Atmen, einfach atmen

Vor der Markthalle der Inselhauptstadt Denpasar, dem Pasar Badung, heftet sich eine Frau mittleren Alters an unsere Fersen und redet vom Fisch bis fast zu den Textilien in unverständlichem Englisch auf uns ein. Über den Fischverkaufsständen befinden sich Miniaturtempel auf langen Stielen. Zu Füßen der mehrgeschossigen Markthalle fahren alle Balinesen gleichzeitig Auto oder Motorrad, und der schon eher lärmempfindliche J. dreht um. Er werde Denpasar nun unverzüglich verlassen.

Mit dem nächsten Taxi fahren wir nach Sanur. Missvergnügt sitzen wir uns an einem Plastiktisch am Strand gegenüber. Die schon eher wrackige Sanur Beach Restaurant & Bar bietet uns europäisches, chinesisches und indonesisches Essen an. Es ist Ebbe. Neben uns blättert ein blondes Paar im Lonely Planet. Ich habe keine Ahnung, was sie ausgerechnet hier suchen: Lonely ist hier nichts.

„Das ständige Gehupe!“, bricht es aus dem J. heraus. Die angepriesene balinesische Stille jedenfalls muss irgendwo anders stattfinden. Das dressierte Lächeln. „Wenn das nächste Mal einer Excuse me … sagt!“, stöhnt mein geschätzter Gefährte weiter. Das Essen sei deutlich schlechter als etwa in Thailand, und zudem zerrüttet es des J. geistige Gesundheit, alle drei Meter angesprochen zu werden, ob er massiert, gefahren oder gefüttert werden will.

„Hier ist halt Asien und nicht Hannover.“, versuche ich den Aufgebrachten zu beruhigen. Ganz gelingt es mir nicht. Auch ich, gebe ich zu, habe mir auf Basis der verfügbaren Informationen ein deutlich weniger geräuschvolles und möglicherweise durchaus geschmackvolleres Bild gemacht. So verkauft der angeblich berühmte Kunsthandwerksmarkt in Ubud den selben Krempel, den man in jedem beliebigen Badeort Asiens kaufen kann, die selben Bambusmatten, bunt bemalten Esstäbchen, Servietten und Decken, Sarongs und geschnitzten Elefanten, Aschenbecher und scheußliche Tabletts. Die Bilder, für die Ubud als die Stadt der Maler bekannt sein soll, gleichen denen aufs Haar, die in Möbelhäusern angeboten werden und in greller Acryltechnik Pagoden vor Sonnenuntergängen, fehlfarbenen Buddhas, Tiger oder unbekleidete Mädchen mit Blumen im Haar zeigen. Die einheimische Kultur, soweit sie es bis in Museen geschafft hat, missfällt mir zwar nicht, weckt aber auch kein besonderes Interesse. Es mag an mir liegen, aber mehr als dekorativ erscheint mir keins der Exponate.

Auf dem Rückweg ins Hotel schweigt der J. verbissen und sieht aus dem Fenster. Der Fahrer hupt und schmatzt. „Good afternoooooon! How are you?“, jubelt der Boy uns vorm Portal des Hotels entgegen, als wir aus dem Wagen steigen. Neben mir höre den J. langsam ein- und ausatmen.

Der J. wird, so wie es aussieht, das Hotel bis Sonntag nicht mehr verlassen.

5 Gedanken zu „Atmen, einfach atmen

  1. Abtauchen -in des Wortes direktem Sinne- hilft schnell und nachhaltig: Unter Wasser halten alle notgedrungen die Klappe und atmen, einfach atmen nur leise blubbernd vor sich hin. Wenn sie nicht gerade vor Staunen über die Schönheiten der Natur die Luft anhalten: Tand, Tand – ist das Gebilde von Menschen Hand… Warum also nicht unter Wasser suchen, was darüber und daneben offenbar nicht zu finden ist?

  2. Die einheimische Kultur, soweit sie es bis in Museen geschafft hat, missfällt mir zwar nicht, weckt aber auch kein besonderes Interesse. Es mag an mir liegen, aber mehr als dekorativ erscheint mir keins der Exponate.

    Ich habe das damals genauso empfunden – nichts, was mich besonders angesprochen hätte – und die Touren hatten irgendwie etwas von Verkaufsveranstaltungen… Was mir aber am meisten aufgestoßen hat waren die absolut undurchsichtigen Taxitarife. Wenn man von der Hotelanlage aus so ein blaues Taxi irgendwohin genommen hat war das sensationell günstig – nur für den Rückweg gab es die dann immer nicht mehr, und der Fahrpreis betrug dann ein vielfaches (nicht, daß es wirklich teuer gewesen wäre, aber irgendwie ging mir das gegen den Strich – man fühlt sich einfach übers Ohr gehauen). Das Essen hingegen fand ich jetzt wiederum gar nicht so schlecht.

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