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Im Laub, im allerersten Nebel

Ach, gar nichts, sage ich. Nichts, was zu erzählen lohnt. Zu Mittag chinesisch gegessen und am abend ein bißchen Käse. Bionadeverbrauch steigend, keinen Alkohol, zu viel Zigaretten, und bisweilen noch Schauer von Kälte, weil ich zu Hause bleiben sollte, aber das leider gerade nicht geht.

Im ersten Nebel am Abend Fahrrad gefahren, die Weichheit der Lichter der Stadt bewundert wie immer und das Laub an den Bäumen rascheln gehört, das trocknet, um bald schon zu fallen. Die dunklen Mäntel, das Feuchte, ein bißchen mechanische Konversation.

Nichts, was zu erzählen lohnt, und nichts mehr zu wünschen. Einmal mehr dem fallenden Jahr nachzuschauen. Überlegen, ob der Sommer mir etwas schuldig geblieben ist, und sich nicht zu erinnern. Im Spiegel jemand Müdes zu sehen, bisweilen fast jemand anders, und sich bei Nacht ein Feuer zu wünschen, das wärmt und vielleicht auch verbrennt.

Nüsse

Auch Sie, meine Damen und Herren, bevölkern gern Bars. Sie mögen die dunklen Ledersessel im fluido, wo es zwischen rotem Samt stets entspannt und nie wirklich laut wird. Sie mögen das Reingold mit Klaus und Erika Mann an der Wand, obwohl da ab und zu auffallend unsympathische Menschen sitzen, aber immerhin nicht so merkwürdige Leute wie in der an sich ganz netten Sapphire Bar, bei der man sich immer fragt, ob die gelegentlich auftretenden, sonderbar ungesund aussehenden und irgendwie uneleganten Gäste, die man für Bankangestellte oder Zahnarzthelferinnen hält, sich nicht woanders über tolle Kreuzfahrten mit der Aida oder geleaste Dreier-BMWs unterhalten können. Sie mögen die Bar tausend nicht, weil sie nicht nur die vorlauten Bankangestellten aus der Sapphire Bar, sondern auch ihre noch viel geräuschvolleren Vorgesetzten nicht so schätzen, und sie sitzen im Winter gern vor dem Kamin im June und trinken den dort spottbilligen und sehr guten Champagner.

Immer wieder aber, meine Damen und Herren, wundern Sie sich über die Nüsse. Gelegentlich – und gerade dort, wo es an sich sehr nett ist – erhalten Sie Erdnüsse, die eigentlich zu rein gar nichts passen, was man trinken kann, es sei denn, Sie trinken Bier. Meistens gibt es so eine Nussmischung, in der außer Erdnüssen noch geröstete Maiskörner und gelegentlich Kürbis- oder Sonnenblumenkerne herumliegen. Ab und zu findet sich ein vereinzeltes Reisgebäck. Fast alle dieser Nussmischungen sind überaus hart. Die einzelnen Bestandteile der Mischung krachen förmlich, wenn man darauf beißt, und dass die Nüsse besonders gut schmecken würde, wäre eine Übertreibung, zu der wir alle bekanntlich nicht neigen.

Nun wollen Sie aber zu einem Getränk Nüsse essen. Indes reicht man in den Bars auch auf Anfrage keine hochwertigere Nussmischung, wie es sie etwa im Hotel de Rome in der indes ansonsten etwas unentspannten Bebel Bar gibt. Die Bars halten zwar samt und sondern 15 Sorten Gin, aber nur eine Nussmischung vor.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, diesem Misstand abzuhelfen. Ich will an dieser Stelle gar nicht von Gesetzen reden, denn, nicht wahr, der Bürger will keine übermäßige Regulierung, aber dem hartnäckigen Kundenwunsch wird sich auch die in dieser Beziehung bisweilen etwas hartleibige Berliner Gastronomie beugen. Fragen Sie also künftig stets nach der Nuss-Karte. Bitten Sie um Beschaffung von Rauchmandeln oder Wasabi-Nüssen und verlangen Sie, dass der Nuss-Sommelier kommt und Sie berät. Reißen Sie im schlimmsten Fall Tüten mitgebrachter Pistazien auf. Oder hinterlassen Sie beim Bezahlen außer dem Geld eine schriftliche Petition, auf der Ihre Wünsche freundlich, aber unmissverständlich zum Ausdruck kommen. Ich bin mir sicher, der Sieg steht nahezu unmittelbar bevor, wenn wir alle wie ein Gast zusammenhalten.

Madame ist erkältet

Morgens stehe ich also auf und friere. Das an sich überrascht mich nicht, ich friere meistens in den letzten Tagen, seit der Sommer letzten Montag schlagartig vorbei war, aber heute friere ich auch in der heißen Dusche weiter, und als ich mich anziehe, fühle ich mich auch irgendwie komisch an. Weil sich zudem auch noch das Verhältnis zwischen Schädel und Schädelinhalt so nachteilig verschoben hat, wie es für Erkältungen charakteristisch ist, lege ich mich nach einigem Hin und Her wieder ins Bett. Alles dreht sich.

Als ich wieder aufwache, so ungefähr drei Stunden später, ist mir wieder warm. Dafür fühle ich mich irgendwie schwach, so schwach, dass ich fürchte, nicht aufrecht bis in Bad zu kommen, aber dann geht es doch. Tee kochen kann ich auch. Den trinke ich dann so nach und nach aus und nehme insgesamt und über den Tag verteilt fünf Grippostad. Ab und zu rufen Leute an und wollen, dass ich etwas sage oder kaufe.

Als ich so gegen drei beschließe, etwas zu essen, ist leider kaum etwas da. Das Brot, das ich vorgestern gekauft habe, enthält zu meinem Ärger Leinsamen. Den habe ich nicht gesehen beim Kauf. Ich hasse Leinsamen, deswegen esse ich ein Stück Käse ohne Brot und schiebe mir einen Löffel Marmelade so in den Mund. Dann schlafe ich weiter.

Als der J. heimkommt, wird es betriebsam. Der J. will nach Düsseldorf, einen Freund besuchen, und eigentlich soll ich mit. Weil das aber gerade gar nicht geht, schnappt sich der J. seinen Koffer und meine Boarding-Karte und verschwindet allein. Eine Stunde später werde ich nach München umgebucht, im Dezember. Ich bin ganz gern in München, das ist okay. Ich könnte irgendwo ins Umland fahren, beschließe ich. Dann schlafe ich wieder ein.

Im Traum reite ich einen sehr, sehr großen, schwarzen Hund, der wild wirkt und schrecklich kläfft. Der Hund ist überaus furchterregend und hat wirklich große Zähne, aber ich finde den Hund gut. Sogar ein bißchen stolz bin ich auf das geifernde Tier. Erst als das Telephon klingelt, wache ich wieder auf.

Diesmal ruft ein Bekannter von mir an, den der Wahlsieg vom Sonntag mächtig enthusiasmiert zu haben scheint. Das deutsche Volk, verkündet er mir, habe es den trägen und ängstlichen Politikern gezeigt und ein klares Mandat für entschlossene Reformen erteilt. Man dürfe das deutsche Volk nun nicht enttäuschen. Ich greife nach dem Tee neben meinem Bett und höre ihm schweigend zu. Erst als er das vierte Mal „das deutsche Volk“ sagt, verweise ich auf meine fiese Erkältug und lege auf. Dann schlafe ich weiter.

Diesmal taucht der schwarze Hund nicht ein einziges Mal auf. Statt dessen erscheinen verschwommene, glänzende und glitschige Wesen und rutschen auf heißen, farbigen Steinen umher. Leider darf ich nicht mitmachen. Bevor die Lage sich klärt, wache ich wieder auf. Es ist 0.35 Uhr.

Wirklich ziemlich schlechtes Essen

Das Schnitzel sieht trostlos aus. Ungefähr ebenso traurig wie die panierte Kalbfleischscheibe wirkt der J., und die irgendwie unakzentuierte Beleuchtung macht das Ganze nicht besser. Auf dem viel zu dicken Schnitzel klebt eine leicht flockige Panade gefleckt in viel zu hell und viel zu dunkel, und auch die Bratkartoffeln wirken nicht wie etwas, von dem man sich ernähren will. Auf der Unterseite des Schnitzels glänzt es fettig. Für so etwas – und das weiß ich genau – kommen Köche in die Hölle.

Auf der Bank in dem viel zu großen Raum sitzen vereinzelt ein paar Leute, die aus schwer zu benennden Gründen irgendwie unsympathisch wirken. Man soll Menschen ja nicht nach ihrem Aussehen einschätzen, aber wie wir alle wissen, erkennt man 99% der unangenehmen Menschen dieses Planeten auf den ersten Blick. Hier sitzen mehrere davon. Die Kellnerin ist freundlich, aber sieht aus, als heiße sie Mandy oder so, und mein Burger ist zwar okay, aber die Boulette zerfällt beim Hineinbeißen, und das Brot bröselt. Im Bird ist der Burger wesentlich besser, und auch im White Trash gibt es deutlich Besseres als hier. Teuer ist es auch.

„Das ist ja scheußlich.“, stöhnt der J., als wir auf der Schönhauser stehen. Ein paar Fahrradfahrer kurven an uns vorbei, ein paar Häuser weiter gibt es bei der Fleischerei ein phantastisches Tartar mit Wachtelspiegelei oder Schweinsbraten, und ein wenig missmutig laufen wir nach Hause.

Ich werde hier nicht wieder essen, im Bio-Steakhaus auf der Schönhauser Allee.

Andere Leute

Weil ich mich nicht dafür interessiere, wer einen Kilometer weiter südlich gerade wen in Stücke reißt, wähle ich mit Sorgfalt zwischen einem Perlhuhn mit Graupenrisotto und einer Seezunge in weißem Balsamicolack. Am Ende entscheide ich mich fürs Huhn.

Am Nachbartisch reden ein paar anzugjackerte Herren sehr aufgeregt aufeinander ein, und ab und zu schreibt der sichtlich Jüngste etwas auf einen Block. Lachend malen wir uns aus, was auf dem Block wohl stehen mag, probieren von unseren etwas übersichtlichen Portionen und erzählen uns von den besten Steaks der Stadt. Ich lasse mir vom Prinz von Homburg im DT berichten, der offenbar knöcheltief im Wasser stattfindet, und wir prosten uns auf den großartigen Umstand zu, dass alle diese Dinge, von denen die Zeitungen schreiben, uns nichts angehen, und uns niemand dazu bringen wird, aufgeregt in abgeschabte Blackberries zu schreien, nur weil gerade (einmal mehr) die deutsche Sozialdemokratie untergeht oder die neue Regierung vielleicht doch nicht alles will, was man sich andernorts ausgemalt hat.

Dann bestellen wir Sorbet.

Schmerzlos am Ende des Sommers

Sich eigentlich ganz gut fühlen. Die Vögel zählen, die auf dem Kollwitzplatz Brotkrumen picken, und den trüb-gelben Wein ganz langsam trinken. Es riecht schon nach Herbst. Irgendwann hat mich das alles mal an irgendetwas erinnert, aber der Himmel ist stumpf, blau und leer.

Den Kopf schütteln, wenn man gefragt wird, ob etwas nicht stimmt. Mir tut nichts weh, hake ich einen Körperteil nach dem anderen ab. Mein Bauch ist okay. Mein Rücken gerade. Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung.

„Ich weiß nicht.“, zu sagen. Es verläuft heute wie gestern alles nach Plan. Alles bleicht aus, sage ich, aber das ist nur der Sommer, und was bleibt von dem sinkenden Jahr weiß wohl keiner, und erst recht nicht: Von mir.

Chef

„Dieses Jahr ist das Jahr der verliebten Vorgesetzten.“, erzählt mir meine liebe Freundin B. und führt gleich mehrere Belege dieser These an. Am Nachbartisch schaut ein älterer Herr interessiert von seinem Hähnchencurry auf und überlegt – es ist ihm deutlich anzusehen – ob und welche Mitarbeiterin ihm am besten gefällt. Die B. beugt sich vor und spricht etwas leiser. Ihre Thesen klingen überzeugend: Nicht nur, dass der Herr, für den B. selbst seit Jahren tätig ist, seit vier Wochen auf einmal in amouröser Angelegenheit auf sie zukommt. Eine jüngst in fremde Lande versetzte Freundin teilte gleichfalls mit, dass ihr früherer langjähriger Vorgesetzte beim ersten Mittagessen nach Ende der Zusammenarbeit ihr seine Liebe gestand, und sogar die A. wird seit kurzem von ihrem Chef verehrt und überlegt derzeit ernsthaft zu kündigen. Künftig, so die A. arbeite sie nur noch für Frauen oder Männer ohne Mundgeruch.

Die B. selbst immerhin, erfahre ich, ist nicht grundsätzlich abgeneigt. Die B. verbringt ihre Tage und Nächte schon ziemlich lange allein, und ein mittelfrisch geschiedener Mann ist möglicherweise selbst dann eine amüsante Alternative zu abendlichen Gesprächen mit dem eigenen Kater, wenn er 52 und schon eher nicht so besonders temperamentvoll ist. Selbst der Umstand, dass ihr Chef ihr den Vorschlag für ein gemeinsames Abendessen per Outlook-Kalender (wenn auch als „privat“ gekennzeichnet) übermittelt hat, und seinem Werben die kunstvoll verschlungene schriftliche Versicherung vorangestellt hat, dass Umstände gleichgültig welcher Art, die außerhalb der beruflichen Sphäre anzusiedeln sind, die Qualität der beruflichen Zusammenarbeit auf keinen Fall verkürzen, hat die B. nicht irritiert. Allerdings werde sie den Job wechseln, versichert sie mir, wenn es mit ihrem Chef etwas werde, und für einen Moment überlege ich, ob möglicherweise das Liebeswerben männlicher Vorgesetzter einer der Umstände sein könnte, die der weiblichen Karriere durch beruflich kontraproduktive Anstellungswechsel Steine in den Weg legen und so für die deutlich weniger entwickelten Werdegänge von Frauen verantwortlich sind. Vielleicht haben Gender-Forscherinnen dies bisher übersehen, weil an solchen Fachbereichen männliche Vorgesetzte nicht vorkommen, und ältere Anzugträger am Nachbartisch den Forscherinnen nie beim Aufbruch nach dem Mittagessen bei einem Thai in Mitte so demonstrativ zuzwinkern, dass sie sich bis zur U-Bahn fragen, wessen Vorgesetzter der ältere Herr denn nun gern wäre.

Um acht

Noch vor Anbruch des Tages grundlos gutgelaunt auf dem Balkon zu stehen, den Nachbarn zuzusehen, wie sie ihre Kinder wickeln und der Katze seine Träume zu erzählen. Der große, schwarze Hund. Der Schlamm und die Ebene und die Lichter irgendwo sehr weit weg.

Die Müllmänner ziehen die Container durch den Hinterhof und winken mir zu. In der Küche röchelt Kaffee, weil ich als letzter Mensch auf Erden morgens gern Filterkaffee trinke. Eine Scheibe Weißbrot mit Butter und Gelee im gelben, weich strömendem Licht. Die verblühenden Blumen auf dem Tisch. Im Bad der Duft nach Lavendel, von irgendwo halb verweht Verkehrsmeldungen und für eine letzte Minute auf dem Balkon dem September zusehen: An die Wand gelehnt, träge noch vor Wärme, eine Tüte mit Äpfeln und Feigen im Arm und lächelnd wie die bemoosten, zerfallenen Götter in fernen, schattigen Gärten.

In der Manege

Rigoletto, Komische Oper am 20.09.2009

Es glitzert. Auf der Bühne der Komischen Oper blitzt es aber nicht wie Juwelen oder Ordenssterne, sondern wie die Phantasieuniformen eines Zirkus: Barrie Kosky hat den Hof von Mantua in eine Zirkusmanege verlegt, in der der Herzog (gesanglich schwach: Hector Sandoval) Damen zersägt, wo Clowns herumlaufen, unter einem großen, schwarzen, glitzernden Tuch Personen erscheinen und verschwinden, und wo Rigoletto, der Narr, als Komödiant unter Komödianten seine Witze reißt und die vom Herzog verführten Damen ebenso herzlos verspottet, wie man ihn selbst verspotten wird, wenn im zweiten Akt seine Tochter Gilda trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dem Herzog zum Opfer zum Opfer fällt.

Schön gesungen wird auf der Bühne unter den Linden. Besonders Bruno Caproni als Rigoletto und ganz besonders (ach!) Julia Novikova als Gilda singen großartig, aber trotz vereinzelt hübscher Bilder rührt die Inszenierung mich nicht an. Nun mag dies einerseits daran liegen, dass sowohl eine verlorene Jungfräulichkeit als auch ein mutwillig gebrochenes Herz uns heute gewiss als ein Ärgernis erscheinen mögen, als ein Grund für Trost und Tränen, aber nicht als eine Lebenskatastrophe, und erst recht nicht als eine Katastrophe, die mit unseren Eltern irgendetwas zu tun hätte: Betrügt uns der eine, nun, so wird es ein anderer vielleicht wieder gut machen.

Glauben wir aber nicht mehr an die Irreversibilität des Herzbruchs, so verliert Rigoletto viel von seiner emotional zwingenden Logik, und das tut einem Stück selten gut. Indes ist diese letztlich unüberbrückbare Distanz gegenüber der Gefühlswelt vergangener Zeiten nur ein Teil der Wahrheit, und ein anderer liegt in der Zirkuswelt, die Kosky entfaltet: Ist alles, was auf der Bühne geschieht, ohnehin nur Teil einer Show, so gibt es keinen Grund, den Ernst, den die Musik vielfach transportiert, auch ernst zu nehmen. Ein travestiertes Drama ist keins. Dass – abgesehen von Allgemeinplätzen, wie sie für jede Opernhandlung gelten – keinerlei innerer Zusammenhang zwischen Oper und Inszenierung erkennbar ist, hat die Zurückhaltung des Publikums beim Applaus für die Regie sicher ebenfalls befördert, das – ebenfalls im Einklang mit meinem persönlichen Empfinden – Bruno Caproni und Julia Novikova bejubelt und Hector Sandoval kräftig ausgebuht hat.

Die neuen Stühle und die Textanzeige auf der Rückseite des jeweiligen Vordersitzes immerhin sind ganz und gar zu begrüßen.

Verkäufer

Eine Berliner Klage

1. Der Übereifrige mit Eigensinn

Vor mir steht die Speerspitze der Dienstleistungsgesellschaft und hält mir ein Paar Schuhe entgegen. „Nimm mal die da.“, befiehlt er. Ich zögere. Die angebotenen Schuhe sind türkis, vorn rund und mit einem Budapester Lochmuster verziert. Ich habe nichts gegen Budapester, solange sie an Männerfüßen stecken, aber bevor ich in türkisfarbenen Budapestern mit einem klobigen Absatz auf die Straße gehe, bleibe ich barfuß zu Haus.

Ich schüttele den Kopf. Der Übereifrige ist beleidigt. „Ich stell dir die Schuhe mal hier hin.“, deutet er auf seinen Kassentisch. Ich sehe mich um. Ein Paar schwarze Pumps sind zu flach. Ein anderes Paar hat weiße Nähte, die mir nicht gefallen. Ich verabschiede mich.

„Ich lege dir die Schuhe bis Dienstag zurück!“, ruft mir der Übereifrige hinterher.

2. Die Unfähige

„Ich mach‘ hier nur Aushilfe!“, schickt die Frau an der Metzgertheke vorweg. Sie ist hübsch, blond, würde sie erzählen, eigentlich dem Schauspiel oder der Kunst zu obliegen: Ich wäre nicht überrascht. „Das bekommen wir hin.“, sage ich so freundlich wie möglich, denn die Verkäuferin scheint nervös zu sein. Ich will sie beruhigen.

Eine halbe Minute später wird sie noch nervöser. „500 Gramm vom Rinderschmorfleisch.“, ordere ich, und ganz offensichtlich wird ihr in diesem Moment erstmals klar, dass ein Rind aus unterschiedlichen Stücken besteht. Hilflos betrachtet sie abwechselnd den Rost- und den Lungenbraten, die Nuss und das Ausgelöste aus der Keule. „Von dem da?“, fragt sie mich irgendwann und deutet auf ein beliebiges Stück Fleisch. Immerhin hat sie das Rind erkannt, denke ich, und verneine. „Das hinter dem Gulasch.“, deute ich auf das Stück, das ich haben will. Die Verkäuferin bekommt hektische Flecken.

Immerhin gelingt es ihr einigermaßen fehlerfrei, ungefähr ein Pfund abzuschneiden. „Bis du so nett …“, fragt sie mich, „mir den Preis anzusagen?“ – „€ 12,80“, antworte ich brav (denn niemand soll nur wegen Unfähigkeit Nachteile erleiden). Dann verlasse ich den Biomarkt. Das Mädchen wird es schwer haben in den nächsten Tagen und Wochen.

3. Die Preussische

Wer in Berlin lebt, und die S-Bahn nicht hasst, kommt ohne weitere Untersuchung wegen schweren Realitätsverlusts in die Psychiatrie. Wer wegen der S-Bahn mit der Regionalbahn aus Potsdam zurückgekommen ist, hasst nicht nur die S-Bahn, sondern die Stadt, ihre Einwohner generell und speziell jeden der tausend anderen Menschen, die auch mit der Regionalbahn gefahren sind. Wer dann noch einkaufen geht und feststellen muss, dass der fertig gezogene Strudelteig aus dem Kühlregal heute aus ist, hat ohnehin schon unsagbar schlechte Laune, und wer dann mit abgesehen vom Strudelteig gefülltem Korb an der Kasse auftaucht, will garantiert nicht hören, wie die dauergewellte Megäre, der das Kassieren obliegt, schon beim Glas mit Essigzwetschgen kritisch schaut, um dann ein simples Glas Tessiner Senffrüchte mit den Worten über den Scanner zu ziehen:

„Sie leben ja auch wie die Made im Speck.“