.“, sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt. Für einen Moment sagen wir beide nichts.

„Du kannst drei Cola-Flaschen für zehn Cent kaufen.“, deutet der Verkäufer auf die Haribo-Packungen, und ich nicke. Zwei Fruchtgummiherzen bekomme ich gratis oben drauf und wende mich zur Tür.

„Light my fire!“, singt der Verkäufer mit dem Radio weiter, als ich gehe, und von der anderen Straßenseite aus sehe ich den Mann auf dem einen Quadratmeter hinter dem Tresen rhythmisch hin und her laufen, immer einen Schritt nach vorn und einen nach hinten, und die Faust hält er hoch direkt neben die gelbe, staubige Lampe.

Wie man jemand anders wird (24.11.2009)

Nehmen wir beispielsweise meine Freundin C. Die C. ist sehr klug, sehr schnell, sehr charmant, wenn sie möchte, und zu alledem sieht sie auch noch gut aus. Meine Freundin C. ist ziemlich super. Derzeit wohnt sie in Brüssel, arbeitet wie ein Pferd 15 Stunden am Tag, aber ob und was sie davon haben wird, ist noch völlig offen. Die C. lebt nicht schlecht, aber verdient jeden Euro, den sie ausgibt, selbst.

Auf der anderen Seite der Anstrengungsskala sitzt meine Freundin A. in einem sehr bequemen Feuteuil. Morgen früh wird sie ungefähr drei Stunden länger schlafen als die C., dann wird sie frühstücken, und während die Putzfrau kommt, geht sie spazieren. Oder nein, morgen ist Mittwoch. Am Mittwoch hat die A. Gesangstunden. Das alles finanziert ihr Mann. Weil die A. ihn sonst nicht geheiratet hätte, gibt es keinen Ehevertrag.

Natürlich ist das alles von schreiender Ungerechtigkeit. Die C. ist nicht nur viel klüger als die A., sie sieht auch noch besser aus (finde ich), und doch ist keineswegs absehbar, dass sich die Verhältnisse eines Tages verkehren. Ganz im Gegenteil: Es spricht Einiges dafür, dass der Schreibtisch der C. sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter füllen wird. Dabei werden die Belange, um die es geht, vermutlich immer wichtiger. Die A. aber wird während dessen zu Hause herumsitzen und das Haus einrichten, einkaufen, sich mit Freundinnen im Café treffen, und ansonsten tut sie vermutlich auch künftig wenig. Befragt, ob sie sich nicht langweilt, antwortet sie wohl auch künftig mit einem erstaunten „nein“.

Mir persönlich gefällt das Lebensmodell der A. eigentlich ganz gut. Ich würde sehr gern morgen ausschlafen. Ich sitze auch gern im Café. Gleichwohl arbeite ich ähnlich viel wie die C., und bin vor einer halben Stunde nicht aus einer Bar, sondern aus dem Büro gekommen. Die Frage, die sich mir nun stellt, ist angesichts dessen vermutlich rein rhetorisch, aber nicht weniger drängend: Wie wird man jemand anders? Und wenn dies – erwartungsgemäß – nicht möglich sein sollte: Auf welchen Umstand geht es zurück, dass die Umstände aussehen, wie sie aussehen, und ist da wirklich nichts zu machen?

Um über diese Fragen ernsthaft nachzudenken, habe ich aber keine Zeit.

Nun am Ende aller Ufer (23.11.2009)

Müde sinke ich den Lichtern entgegen. Berlin hat illuminiert, am Montag abend um acht, und unter den Wolken sieht die Stadt aus wie ein Fest, eine flackernde, maßlose Party. Neben mir aber blättern gelangweilte Männer in Anzügen in ihren Akten, und der vielleicht fünfzigjährige Beamte auf dem Sitz 19B setzt zum zweiten Mal seit dem Abflug zu einem Gespräch an. Ich sehe aus dem Fenster. Ich will nicht nur nicht sprechen. Ich kann auch nicht mehr.

Die Maschine rumpelt in weitem Bogen an Mitte vorbei. Vor uns leuchtet die Landebahn von Tegel, und ich würde mich auf den Abend freuen, wenn ich noch zu irgendetwas in der Lage wäre außer zu einer dumpfen, gereizten Erschöpfung.

Ich brauche mal einen langen Urlaub von mir, formuliere ich Wünsche vor mich hin, die keiner erfüllt, und als das Flugzeug langsamer wird, steht, als mein Blackberry sich wieder füllt mit Nachrichten, Nachrichten, Anrufen und Messages, die alle besagen, es gebe viel zu tun, dränge ich mich an den Männern im Anzug vorbei ins Taxi und schließe die Augen, als sei jetzt schon Schluss für heute, und ich einfach frei, ganz weit weg von mir an einem See, versteckt vor der Welt und glücklich zwischen Schilf und hängenden Weiden.

Vor dem Herren beider Länder (1986)

Ich bin verliebt. Leider beachtet der schöne Page mich ebenso wenig wie die S. aus Stuttgart, deren Eltern mit meinen abends an der Bar sitzen. Die S. und Schwesterchen und ich sitzen solange gemeinsam auf dem Balkon und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Weitere Spiele haben wir aus irgendeinem Grund nicht mit.

Es ist wahnsinnig heiß. Rund um Luxor flimmern die roten Berge in der Sonne. Auf allen Photos aus jenem Sommer ist der Himmel so blendend weiß, wie ich mir den Tod vorstelle, irgendwann später, aber in diesem Sommer bin ich noch zehn und unsterblich. Damit das auch so bleibt, haben Schwesterchen und ich strikte Order, was gegessen werden darf und was nicht.

Die honigtriefenden Süßigkeiten vor Ort gehören nicht dazu. Jedesmal, wenn sich mir einer mit klebrigem, triefenden Konfekt nähert, presse ich die Lippen aufeinander und schaue weg. Manche Ägypter lassen dann locker, andere aber versuchen mit Worten und Gesten die Vorzüge ihrer Spezialitäten anzupreisen. Ich bin genervt.

Überhaupt bin ich von den Ägyptern enttäuscht. Ich mag überhaupt keine lauten Leute, ich mag keine Leute, die einen anfassen, ich finde die Zähne der Händler in die Souks widerlich, und die Gerüche in den Straßen gefallen mir auch nicht. Sowieso: Das hunderttorige Theben, teile ich meinem Vater mit, kann mich mal. Auch die Pyramiden habe ich mir größer vorgestellt. Man erträgt mich mit freundichem Stoizismus.

Auf Ausflüge habe ich nur so mittelviel Lust. Ich mag das Hotel mit seinen Samtfauteuils. Ich mag die Quasten, die ein wenig staubig riechen, nähert man sich ihnen mit dem Gesicht, und ich mag die krakelierte Trinkgläser mit dem schmalen, goldenen Rand. Es gibt viel, viel modernere Hotels vor Ort, die größere Pools und eigene Kinderarenen unterhalten, aber ich sitze gern mit S. aus Stuttgart in der Lobby und sehe dem schönen Pagen zu. Irgendwohin zu fahren und da zu schwitzen gefällt mir weit weniger gut.

Ins Tal der Könige komme ich trotzdem mit. Noch viel heißer als in Luxor ist es hier, auf der anderen Seite des Nil, und noch Jahrtausende später tun mir die Arbeiter leid, die die Gräber und Tempel in den Stein gehauen haben. Auf den Grabmalereien sehen die Arbeiter manchmal wie die Ägypter um mich herum aus, wie sie am Straßenrand stehen, den Wagen nachsehen, aufragend aus rötlichem Staub.

Die Grabmalereien und Reliefs habe ich fast alle vergessen. Die Geierkrone, der hundsköpfige Anubis, Arbeiter im Schilf und bunte Kelche, die Diener seltsam steif auf den Armen tragen, habe ich gesehen, Könige vor ihren Richtern und Reliefs mit Tänzerinnen, die Salbkegel auf den Köpfen tragen. Letztere werfen Fragen auf: Ob und wie der sich im Laufe des Abends verflüssigende Kegel den Tänzerinnen wohl in die Augen rann? Und tanzten die Mädchen gern in ihren durchscheinenden Gewändern? Oder war die Freude an Tanz und Gesängen gekauft bloß, künstlich, Geschäft oder gar Zwang, wie bei den Verkäufern von Süßigkeiten und kleinen Gebinden von Blumen, die – kaum älter als ich zum Teil – ununterbrochen, die ganzen zwei Wochen, ihre Waren anpriesen: Bemitleidenswert ebenso wie lästig.

Bewundernd, beeindruckt, staunend gar, hinterlässt mich nichts auf dieser Reise. Müde zwar, doch seltsam achselzuckend, komme ich abends zurück ins Hotel. An kaum einen lebendigen Moment dieses Tages in der Stadt uralter Gräber kann ich mich erinnern, doch die Rückkehr zum Hotel, den Ausstieg auf der Auffahrt und mein hastiger Lauf durch die Halle ist ganz gegenwärtig geblieben: Getrieben vor Angst, der schöne Page könnte mich so sehen, staubig und verschwitzt, und lächerlich sehe ich mich zehnjährig in meiner Sorge um den Eindruck, den einer von mir haben könnte, dem ich so gleichgültig bin wie ein totes, steinernes Bild in einer dunklen, nie geöffneten Kammer.

Die Rückkehr des Tagebuchbloggens

„Nun,“, sage ich zu mir: „Das Tagebuchbloggen im Frühjahr war doch recht lustig. Du hast ganz gern Abend für Abend etwas aufgeschrieben, und dich bisweilen am Tag gefreut, wenn es etwas zu erzählen gab.“

„Aber, meine Liebe,“, antworte ich mir und stelle ein wenig geniert meine Teetasse ab, „niemand will wissen, was eine Berliner Rechtsanwältin mit ein bißchen Übergewicht und ganz viel Langeweile den lieben langen Tag treibt. Das Tagebuchbloggen ist genau das, was diejenigen, die aus dem Netz einen seriösen Ort mit Bedeutung und Einfluss und so machen wollen, ein bißchen dumm und ziemlich lächerlich finden. Zu alledem liest kaum jemand mehr dein Blog, wie ja Blogs generell ein wenig nachgelassen haben, so rezeptionsseitig, und Darstellungen deines beispielsweise heute abend wirklich sehr gelungenen Essens in der Kimchi Princess in Kreuzberg gemeinsam mit dem J., dem R. und der I.2 finden vermutlich sogar die Leute langweilig, die dich wirklich kennen.“

„Muss ja keiner!“, schleudere ich mir entgegen. Kann ja jeder durch das Netz fahren und halten, wo es ihm gefällt. Soll doch abhauen, brülle ich mir hinterher, wer hier Bedeutung vermisst, und zu langweilig ist es hier, wenn es mir zu langweilig wird.

Ab morgen geht es also wieder los.

Vor dem Herren beider Länder (1981)

Am Anfang bin ich fast sechs. Ich sitze im Garten auf der Schaukel, der Apfelbaum blüht, blüht, blüht, und ich schwinge immer höher dem Himmel entgegen, bis ich falle und schlage mit dem Kopf auf den Gehwegplatten auf. Ich schreie und blute. Im Krankenhaus werde ich nur ein bißchen betäubt und genäht. Vor Schmerz verschwimmt die Welt zu einem Brei aus Lärm, Putzmittelgestank und einem bösen, grellen Weiß. Ich soll ein großes Mädchen sein, sagt ein junger, strenger Arzt, der mich anschaut, als sei ich nicht nett, sondern nur dumm und lästig. In mir zieht sich alles zusammen, aber ich schweige und atme und weine fast gar nicht.

Als wir das Krankenhaus verlassen, zittert mein Vater viel mehr als ich. Noch immer tapfer laufe ich an seiner Hand die Böschung abwärts zum Parkplatz, reiße selbst die Wagentür auf, aber ich das ganze Blut auf den Sitzen sehe, drehe ich mich um und erbreche in den hellen, gelblichen Kies. Mein Vater lehnt ausgepumpt am Wagen und hält mir den Kopf. Ich würde das Piratenschiff bekommen, verspricht er, wenn alles wieder gut sei. Soft Ice soll es auch geben, das bekomme ich sonst nie. Auch nach Hamburg ins Museum dürfe ich mit, fährt er schwere Geschütze auf, damit ich wieder lache, und würde mehr Gold sehen als je in meinem Leben zuvor. Götter und Könige warten auf mich, hebt mein Vater mich sorgsam auf den Beifahrersitz und fährt ganz langsam an.

Am Sonntag stehen wir vor dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Ich habe noch einen Verband am Kopf, aber sonst geht es mir wieder ganz gut. Vor dem Museum waren wir bei meinem Onkel T., der mit seiner wunderschönen Freundin in Hamburg-Eppendorf wohnt. Ich bin gespannt: Ich war noch nie hier. Nur einmal war ich bisher in einem anderen Museum bei uns zu Haus und habe die Knochen des Sauriers in echt gesehen, der in meinem Was-ist-Was-Buch riesengroß und völlig unglaublich abgebildet ist. Ich kenne alle Saurier mit Vor- und Nachnamen und kann alle Erdzeitalter fast fehlerfrei aufsagen, wenn man mich fragt.

Vor und hinter uns stehen viele, viele Leute. Die Ausstellung ist ein großer Erfolg, wie ich später erfahre. Ich bin zappelig. Zur Vorbereitung habe ich noch am Tag des Unfalls ein weiteres Was-ist-Was-Buch bekommen, eins über Ägypten, und ein anderes Buch, in dem es um einen Jungen geht, der Nechebu heißt, und den das Gedächtnis aufbewahren wird über fast zwanzig Jahre. Ich habe ein rotes Kleid mit weißem Kragen an, das meine Mutter für die Einschulung gekauft hat, und auf die ich mich unsagbar freue, bis dann doch die Rektorin meine Mutter überreden wird, mich zurückzustellen, aber das ist noch sechs lange Wochen hin. Lackschuhe habe ich an, auf die ich stolz bin, und werde von meinem Vater wieder und wieder photograhiert.

Im Museum ist es dunkel und kühl. Eng an meinen Vater gepresst laufe ich von Vitrine zu Vitrine. Auf Kissen oder schwarzen Quadern stehen und liegen kostbare Möbel aus Gold und Holz, uralter Lotos wiegt sich am Nil, irgendwo ragt ein Hundekopf auf, und vor den Särgen stehe ich mit offenem Mund stumm in der ersten, vergoldeten Faszination vor dem Sterben und beeindruckt von der Schönheit, der leuchtenden Perfektion einer Kultur von der ich kaum mehr weiß, als dass es sie nicht mehr gibt. Mein Vater erklärt mir einzelne Exponate mit dem Katalog in der Hand, aber was weiß ich schon von den Wirren der Amarnazeit, was von Restauration und Stilen: Pracht sehe ich, etwas ideal Entrücktes, und dass menschliches Fleisch einmal in diesen Hüllen lag, ist mir so unvorstellbar wie das Zittern der Erde unter den Hufen des Triceratops.

Eine Postkarte bekomme ich am Ausgang mit der Maske Tut-Ench-Amuns auf dunklem Grund und an der Hand meines Vaters werde ich zum Wagen zurückgeführt.

(Es folgt: 1986)

Drei Dimensionen

„Maximal 10%!“, verkündet mir die sonderbar verknautschte Ärztin und meint damit mein räumliches Sehen. Ich sollte das mal überprüfen lassen. Ich nicke.

Ob ich Auto fahre, werde ich gefragt, und verneine energisch. Ob ich werfen und fangen könnte, will man wissen und schreibt irgendetwas in eine Akte, in der jetzt dokumentiert steht, dass man mir auch besser weder Autos, Gewehre, noch Bälle in die Hand gibt, und ich sitze mit baumelnden Beinen auf einer Liege und schaue versonnen aus dem Fenster. Es liegt also nicht an mir. Oder besser. Es liegt schon an mir, aber ich kann daran nichts ändern, und so spreche ich mich frei von allen Pflichten bezüglich der Bewegung meiner selbst und anderer Körper im Raum.

Schön, denke ich, als ich die Tür von außen schließe. Hier besteht also keinerlei Handlungsbedarf, ziehe ich einen dicken, schwarzen Strich unter den motorisierten Lebensbereich, und tatsächlich fühlt sich das ganz gut an: Für irgendetwas nicht verantwortlich zu sein, und frei von jeder Schuld. Schicksal hat was für sich, laufe ich den langen Gang abwärts zu den Fahrstühlen, und wünsche mir für einen kurzen, winzigen, kaum spürbaren Moment, in allen Dingen wäre es ein bißchen mehr so und nicht anders, und verwerfe dann doch den Gedanken sofort, aber vielleicht auch: Zu Unrecht.

Elternbesuch

Eine Groteske

„Das geht doch noch!“, teilt man mir mit. Die Eltern meines geschätzten Gefährten J. seien – so ist man sich rund um den Tisch einig – vergleichsweise gemäßigt anstrengend, und etwa gegenüber der Mutter des C.2 eindeutig vorzugswürdig, denn weder hätten sich des J. Eltern auf Berlinbesuch direkt bei ihm eingenistet (was die Mutter des C.2 trotz der etwas beengten Raumverhältnisse bei diesem geschätzten Bekannten regelmäßig zu tun pflegt), noch hätten J.s Eltern versucht, wie die Mutter des C.2 auf die Alltagsgestaltung ihre Nachwuchses durch fremdartige Vorschläge einzuwirken, wie man als allzu ausladend empfundene Arbeitszeiten durch ein Gespräch mit den Vorgesetzten, möglicherweise unter Beteiligung der Gewerkschaft („der was???“) verkürzen könne. Auch sei bisher unter allen lebenden Menschen nur die Mutter des C.2 auf die Idee gekommen, in dessen berufsbedingter Abwesenheit seine Unterwäsche komplett zu bügeln, neu zusammenzulegen, sodann akkurat gefaltet wieder in die hierfür vorgesehenen Schubladen zu legen und dann beleidigt zu sein, weil der Dank für diese gute Tat etwas sparsam ausgefallen sei. Man dürfe sich deswegen nicht beschweren.

Auch im Vergleich mit der Mutter der S. stehen sowohl meine als auch die Mutter des J. eigentlich recht prächtig da. Denn keine der beiden mir nahestehenden Damen hat jemals Zeitungsartikel aus der Welt am Sonntag kopiert und übersandt, in denen die Abnahme der Fruchtbarkeit ab dem 25. Lebensjahr der Frau grafisch aufbereitet und zudem populärwissenschaftlich so erklärt wurde, dass die Mutter der S. den Artikel einfach versenden musste, obwohl, „Schatz, du weisst doch, wie ich’s meine“, dies natürlich auf keinen Fall als Anspielung auf einen akuten Enkelwunsch gewertet werden darf, zumal ja jeder weiß, dass es hierfür (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) eines Mannes bedarf, der im Leben der S. gerade rein gar nicht existiert.

Auch die Angst vor Kriminalität in der hiesigen Hauptstadt des Verbrechens teilen, wie ich höre, viele Eltern mit den Eltern des J., wie ja auch etwa die Eltern unseres lieben Freundes R. nur nach Berlin kommen, wenn sie in der Tiefgarage der Kulturbrauerei für € 12,– täglich einen Stellplatz mieten können, damit nicht, wie es ja im Emsland täglich in der Zeitung steht, schlechte Menschen ihr Kraftfahrzeug anzünden und restlos zerstören. Überhaupt alle Eltern, so scheint es, hassen Graffiti.

„Aber wie kann das sein?“, frage ich und rühre ebenso belustigt wie ratlos in meinen Reisbandnudeln mit Huhn. Waren die schon immer so? Wird man so, wenn man älter wird? Und blüht auch uns ein Leben inmitten abstruser Fehlvorstellungen hinsichtlich der angemessenen Lebensgestaltung jüngerer Menschen und der Gefahren des Alltags, wenn wir erst einmal sechzig sind, und werden dann dreißig Jahre jüngere Leute beim Lunch über einen lachen? Oder – und ich lasse vor Schreck die Stäbchen sinken – sind wir mit circa 30 bereits jenseits irgendwelcher Grenzen zutreffender Realitätswahrnehmung, und Menschen, die ungefähr 20 sind, sitzen irgendwo, essen und schütteln die Köpfe schon jetzt über uns?