Alle Beiträge von Modeste

Novembertraum

Aber heute nacht war es wirklich schlimm. Dunkler wurde es mit jeder Minute, und die Blitze erhellten nichts als Schlamm und einige wenige trockene Zweige. Mir war so kalt.

Gerufen habe ich nach dem J., nach meinem Vater und nach jemandem, den ich fast vergessen habe, wenn es hell ist und trocken. Gekommen ist keiner zu mir. Immer mehr Regen fiel, und die Erde wurde weich und rutschig und floss mit dem Regen grün und braun Richtung Westen. Mit den nackten Füßen verlor ich den Halt, fiel hin und lag für Momente auf dem kalten, feindlichen Schlamm. Zwischen zwei Steinen, verdorrten Büschen und Trümmern klafften die Risse, denen auszuweichen schwieriger wurde von Moment zu Moment.

In den Sturm ragten spitze Steine, ein sinkender Baum, und kaum eine Stimme. Alle Menschen waren fern oder tot oder gingen mich kaum etwas an. Aufgerissenen Leibes lagen die Leichen am Wegrand, und als ich rastete, wartete, den Blitzen entgegen zu atmen, sah ich am Himmel (weit weg von mir) Gottes mürbe, bläuliche Adern.

Kleine Freuden der Woche (2)

Tja, sage ich. Auch diese Woche nicht viel. Vielleicht das Stück Torte, das mir meine Sekretärin auf den Tisch gestellt hat nach einem ganz besonders scheußlichen Termin. Oder der lustige Taxifahrer mit seinen Schaschlikgeschichten vom Wintergrillen in Grünau auf dem Weg durch das Chaos aus glitschigen Blättern, viel zu vielen Autos auf der Torstraße und der Dunkelheit, die so dicht scheint, als sei es nicht Luft, die einen umgibt, sondern etwas Festes, Fassbares, das den Raum zwischen den Körpern füllt. Bestimmt aber die Rehkeule vom Sonntag, dunkelbraunes Fleisch mit Trauben und Schalotten, die samtige Sauce aus Fond und Madeira und die Wärme am Tisch. Das Gelächter, der Wein, die Freunde und die kleinen, pointenlosen Geschichten, aus denen die Welt besteht, die wir mögen:

Helle Punkte in einem Meer aus Regen und Nacht.

Aus einer kalten Welt

Schöne Bilder zeigt dieser Film des Österreichers Michael Haneke, allzu schöne Bilder, die die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach einer gerundeten, ganzen Welt aufrufen, als habe jemand eine Taste bedient: Ein kleines Dorf, Eichwald, irgendwo im Nordosten Deutschlands, Mecklenburg vielleicht, Pommern, möglicherweise noch weiter Richtung Osten. Über das Dorf herrscht der Gutsherr (Ulrich Tukur), flankiert wird diese Herrschaft durch den Pfarrer (Burghart Klaußner) mit verhärmter Frau und vielen, vielen Kindern, den Verwalter (Josef Bierbichler) und den Arzt (Rainer Bock). Jeder hat seinen Platz in diesem preussischen Universum, und ganz unten in dieser Ordnung stehen die Kinder.

Überall laufen Kinder herum. Immer sind sie da, wenn etwas geschieht, und was geschieht, wird erschreckender von Mal zu Mal. Der Arzt fällt vom Pferd über eine dünne, straff gespannte Schnur. Der Sohn des Gutsherrn (hübsch, ein langhaariger Tadzio wie von Visconti) wird verprügelt und kopfüber aufgehängt. Eine Scheune brennt, ein Kanarienvogel wird gekreuzigt, und nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es vielleicht die Kinder waren: Unjugendlich sehen sie aus, hart, mitleid- und freudlos.

Wie schwere, steinbeschwerte Bretter lastet die Herrschaft der Erwachsenen auf den Kindern. Mit Ruten und Strafen, dem weißen Band aus dem Titel als Stigma verlorener Unschuld, mit Druck und Angst regieren die Eltern ihre Kinder, und doch gewinnt man kaum den Eindruck, hier werde ein abnormaler Ausnahmefall, ein seltener Sadismus abgebildet. Hier regiert – erzählt von dem sensiblen Lehrer des Dorfes (Christian Friedel) – eine harte, strenge, protestantische Fürsorge. Selbst im Sommer sieht diese Welt steinern und gefroren aus, und man verübelt es den Kindern zunächst nicht, sich tückisch und verquer an der Welt zu rächen, die sie aus kleinsten Anlässen bestraft, um zu unterwerfen und zu zerbrechen, was in diese enge Ordnung nicht passt.

Dann aber richtet sich die Gewalt gegen ein behindertes Kind. Um den Sohn der Hebamme geht es, einen kleinen geistig behinderten Buben, der halb totgeschlagen wird, und am Ende gleichzeitig mit dem Arzt – monströs auch er – und seiner Familie verschwindet. War jede der früheren Untaten noch als Reaktion, als Zurückschlagen gegen eine böse Erwachsenenwelt verständlich, so steht jedes Verständnis, jedes Mitleid gegenüber diesem sinnlosen Gewaltakt gegen den behinderten Knaben mit hängenden Schultern dem Bösen gegenüber. Die verhinderte, unterdrückte Vitalität der Kinder wendet sich nicht gegen ihre Unterdrücker, sondern wird weitergereicht an einen Wehrlosen, der sich noch weniger widersetzen kann als die Kinder des Pfarrers, die Tochter des Arztes oder die Verwalterssöhne, und wenn in den letzten Minuten des Filmes der Krieg ausbricht, im Sommer 1914, ahnt man den Terror und die Brutalität, die die Kinder aus dem Dorf in andere Dörfer und Städte tragen werden ein ganzes Leben lang als den Preis der Ordnung dieser alten Welt, die es so nicht mehr gibt, im deutschen Nordosten, aber – so sagt man – vielleicht noch andernorts, wo andere Kinder wohnen.

Das weiße Band
2009

Kleine Freuden der Woche (1)

„Bleib mir weg mit positivem Denken.“, ächze ich und versuche, den Kopf möglichst wenig zu bewegen. Ich bin Freitag mit dem Rad gestürzt und seither dreht sich mein Gehirn deutlich langsamer als mein Schädel. „Das Wetter ist mies, ich habe zu viel zu tun, nichts mehr zu lesen, und wo das Positive bleibt – das wüsste ich auch gern.“, raunze ich. Dann lege ich auf und überlege. Viel gibt es da gerade nicht. Möglicherweise aber immerhin The Yardley English Lavender Shower Cream, die zuerst riecht wie das Gästebad alter Damen (wegen der von diesen sehr geschätzten Handseifen dieses Hauses), und dann die ganze Duschkabine mit einem zarten, quasi halbtransparenten Lavendelduft füllt, der nichts Betäubendes an sich hat, nichts von dem Über und Über provenzalischer Felder, sondern an einen klaren, gläsernen englischen Morgen erinnert: Gefüllte Rosen, Rittersporn und das sanfte, lila Zittern unter Weißdorn und Clematis, wenn Bienen und Zitronenfalter früh am Tag in Blüten rasten.

Etwas später am Tag die saukomischen Kommentare auf faz.net. Tatsächlich amüsieren die Kommentatoren dieser in gedruckter Fassung eher mittelmäßig erheiternden großen deutschen Tageszeitung mich zu eigentlich jedem Anlass dank einer unwiderstehlichen Mischung krauser Vorurteile gegen alles und jeden, bodenloser Selbstgerechtigkeit und dem festen Glauben an sehr, sehr langweilige Welt- und Wertvorstellungen, die die meist zumindest latent aggressiven Kommentatoren schon deswegen für unanfechtbar halten, weil sie noch nie auf die Idee gekommen sind, die Welt könne von anderer Warte aus anders aussehen. Insbesondere zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund, den 68ern und Kriminalität (gern in Zusammenhang mit vorgenannten Obsessionen) übertreffen sich die Leser dieses schätzenswerten Organs regelmäßig selbst. Leider denke ich nie daran, die besten Kommentare zu sammeln.

Durchaus friedlicher, wenn auch nicht temperamentlos beschreibt Kinta Beevor (Mutter des nicht unumstrittenen Historikers Antony Beevor) ihre Kindheit (A Tuscan Childhood) in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Abkömmling der anglo-florentinischen Kolonie. Viele Namen tauchen auf, glanzvoll bis heute, stets wölbt sich der sorglos-südliche Himmel über die grünen Hügel der Toskana, und doch sind es nicht die Actons, Berensons oder Duff-Gordons, nicht ihre italienischen Burgen und Villen, die das bisweilen fast kunstlose Buch erleuchten, denn mehr noch als der Duft der frischen Tortellini, mehr noch als Polenta mit Zicklein und Kastanienkuchen, farbigen Schilderungen der Köchinnen, Gärtner und Steinmetze, des untergegangenen, restlos verschlungenen englischen Florenz, ach: Mehr noch als all das besticht der makellose Glanz einer Zeit vor unserer Zeit, die ich mir – wider allen besseren Wissens – nicht als besser, nicht als angenehmer, aber als harmonischer, in sich ruhender, runder und lächelnder vorstelle als all das, was mich umgibt, um mich täglich zu leeren.

Im Innern eines Kürbis

Es ist nicht leicht, einen Kürbis zu betreten. Bisweilen öffnet sich der Kürbis gar nicht, klopft man noch so kunstvoll an. Manchmal weitet sich die Schale auch an ganz unvorhergesehener Stelle, und nicht jeder, meine sehr verehrten Damen und Herren, passt durch die schmale Pforte der herbstlichen Frucht.

Schon mancher ist zurückgeschreckt vor dem wuchernden Fruchtfleisch. Kenner bahnen sich mit Macheten den Weg. Die großen, runden Bohrer aus dem Fachgeschäft aber werden von vielen verachtet. Für den Anfänger ist der Spaghettikürbis geeignet, dessen aufgelockertes, fasriges Fleisch den Wanderer locker umgibt.

Nicht vergessen werden darf die Sicherung des Rückwegs. Bisweilen – denn nicht jeder Kürbis ist freundlich – schließen sich hinter dem Wanderer die Wege, und manchmal gibt der Kürbis einen am Ende nicht frei. Die Krankenkassen kommen für die Folgen solcher Einschlüsse nicht auf. Wer in einem Kürbis verunglückt, kann mit der Solidarität der Versicherten also ebenso wenig rechnen wie mit groß angelegten Rettungsaktionen der Feuerwehr und der Polizei. Manche Versicherungen bieten einen Sondertarif an.

Manchmal hört man von Fällen, die früh, schon im Sommer, durch die offene Blüte den Kürbis betreten. Die Kronröhre des Kürbis erlaubt den Zugang indes selten vor Juli. Der wachsende Kürbis umfängt den Wanderer dann wie eine zweite, fleischige Haut, und wer einmal im Innern des Kürbis über Wochen campierte, wird nur mit Bedauern, mit Trauer sogar, des Welkens der leuchtenden Beere, der Fäulnis und schließlich des Endes des Kürbis gedenken.

Der Bigamist

„Das ist noch gar nichts.“, sagt die E. und holt tief Luft. Ihre Cousine zum Beispiel. Die habe es ja noch schlimmer getroffen.

Ihre Cousine war ziemlich lange Single. So lange waren sowohl die E. als auch ihre Schwester T. und die Cousine ohne Mann, dass die Familie begann, von einem Erbfehler auszugehen, zumindest vielleicht von einem kollektiven Erziehungsversagen, und als sogar ihre siebzigjährige Großtante begann, auffallend oft von diesen Partnerschaftsbörsen zu sprechen, bei denen ja auch diese und jener fündig geworden sei, meldeten sich die Cousine wie die E. entnervt an. Tatsächlich zieht die E. mit ihrem Fang demnächst zusammen.

Die Cousine aber hatte kein Glück. Mag sein, dass der Esoterik-Tick der Cousine nicht nur der E. auf den Geist geht. Mag auch sein, dass die schlanke, immer lachende E. generell leichter vermittelbar ist als die etwas dickliche und unglaublich schüchterne Cousine, aber dass erst nach vier Monaten ein erstes Treffen zustande kommen würde, hätte auch die E. nicht gedacht. Immerhin ging dann alles ziemlich schnell: Erstes Treffen. Zoo. Zweites Treffen. Restaurant. Der Mann aß keine Haxen (die Cousine hätte sich auch nicht daran gestört), beim dritten Treffen kam es zu einem Kuss, und beim vierten oder fünften Treffen ging man miteinander nach Hause. Für ein paar Wochen war alles bestens. Händereibend saß der liebe Gott in den Wolken und wiegte sein Opfer in Sicherheit und zunehmend süßen Träumen.

Dann aber kam es ganz dick. Am Samstag morgen fuhr die Cousine ins KaDeWe. An den Rolltreppen vor dem Sahling-Stand wartete sie inmitten des unglaublichen Gewühls des KaDeWe am Wochenende auf eine Freundin, Menschenmassen wogten hin und her, und auf einmal – inmitten der Schwaden der KaDeWe-Parfumerieabteilung – sah sie ihren Freund. Ihr Freund war in Begleitung. Die Begleitung war weiblich, und als sich die massive Mauer aus fremden Leuten für einen Moment lichtete, sah die Cousine ein Kind. Das Kind war so ungefähr fünf.

Auf Zuruf reagierte der Freund erst gar nicht. Nun ist das KaDeWe am Samstag auch nicht der Ort, an dem man irgendjemanden oder irgendetwas wahrnimmt, aber als er doch hinüberschaute, als er die Cousine sah, drehte er sich auffallend schnell weg und hastete die Rolltreppe hoch. Die Cousine lief hinterher.

Zwei Stockwerke und ein paar Gänge entlang entkam der Freund der Cousine. Dann standen Cousine und Freund vor den schönen Kleidern von Roberto Cavalli und sahen sich an. „Ist was?“, soll die Cousine gesagt haben, und der Freund legte panisch den Finger auf die Lippen. Hinter der Cousine erschienen in ziemlichem Abstand die Frau und das kleine Kind.

„Papa?“, rief das Kind und krallte sich in den Hosenbeinen des Freundes fest. Beidseitig – nein: dreiseitig – überfordert standen sich die Erwachsenen für einen Moment gegenüber. Gern hätte die Cousine dem Freund einen nassen Lappen um die Ohren geschlagen, gern einfach ein wenig gebrüllt, aber weil die Cousine eine schüchterne Cousine ist, und selbst dann keine Szenen macht, wenn sie gern Szenen machen würde, drehte sie sich um und fuhr langsam, ganz langsam nach unten, dem Ausgang zu und stieg in eins der Taxen auf dem Wittenbergplatz. Dann fuhr sie heim. Man sagt, sie habe geweint.

Schlechter Ruf

Schließlich fasse ich mir ein Herz. „Wir kennen uns …“, setze ich an und füge hinzu, dass ich mich dermaßen null und gar nicht an den Namen meines Gegenübers erinnern kann, und nicht einmal mehr weiß, woher wir uns kennen. Insgeheim hoffe ich, dem nicht ganz fremden Herrn an der Kaffeetafel gehe es ähnlich. Indes: Weit gefehlt. „Wir haben vor 21 Jahren in Regensburg zusammen gerudert.“, höre ich, und werde der Begleitung des Hamburger Rechtsanwalts zutreffend vorgestellt.

Ich bin bekümmert. Mein Gedächtnis ist nicht nur schlechter, als es mir lieb ist, sondern auch offenkundig schlechter als das Erinnerungsvermögen anderer Leute.

Auch die Mutter des Bräutigams erinnert sich meiner genau. Der dritte der anwesenden Schulfreunde erkennt mich gleichfalls wieder, und für einen kurzen Moment peinigen mich Visionen, in denen ich stets und ständig auf der Straße Menschen begegne, mit denen ich zur Schule gegangen bin, mit denen ich irgendwann einmal im juristischen Seminar gesessen habe, die mit mir beim Repetitor waren oder die in irgendeiner Referendarsstation meine Kollegen gewesen sind. Alle wissen ganz genau, wer ich bin, nur ich, ich kann mich an nichts erinnern und laufe ohne aufzusehen an freundlich lächelnden alten Bekannten vorbei.

„Arrogante Kuh.“, knirschen die Vergessenen dann – irgendwo in Mitte vielleicht oder an irgendeinem Flughafen – die Zähne, schreiten davon und erzählen Dritten, ich hätte mir in den letzten zwanzig, zehn oder fünf Jahren ja eine Arroganz zugelegt, zu der mich nichts berechtigt, und habe auf der Friedrichsstraße, in der Victoria Bar oder in der Flughafenlounge in Frankfurt an alten Bekannten einfach vorbeigesehen.

„Ich werde Sie vermutlich, wenn auch ohne jede Missachtung Ihrer Person, in den nächsten Jahren gründlich vergessen.“, könnte ich mir präventiv auf die Visitenkarten drucken, wahlweise auch auf T-Shirts, fällt mir ein, um dann derart gerüstet möglicherweise nicht als übermäßig eingebildet, sondern nur als ein bißchen komisch zu gelten, wobei unklar bleibt, vorerst, ob dies vorzugswürdig sei gegenüber dem jetzigen Zustand.

Das Geschenk

„Zum Beispiel einen Frühstücksgutschein!“, sage ich und überlege, ob die einschlägigen Hotels mit bekannt guten Brunches wohl Gutscheine verschicken. Zum Abholen komme ich jedenfalls vermutlich nicht mehr. Außerdem müsste ich dann raus und würde erfrieren.

„Gutscheine sind blöd.“, kommentiert die A. und spricht über lauter tolle Hochzeitsgeschenke, die ich am Donnerstag wohl kaum mehr bekommen werde, wenn die Hochzeit Samstag stattfindet. Nein, ich verschenke im Oktober keinen Picknickkorb. Nein, ich kaufe auch keinen Sektkühler, wenn ich weder ihn noch sie jemals Sekt habe trinken sehen.

Wenn ich einen Gutschein verschenke, dann muss ich zumindest etwas Originelles beifügen, höre ich. Sie zum Beispiel – im Hintergrund rasselt es – habe vom O. einen Gutschein für einen Day Spa bekommen, und auf dem dazugehörigen selbstgedrehten Video habe sich der O. mitsamt zwei hübscher Freunde ganz und gar ausgezogen und dazu getanzt. Ich schaudere. Ich sehe schon angezogen komisch aus. – Ohne etwas Originelles dazu, sagt die A., sei ein Gutschein aber ganz und gar nicht zu vertreten. Ich verwerfe also den Gedanken.

Nun folgen Vorschläge Schlag auf Schlag.

Ein Badethermometer.
Das Paar hat keine Wanne.
Ein Austernmesser.
Er isst schon keinen Fisch.
Ein Riesenkorkenzieher.
Haben die beiden, glaube ich.
Eine Jahreskarte für den Zoo.
Er ist so gut wie nie zu Hause.

Dann wisse sie auch nicht weiter, seufzt die A. „Was kaufst du, wenn dir nichts einfällt?“, frage ich. Es wird still in der Leitung.

„Einen Trüffel.“, antwortet die A. irgendwann. Größe je nach Bedarf. Ich bin ratlos.

Hiobstage

Um sechs aufgestanden. Nach dem Aufstehen zum Flughafen, vor Ort im Stau gestanden. Der Taxifahrer hat sich verfahren. Anstrengender Termin. Schlechtes Essen. Auf der Rückfahrt im Stau gestanden. Am Flughafen eingekauft. Ich habe keine Hautcreme mehr. Die Verkäuferin sieht mich und baut vier Anti-Falten-Cremes vor mir auf. Ich bin verstört. Ich habe keine Falten, glaube ich, aber vielleicht schaue ich auch nur nicht genau hin?

Die Cremes sind alle sauteuer. Die billigste Creme kostet 40 Euro, die teuerste 260. Das ist mir zuviel, ich verlange ein günstigeres Produkt und die Verkäuferin ist beleidigt. Da müsse ich jetzt mit Wirkstoffdefiziten rechnen, sagt sie und schleudert mir Cremes um die zwanzig Euro hin. Ich kaufe eine Creme im rotem Tiegel, weil sie unparfumiert sein soll. Später stellt sich heraus: Das stimmt nicht.

Im Flugzeug eingequetscht zwischen zwei raumgreifenden Männern. In Tegel ein Taxiproblem. Über hundert Menschen stehen auf der Taxiinsel und warten auf Taxen, die nicht kommen. Gereizte Atmosphäre. Wir schätzen die voraussichtliche Wartezeit und steigen in den Bus. Der Bus ist überfüllt und schlingert schrecklich. Neben mir leckt sich ein dicker Junge um die zwanzig die ganze Zeit den Mund. Am Zoo dann endlich augestiegen. Sehr müde gewesen. Im Taxi weiter nach Kreuzberg.

Im Jolesch ist es voll. Meine Freunde warten schon, nur mein Freund ist noch nicht da. Wir warten eine Stunde auf ihn und trinken Sekt. Dann bestellen wir. Ich nehme die Fritattensuppe, Ente und einen Blauen Zweigelt. Dann warten wir weiter. Ich trinke sehr schnell zwei Glas Sekt und genieße das Gefühl der langsamen Sinnenverwirrung.

Irgendwann kommt die Vorspeise meiner Freundin I., eine wenig ansehnliche Tafelspitzterrine. Dann meine durchaus unspektakuläre und irgendwie salzlose Suppe. Einige Minuten später bekommt auch der S. seine Kaspressuppe. Fast zeitgleich erscheint mein geschätzter Gefährte J. von einer Betriebs-Oktoberfestfeier. Ich bin verstimmt.

Nach und nach kommen die anderen Gerichte. Nicht einmal die Schnitzel des M. und des T. erscheinen gleichzeitig: Als die letzten ihr Hauptgericht haben, sind die ersten fertig. Das Essen ist okay, aber nichts Besonderes. Es war hier schon einmal besser. Zudem ist die Stimmung schlecht: Weil alle dem J. Vowürfe machen, steht dieser wieder auf und verschwindet. Aus ungeklärten Gründen war er zwar zuletzt da, hat sein Essen aber als erster bekommen.

Natürlich kommen auch die Desserts nicht gleichzeitig. Mein halbflüssiger Schokoladenkuchen liegt etwas verloren und mit einem Durchmesser von circa drei Zentimetern neben einer Nocke Eis und wirkt ebenso traurig wie ich. Ich bin müde.

In der wirklich netten Hubertuslounge werde ich kurzzeitig wieder wach und spreche. Ich trinke noch mehr Sekt. Davon werde ich wieder so müde, ich könnte auf der Stelle einschlafen, aber zum Glück ist es dafür zu laut.

Der S. und die I. fahren mich heim. Ich laufe die Treppe hoch. Der J. liegt im Bett und ächzt, ihm sei schlecht.

Ich träume von Maden.

Zum Schloss

Aber im nächsten Sommer, mein Lieber, fährst du mit mir bis ans Meer. In der Frühe um fünf geht es los, und die Haut des Himmel wird zart sein und grün und schimmern vor Reinheit und Morgen. Müde werden wir sein von der langen Nacht in der Stadt, klebrig von Bier und von Schweiß und bestäubt von schwärzlicher Asche.

Unter den Bäumen verstecken wir unsere Kleider im Gras. In den Ästen schlafen gestreift die trägen, nächtlichen Tiere, und auf dem Grunde des Meeres säumen Nereiden den Weg zwischen Steinen und Schutt durch den Schlick bis zum Schloss, wo der Muschelthron wartet, mein Lieber: Weit abseits der Welt, und wogend im Tang wie in Träumen.