Andere Leute lesen das doch auch, denke ich und zwinge mich durch die Leseproben der Bücher von der Longlist für den Deutschen Buchpreises. Die ausgewählten Bücher, stelle ich fest, interessieren mich nicht die Bohne.
Vermutlich liegt’s an mir, sage ich mir. Bestimmt sind die Bücher super, und nur meine Vorurteile gegen die Gegenwartsliteratur hindern mich daran, mir etwa aus dieser Liste ein dickes Päckchen für den demnächst stattfindenden Urlaub auf Bali zusammenzustellen. Bestimmt warten irgendwo Perlen auf mich, an denen ich auf den eingefahrenen Gleisen meiner Lesevorlieben einfach vorbeifahre, und doch bringe ich es einfach nicht über mich, mir bei amazon irgendetwas auszuwählen und mitzunehmen. Gerade, stelle ich fest, erscheint mir das alles nicht reizvoll, was in den letzten Jahren geschrieben worden ist, und so frage ich, sehr verehrte Damen und Herren, wiederum Sie:
Hat Sie eine Neuerscheinung beeindruckt? Oder können Sie vor irgendwelchen Lieblingen des Feuilletons nur warnen? Was soll eine wirklich diesmal ziemlich erholungsbedürftige Frau auf Bali am Strand lesen, der die Politeia zu mühsam, Krimis zu langweilig, Familiengeschichten zu oft dagewesen, Problemliteratur zu abscheulich und Paolo Coelho und Konsorten zu flach erscheinen?
Sie, meine lieben Reisenden, mögen diese Stadt. Sie sitzen gern vor den Cafés am Hackeschen Markt. Sie mögen die Restaurants am Kollwitzplatz, von denen ich mich immer frage, wer da eigentlich hingeht, und Sie besuchen Orte und Attraktionen, von denen ich vermutlich gar nichts weiß oder noch nie da war. Im Reichstag beispielsweise war ich nur beruflich und auf dem Fernsehturm am Alex noch nie.
Einige Vorlieben, meine lieben Reisenden, haben Sie und ich gemein. Auch Sie mögen beispielsweise den Wochenmarkt am Kollwitzplatz und photographieren aus ungeklärten Gründen dort Stände, an denen es Brot zu kaufen gibt, Würste oder Fisch, und sicher sind Ihre Freunde zu Hause sehr, sehr begeistert, wenn Sie Bilder mitbringen, auf denen lauter Artischocken abgebildet sind. Ich würde Sie gern einmal fragen, ob es dort, wo Sie herkommen, eigentlich keine Wochenmärkte gibt, aber ich habe es am Samstagmorgen meistens eilig und für längere Gespräche daher eigentlich keine Zeit. Übrigens machen Sie mich wahnsinnig, wenn Sie so ganz, ganz langsam über den Markt schlendern und nie etwas kaufen außer vielleicht ein Stück Seife oder so, weil Sie mit einem Steinbutt oder einem Huhn ja ohnehin nichts anfangen könnten in Ihrem Hotel.
Dass Sie ein wenig Geld in diese Stadt bringen, finde ich natürlich toll. Umfangreiche Erfahrungen in unterschiedlichen Regionen haben mir nämlich die Erkenntnis vermittelt, dass Städte, in denen viel gearbeitet wird, schlecht sind fürs Gemüt. Denken Sie nur etwa an Stuttgart, Brüssel oder Frankfurt am Main. Da hebt sich Berlin natürlich sehr vorteilhaft ab. Städte, in denen kein Geld zirkuliert (Görlitz zum Beispiel oder Bremerhaven), sind aber auch kein guter Ort zum Leben, weil es da an den Dingen einfach fehlt, die man halt so braucht für ein glückliches Leben. Eine ordentliche Pâtisserie etwa. Gute Bars. Läden, in denen schöne, gut angezogene Menschen mit Geld um sich werfen. Da lobt man sich doch Berlin, wo ziemlich viele Mittel unter die Leute gebracht wird, die nicht hier, sondern sonstwo verdient wurden. Bitte geben Sie daher angemessen viel Geld aus, und zwar ausschließlich für irgendwelchen unnützen Krempel. Sie werden es nicht bereuen.
In einigen Punkten kann ich Ihr Tun und Treiben allerdings nur verurteilen. So werfen Sie Straßenmusikanten immer wieder etwas in den Hut. Beispielsweise die Zwei-Personencombo, die gestern wieder vor dem Mao Thai stand, bis die Kokosmilch flockte, gäbe endlich Ruhe, behielten Sie Ihr Geld für sich, und auch die Frauen, die Hein spielt so schön auf dem Schifferklavier auf der Zieharmonika intonieren, gehören abgeschafft und nicht entlohnt. Geben Sie besser möglichst geräuschlosen Bettlern milde Gaben, die einfach so dasitzen. Das wird eine erzieherische Wirkung auf Straßenmusikanten ausüben. Bitte geben Sie auch den Obdachlosenzeitungsverkäufern nichts, die sind auch immer so laut.
Überhaupt Ruhe: Ich will an dieser Stelle gar nicht Ihre Kinder thematisieren, die ich super finde, weil sie ausschließlich nach Berlin kommen, um zu feiern und ganz viel zu trinken. Ich finde das völlig nachvollziehbar, denn schließlich ist die Ausrichtung von Festen fast das Einzige, was hier wirklich gut funktioniert, und wenn ich dahin gehe, wo auch Ihre Kinder tanzen, weiß ich, dass es laut wird, und begebe mich meistens sogar extra dahin. Gar nicht gut finde ich es aber, wenn Sie selbst lärmen, etwa als übergewichtiger Teil eines Junggesellenabschieds, als sogenannte Kollegensause oder weil Sie und ihre Freunde glauben, die Berlinerinnen, eingeboren oder zugezogen, hätten auf Sie nur gewartet. Wer auch immer Ihnen eingeredet hat, die Frauen Berlins gingen auf Einladungen trinkfreudiger Männergruppen zum Bier gern ein: Er hat Sie belogen.
Ach, liebe Reisende. Viel gäbe es noch zu sagen. So sollten Sie (aber wo gilt das nicht) sich im Interesse eines angenehmen Straßenbildes einfach so kleiden wie immer und nicht wie jemand, der einen Berg besteigt oder eine Morast durchwatet. Seien Sie versichert: Das Dickicht der Städte ist nur so eine blöde Redensart. Wenn Sie S-Bahn fahren, sollten Sie daran denken, nicht unmittelbar hinter der Rolltreppe anzuhalten, um zu überlegen, wo Sie hinwollen, und wenn Sie etwas Typisches essen möchten, nehmen Sie bitte Abstand von Eisbein und Currywurst; das riecht so komisch und sieht auch nicht gut aus. Wenn Sie Leute ansprechen, die nicht berlinern, sagen Sie Ihnen nicht, dass Sie das enttäuscht, und wenn Sie jetzt noch aufhören könnten, auf irgendwelchen beliebigen Plätzen der Stadt aus großen Wasserflaschen Wasser zu trinken, als durchquerten Sie die Wüste Gobi und nicht den Helmholtzplatz, verzeihe ich Ihnen sogar die erhebliche Verkehrsbehinderung, die Sie verursachen, wenn Sie so bedächtig auf einer dieser Fahrradstadttouren durch die Gegend fahren, als säßen Sie das erste Mal seit zwanzig Jahren auf einem solchen Gefährt.
Dass es all das noch gibt, denke ich und trinke noch etwas Wasser. Die Tafel hinter dem Kassenhäuschen, auf der die Luft- und Wassertemperatur steht. Das Riesenschach mit den alten Männern und den Buben davor. Die Kette aus kleinen Plastikbojen, die markiert, bis wohin Nichtschwimmer dürfen, und die Strandkörbe, die vielen, bunten Badetücher mit Familien drauf, die Kühltaschen, Schwimmtiere, Bälle und kleine Klappstühle mitgebracht haben. Ab und zu kommen kleine Kinder aus dem Wasser zu einem der Handtücher gelaufen, holen sich irgendetwas, putzen ihre Nasen und stecken sich etwas in den Mund, und dann sind sie wieder weg.
An einem kleinen Häuschen gibt es Pommes Frites, billige Bratwürste, Eis und Süßes. Auf ein paar Plastikstühlen sitzen rotbraune alte Männer und trinken Bier, und im dunkelgrünen Schatten der Bäume sitzen auch wir auf einem Handtuch, lesen Zeitungen, überlegen, wo und wann wir was essen und bestätigen uns, dass es eigentlich nicht so besonders schön ist hier, ein wenig schäbig und unelegant, höchstens mittelmäßig gepflegt, und doch genau richtig für uns an einem Sonntag im August, der so heiß ist wie die Sommer unserer Kindheit vor dreißig Jahren: Irgendwo in einem versunkenen Land.
Hey, sage ich. Ich habe doch schon vor Jahren meine Seele irgendwem verkauft, der gerade vorbeigekommen ist, und wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe, sehe ich meinen Resten beim Zähneputzen zu. Ich habe irgendwann nachts um vier auf dem Heimweg beschlossen, dass das alles so zu reichen hat für jemanden wie mich, und jetzt beobachte ich, wie die Petrischale sich füllt mir irgendwelchem grünem Schleim, und wenn der Deckel sich hebt, fange ich an zu husten und dann bin ich tot.
Das macht nichts, könnte man sagen, denn nichts, was mich interessiert, wird die nächsten zwanzig Jahre passieren. Wer sich ausgerechnet in mich verliebt, ist selber schuld. Was ich noch imstande bin, kann man auf Papier lesen, das irgendwo abgeheftet wird, und das keiner liest. Schon in Ordnung, sage ich dazu. Und: Passt schon.
Vielleicht auch: Wozu.
Dienstag abend schlagartig eingeschlafen. Hinter der Pforte des Schlafs zurück ins Bad. Diesmal vor dem Spiegel Bilder auf meiner Haut bemerkt: Kleine Grotesken, farbig und ornamental wie im Inneren florentinischer Paläste. Für einen Moment recht zufrieden gewesen mit meinem Aussehen, aber dann doch erst skeptisch, verzweifelt sogar ob des Termins am nächsten Morgen um zehn. Ich würde mich sorgfältig bedecken müssen, wurde mir klar. Man sollte etwas gegen die Bilder tun.
Unmittelbar danach auch schon die Klinik erreicht. Ein wenig industriell, riesige Blöcke aus Beton. Gleichwohl alles sehr sauber, mintgrün und weiß, und auch die Schwestern und Ärzte rosig und frisch und allesamt haarlos. Vermutlich ist das steriler. Der Empfang war freundlich und professionell.
Eine kurze Verwirrung umgibt den Prozess der Desinfektion. Es muss etwas schiefgelaufen sein, denn irgendwie zog es mich in der Schleuse kurz nach oben, dann ließ der Sog nach und ich fiel hart auf ein Bett. Aus irgendwelchen Gründen zog das medizinische Personal mit farblosen Stiften alle Bilder sehr sorgfältig nach.
Schließlich wurde ich zur Elektrolyse geführt. Die Ärzte sangen mehrstimmig wortlose Lieder, das Licht ging an, und mehrmals führte man mich um einen schneeweißen Trichter. In der Mitte klaffte ein Loch. Mehrere Personen schnallten mich fest. Von der Decke fielen Seile. Befestigt und mit kleinen, rosa Stöpseln in den Ohren zog man mich hoch. Lampen flackerten, es klingelte und brummte, und als ich mit den Füßen in die Öffnung geriet, kribbelte meine Haut, wurde heiß, riss (glaube ich), und im Hintergrund lachten die Ärzte und Schwestern ausgelassen und laut und etwas albern.
Schlagartig aufgewacht. Zurück ins Bad. Die Bilder immerhin wunschgemäß allesamt verschwunden.
Am Samstagabend habe ich gar nicht so arg viel geraucht. Drei oder vier Zigaretten vielleicht auf dem Sommerfest, das der J. und ich um elf verlassen haben. Zwei oder so vor dem Visite ma tente. Die letzte – das weiß ich ganz genau – habe ich halb geraucht ausgedrückt. Gut hat sie nicht geschmeckt, obwohl der Abend so schön war: Warm und leuchtend auf den Stühlen vor der Bar. Dazu ein Martini auf Eis.
Am Sonntag mochte ich nicht rauchen. Manchmal ist das so, eher selten, und dann ekeln mich alle meine Aschenbecher ein bißchen, sogar der weiße, rechteckige aus Porzellan und mein Lieblingsaschenbecher aus javanischem Messing. Den ganzen Tag hatte ich nicht einmal Lust aufs Rauchen, und als ich draußen war, mit dem M., der M. und dem J. im Mauerpark zum Karaoke, hatte ich nicht einmal Zigaretten mit. Montag habe ich auch nicht geraucht. Heute eine, weil ein Kollege nicht allein rauchen wollte. Geschmeckt hat sie nicht.
Das ist ja großartig, Frau Modeste, höre ich es nun schon aus dem Netz rauschen. Mit dem Rauchen aufzuhören, ist ja sehr populär. Indes: Nichts auf Erden gibt es einfach so und ohne bittere Dreingabe. Denn hier, meine Damen und Herren, sitze ich, löffele Kartoffelsuppe, sortiere mich nach meiner wie üblich etwas zu späten Heimkehr aus dem Büro vor vierzig Minuten und nichts fällt mir ein. Nichts. Heute bleibt dieses Blog leer. Dabei war gestern und heute nicht weniger los als sonst. Dabei habe ich letzte Nacht sogar etwas besonders Bizarres geträumt. Aber ohne den weißen Rauch, ohne das Knistern von Tabak, ach: ohne die langsamen, trägen Züge fällt mir nichts ein, was zu erzählen sich lohnt. Vielleicht schmeckt es morgen wieder.
Ab und zu spreche ich mit Leuten, die sich beruflich mit Politik beschäftigen, und die Gespräche verlaufen dann oft ein wenig ungut: Ich sage, was ich über irgendetwas denke, und mein Gegenüber verweist auf die Anderen. Die Anderen, die das, was ich will, nicht wollen. Die Anderen finden etwa, wie ich bisweilen höre, Arbeitsplätze seien wichtiger als Ökologie. Sie finden Protektionismus gut. Sie sind stolz auf deutsche Autos. Sie haben mehr Angst vor Kriminalität als vor einem Polizeistaat. Alle diese Annahmen teile ich nicht, aber wie man mir sagt, komme es auf meine Überzeugung nicht an. Die Anderen seien nämlich zahlenmäßig viel, viel stärker als Leute, die ähnlich denken wie ich, und deswegen seien Leute wie ich als Wähler im Grunde zu vernachlässigen.
Dies allein wäre nun an sich unproblematisch. Es gehört zum Wesen einer Demokratie, dass Minderheiten sich selten durchsetzen. Zum Problem wird der Glaube an die Anderen aber durch die Annahme, die Anderen seien ein bißchen blöd. Diesen Hinweis höre ich öfters, etwa, wenn ich das Niveau der politischen Auseinandersetzungen als einen der Gründe benenne, weshalb ich mich mit Politik ungern beschäftige. Mir ist – neben der Abwesenheit wirklicher Diskussionen – zudem die Inszenierung von Politik unangenehm, das Anbiedern, die Schauspielerei, der Politiker (im besten Fall ein Visionär, im schlechteren der unbegabte Leiter einer Behörde) sei eigentlich ein Jedermann und unterscheide sich nicht von seinen Wählern. Ich leide bei derlei Bildern stets ein wenig an der mit Händen zu greifenden Herablassung, die aus solchen Szenen spricht. Die Anderen, sagt man mir, wollen das aber so. Die Anderen wollen Politiker zum Anfassen (wie man so sagt), die auch in der Schrebergartenkolonie eine gute Figur machen. Die Anderen merken dabei angeblich nicht, dass man sie sehr sichtbar nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe betrachtet.
Für die Politik bedeutet dieser Glaube an die Beschaffenheit der Anderen eine große Versuchung, der sie keineswegs standhält. Gilt der größere Teil der Bevölkerung als dumm, so muss und kann das politische Handeln ihnen gegenüber nicht mehr verteidigt, diskutiert und gerechtfertigt werden. Wer glaubt, seine Wähler seien zu dumm, um überzeugt zu werden, wird um so mehr Kinder tätscheln, markige Rede halten oder derlei Dinge mehr. Nimmt man an, der Rest der Bevölkerung sei möglicherweise normal intelligent, aber zu klein, um Wahlen zu entscheiden, so wäre es unökonomisch, die Diskussion mit diesen Leuten zu führen.
Politik wird durch das Axiom der Dummheit der Anderen damit ein unernstes Geschäft, ein bißchen wie Waschmittelwerbung oder das Self-Marketing von Fernsehschauspielern. Diese dem Ernst der zu klärenden Fragen letztlich unangemessene Leichtigkeit ist dem politischen Betrieb nun aber nicht peinlich. Aus irgendwelchen, von außen schlecht durchschaubaren Gründen, ist man vielmehr stolz auf die Annahme, Wahlen würden durch Manipulation dummer, eher ressentimentgetriebener, jedenfalls ein wenig subalterner Menschen gewonnen. Es mag sein, dass hierbei ein gewisses Überlegenheitsgefühl mitspielt, und wie immer, wenn eine These für denjenigen, der sie vertritt, sehr angenehm ist, wird am Glauben an die Dummheit der Anderen auch dann festgehalten, wenn er sich in der Praxis nicht bewährt, und die Anderen nicht dankbar, sondern ablehnend reagieren, wenn die Politik ihre vermeintlichen Affekte bedient: Statt das Axiom von der Dummheit der Anderen fallenzulassen, nimmt der politische Betrieb an, man sei ihr entweder noch nicht weit genug entgegengekommen, oder die Anderen hätten – dämlich wie sie sind – die Erfüllung ihrer Wünsche durch die Politik nicht verstanden. Das ist dann der Zustand, in dem das Schlagwort vom Vermittlungsproblem fällt.
Dass es aber möglicherweise die Anderen in dieser Form nicht gibt, dass die Mehrheit der Leute, die wählen gehen, großmütiger, mutiger, weltoffener und kreativer sind, als ihnen die Gewählten und ihr Tross zutrauen, dass Leute oft dann klug reagieren, wenn man ihre Klugheit anspricht: Dass bezeichnet der Betrieb gern kopfschüttelnd (aber Modeste!) als ein wenig naiv.
Nett, denke ich und schaue mir im Weinbergspark die Männer an, wie sie träge auf ihren Decken liegen, Bier oder Bionade trinken und rauchen, telephonieren oder mit kleinen Kindern spielen. Fast alle sind so circa 30. Die meisten sehen okay aus, ganz gut im besten Fall, und im schlechtesten immer noch so, dass es keine Frechheit darstellt, wenn sie das Hemd ausziehen und blinzeln halbnackt in die Sonne. Gute Sonnenbrillen haben die meisten und fast keiner hat Haare auf der Brust, weil man das gerade nicht so trägt.
Reizende Leute, denke ich mir und zünde mir eine Zigarette an. Fast alle hören ordentliche Musik, haben anständige Ansichten über die meisten Dinge im Leben, sind hinreichend klug und wissen ihre vernünftigen Ziele von den unvernünftigen zu unterscheiden. Die meisten sind ein bißchen träge. Wenn sie Frauen treffen, erklären sie sich und ihre Empfindungen, manche machen Musik daraus, einige schreiben ironische Lieder, und wenn man sie einmal trifft, nachts um drei: Sie diskutieren über Gott und die Welt und die Gesellschaft und alle diese Dinge.
Wirklich nette Jungs, gähne ich ein bißchen, weil ich schlecht geschlafen habe letzte Nacht mit zwei tobenden Katzen in der Küche, und frage mich, ob die Männer auf den Decken im Park eigentlich so sein wollen, wie sie sind, oder ob sie heimlich, ganz allein zu Hause vielleicht, davon träumen, die Muskeln spielen und die Kiefer krachen zu lassen, statt zu schreiben oder zu singen Heldentaten zu vollbringen, Frauen ohne viele Worte unanständige Anträge zu machen, und einfach aufzuhören, sich die Haare auf der Brust zu entfernen, und warum sie, falls sie das wollen, das nicht ab und zu einfach tun.
Man weiß sehr wenig über Männer, fällt mir auf, mit meinem doppelten Espresso im Pappbecher im Weinbergspark, und lächele ein wenig ins Leere, denn die netten Jungs lächeln mich nicht an, und ich weiß nicht, ob sie nicht wollen, oder ob sie es nur nicht tun, und wieso eigentlich nicht, am Donnerstag abend zwischen sieben und acht oder auch zu ganz anderen Zeiten.
Im Stockwerk über dem Atelier ist es still. Unten holt eine ganze Familie ein Bild ab, ein Mann lässt sich offenbar portraitieren und bespricht, wie er gemalt werden will, und die Frau des Malers verpackt mein Bild ordentlich zum Mitnehmen. Schön sieht es aus, eine schlanke Frau in kurzen Hosen, wie sie im Sommerlicht auf der Straße steht und konzentriert mit etwas hantiert, was ein Telephon sein könnte. Nach Hitze sieht das Bild aus, nach dem Sommer in der Stadt, den ich liebe. Nach Asphalt, Benzin und Staub und jenem Zauber, der den Berliner Sommer leuchten lässt, als sei alles möglich und jeder Rausch nur einen Lidschlag entfernt.
Ich könne mich noch etwas umschauen, werde ich aufgefordert, und wandere von Bild zu Bild. Es ist kühl hier, Hochparterre im Gartenhaus, und auch ohne die roten Vorhänge aus Samt sähe der Raum aus wie aus anderen Zeiten. Hier säße ich gern und würde lesen, denke ich mir und ziehe den Dunst von Ölfarben ein, den ich mag und mit etwas verbinde, was weiblich ist, etwas von Federn und Pflanzen, langen Perlenketten und – wer weiß, woher – weichem, grünem Gras.
Gras gibt es hier nicht, aber eine Eberesche steht im Hinterhof und leuchtet durch die alten Fenster. Eine gemalte Frau steht vor mir bis zur Hüfte im Licht, ein Café liegt im kühlen Schatten, aber ein Bild sehe ich, das des Lichts nicht bedarf. Es zeigt keine Menschen, keine Tiere, keinen Raum. Nur ein weißes Tuch, eine Karaffe, halb nur ausgeführt, und rund um das Glas Früchte. Pfirsiche liegen um das Glas herum, samtig manche, manche flach aus den Weinbergen, manche rund, wie sie am Mittelmeer wachsen, beschattet von Zypressen und unweit dem Meer.
Eine Sehnsucht ergreift mich nach diesen Früchten. Eine schwere, schwingende Gier nach der weichen, stumpfen Haut, dem Geruch kurz vor der Fäulnis, dem Übermaß an Süße, das den ganzen Mund füllt, und nach dem klebrigen Saft. Pfirsiche möchte ich essen, denke ich mir (doch das kommt nach Lage der Dinge nicht mehr im Betracht), und dieses Bild, dieses Bild muss ich haben. Nächsten Samstag vielleicht.
Sie habe sich das, sagt ihre Mutter, ausgedacht, erzählt sie und schüttelt den Kopf. Dabei sei alles wahr. Die Schulaufführung immerhin streitet ihre Mutter nicht ab. Es sei ein Stück gewesen, dass eine Lehrerin geschrieben habe. Es habe in der großen Stadt im Rheinland gespielt, in der sie aufgewachsen ist, und es habe so viele Rollen gegeben, wie Kinder in der Theater-AG gewesen seien, also zehn oder zwölf. Von diesen Kindern sei sie eins der jüngeren Mädchen gewesen und ein bißchen mollig. Es gebe wenig Photos aus diesen Jahren. In Berlin habe sie nur eins. Blond sei sie damals gewesen, pausbackig und nur so mittelhübsch. Sie sei ziemlich groß gewesen für ihr Alter, etwas unglücklich darüber und stets ein wenig eckig und unbeholfen, wie das so ist, wenn man 13 ist und sich nicht recht wohl fühlt in der noch neuen Haut eines Halberwachsenen.
An ihrer Mutter lag das nicht. Ihre Mutter habe sie stets hübsch angezogen und immer gern für sie eingekauft. Manchmal habe ihre Mutter sie geschminkt, frisiert, geföhnt und ihr immer eingeschärft, sich nicht gehen zu lassen. Ihre Mutter sei selbst keine schöne Frau, aber sehr gepflegt. Bisweilen habe sie ihre Mutter gefürchtet, damals, wegen ihrer Ausbrüche und ihren Migränen, in denen sie ihren Bruder, mehr noch aber sie selbst, attackiert habe, beschimpft und einmal sogar geschlagen. Auch das, sagt ihre Mutter heute, sei aber gar nicht wahr.
Als sie nach Hause kam und von dem Theaterstück erzählte, habe ihre Mutter sofort nach der Hauptrolle gefragt. Es gebe zwei Hauptrollen für Mädchen, erzählte sie ihrer Mutter. Sie müsse eine der Hauptrollen spielen, beschloss die Mutter und machte sich Gedanken über das Kostüm. Nebenrollen kämen für ihre Tochter nicht in Frage, beschloss die Mutter und dachte darüber nach, was sie der Leiterin sagen solle, damit sie ihr die Hauptrolle gab. Es hänge nur von ihr ab, schärfte ihr die Mutter ein.
Zur nächsten Theater-AG ging sie mit Bauchschmerzen. Dass sie eine der Hauptrollen erhalten würde, war unwahrscheinlich. Es gab in der AG sehr begabte Mädchen, die auch noch hübsch waren, und dass diese Mädchen eher als sie die Rolle erhalten würden, lag auf der Hand. Tatsächlich sollte sie eine Kioskverkäuferin spielen. Ihr Magen zog sich zusammen und sie musste weinen, als sie das hörte. Die Lehrerin tröstete sie, aber umstimmen ließ sie sich nicht.
Als ihre Mutter fragte, sagte sie die Wahrheit. Ihre Mutter wurde böse. Was genau ihre Mutter damals gesagt hat, habe sie nicht behalten, nur den Tonfall wisse sie noch. So ein böses Zischen. Sie solle noch einmal mit ihrer Lehrerin sprechen, befahl die Mutter und etwas bestimmter auftreten. Sie sei zu schüchtern und lasse sich dominieren. Gleich morgen früh müsse sie mit der Lehrerin sprechen. Als sie am nächsten Tag nach Hause kam, fragte ihre Mutter noch in der Tür nach. Sie aber habe an diesem Tag nicht mehr streiten gewollt und nicht, dass ihre Mutter wieder schimpfte. Sie habe Angst gehabt, den ganzen Tag Beklemmungen wegen der Hauptrolle, und deswegen habe sie einfach ja gesagt: Ja, sie habe die Rolle. Ihre Mutter habe darauf zufrieden gewirkt und von ihr abgelassen. In den nächsten Wochen habe ihre Mutter die Hauptrolle abgefragt. Sie habe die ganze Hauptrolle auswendig gewusst, und natürlich die Kioskverkäuferin, die sie tatsächlich spielen würde. Die lernte sie heimlich. Zum Schulfest dann sollte das Stück aufgeführt werden.
Zuerst habe sie gedacht, sie würde einfach krank. Warum sie das nicht umgesetzt habe, wisse sie selbst nicht mehr, denn tatsächlich habe sie sich krank gefühlt, fiebrig und zittrig, Magenschmerzen habe sie bekommen, und sich fast täglich übergeben vor Angst. Ihre Mutter aber habe ihr ein Kostüm genäht, und jedesmal, wenn sie es anprobiert habe, habe sie vor Angst geschwitzt. Ein- oder zweimal habe sie vorm Lehrerzimmer auf die Leiterin der AG gewartet, um sich auszusprechen, aber auch das habe sie nicht getan. Schließlich war es zu spät.
Als die Aula sich füllte, habe sie in den Kulissen gesessen. Niemand habe sich um sie gekümmert, alle seien mit sich beschäftigt gewesen, und so saß sie noch da, als der Vorhang sich öffnete. Ihre Mutter saß in der dritten oder vierten Reihe. Sie habe sie genau gesehen, die ganze Zeit.
Sie habe gar nicht schlecht gespielt, sagte ihr die Leiterin später. Auch sie habe ihren Applaus bekommen, wie man die Nebenrollen eben beklatscht bei einer Schulaufführung, und dass sie schweißnass gewesen sei, als der Vorhang sich schloss, hatte niemand verwundert. Ganz allein saß sie nach der Aufführung im Chorraum hinter der Bühne und zählte die Sekunden, bis es nicht mehr aufzuschieben sein würde, hinauszugehen. Schließlich verließ sie den Raum, verließ die Schule, und setzte sich in eine S-Bahn, die eben fuhr. Stundenlang sei sie so durch die Gegend gefahren. Abends saß sie an einer S-Bahnstation, ließ den letzten Zug ohne sie die Türen schließen, und lief zu Fuß nach Hause, bestimmt 15 Kilometer oder mehr. Sehr spät in der Nacht sei sie angekommen. Ihr Bruder öffnete die Tür.
Ihr Bruder wusste nichts von der ganzen Geschichte. Ihre Mutter hatte also nichts erzählt. Aufatmend legte sie sich zu Bett und schlief. Am nächsten Morgen kam sie bebend vor Angst zum Frühstück. Ihre Mutter aber verlor kein Wort über die Aufführung, nichts über die Hauptrolle, und dass sie nur mit dem Bruder, nicht mit ihr, sprach, wertete sie eher als Vorteil. Bestimmt eine Woche oder so habe ihre Mutter damals nicht mit ihr gesprochen. Dann, eines Morgens einfach so, habe die Mutter wieder ganz normal kommuniziert, zumindest für ihre Verhältnisse, und über den Vorfall sei nie wieder ein Wort verloren worden. Zur nächsten Schulaufführung kam ihre Mutter allerdings nicht (sie spielte eine Busfahrerin), und als sie tatsächlich einmal die Hauptrolle spielte, zehn Jahre später an einer Unibühne, behielt sie den Termin für sich. Mit ihrer Mutter habe sie damals ohnehin wenig Kontakt gehalten.
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