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Die Lautlosigkeitsmaschine

Als sich im Anna Blume die Mixer drehen und jedes Wort zerhäckseln, fällt mir die Maschine wieder ein.

Maximal mittelgroß müsste sie sein, damit man sie stets dabeihaben könnte. Vielleicht könnte man die Maschine sogar mit dem Telephon kombinieren, das eine Extrataste für Stille haben sollte, vielleicht eine kleine Raute am Rand. Ähnlich wie ein schalldämpfender Teppich sollte die Maschine Geräusche verschlucken. Still würde die Welt, drückte jemand die Maschine, und wer anderen etwas mitzuteilen hat, könnte das nur noch schriftlich tun. Um sehr wichtige und angemessene Konversation nicht zu unterbinden, könnte man (als Vorschlag zur Güte) vielleicht auch das menschliche Wort abweichend von allen anderen, komplett zu eliminierenden Geräuschen nur auf ein leises Flüstern und Zirpen dämpfen. Weil sich „Sie Hornochse“ oder so gewispert gar nicht so gut macht, würden Gespräche auch viel weniger aggressiv.

Endlich hätten die meisten Menschen ausgeschlafen. Die Geschlechterbeziehungen würden unendlich profitieren, hörten die meisten Menschen endlich mit den Versuchen auf, sich einander verständlich zu machen. Im Berufsleben würde eine drastische Verkürzung der Arbeitszeiten aus dem Wegfall endloser Meetings resultieren. Statt dessen schrieben Kollegen sich kurze, präzise E-Mails. Auch die Tierhaltung würde weniger strapaziös. Eine gemischte Bebauung auch in urbanen Siedlungsräumen würde reibungsloser und frei von Störungen fast jedweder Art. Die Wirtschaft würde gleichfalls proftieren von dem Boom der Lautlosigkeitsmaschinen, die sich sicher auch als echter Exporthit erweisen würde, und wer die Vorteile der Lautlosigkeit dauerhaft genießen wollen würde, würde sich zum wirtschaftlichen Vorteil der Mediziner auf eigene Kosten die Trommelfelle entfernen lassen.

Falls man es sich anders überlegt, kann man jene ja für den späteren Gebrauch irgendwo aufbewahren lassen.

Daheim

Dann aber am Morgen viel zu früh aufwachen, Kaffee trinken und Wäsche waschen und noch vor zehn am Wasserturm sitzen. Das gelbe Licht des Herbstes. Eine Schulklasse mit kopierten, zerknitterten Plänen. Das langsam fließende Leben der Stadt, die Ruhe ohne Sturm, und sich so zu Hause fühlen, wie es nur der Heimkehrer tut.

Nächsten Sonntag: Eine Ratlosigkeit

Aber seien wir ehrlich: Ganz egal ist es natürlich nicht, wer nächsten Sonntag gewinnt, und die Entscheidung fällt mir schwer:

Da hätten wir zunächst einmal die CDU. Ein bißchen unangenehm, das ist wahr, ist mir bereits die kulturelle Heimat der deutschen Konservativen in einer so etwas muffigen Welt aus Schützenkönigen und Hausfrauen und Rentnern, die jede Woche ihren Rasen mähen. Was die Modernisierung der CDU angeht, traue ich dem Braten nicht so recht. Mag sein, man tut der CDU unrecht, aber ich werde das Misstrauen nicht los, dass die Ressentiments gegen die Unordnung der großen Städte, Lebensformen, die anders aussehen als Kleinfamilien mit Kombi, noch ganz dicht unter der aufpolierten Oberfläche lauern, und die CDU, kurz gesagt, für ein anderes Deutschland steht als das meine. Nun soll man Wahlentscheidungen nicht anhand ästhetischer Kriterien treffen. Doch allein schon wegen des Umstandes, dass die CDU die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken befürwortet, geht meine Stimme nächsten Sonntag wohl eher nicht an Frau Merkel.

Die FDP wähle ich nicht. Gegen die FDP spricht – neben der Frage der Kernkraftwerke – ein Grundmisstrauen. Ich habe nichts gegen einen gewissen Unernst und den Wunsch, Karrierre zu machen. In meinen Augen ist es normal, dass jemand, der Politik betreibt, regieren will. Ich habe auch nichts gegen SUV-Fahrer. Ich hege keine Abneigung gegen Zahnärzte. Die intellektuelle Unredlichkeit der FDP aber hinsichtlich der Frage, wie Gesellschaft aussehen soll, empfinde ich als unangenehm und als feige. Wer eine Klientelpolitik betreibt darf nicht sich und anderen weismachen, dies gehe ohne Opfer an anderer Stelle ab. Wer den wirtschaftlich und gesellschaftlich Erfolgreichen weitere Vorteile verschaffen will, handelt unredlich, wenn er dies moralisch auflädt. Es ist jedem normalen Menschen klar, dass Leistung nur sehr teilweise über individuellen Erfolg bestimmt. Erleichterungen für ohnehin nicht sonderlich Belastete als Leistungsprämie auszugeben, widerstrebt mir. Ich werde die FDP – so viel steht fest – nicht wählen.

Mit der SPD ist es ebenfalls nicht einfach. Ich habe an sich gar nichts gegen die SPD. Dass ihr Spitzenkandidat nicht gerade das ist, was man einen Charismatiker nennt, nun gut: Das unterscheidet ihn nicht von der Konkurrenz. Wenn die SPD Klientelpolitik betreibt (von der ich nicht profitiere), dann hat dies zumindest nicht den unangenehmen Beigeschmack wie bei anderen Parteien, hier würde eine gesellschaftliche Gruppe eine ohnehin starke Position ausnutzen, um sich weitere Vorteile zu verschaffen. Auch die Agenda 2010 hat mir einigen Respekt abgenötigt.

Indes: Die Ansichten der Sozialdemokratie über die Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik teile ich ganz ausgesprochen nicht. Die sozialdemokratische Bildungspolitik halte ich für ein Verhängnis. Ich glaube nicht, dass das gemeinsame Lernen Kindern nützt, und sehe Bildung – anders als weite Teile der Sozialdemokratie – nicht als ein Instrument gesellschaftlicher Veränderung. Zudem irritiert mich an der SPD der durchaus beschränkte Radius ihrer Phantasie, das Defensive eines Kampfes um Arbeitsplätze in einer industriellen Welt, die ich als gestrig empfinde, und das Würdelose, wenn die SPD versucht, auf neue Milieus zuzugehen. Ich mag auch die meisten SPD-Politiker nicht. Ich könnte mir eine SPD in der Opposition für die nächsten zwei, drei Wahlperioden gut vorstellen, wenn denn die Alternativen nicht gar so unattraktiv wären. Wählen werde ich die SPD aber schon deswegen nicht, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass das Versprechen, mit der in meinen Augen ganz und gar unseriösen Linken nicht zu koalieren, besonders lange hält.

Mit den Grünen ist es aus diesem Grunde diesmal leider auch schwierig. Kulturell bin ich im grünen Milieu wahrscheinlich am ehesten daheim. Das grüne Personal irritiert mich relativ gesehen noch am wenigsten. Die Betonung ökologischer Fragen auch unabhängig von Nützlichkeitserwägungen halte ich für ebenso richtig wie die grüne Politik im Umgang mit Minderheiten. Was die Bildungspolitik angeht, halte ich die Grünen (sonderbarerweise – im Programm steht bekanntlich etwas anderes) für vernünftigem Zureden empfänglicher als die insgesamt durchaus etwas bildungsferne SPD. Es kann sein, dass ich nächsten Sonntag wieder bei den Grünen lande. Aber die rot-rot-grüne Option gefällt mir dermaßen gar nicht, dass ich vielleicht, möglicherweise und erstmals bei einer Bundestagswahl zu Hause bleibe. Jedoch ist dies natürlich auch keine Alternative, denn regiert, regiert wird am Ende sowieso, ob nun mit oder ohne meine Stimme.

Doch wie die Regierung auch immer aussehen wird: Ich werde nicht glücklich sein, nächsten Sonntag.

In der besten aller Welten

„Aber das muss es doch geben!“, protestiere ich. Ein Hotel am Meer, irgendwo im Süden, weil ich gern am Meer bin (auch wenn ich nicht gern am Strand liege) und keine Lust auf eine Ferienwohnung habe, die ich selber saubermachen müsste. Ich putze sehr, sehr ungern, und würde in der Not eher aufhören zu rauchen als selbst zu putzen.

Das Hotel müsste gut aussehen und gut riechen. Ich denke an helle, beruhigende Farben. Elfenbein etwa, Isabella, ein sehr, sehr dezenter Pistazienton, ab und zu aufgelockert durch einen Tupfer Fraise. Reinweiße Orchideen. Das Hotelpersonal soll sehr effizient und fast lautlos sein, so ein gehauchtes „ja, gern“. In der ganzen Hotelanlage müsste es ruhig sein, fast still. Auf keinen Fall soll Musik laufen. Weder soll in der Bar ein Pianist das Beste von Frank Sinatra spielen, noch soll im Spa so eine fernöstlich inspirierte Meditationsmusik laufen. An Diskotheken oder Animation ist natürlich ohnehin schon vom Ansatz her nicht zu denken. Ich war noch nie in einem Hotel, das derlei angeboten hätte, und werde das auch keinesfalls ändern.

Die anderen Gäste soll man gleichfalls kaum hören. Leise, gedämpfte Gespräche stelle ich mir vor. Wenn es Menschen an den Strand zieht, so sollen sie durch Paravents geschützt voneinander liegen. Es versteht sich von selbst, dass Tangas, Tätowierungen oder ähnliche Entstellungen gar nicht vorkommen. Vielleicht liegen die meisten Gäste, sind sie gerade im Haus, auch auf ihren Balkonen und lesen gute Bücher, über die sie klug und bescheiden abends an der Bar sprechen, wenn man sie fragt. Natürlich gibt es nicht nur (wie hier) eine Kleiderordnung, sondern die Gäste (anders als hier) halten sich auch durchweg daran. Im besten Fall sehen die anderen Gäste auch noch auf eine stille, anmutige Weise passabel aus, aber das muss nicht sein.

Um das Hotel herum sollen schattige Gärten liegen, vielleicht auch ein verschlungener uralter Wald. Unweit soll ein Dorf oder eine kleine Stadt gelegen sein und ganz unabhängig von dem Hotel vor sich hin existieren. Die Ortsansässigen sollten eine fremde Sprache sprechen und nur ganz wenig Englisch mit einem schwer verständlichen, gleichwohl charmanten Akzent. Morgens darf – aber nicht zu früh – weit entfernt eine Glocke läuten, und abends rauscht das Meer unter wärmeren Winden.

Wie ich fast den Berg bestieg

„Moment mal – das hat doch irgendwas Negatives mit mir zu tun!“, schaltet sich der J. ein und tippt auf den Bildschirm. Um ein Haar kippt mein Mai Tai um, doch am Ende behalte ich die Oberhand. Schließlich gilt es Zeugnis abzulegen von meinem heutigen Versuch

einen Berg zu besteigen,

der einzig und allein am J. gescheitert ist, denn aus Gründen, die keiner kennt, lehnt mein geschätzter Gefährte, der J., es nicht nur weitgehend ab, zu Fuß zu gehen, er ist zudem ein entschlossener Gegner des Besteigens von Bergen, nein: Von Bergen überhaupt.

„Ich weiß nicht, was ich da oben soll!“, protestierte der J. daher schon kurz nach dem Aufbruch. Majestätisch, gleichwohl laut dem Reiseführer für Senioren und Kinder gleichermaßen geeignet, erhob sich der heilige Berg Gunung Lepuyang (oder so ähnlich) über unseren Häuptern. Zwei Stunden sollte der Aufstieg dauern, aber unser Aufstieg war nach zwanzig Minuten zu Ende. Entschlossen, zum Wagen zurückzulaufen, blieb der J. stehen, kehrte um und lief so schnell er konnte vor dem Berg, vor mir und insbesondere vor der körperlichen Anstrengung weg. Hinter uns kläfften einige Hunde, und die Verkäuferinnen von Ständen, an denen man Wasser kaufen konnte, sahen uns amüsiert nach.

„I thought you would go to the top!“, kommentierte der Fahrer unser schnelles Erscheinen. „Hah!“, oder so ähnlich ließ sich der J. vernehmen und fuhr gemächlich, durch Palmenhaine und Reisterrassen, vorbei an Hütten und Häusern dem Strand entgegen. Es sei Zeit für einen Kaffee, verkündete der geschätzte Gefährte und deutete vorwurfsvoll auf einige Schweißflecken auf seinem Hemd.

Vorm Uluwatu Tempel

Dann aber doch, in den zehn Minuten, bevor der Bus hinter uns seine Ladung auf die Klippen spuckte, konnte ich fliegen. Jadegrün, gekrönt von Wind und weit entfernten Schiffen, lag das Meer unter mir, und sein Salz würzte mir das Blut in den Adern. Die Vögel sprachen mir von den Gesängen der Sonne, der Wolken, und selbst die Surfer auf den Klippen schwebten eine Handbreit über dem schwarzen Stein.

„You must wait for the dance.“, rief man mir nach, aber ich tanzte selber, zog meine Kreise, und die Sonne schmolz mir die wächsernen Flügel diesmal, nur einmal, gnadenreich nicht.

Atmen, einfach atmen

Vor der Markthalle der Inselhauptstadt Denpasar, dem Pasar Badung, heftet sich eine Frau mittleren Alters an unsere Fersen und redet vom Fisch bis fast zu den Textilien in unverständlichem Englisch auf uns ein. Über den Fischverkaufsständen befinden sich Miniaturtempel auf langen Stielen. Zu Füßen der mehrgeschossigen Markthalle fahren alle Balinesen gleichzeitig Auto oder Motorrad, und der schon eher lärmempfindliche J. dreht um. Er werde Denpasar nun unverzüglich verlassen.

Mit dem nächsten Taxi fahren wir nach Sanur. Missvergnügt sitzen wir uns an einem Plastiktisch am Strand gegenüber. Die schon eher wrackige Sanur Beach Restaurant & Bar bietet uns europäisches, chinesisches und indonesisches Essen an. Es ist Ebbe. Neben uns blättert ein blondes Paar im Lonely Planet. Ich habe keine Ahnung, was sie ausgerechnet hier suchen: Lonely ist hier nichts.

„Das ständige Gehupe!“, bricht es aus dem J. heraus. Die angepriesene balinesische Stille jedenfalls muss irgendwo anders stattfinden. Das dressierte Lächeln. „Wenn das nächste Mal einer Excuse me … sagt!“, stöhnt mein geschätzter Gefährte weiter. Das Essen sei deutlich schlechter als etwa in Thailand, und zudem zerrüttet es des J. geistige Gesundheit, alle drei Meter angesprochen zu werden, ob er massiert, gefahren oder gefüttert werden will.

„Hier ist halt Asien und nicht Hannover.“, versuche ich den Aufgebrachten zu beruhigen. Ganz gelingt es mir nicht. Auch ich, gebe ich zu, habe mir auf Basis der verfügbaren Informationen ein deutlich weniger geräuschvolles und möglicherweise durchaus geschmackvolleres Bild gemacht. So verkauft der angeblich berühmte Kunsthandwerksmarkt in Ubud den selben Krempel, den man in jedem beliebigen Badeort Asiens kaufen kann, die selben Bambusmatten, bunt bemalten Esstäbchen, Servietten und Decken, Sarongs und geschnitzten Elefanten, Aschenbecher und scheußliche Tabletts. Die Bilder, für die Ubud als die Stadt der Maler bekannt sein soll, gleichen denen aufs Haar, die in Möbelhäusern angeboten werden und in greller Acryltechnik Pagoden vor Sonnenuntergängen, fehlfarbenen Buddhas, Tiger oder unbekleidete Mädchen mit Blumen im Haar zeigen. Die einheimische Kultur, soweit sie es bis in Museen geschafft hat, missfällt mir zwar nicht, weckt aber auch kein besonderes Interesse. Es mag an mir liegen, aber mehr als dekorativ erscheint mir keins der Exponate.

Auf dem Rückweg ins Hotel schweigt der J. verbissen und sieht aus dem Fenster. Der Fahrer hupt und schmatzt. „Good afternoooooon! How are you?“, jubelt der Boy uns vorm Portal des Hotels entgegen, als wir aus dem Wagen steigen. Neben mir höre den J. langsam ein- und ausatmen.

Der J. wird, so wie es aussieht, das Hotel bis Sonntag nicht mehr verlassen.

Die Hölle der Perfektion

Nun, seien wir ehrlich: Zumindest Teile der Hölle finden in Strandhotels statt. Schwere Vergehen werden durch den Daueraufenthalt in Backpackerabsteigen gesühnt, in denen den ganzen Tag Bob Marley singt, und blonde, sonnenverbrannte Schweden mit T-Shirts, auf denen Bierwerbung abgedruckt ist, mit zerlumpten Einheimischen um den Gegenwert von fünfzig Cent feilschen. Nachts amüsieren sich die Schweden mit laut kreischenden australischen Mädchen, und verwickeln anderntags harmlose Passanten in lange Gespräche über den unglaublichen Spirit des Landes, in dem man sich gerade aufhält.

Für andere, nicht weniger schwere Sünden, kommt man in Clubs. Auch hier läuft den ganzen Tag laut Musik, aber statt selbstgerecht-alternativer Studenten sitzen die Sekretärinnen aller Länder am Pool, zeigen einander ihre Tätowierungen, und ihre missratene Brut springt mit größtmöglicher Intensität in den chlorstinkenden Pool. Jeden Abend gibt es dasselbe Buffet.

Andere, geringere Sünden – lassen sie uns von den weniger geräuschvollen Verbrechen sprechen – werden in Hotels wie diesem geahndet. Der Bestrafungscharakter des Aufenthalts ist hier weitaus subtilerer Natur. Jeden Morgen der Ewigkeit wacht man also auf, die Sonne scheint, das Hotelpersonal ist von undurchdringlicher, unverwüstlicher Freundlichkeit, die Hotelanlage ist preisgekrönt geschmackvoll, und das Frühstücksbuffet bietet alles, was man auch nur potentiell morgens essen will. Der Strand ist lang und weiß, der Spa gepflegt, rundherum kann man sehr gut dinieren, und die ersten Tage denkt man tatsächlich, so schlimm könnten die kleinen, lässlichen Sünden des eigenen Lebens nicht gewesen sein. Man liest jeden Tag ein Buch und abends trinkt man Gin Tonic oder frische Säfte.

Nach wenigen Tagen aber beginnt die Idylle an den Nerven zu zerren. Die Ereignislosigkeit befördert eine gewisse Nervosität, man wird unruhig, und dass einen die Sehenswürdigkeiten des Umlandes nicht so besonders interessieren, macht die Sache natürlich auch nicht besser. Man engagiert einen Fahrer, der einen umsichtig und unaufdringlich überallhin bringt, wo man hin möchte. Tag für Tag steht man vor irgendwelchen Tempeln, die alle gleich aussehen, man könnte Märkte besuchen, bei denen es kunsthandwerkliche Produkte kaufen, die man zwar nicht braucht, die aber ganz hübsch aussehen, und man könnte – wollte man das – Kurse belegen, bei denen man einheimisch kochen, surfen, segeln oder tauchen lernen kann. Ganz Verzweifelte könnten auch irgendwelche Kreativkurse buchen, um Fertigkeiten zu erlernen, die ich zumindest noch nie im Portfolio meiner Fähigkeiten vermisst habe.

Abends liegt man im Bett und stellt sich mit von Nacht zu Nacht wachsender Intensität vor, man säße im LassunsFreundebleiben. Oder in der 103 Bar. Oder im fluido. Ganz gern, stellt man fest, würde man das KaDeWe durchstreifen, vielleicht in der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz Bilder betrachten, die einen im Gegensatz zu den hierzulande ausgestellten Gemälden auch interessieren, und außerdem hätte man gern weniger Leute, die irgendwie unsympathisch wirken, um sich herum, und dafür die eigenen Freunde, die zwar auch Krach machen, aber wenigstens nicht dazu neigen, am Strand halbnackt minderwertige Bücher von Danielle Steel oder Dan Brown zu konsumieren. Man fängt an, sich vor den sonnenbadenden Menschen im Hotel zu ekeln, und stellt sich manchmal, schließt man die Augen, vor, statt des Meeres würde die Torstraße rauschen.

Nach einer Woche zählt man die Tage, doch statt irgendwann erfreut den weiteren Verbleib mit „fünf“ durchaus überschaubar beziffern zu können, wäre man – wäre das hier die Hölle und nicht nur ein Strandhotel – verdammt in alle Ewigkeit und verloren in der Perfektion.

Es gibt hier nichts auszusetzen. Aber partiell es ist schwer erträglich.

Heiraten

„Oh nein!“, sage ich und verkneife mir das Lachen. Immerhin geht es um die Schwester der K., deren Freund ihren Heiratsantrag abgelehnt hat. „Oh doch.“, nickt die K. zur Bestätigung und lacht nun selber. Die Szenerie sei, entschuldigt sie sich bei der abwesenden Schwester, einfach zu komisch gewesen.

Wieso die Schwester nicht einfach abgewartet hat, bis ihr Freund von selber fragt, weiß die K. leider auch nicht. Vielleicht hat er sich allzu lange Zeit gelassen, möglicherweise hat die Schwester auch gedacht, er warte nur auf einen beherzten ersten Schritt seiner Freundin, aber wie auch immer: Sie kaufte einen Ring. Sie kaufte Champagner. Sie lotste ihren Freund auf die Pfaueninsel, die leider nicht leer war letzten Sonntagmorgen, und irgendwo zwischen den Schlösserattrappen Friedrich Wilhelm IV. fiel sie auf die Knie.

„Das ist ja schon eher ungewöhnlich.“, kommentiere ich diesen seltenen Akt der Emanzipation und kaue mein Pad Thai besonders gründlich, damit auch eine halbe Portion reicht. Ich will zwar nicht heiraten, aber so fett, dass ich auch niemals heiraten könnte, möchte ich nun auch nicht werden.

Der Freund der Schwester stand wohl eher etwas hilflos vor seiner Freundin und sah sich um. In einiger Entfernung sahen andere Spaziergänger neugierig zu dem Paar herüber. Er versuchte sie aufzuheben, aber sie schüttelte entschlossen den Kopf. Es gebe etwas zu besprechen. Dann zückte sie den Ring.

Nun sind die Schwester und ihr Freund nicht erst seit gestern ein Paar, und vermutlich kennt er die Neigung seiner Freundin zu unkonventionell energischem Auftreten. Ihre Schwester, behauptet die K., sei nämlich generell eher etwas forsch. Einen Heiratsantrag hatte er gleichwohl offenbar nicht erwartet, denn er wich angstvoll einige Schritte zurück, schüttelte erst einmal, dann ganz oft den Kopf, und dann ging er einfach weg.

Den Champagner hat die Schwester dann allein getrunken. Wie auch immer es ihr gelungen ist, diesen Affront zu verzeihen: Man bleibt bis auf Weiteres ein unverheiratetes Paar. Den vorsorglich reservierten Festsaal hat sie abgesagt.

Am Strand

Strand ist ja nichts für mich. Man kann sich das im schlechtesten Fall nicht übel genug vorstellen: Man liegt also auf einer Liege, lauter dicke, rote Menschen trampeln an einem vorbei, trinken knallbunte Getränke, und ab und zu kommt eine fiepsige Animateurin, die künstliche Fröhlichkeit verspritzt. Abends gibt es Aufläufe, billiges, paniertes Fleisch, Schaumspeisen und Leute, die sich in kurzen Hosen schlecht benehmen. Da kann man natürlich überhaupt nicht hin.

Im besten Fall ist ein Strand nur langweilig. Die ersten drei Tage ist das sehr okay, man ist müde, döst, starrt das Meer an und liest Bücher nicht in Häppchen aus dreißig Minuten, sondern ein paar Stunden am Stück. Das Hotel ist so ruhig wie eine Palliativstation mit gut sedierten Patienten. Das Essen wird sorgfältig zubereitet und serviert: Ich bin kein großer Freund von Buffets. Kinder gibt es maximal vier oder fünf, die irgendwo verträumt herumsitzen und mit kleinen Schäufelchen Burgen bauen und schweigen. Alle andere Leute sind gepflegt und ziehen sich ordentlich an, wenn sie etwas essen. Niemand betrinkt sich.

Nach zwei Tagen beginnt man, viel Sport zu treiben. Nach drei Tagen wird man etwas unruhig. Na, denkt man, jetzt müsste mal – es passiert aber nichts. Dann fährt man irgendwohin und besichtigt weiße Schlösser und verfallende Kirchen, antike Stadtkerne oder fremdländische Basare. Abends plant man bei einem Glas Wein den Ausflug des kommenden Tages, während irgendjemand Harfe oder Klavier spielt, und wenn man erleichtert, der Langeweile zu entkommen, wieder nach Hause fährt, hat man alles vergessen, was man über die Schlösser, Kirchen und Innenstädte erfahren hat, und fühlt sich wahnsinnig energetisch aufgeladen und erfrischt.

Mit einer gewissen Besorgnis allerdings betrachte ich den Umstand, dass nichts, was es auf Bali gibt, so subjektiv nach Besichtigung schreit. Es mag eine Schande sein, das zuzugeben, aber tatsächlich interessiert mich die Kultur der Leute vor Ort eigentlich nicht so besonders, und in meinen Augen sehen die meisten dieser Tempelanlagen schon ziemlich ähnlich aus. Immerhin esse ich gern. Ich hoffe, die Balinesen können gut kochen. Vor lauter Sorge habe ich sehr, sehr viele Bücher bestellt, möglicherweise zu viele Bücher, um sie aufpreislos durch die halbe Welt zu schleppen, und vielleicht nehme ich nun doch den Rechner mit, um im Hotel ein paar Geschichten aufzuschreiben. Strand ist ja eigentlich nichts für mich.