Aufmerksamkeit

Sehr gern lese ich ja gelegentlich Texte aus diesem Weblog anderen Menschen vor, die sich zu diesem Zweck an öffentlichen Orten versammeln, wie erst letztlich, Sonntag nämlich in Wien, wo freundliche Wiener auch mir zuzuhören bereit waren.

Noch schöner für die eigene Eitelkeit ist es natürlich, wenn sogar andere Menschen meine Texte vorlesen mögen, zumal so ansprechend wie Herr Wrobel, der, unterlegt mit ein wenig Musik, diesen Text zum Anhören bei blog:read eingestellt hat.

Sehr gefreut.

Anästhesie

Nein, sage ich, heute nicht, und nicht morgen. Ich bin doch völlig leer, mich haben sie doch ausgeräumt, durch mich fließt nur noch ein gleichmäßiges Rauschen, so ein Geräusch, als ob man im Radio keinen Sender findet. Ich habe heute keine Geschichte zu erzählen, vielleicht erzähle ich nie wieder eine Geschichte, weil ich doch alle Geschichten vergessen habe, und neue Geschichten passieren mir nicht, oder sie laufen so unbemerkt neben mir her. Ein schlechtes Gedächtnis hatte ich schon immer.

Vielleicht kann ich noch ein bißchen vor mich hin erzählen, ein wenig aus den alten Zeiten, die ich nicht vergessen habe. Das wäre gut, denn jeden Tag versinke ich weiter, ausgeschlagen mit einem weißen, gleißenden Nichts, mit einer Müdigkeit, die nicht mehr weggeht, weil irgend etwas kaputtgegangen ist, was mit Schlaf zu tun hat: Ein riesengroßer Motor, der den Raum füllt, in dem ich bin, und die Firma ist noch nicht gekommen, ihn abzuholen und zu reparieren.

Gar nicht schlecht ist die Leere, nicht übel fühlt sich das an, dieses leichte Gefühl des Schwindels, der von der Schlaflosigkeit kommt, die Widerstandslosigkeit und das gleichgültige Fließen. – Das ist mir egal, würde ich denken, wenn die Betäubung einen Moment nachließe, und lasse mich hierhin und dorthin schicken, wie ein Paket oder irgendetwas, was einfach nur da ist. Die Welt ist etwas ausgeblichen zur Zeit, ein wenig überbelichtet, die Wirklichkeit ein bißchen zu dünn, und sieht verzogen aus, irgendwie schief, und ich würde mich vielleicht wundern, aber statt dessen schließe ich nur hin und wieder die Augen und versuche mich an jemanden zu erinnern, der ich mal war, und der verschwunden ist, irgendwohin, vielleicht einfach aufgelöst oder verreist in ein trübes Zwischenreich zwischen hier und all den anderen Orten.

Was auch nicht geht (4)

„Es sieht schlecht aus, meine Damen.“, resumiert die C. ein wenig vor sich hin und zerbröckelt einen dieser italienischen Kekse zwischen den Fingern, die man verpackt kaufen kann in herrlich bunt bedrucktem Papier. „Und ansonsten gibt das Angebot nichts her?“, frage ich, und versuche mich an andere Herren zu erinnern, die man bei Gelegenheit an öffentlichen Orten kennen zu lernen pflegt. „Naja…“, unterbricht die J. meine Gedanken. In weiten Kreisen der Bevölkerung erfreue sich eines gewissen Bekanntheitsgrades ja auch noch…

Die Canaille

Fragt man einen beliebigen netten Herrn nach demjenigen Freund, den er am meisten beneidet, so wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder den Wohlhabendsten nennen noch den Erfolgreichsten, und noch nicht einmal den, der am besten ausschaut. Der vielbeneidete, weil vielgeliebte Freund jedes Mannes entspricht vielmehr einem Typus, dessen Anziehungskraft auf Umständen beruht, die nur als wahrhaft dunkel zu bezeichnen sind: Es geht um die Canaille.

Der Erfolg der Canaille beruht zumindest teilweise zwar zweifellos auf seiner Unverschämtheit. Auf die Idee, irgendjemand wolle sich nicht mit ihm treffen, kommt die Canaille nicht einmal, und so spricht auch die arbeitslose, haarlose und übergewichtige Canaille nur diejenigen Frauen an, die jeder ansprechen würde, wenn er denn den Mut besäße. Die Canaille würde auch etwa Kate Moss zu einem gemeinsamen Bier auffordern, die Dame zahlen lassen, und sich nach erfolgreichem Treffen einfach so drei Wochen nicht melden.

Die Canaille hält vielleicht einer alten Dame die Tür auf, junge Damen jedoch, so nimmt es die Canaille an, seien auf seine Hilfe nicht nur nicht angewiesen – sie wären unverschämt, Hilfe zu erwarten, und so taucht die Canaille alle paar Monate auf, frisst den Kühlschrank leer, verschwindet mitten in der Nacht, weil das Telefon klingelt, und sagt nicht, wer angerufen hat. Vielleicht borgt sich die Camaille noch Geld, vielleicht lässt sie sich aber auch nur ein paar Hosen bügeln – jedenfalls ist von der Canaille außer Ärger nichts zu erwarten, und so nimmt es rein nach den Gesetzen der Logik wunder, dass das Telefon der Canaille trotzdem immerzu klingelt.

Frauen würden geradezu schlecht behandelt werden wollen, zieht so mancher Mann seine Schlüsse aus dem unglaublichen Erfolg der Canaille, und versucht es seinerseits mit ein wenig schlechtem Benehmen. Indes scheint außer Rücksichtslosigkeit und einem ungehobelten Wesen die Canaille noch über einen zusätzlichen, schwer zu benennenden und absolut imponderabilen Charme zu verfügen, denn nicht jedem ist es gegeben, von Frauen für sein mieses Betragen geliebt zu werden.

Dass von der Canaille vor diesem Hintergund nur abgeraten werden kann, versteht sich beinahe von selbst. Versuche, die Canaille zu bessern, aus einem solchen Herrn aufrichtige und nachhaltige Gefühlsbezeugungen, Geschenke, die von Herzen kommen oder ähnliche angenehme Dinge herauszupressen, sind daher schon vom Anfang an zum Scheitern verdammt.

Und selbst wenn es gelänge: Was unterschiede die Canaille dann noch von einem normalen Mann, und würde sich nicht vielleicht sein Reiz in diesem Moment ins Nichts verflüchtigen?

„Es sieht wirklich nicht gut aus“, knurrt die C., und öffnet eine letzte Flasche Wein.

Was auch nicht geht (3)

„Das hört sich ja gar nicht gut an.“, schüttelt die C. den Kopf und verschwindet kurz in der Küche. „Niederschmtternde Aussichten, so alles in allem.“, bestätige ich und helfe der C., einen Apfelkuchen aus der Form zu befreien, während die J. die Sahne schlägt.

„Ja, und das ist noch nicht alles.“, versucht die J. den Mixer zu übertönen. Denn da sei ja beispielsweise auch noch

Das ewige Kind

Das ewige Kind ist bekanntlich derjenige Herr, der den einzigen Sinn der Vaterschaft darin sähe, auf der Stelle eine Carrera-Bahn kaufen zu können. Das ewige Kind kommt zudem schon zur ersten Verabredung zwanzig Minuten zu spät, um sodann den etwas ausgewachsenen Schopf zu schwenken und von seiner Playstation zu sprechen und diesem Wahnsinnsspiel mit Monstern, das er verdammt gern hätte, aber das leider sein Einkommen gerade ziemlich übersteigt, da er auch mit 38 noch irgendwo jobbt, bevorzugt in einer derjenigen Branchen, die irgendetwas Unbestimmtes mit Kunst, Film oder Medien generell zu tun haben, denn das ewige Kind plant, einmal groß herauszukommen, wenn es einmal erwachsen ist, was voraussichtlich allerdings vorm Eintritt ins Rentenalter nicht der Fall sein wird.

Ansonsten ist das ewige Kind ein passionierter Fußballspieler in Berlins Wilder Liga, und besucht in seiner Freizeit gern Clubs in Friedrichshain oder so, wo alle Anwesenden außer dem ewigen Kind maximal 22 Jahre alt sind. Da tanzt er ausgelassen und ekstatisch, beklagt ab und zu, wie viele Leute nur dem Ausweis nach jung sind, aber um drei nach Hause gehen, während er… Leider reagiert er äußerst allergisch, macht man ihn auf die 15 Jahre Altersunterschied aufmerksam, die zwischen den anderen Gästen dieser Tanzveranstaltungen und ihm selber liegen.

Gern verliebt sich das ewige Kind in eine jener reizenden jugendlichen Personen, die in derartigen Clubs zu verkehren pflegen, und unterhält sich hingebungsvoll über die Probleme, die der Erwerb des kleinen Scheines im Strafrecht oder der Gesellenprüfung des ehrbaren Handwerks des Schaufensterdekorationswesens bedeutet. Als Mann in durchaus mittleren Jahren, der gerade im Begriff ist, sich im mit einer fünfzehn Jahre jüngeren Person zum Trottel zu machen, sieht sich das ewige Kind selbstverständlich nicht, denn die jugendliche Geliebte ist ja in der Wahrnehmung dieses Herrn ungefähr so alt, wie er sich fühlt, und wie es im Übrigen auch seinem Einkaufsverhalten entspricht, was jeder, der dem ewigen Kind einmal eine halbe Stunde gegenüber gesessen hat, bereits an seiner Garderobe bemerken kann. Diese nämlich entspricht voll und ganz dem, was die einschlägige Presse der interessierten Öffentlichkeit als exorbitant angesagt für die nach 1980 geborenen Jahrgänge vorstellt.

Aus vorstehend ausgeführten Gründen ist die Gefahr, das ewige Kind versehentlich zum Gefährten zu wählen, bereits aufgrund des Paarungsverhaltens dieser Gattung so gut wie ausgeschlossen, zumindest dann, wenn man selber den 25 Geburtstag bereits gefeiert hat, und außerdem seit vielen Jahren nicht mehr dort verkehrt, wo das ewige Kind seine mittleren Jahre verbringt, bis der Türsteher ihn nicht mehr einlässt oder fragt, ob er in diesem Etablissement seine Tochter abholen wolle.

Das sei nicht lustig, knurrt die C. aus verschiedenen Gründen, und verschluckt zum Trost ein großes Stück Apfelstrudel fast unzerkaut und mit sehr viel Sahne.

Aber das ist noch nicht alles, lässt die J. vernehmen und trink ihre Kaffeetasse leer,

weswegen übermorgen Fortsetzung folgt.

Was auch nicht geht (2)

„Schmeckt’s?“, fragt die C. und salzt den Rehrücken ein wenig nach. „Alles bestens.“, bestätige ich, verteile großzügig eine dunkle Sauce mit rosa Pfeffer und Madeira über das Fleisch und ein luftiges Puree von Kartoffeln und Sellerie, und eine kleine Weile spricht niemand.

„Was ist denn nun an den anderen Herren falsch?“, knüpfe ich an die Ausführungen der J. wieder an. „Leider auch unbrauchbar.“, bestätigt diese, betrachtet eine Weile versonnen den dunkelroten Inhalt ihres Glases und fährt fort. Denn abgesehen von den durchaus eher lästigen Rettern gebe es da beispielsweise ja noch

Den armen Ritter

Mit dem Retter auf den ersten Blick leicht zu verwechseln, lebt der Ritter die Grundannahme seiner Entbehrlichkeit auf andere Weise aus. Rettet der Retter gern arme Hascherl vor dem Untergang, so hat der Ritter begehrenswertere Ziele ins Auge gefasst. Sein Blick heftet sich nicht auf die Fußkranken der ganzen Veranstaltung, sondern auf die Burgfräulein, die Prinzessinnen, die blonde Schönheit des Semesters, die strahlende Königin des 103, und errötend folgt er ihren Spuren.

Die Prinzessin allerdings hat für den armen Ritter wenig über. Irgendetwas, so weiß die Fama, entspricht am armen Ritter stetig nicht dem Ideal, welches die Prinzessin durch die Welt trägt, und so bleibt dem Ritter nichts weiter übrig, als sich in die Rolle des Haushofmeisters zu schicken, des Reisemarschalls, der Sparkasse, des Hausarbeits-Ghorstwriters zumal, und eigentlich aller Handwerker von Berlin, um sich auf diese Weise nützlich zu machen, denn als Ritter an sich, als nackter Mann sozusagen, interessiert sich die Prinzessin nicht die Bohne für den armen Kerl, der es trotz dieser sich mit zunehmendem Zeitablauf stetig verfestigenden Gewissheit nicht lassen kann, sich auch weiterhin so lange zum Haustrottel der Dame zu machen, bis sie ihn entweder erhört, oder aber jemanden anders so intensiv erhört, dass für den armen Ritter fortan keine Verwendung mehr besteht. Während man vom ersten Fall sozusagen noch nie gehört hat, bildet letzterer den Regelfall, nach dessen Eintritt der arme Ritter sich zumeist schnurstracks das nächste unerreichbare Ziel suchen wird.

Eines Tages aber, meist um den dreißigsten Geburtstag herum, wird der Ritter nachdenklich. Die Frauen seines Herzens erweisen sich als nach wie vor unerreichbar, beruflicher Erfolg hilft entgegen seinen Erwartungen auch nur in wenigen und zudem wenig verlockenden Fällen, und so kann es sein, dass der Ritter Schwert und Lanze der hohen Minne fallen lässt und sich erreichbaren Zielen zuwendet, die dann den Rest ihres Lebens mit dem wenig angenehmen Gefühl verbringen dürfen, den traurigen Kompromiss zwischen den Möglichkeiten eines Mannes und seinen Wünschen darzustellen.

Das geht natürlich überhaupt nicht, schüttele ich den Kopf und kratze das letzte Puree von meinem Teller. Aber da war doch noch mehr, meine ich mich zu erinnern, als ich mich das letzte Mal umgetan habe unter den Söhnen des Landes, da waren doch zum Beispiel…

diejenigen Herren, die erst morgen vorgestellt werden.

Was auch nicht geht

Ein Desaster in vier Gängen

„Mit den Männern“, hebt die J. das Glas, „bin ich ja fertig. Kein Herzblut, kein Herzklopfen, und nie, nie wieder am Telephon sitzen und warten. Mit der Liebe bin ich durch.“ – Die C. und ich schauen uns ein wenig betreten an und kauen ein wenig hilflos auf den saftigen Scheiben einer Forellenterrine herum.

„Ist ja vielleicht nicht das Schlechteste.“, relativiere ich ein wenig. „Abwarten, ein wenig Zeit ins Land gehen lassen, und dann kommt einer um die nächste Ecke….“ – Die J. aber schüttelt energisch den Kopf. Da käme nun nichts mehr. Wer jetzt als Mitglied der einschlägigen Jahrgänge noch nicht in festen Händen sei, der könne nicht oder wolle nicht, und ein ganzer Mann solle es im Übrigen schon sein, denn als Nebenfrau tauge sie erfahrungsgemäß herzlich schlecht, und der halbherzigen Lösungen sei sie mehr als überdrüssig.

Über dem Tisch hängt für einige Sekunden eine düstere Wolke verlegenen Schweigens. „Nette Männer gibt’s doch immer.“, tröstet die C., aber die J. ist nun, beflügelt von dem zweiten Glas Weißburgunder, nicht mehr zu halten. Nein. So sei das eben durchaus nicht. Was nun noch, jenseits des dreißigsten Lebensjahrs verfügbar sei, sei den durchaus weniger amüsanten Kategorien der Männerwelt zuzuordnen. – „Und die wären?“, frage ich und knete ein wenig an dem Wachs herum, das am Kerzenhalter der Tischdecke entgegenläuft.

Da sei, hebt die J. an, ja zum Beispiel

Der Retter

Der Retter, wie man weiß, nimmt sich gern junger Damen an, deren Leben irgendjemand bei Gelegenheit einmal in Ordnung bringen sollte. Probleme, die jeden anderen in die Flucht schlagen würden, ziehen den Retter daher magisch an. Hört der Retter beispielsweise von einer Person, die schwere Neurosen, gern eine lange und vergebliche Therapiegeschichte, vielleicht das eine oder andere Suchtproblem oder etwas ähnliches aufzubieten hat, so zittern seine Nüstern, sofort lässt er sich Telefonnummern geben, und wird die nächsten Jahre mit dem Versuch zubringen, die Dame wieder auf die Hinterbeine zu stellen.

Das allein legt bereits die Vermutung nahe, der Retter trage einen kleinen Komplex mit sich herum. Tief vergraben in dem schlammigen Grund seiner Seele hält der Retter sich nämlich für kein sonderlich liebenswertes Wesen, das seine Anwesenheit im Leben von weiblichen Personen deswegen nur durch seine Nützlichkeit zu rechtfertigen in der Lage sei, und was könnte nützlicher sein als eben die Rettung?

Eine noch etwas anstrengendere Unterart des Retters rettet gern Frauen, die sich an sich – und für den Rest der Welt nur allzu offensichtlich – auch selber recht gut zu helfen wissen. Da hier wenig gerettet werden muss, und kein über die Ufer getretener Lebenslauf wieder in ein sanft begradigtes Bett zurückgeleitet werden braucht, muss der Zustand der Rettungsbedürftigkeit in jenen Fällen erst einmal herbeigeführt, oder doch zumindest herbeigeredet werden. Der Retter neigt also zum Pathologisieren. Gern tröstet er verlassene oder sonstwie unglückliche Frauen, findet die abenteuerlichsten Ursachen für das Scheitern verschiedenartigster Projekt in der zarten, aber schadhaften Seele der jeweiligen Frau, von der ohnehin mehr, als die meisten Damen es schätzen, die Rede ist, und empfiehlt einen guten Therapeuten, denn man müsse die Vergangenheit bewältigen, um nach vorne schauen zu können, wo das wahre Leben wartet – mit letzterer Aussicht meint der Retter indes in Wirklichkeit lediglich sich selbst.

Der Retter ist also anstrengend. Der Retter geht daher gar nicht, schließt die J. ihre Ausführungen und erntet ein zustimmendes Nicken rund um den Tisch. – Natürlich sei der Retter, schenkt die C. Wein nach, kein attraktives Modell. Indes seien die Retter ja glücklicherweise nicht allein auf der Welt,

so dass Fortsetzung folgt.

Strategien zur Abkürzung des Besuchs der eigenen Eltern

„Guck mal, die da!“, stößt mich mein Nachbar mit dem Ellenbogen an. „Wo?“, frage ich leise und drehe unauffällig den Kopf hin und her. „Da drüben.“, wispert der N. und deutet auf einen langen Tisch auf der anderen Seite des White Trash. „Ein gelungener Abend für die ganze Familie.“, stichelt der N., während am Tisch nebenan Vater und Sohn die Biergläser klirren lassen.

Der ältere Mann ist kahlköpfig, ein wenig beleibt, und über einem blauen Hemd spannt sich ein kariertes Sakko. Der junge Mann dagegen sieht aus wie eine zeitversetzte Kopie, ganz so, als hätte der Vater ihn alleine gezeugt, im Wege der Parthenogenese vielleicht. Neben ihm sitzt eine ältere Frau, vielleicht seine Mutter: Eine gelbe Strickjacke, dezent geschminkt, Caprihosen und eine weiße Bluse. – „Elternbesuch.“, konstatiere ich, und wende mich wieder der Karte zu. Einen Burger vielleicht. Cheese. Oder Chili.

Die Eltern des jungen Mannes schauen sich ein wenig eingeschüchtert um. „Was hat der denen bloß erzählt, dass die hierhergekommen sind?“, fragt mein Gegenüber mehr sich als uns und schielt über seine Schulter. „Ganz netter Laden, große Portionen zu Essen, so eine Art urbaner Landgasthof vielleicht, und ein wirklich gemütliches Interieur?“, schlägt mein Nachbar vor und nimmt der Kellnerin die Gläser ab. „Danke.“, sage ich zu dem Mädchen im gepunkteten Kleid und fahre fort, die Familie am Nachbartisch zu beobachten.

Der junge Mann beugt sich weit über den Tisch und erzählt mit dem ganzen Oberkörper eine offenbar aufregende Geschichte. Aufmerksam hört ihm der Vater zu, die Mutter dagegen dreht den Kopf und lässt ihren Blick ein wenig ratlos über die blinkenen Madonnen und Chinarestaurantdekorationen schweifen. „Der gefällt’s hier nicht.“, flüstere ich meinem Nachbarn zu, während die ältere Frau ihre Handtasche ein wenig näher zu sich zieht. „Die Tasche da klaut hier garantiert keiner.“, kommentiert mein Nachbar den Vorgang. „Wahrscheinlich nicht.“, stimme ich angesichts des braunen Lederungetüms mit goldener Schnalle zu, in der sich vermutlich ein zierliches Damenportemonnaie befindet, eine Packung Tempotaschentücher, ein Lippenpflegestift, ein Kugelschreiber und Bonbons gegen Mundgeruch.

Der junge Mann ist mit seiner Geschichte anscheinend fertig, denn nun beginnt seine Mutter zu sprechen, redet auf Mann und Sohn ein und schiebt ihr Glas, ein wenig ungehalten offenbar, von sich weg. „Die hat tatsächlich Wein bestellt, unglaublich.“, wundert sich mein Gegenüber. Der Wein hier, so herrscht Einigkeit, kann nur grauenhaft sein. – Die ältere Frau deutet mit der Hand Richtung Tür.

„Die wollen gehen. Der gefällt’s hier nicht.“, übersetze ich die Geste der Mutter. Der junge Mann schüttelt heftig den Kopf. „Der will noch nicht gehen.“, spreche ich weiter, damit mein Gegenüber sich nicht ständig umdrehen muss. „Jetzt gerade steht sie auf.“ – „Die geht doch nicht alleine nach Hause.“, weist mein Nachbar die Vermutung zurück, die Mutter könnte das White Trash allein verlassen. „Nein, der Vater kommt bestimmt mit.“, sage ich, und schon steht der ältere Mann auf, trinkt sein Bier mit einem langen Zug aus und lässt einen Schein auf dem Tisch zurück. Die Mutter redet weiter auf den Sohn ein. Dieser bleibt beharrlich sitzen.

Schließlich verschwinden Mutter und Vater ohne Nachwuchs. „Noch ein Bier!“, ordert der junge Mann am Nachbartisch, lehnt sich zurück, fängt an, zu telefonieren, und steckt sich eine Zigarette an.

Fünf gute Gründe, nach Wien zu fahren

…wenn Sie nicht schon vor Ort sind.

wienerherbsta2165„Und du willst wirklich nicht mit?“ – schaue ich den geschätzten Gefährten J. mit möglichst mitleiderregendem Blick, also so schräg von unten, an. „Neeee….“, kommt es zurück. Man habe, so heißt es, triftige Gründe, in Berlin zu bleiben.

„Aber der Mek liest doch auch!“, versuche ich den J. ein wenig zu beschwatzen. „Der große Mek, mein ungeschlagener Favorit unter den lebenden wie toten Verfassern Südtiroler Heimatgeschichten! Der Mann zumal, nach dessen legendärem Auftritt auf der Berliner Fresslesung im Frühling halb Berlin keinen Apfelsaft mehr trinken mochte, und namhafte Hersteller naturtrüber Fruchtsäfte um ein Haar Bankrott gegangen wären.“ – Einer der reizendsten Bewohner der Freien und Hansestadt Hamburg, zudem einer der wenigen Herren, an denen sogar Tätowierungen gut aussehen, und begabt mit einer Haarpracht, die fast so schön ausschaut wie die des reizenden J. selber, fahre ich fort. Der J. aber schüttelt ungerührt den Kopf und fährt sich geschmeichelt durch das dichte Haar.

„Dass wird die Frau Engl nicht freuen, dass du nicht kommst, wenn sie liest!“, versuche ich des J. steinernes Herz weiter zu erweichen. – Das sei, gibt der J. zu, zwar schade, indes lese die Frau Engl aufgrund ihrer Ortsansässigkeit doch auch des Öfteren in Berlin, so dass auf die Möglichkeit zu verweisen sei, auch an der Spree der bekannt schönen Stimme der charmanten Frau Engl zu lauschen. – Möglicherweise, insistiere ich, laufe Frau Engl, im Heimland ihrer Vorfahren aber zu ganz ungeahnter Hochform auf, zu noch höherer Hochform, als dies bereits in Berlin der Fall sei, wenn das noch geht, wo Frau Engls kraftvolle Texte zu dem unbestritten Besten gehören, was man auf Bloglesungen zu hören bekommt. – Der J. aber schnaubt. „Das sag` ich der Frau Engl!“, kündige ich an, aber der J. ist schon fast aus der Tür.

„Und Kid37? Der Meister der schwarzen Romantik, der feingesponnen Wortmagie, der Mann, der sogar tote Tiere düster leuchten lässt, der Herr der Grotesken, und ein bekannt splendider Vorleser dazu?“, brülle ich dem J. durch die Tür hinterher und rühme alle Vorzüge dieses Dauerbewohners des Olymps meiner Wertschätzung.

Frau Lyssas amüsante Geschichten um Hund wie Herren? Ich selbst mit einer Auswahl meiner am wenigsten misslungenen Texte?“- lege ich nach.

Aber der J. ist schon weg.

Für alle anderen:

Wiener Herbstlesen
Am 01.10.2006
Um 19.00 Uhr
Im Kulturgasthaus
Herbststraße 37
1160 Wien

In Kooperation mit Twoday.net. Und für den wunderschönen Teaser danken wir dem großen und geschmackvollen Don Alphonso.

Zwischenstand

Nein, schüttele ich den Kopf. Viel wird sich da wirklich nicht mehr tun.

Wie ich bin, werde ich bleiben. Die Unstetigkeit wird mir bleiben, der schnelle Wechsel zwischen den Gefühlslagen, und das Gefühl der Taubheit zwischen den Tälern. Immer zu schnell das Interesse zu verlieren, wenn sich mir etwas, jemand, was auch immer, verweigert, und gleichfalls, wenn es mir allzu leicht zufällt, beiseite gewischt mit allzu gedankenloser Hand. Nichts zu beenden, jede Tür noch einen Spalt offenlassen, einen letzten Schlüssel am Schlüsselbund, und weiterziehen. Lauter offene Enden so vieler Geschichten, deren Anfang ich nicht mehr weiß.

Stets allzu leicht zu entflammen, abgekühlt dann wortlos zu verschwinden nicht aus Scham, nicht aus Überlegung, sondern aus schierer Gleichgültigkeit, und die Schalen des Lebens irgendwo liegenzulassen am Weg. Va banque spielen, und den Preis schuldig bleiben, wenn auch dieses Casino langweilig wird. Immer wieder packen und verschwinden und alles vergessen, was jemals war.

Das schlechte Gedächtnis wird nicht besser werden mit den Jahren. Schon jetzt Namen zu vergessen, Gesichter, Haut und Hände, irgendwo, aber das weiß ich nicht mehr. Vielleicht, mein Herz, ist es auch gar nicht wahr, denn sonst hättest du doch nicht alles vergessen, und bautest dir etwas Neues aus den faulenden Planken der Schiffe. Alle paar Jahre sich häuten zu müssen, und doch dieselbe zu bleiben auf einer anderen Bühne. Zu lächeln, zu bluten, zu spielen, weil es doch meist nur Geld ist, mit dem du spielst, nur kaltes Fleisch, und nichts Ernstes, das sich mir entzieht. Auf den Ernst zu warten, der nicht kommt. – Zieh mir die Haut ab, rufe ich ihm nach, aber er schüttelt den Kopf und bleckt die Zähne, die nur für die anderen da sind und nicht für mich.

Ein Kieselstein aus Reserve wird mir bleiben. Nie ganz dabei sein, stets einen Seitwärtsschritt entfernt, und nie deckungsgleich mit dem, was mich umgibt. Nicht wollen oder nicht können. Wer kann das wissen, zucke ich die Schultern aus Bequemlichkeit, und lebe mit dem dünnen, trennenden Faden zwischen mir und der Welt. Keine Meinungen zu haben, die ich nicht alle drei Tage vergäße, aber Nerven, die ausschlagen, wenn ein Ton zu schrill ist, eine Linie verzeichnet, oder eine Geste, ein Wort ohne Anmut. Die allzu vielen Tage, an denen ich keine Haut habe, und das rohe Fleisch mir brennt mit jedem Luftzug.

Die Melancholie wird mir wohl bleiben und der Leichtsinn dazu. Die Suche nach etwas Dunklem, nach einer gleißenden Wahrheit, die mir die Haut verbrennt, bis nur die Knochen übrig sind, weiß und rein und schweigend wie alles, was perfekt sein soll. Die Unruhe, die alle paar Jahre nach mir greift, und mich weitertreibt irgendwohin, wo vielleicht eine lächelnde Reinheit wohnt, fragloser Glaube, stumme Erfüllung, Demut, Hingabe an ein schweigendes, lichtes Meer, das sich über mir schließt.

Aber viel wird da nicht mehr kommen, und die Welt und ich werden uns einiges schuldig bleiben, was mich schmerzen würde, hätte ich es einmal erwartet und vielleicht gewünscht.