The Technicolor Zen of Unterschicht

Früher, also ganz früher, als in Berlin noch ein Kaiser saß, oder sogar noch viel früher, als es noch nicht einmal einen Kaiser gab, sondern bloß einen König von Preußen, waren die Verhältnisse klar: Es gab sehr viele Bauern, überhaupt war fast jeder Bauer, und alle Bauern arbeiteten den ganzen Tag. Über den Bauern gab es Bürger, die arbeiteten zwar auch ziemlich viel, hatten abends aber noch Zeit, ein bißchen Hausmusik zu machen oder Gedichte oder genug Scherenschnitte, um alle Wände für die nächsten 300 Jahre damit zuzuhängen.

Über den Bauern und Bürgern aber thronte, breitbeinig und stiernackig, der Junker, der adelige Herr, und arbeitete so gut wie gar nicht. Aus purer Langeweile ergab er sich der Gartenbaukunst, sammelte Gemälde, die andere Leute gemalt hatten, und tanzte, jagte, bekam Kinder, und ab und an zog er in den Krieg. Manchmal starb er dabei, meistens starben nur die anderen.

Dann aber verloren die Junker allzu viele Kriege, in Berlin saß kein Kaiser mehr, sondern bloß noch Präsidenten, die Junker wurden irgendwann von der Roten Armee aus ihren Schlössern vertrieben und mussten sich Berufe suchen, und die Bauern, die längst keine Bauern mehr waren, sondern Facharbeiter bei VW oder Siemens oder so, bekamen jedes Jahr mehr Geld. Häuser kauften sich die gewesenen Bauern, Fernsehgeräte und Kraftfahrzeuge, traten dem Bertelsmann Buchclub bei, ließen sich viermal im Jahr ein Buch schicken, und fuhren jedes Jahr dahin, wo es warm ist und Palmen wachsen.

Ziemlich viel Arbeit war es natürlich trotzdem. Morgens ging der Bauer, der jetzt Arbeiter war, mit seiner Brotdose aus dem Haus, und kam abends ganz zusammengedrückt nach Hause. Seine Frau putzte irgendwo, und beide legten sich mächtig krumm, damit ihr Sohn Zahnarzt werden konnte.

Besonders glücklich war der Arbeiter nicht. Die Raten fürs Haus waren hoch, der Wagen ständig kaputt, der Sohn fiel durchs Physikum, und seine Frau trug den ganzen Tag Kittelschürzen und Besenreiser an den Beinen. Zwar setzten sich die Gewerkschaft und die SPD mächtig dafür ein, dass alles immer besser wurde, die Arbeit weniger, das Geld mehr, die Fernseher größer und das Physikum leichter, trotzdem verspürte der Arbeiter nachts, wenn er nach Hause kam, einen bohrenden Schmerzin der Brust, die Leere des Lebens drückte ihm das Herz ab, das ganze Gewicht seines Seins fiel ihm auf den Kopf, und eines Tages wurde er Buddhist.

Was Richard Gere kann, kann ich auch, sagte sich der Arbeiter. Inneren Frieden durch Verzicht, predigte er seiner Frau. Warum 2.500 Euro, wenn die Hälfte auch reicht, erkannte er und kündigte seinen Job. Mühelosigkeit, stellte er sich vor. Schmerzlosigkeit, ein sanftes, buntes Fließen, fernab der grellen und billigen Extasen der Moderne, ein Reich jenseits des Rauschs und der vergeblichen, scheinbaren Siege, wünschte sich der Arbeiter und stand morgens einfach nicht mehr auf. Wenn er aufstand, trug er nur noch Jogginghosen, die ihn nicht beengten, trank Bier, das das Leben weich zeichnete, ein wenig wattig, und bat seine Frau, sich auch so bunt anzumalen wie die Damen, die man im Fernsehen sieht, um sich einer unkomplizierten, ungezwungenen Sinnlichkeit hinzugeben und nackt unter blühenden Bäumen mit lauter anderen Arbeitslosen wie die Kinder Gottes am ersten Morgen der Welt an der Ostsee einherzuwandeln.

Irgendwer aber, so erkannten die Anführer der deutschen Arbeiterbewegung, musste die ganze Veranstaltung bezahlen. Autos bauen konnten zwar auch unbuddhistische Leute irgendwo anders, Essen kochen muss auch keiner, der eine Microwelle hat, und überhaupt war es gar nicht nötig, dass die Arbeiter arbeiten, wenn nur andere Leute arbeiten und von ihrem Geld abgeben, und irgendwer mit seiner Arbeit den deutschen Buddhismus bezahlt.

Jahrhundertelang, rechtfertigten die deutschen Arbeiterführer ihr Tun, hätten die Bürger und Junker ihre Hände in den Schoß gelegt. Nun sei die Zeit gekommen, den Spieß einmal umzudrehen, die Arbeit radikal zu verschieben, diejenigen zwölf Stunden am Tag in die Büros zu scheuchen, die derlei auch einmal getan hätten, und auf diese Weise den friedlichen, knallbunten Buddhismus zu finanzieren, den die Arbeiter sich, wie jeder billig und gerecht denkende Mensch kaum bestreiten könne, über Jahrhunderte redlich verdient hätten.

Sollen die doch, deuteten die Arbeiterführer abfällig in Richtung der himmelstrebenden Türme des Geldes, arbeiten, bis sie mit vierzig tot an ihren Schreibtischen umkippen. Sollen die doch weiter glauben, die Herren der Republik zu sein und zu bleiben. Sollen die doch verdienen, was sie wollen, wenn nur der ehemalige Arbeiter mit dem seligen Lächeln derer, die erkannt haben, dass das Leben nicht mehr zu bieten hat als das Glück der Schmerz- und Wunschlosigkeit, auf seinem Sofa sitzen kann, das er, wie man weiß, nicht mehr verlassen wird, denn dort ist es schön.

Freitag ist Dönertag

Eltern von Freunden waren ja schon als Kind eine spannende Sache – dass die Mutter der K. überhaupt nichts dabei fand, ihre Kinder Cola und Milchschnitten essen zu lassen, ohne dass die davon irgendwelche sichtbaren Schäden davontrugen etwa. Dass die Eltern des T. zu Hause mit derselben ausgesuchten, etwas distanzierten Höflichkeit miteinander umgingen wie auswärts, und nicht – wie bei mir zu Hause – alle durcheinander redeten und zwar ausschließlich über Dinge, die möglichst jedes anwesende Familienmitglied anders sah.

Nach dem Auszug von zu Hause entschwanden anderer Leute Eltern dem eigenen Gesichtskreis. Dass der einen Mutter ganz schön anstrengend sein kann, dass der anderen Vater ein schrecklicher Schürzenjäger ist, der sich gleichwohl niemals scheiden lassen wird: Man hörte davon, man sah die anderen Eltern nie, und wenn doch, so beschränkte sich dies auf kurze Stippvisiten in der Universitätsstadt, höchstens eine Tasse Tee in einem Café, wo man sich artig unterhielt, um einen guten Eindruck zu machen.

Andere Verwandte dagegen sieht und sah man nahezu nie. Die Tante, unter der liebe Freunde liebevoll stöhnen, die legendäre Tante des R. tauchten niemals auf, lebten allein durch Erzählungen, und unklar blieb teilweise sogar, ob die Tante oder Oma des Erzählers zum Zeitpunkt der Wiedergabe irgendwelcher Anekdoten noch unter den Lebenden weilte.

Mit der Zeit lernte man zu unterscheiden: Die Tante des R. bietet wenig Grund zur Unterhaltung, die erwähnte anstrengende Mutter ist eine derjenigen Geißeln ihrer Nachkommenschaft, die man doch nicht umhinkommt, zu bemitleiden und recht sympathisch zu finden in ihrer Enttäuschung durch ein Leben, das ihren Vorstellungen wohl unverschuldet so wenig entsprochen haben mag, wie es den eigenen Wünschen entsprechen würde, wäre man gezwungen, es zu führen. Besonders gern, begierig geradezu, wartet indes ein inzwischen größerer Kreis von Menschen auf Geschichten aus dem Familienleben der I., bevorzugt solchen, in deren Mittelpunkt der Vater der I. steht, der bekannt ist für ein unkonventionelles Verhältnis zur Essbarkeit von Tieren, ungewöhnliche Ideen zur Aquise von Lebensmitteln und ganz generell für ein Verhältnis zu den Dingen der äußeren Welt, das von den meisten anderen Leuten nicht geteilt wird.

Doch wir alle werden älter. Auch der Vater der I. altert zusehends, die Flexibilität weicht der Hartnäckigkeit liebgewonner Gewohnheiten, und so hat der Vater der I. sich seit Jahren angewöhnt, jeden Freitag einen Döner zu verspeisen. Einen „Döner mit Alles“ wie der Berliner Dönerverkäufer zu sagen pflegt. Freitag ist Dönertag.

Auch eine weitere Erscheinung des Alters macht nicht Halt vor dem Vater der I., die Haare werden schütter, der Bauch rundet sich, und die Zähne hören auf, so fest verankert im Zahnfleisch zu sitzen, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Eines Tages brauchte der Vater also Stiftzähne. Zwei Stück: einen vorne rechts und einen weiteren genau daneben.

Es liegt indes in der Natur des Stiftzahnes, nicht einfach ins Fleisch gerammt zu werden und dann eine ebenso große Standfestigkeit zu entfalten, wie dies bei den eigenen Zähnen der Fall war, damals, als die Zähne noch fest saßen. Ganz im Gegenteil muss der Stiftzahnbesitzer einige Wochen abwarten, bis der Stiftzahn eingewachsen ist, und während dieser Zeit kann feste Nahrung eigentlich nicht verzehrt werden. So aß also der Vater der I. tagelang fein zerkleinerten Brei. Reibungslos verliefen so Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Dann aber ging die Sonne auf, es war Freitag, es war Dönertag, aber an den gewohnten Verzehr eines Döners war nicht zu denken, denn einen Döner ohne Vorderzähne zu essen ist, wie man weiß, nicht gut möglich, und so konnte der Vater den Döner zwar kaufen, essen konnte er ihn jedoch nicht, und so kam er, zwar gealtert, doch offenbar unverändert, auf eine seinem früheren Einfallsreichtum würdige Idee. Konnte der Döner also nicht ganz gegessen werden, so musste man ihn eben fein zerkleinern.

„Er hat den Döner püriert!“, prustet also seine Tochter auf meinem Sofa. „Püriert? Ganz? Mit Zwiebeln und Salat?“, schallt es zurück.- „Naja,“, relativiert die I. ihre frühere Aussage. Das Dönerbrot habe er ganz gelassen und lediglich in Milch eingeweicht.

„Igitt.“, stöhnt der geschätzte Gefährte, und die C. macht Geräusche, die sich anhören, als würde jemand gleich ersticken. „Das ist ja widerlich.“, sage ich, und die I. nickt.

Mit großer Freude, mit ungleich größerer Freude als zu sonstigen Verehelichungen sehen wir alle vor diesem Hintergrund der Heirat der I. entgegen, die nächstes Jahr im Mai ihren geschätzten Gefährten heiraten wird, und der Vater der I. wird, wie es sich gehört, eine Rede halten.

Man wird ihm genau zuhören, und ihn noch genauer betrachten.

Wunderschön (eine Neidphantasie)

Wie sich das wohl anfühlt, überlege ich am Rande der Bar, und nippe an einer Flasche Bionade. Wie das wohl ist, so schön zu sein, dass einem die Männer auf der Straße nachschauen, und ab und zu einer gegen einen Laternenmast läuft, weil er die Augen nicht von einem wenden kann, weil man so schön ist, so schön wie die Mädchen in Märchen, mit goldenen Haaren bis zum Hintern und schlank und lang wie Giraffen, eine Giacometti-Gazelle, grazil und zerbrechlich wie eine Meissner Porzellanballerina, so zerbrechlich, dass jeder sofort weiß, dass man unmöglich selber Türen aufmachen oder Tüten schleppen kann.

Großartig muss das sein, denke ich mir, so schön zu sein, dass sich jeder geschmeichelt fühlt, wenn man ihn anlächeln würde, und einem alle möglichen tollen Eigenschaften andichten würde, weil er sich ja nicht eingestehen würde, dass er nur deswegen so begeistert wäre, weil man so schön ist, so zart, so elfenhaft, dass Männer Angst hätten, man könnte zerbrechen, wenn man zu fest angefasst wird. Für humorvoll würde man gehalten, wenn man nur ab und zu lacht. „Die M. ist so humorvoll!“, würden fremde Männer mich rühmen, obwohl ich stundenlang kaum den Mund aufgemacht hätte, und nur ab und zu ein wenig ein freundliches, ein wenig abwesendes Lächeln aufgesetzt hätte, wenn sie einen Witz gemacht haben. – Andere Frauen, die bemängeln würden, dass die wenigen Sätze, die ich geäußert hätte, jedenfalls nicht als besonders amüsant gelten würden, hätte eine weniger hübsche Frau sie geäußert, würden als stutenbissig, wie man so sagt, oder als zickig gebrandmarkt. „Die X. kann’s halt nicht haben, wenn eine andere Frau besser ausschaut als sie.“, würden sie die anderen tadeln, ich müsste gar nichts dazu sagen, und würde nur freundlich lächeln. „Die X ist doch eine Nette.“, würde ich sagen, und sofort als wahnsinnig großzügig und sehr, sehr herzlich gelten, als Freundlichkeit in Person, und dann würde ich die langen Wimpern senken, und mich freuen, es der X. einmal so richtig gezeigt zu haben. Die blöde Kuh.

Vielleicht hätte ich aber tatsächlich nichts gegen die X., wozu auch, denn in meiner Gegenwart würde die X. ja ohnehin nicht einmal bemerkt, und wenn ich auftauche, schaut keiner mehr die X. an, sondern nur noch mich, und alles, was ein Mann in meiner Nähe sagt, würde er nur zu mir sagen, alle anderen Frauen wären unsichtbar, und jeder würde darauf warten, dass ich lächele, und dann hocherhobenen Hauptes durch den Tag schreiten. Würde ich sogar vielleicht einmal laut lachen, mich im Scherz für einen Augenblick bei ihm anlehnen und mir irgendetwas von ihm erklären lassen, was er kann, und ich nicht zu können bräuchte – wie großartig wäre das! Stundenlang würde er strahlen wie ein geborstener Atomreaktor, und wenn er schon eine Freundin hätte, würde er sie auf der Stelle sitzenlassen, wenn ich ihn haben wollen würde, und sich einreden, ich sei etwas ganz Besonderes.

Wunderbar wäre das. Andauernd würde das Telephon klingeln, hochintelligente Männer würden sich darum reißen, mich zum Essen auszuführen, und mir nur die teuersten und besten Restaurants zumuten, und sich freuen, wenn es mir schmeckt. Gedichte würden mir Leute schreiben, mich verherrlichen und von mir träumen. Meine Wege wären leicht und mit seidenen Teppichen ausgelegt, wie etwas Wunderbares und Kostbares würde ich geliebt, und wen ich verlasse, der würde ein Leben lang mit allen künftigen Freundinnen über mich sprechen wie Platon persönlich über das untergegangene Atlantis oder der Papst über den lieben Gott.

Auslobung

In Zeitungen gibt es das ja manchmal, so eine Rubrik „vor fünfzig Jahren“ oder so, und da kann man dann lesen, dass heute vor fünfzig Jahren die neue Sparkasse in Klein Hoppelhausen eingeweiht wurde, und der Bürgermeister anwesend war, und der Ortsvorsteher auch. Auf der Bundesstraße wurde ein Schwein überfahren, in Groß Hoppelhausen ist ein Holzlager abgebrannt, und die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung.

In Klein Bloggersdorf gib es das natürlich nicht, denn vor fünfzig Jahren war da, wo heute Klein Bloggersdorf steht, das schiere Nichts, und doch wünsche ich mir ab und zu einen kleinen Rückblick, so ein „heute vor einem Jahr“ als kleinen Link auf der Seitenleiste.

Irgendwie, denke ich mir, muss das doch technisch einzurichten sein. Leider habe ich keine Ahnung, wie das geht, wenn das geht, und wer mir sagt, wie man das macht, kann sich diesmal nicht nur meine ewige Dankbarkeit verdienen, sondern eine kleine Überraschung, die ich ihm zusenden würde, wenn er mir seine Adresse an die rechts angegebene E-Mail schickt.

Hah! Schon erledigt! Einen herzlichen Dank an den freundlichen Menschen, der mir das Dings geschrieben hat, und ebenfalls besten Dank an diejenigen, die ihre Bereitschaft ausgedrückt haben, mir zu helfen.

Das Badefest

Eine Idylle

Weil ich Leute blöd finde, die ein inneres Kind haben, dem sie Schwimmtiere für die Badewanne kaufen, lasse ich zwischen Bergen von Schaum bloß eines von diesen Fläschchen schwimmen, die man in den Badezimmern von Hotels immer vorfindet, und die ich jedesmal mitnehme, weil man ja nicht weiß, ob man im nächsten Hotel auch Duschgel hat. „Mint Thyme Conditioner“ heißt das Schiff, das unterhalb der silbern glänzenden Türme von Port Hahn in See sticht, und kreist zwischen den weißen Schaumbergen hin und her. Gut sieht der Schaum aus, der sich entlang den Rändern der Wanne türmt, zart durchsichtige Blasen, hochgetürmt, weiß vor Sauberkeit, und in der Mitte aufgerissen, wo man meine Beine sehen kann, die ich eigentlich ganz gut finde, besser jedenfalls als den Oberkörper, über den ich mit den Händen ganz viel Schaum verteile, damit man ihn nicht sieht.

Die „Mint Thyme Conditioner“ dümpelt ein wenig antriebslos über die Wasseroberfläche, und ich gebe ihr einen kleinen Stoß. Entlang der Meerenge zwischen dem Wannenrand und der tückischen Isola Knie kreuzt das Schiff Richtung Süden, kollidiert ein paarmal mit der emaillierten Wanne, und schwankt weiter. „Seemann lass das Träumen..“, singe ich, weil ich ausschließlich in Badezimmern singe, und die Gelegenheit nicht verstreichen lassen will.

Ein Erdbeben in Höhe des Kaps der beiden Füße bringt die See in Wallung, ein bißchen Wasser landet sogar auf dem weißgekachelten Fußboden neben der Wanne, und die „Mint Thyme Conditioner“ dreht sich ein paarmal um die eigene Achse. „Hilfe! Seenot!“, quietsche ich stellvertretend für den Kapitän und den ersten Offizier. „Mann über Bord!“, brülle ich als Kapitän, aber der erste Offizier liegt schon ertrinkend auf der Höhe meiner Ferse, strampelt noch ein bißchen und liegt dann ganz still.

„Ist irgendwas?“, erkundigt sich der geschätzte Gefährte vom Arbeitszimmer aus durch zwei geschlossene Türen. „Alles bestens!“, antworte ich, was ein wenig herzlos ist, denn der erste Offizier ist ja tot, aber ich singe ein bißchen, um den Kapitän zu trösten, und das Leben muss ja weitergehen.

Hart und einsam ist das Leben nun an Bord der „Mint Thyme Conditioner“, und ich beschleunige ein bißchen, um den Kapitän zu trösten. Das Wadenmeer immerhin ist ruhig, der Kapitän liest viel und beginnt, den ersten Offizier zu vergessen, und wenn der Zwieback nicht auch langsam zur Neige ginge, wäre das Leben fast schön auf der „Mint Thyme Conditioner“, die allerdings langsam beginnt, etwas Wasser zu ziehen, und deutlich tiefer liegt als zu Beginn der langen und gefahrvollen Fahrt.

„Du bist doch schon ganz aufgeweicht!“, behauptet der geschätzte Gefährte, obwohl er mich gar nicht sehen kann, und ich betrachte interessiert die Rillen auf meinen Fingerkuppen. – Ob man, überlege ich, am ganzen Körper solche Rillen bekommt, wenn man im Wasser liegt wie der erste Offizier? Oder ob er sich inzwischen dermaßen mit Wasser vollgesogen hat, aufgeplustert wie ein Schwamm, aufgedunsen durch das vanilleduftende Badewasser, dass er am Ende nicht einmal mehr durch den Ausguss passt, wenn ich den Stöpsel ziehe und die Wanne verlasse, um mich abzutrocknen?

Am Ende aber ist die Wanne leer, der erste Offizier treibt leblos durch die Berliner Abwasserrohre, und der Kapitän steht nur manchmal ein wenig versonnen am Badewannenrand neben der „Mint Thyme Conditioner“ und gedenkt des toten Gefährten mit ein wenig Wehmut.

Die fiktive Krankenschwester

Lügen, sagt man, hätten kurze Beine, womit der Volksmund in pointierter Form zum Ausdruck bringen will, dass früher oder später ohnehin jede auf Täuschung Dritter abzielende Unwahrheit auffliegt, was, wie wir alle wissen, aber maximal dann zutreffend sein dürfte, wenn man – wie ich – seine Ausreden ständig vergisst und zudem zu faul ist, die fiktive Seite seines Lebens einfach irgendwo aufzuschreiben. Man, und da liegt der Volksmund natürlich richtig, verplappert sich, verheddert sich in den straff gespannten Fallstricken zwischen Realität und Fiktion, man trifft gleichzeitig zwei Personen, die jede eine andere Version des Verlaufes irgendeiner Geschichte aufgebunden bekommen haben, von denen maximal eine stimmt, oder man – und dann wird es erfahrungsgemäß besonders schwierig – wird von dem Drang nach Wahrheit einfach übermannt.

Der Triumph der Wahrheit über die Lüge gilt gemeinhin als eine sehr moralische Sache, und darf wohl, hält man die Wahrheit für moralisch vorzugswürdig, selbst dann als überlegen gelten, wenn sie ihrerseits nicht originär moralischen Zwecken dient. Die K. etwa, eine Bekannte von Bekannten, treibt keineswegs die Wahrheitsliebe dazu, eine harmose Lüge gerade ziemlich zu bedauern, wenngleich doch immerhin die Liebe an sich die K. motiviert, allerdings nicht die Liebe zur Wahrheit, sondern schon eher die Liebe zu einem netten Herrn.

Diesen Herrn traf die K. vor einigen Wochen auf einer größeren Party, man unterhielt sich, die K. war übermütig gestimmt, trank viel zu viel Gin Tonic, und so verschwieg sie ihm kurzerhand ihren Beruf. Rechtsanwältin ist die K., und als Rechtsanwältin, wie niemand besser weiß als ich, hat man allen Grund zu seiner Profession möglichst zu schweigen, denn aus mir unbekannten Gründen empfinden Personen männlichen Geschlechts Rechtsanwältinnen als erotisch abstoßend. Krankenschwester sei sie von Beruf, behauptete deswegen die schon ziemlich angetrunkene K., und der nette Herr glaubte jedes Wort.

Man plauderte, man küsste sich sogar ein bißchen, man ging auseinander, und die vermeintliche Krankenschwester verbuchte den Abend als etwas hochstaplerisch, aber reizend, und hatte den Abend fast schon vergessen, als sie den netten Herrn wenig später ein zweites Mal traf. „Wie geht’s im Krankenhaus?“, fragte er sie, und sie musste einen Moment überlegen, bis ihr einfiel, dass sie ja Krankenschwester war.

Eine Richtigstellung war ihr gerade in bißchen peinlich, und so spann sie schnell irgendetwas zusammen, was ihrer Ansicht nach Krankenschwestern zu erzählen haben, und wechselte schnell das Thema. – Das Gespräch verlief ansonsten noch viel netter als das erste, man küsste sich wieder, man küsste sich weiter, und man verabredete sich für einen der nächsten Abende ganz gezielt.

Recht vielversprechend sieht es also eigentlich aus mit der K. und dem netten Herrn. Die Krankenschwester, die nicht existente Krankenschwester K., liegt der Rechtsanwältin K. allerdings nun schwer auf der Seele und die Wahrheit würgt in ihrem Hals. Denn was, so hat die K. allen Grund sich zu fragen, wird der nette Herr sagen, wenn er von der Täuschung erfährt? Wird mangelnde Wahrheitsliebe der K., allzu früh offenbart, ihn unverzüglich in die Flucht schlagen? Oder wird es das rechtsanwaltliche Berufsleben sein, was die weitere Bekanntschaft beenden wird? Oder empfiehlt es sich einfach, weiterzuschwindeln und Krankenschwester K. noch ein Weilchen am Leben zu lassen, bis die verkappte Rechtsanwältin K. dem Herrn so ans Herz gewachsen sein wird, dass er ihr die Täuschung verzeiht? Indes beschwindelt man doch ungern diejenigen, die einem lieb sind oder es gerade werden, und so ist die Situation der K. ganz insgesamt gerade keine besonders komfortable. Der Sieg der Wahrheit über die Lüge, so wünschenswert auch generell, erweist sich an der K. als individuell durchaus wenig angenehm, und so verdammt sich die K. gegenwärtig schrecklich für ihre anfängliche Schwindelei, was wiederum ja durchaus im Sinne derjenigen sein dürfte, welche zu moralischen Ansichten über Wahrheit und Lüge neigen, der Volksmund etwa, um noch einmal auf jenen zu sprechen zu kommen, der ja, wie bereits ausgeführt, ansonsten selten genug zu siegen weiß, und an der K. derzeit eines seiner raren Exempel statuiert.

Ouverture

Hübsch ist das Mädchen nicht, an das ich mich erinnern kann, noch besonders anziehend. Ziemlich schnell in allem, was sie tut, fast ein wenig fahrig, nicht sehr gefällig, nicht besonders freundlich, auch nicht von der Offenheit, die meine Freundin N. anderen angenehm machte. Nicht so schön, nicht so glänzend wie die N. natürlich, der nachgeschaut wird schon mit 14. Mit kurzen, schwarzen Haaren auf dem Kopf laufe ich durch den Mittelstufentrakt der Schule, einer dicken Brille auf der Nase und bunten Sweatshirts an, die mir nicht stehen, weil sie viel zu weit sind, aber ich dachte, ich sei dick.

In der Pause stehe ichauf dem Raucherschulhof, ziehe an meinen ersten Zigaretten, Dunhill Methol, warum auch immer, und kaufe mir manchmal, wenn ich nach der Schule allein zu Hause bin, eine Tüte Erdnußflips und gehe mit einem ganzen Stapel Bücher zu Bett. Ich lese den ganzen Tag, manchmal die Nacht dazu, und schlafe ab und zu in der Schule ein, aber das ist mir egal. Schlecht in der Schule zu sein ist das einzige, was ich an mir cool finde, lässig, so lässig wie die N., die nur zu lächeln braucht, nein, nicht einmal zu lächeln, einfach nur da zu sein, damit Menschen sie mögen, aber statt der N. dankbar zu sein, dass sie mir Einladungen verschafft, die ich sonst niemals hätte, missgönne ich ihr die Aufmerksamkeit, die Gabe, geliebt zu werden, die Briefchen, die Anfragen, und die mühelose Kontaktaufnahme, die mir schwer fällt, so schwer, dass die wenigen Versuche, denen näher zu kommen, die ich verehre, so anstrengend werden für alle Beteiligten, dass sie schleunigst wieder eingestellt werden. Es wäre auch nicht viel dabei herausgekommen.

Der G. zum Beispiel, mit dem ich ab und zu Eis essen gehe und lange, etwas trübsinnige Gespräche führe. Der G. ist, wie jeder weiß, in die N. verliebt, die kein Herz hat für den armen Kerl, der viel liest, und nicht besonders sportlich ist, der kein vernünftiges Auto fährt, und ab und zu stottert, wenn er aufgeregt ist. Der G. wird zehn Jahre später glänzend promovieren, aber auch das würde der N. nicht imponieren. Die Neigung des G. zur N. ist hoffnungslos. „Was hält die N. von mir?“, fragt der G. viel zu oft, und ich sage irgendetwas, was ich vergessen habe, und komme gar nicht darauf, der Verliebtheit des G. durch einige gezielte Boshaftigkeiten ein Ende zu machen. Ein feiner Kerl sei ich, sagt der G., und mir zieht sich das Herz zusammen.

Die N. ist kein feiner Kerl, die N. hat an jedem Finger zehn, wie man so sagt, und spielt sie gegenseitig aus. Ab und zu lädt einer aus Frustration ihre Freundin ein, das bin ich, und spricht den ganzen Abend über die N., regt sich auf über ihre Unzuverlässigkeit, ihre Verlogenheit, die Unstetigkeit ihrer Gefühle, und möchte ein bißchen bemitleidet werden. Geliebt werden wollen sie nur von der N. „Dass du dich mit dem nicht zu Tode langweilst!“, lacht die N. mich aus, wenn ich mit G. zum Schwimmen fahre und den Bauch einziehe, aber der G. schaut mich nicht anders an als seinen kleinen Bruder.

Allein zu Hause vor dem Spiegel bin ich manchmal schön. Dann lächele ich dem Spiegel zu, drehe mich ein bißchen, schaue über die linke Schulter, über die rechte, lege den Kopf schief, und halte den Mund geschlossen, weil das besser aussieht, wenn man meine Vorderzähne nicht sieht. Die sind nämlich schief. In der Schule schweige ich selten. mein Mundwerk ist gefürchtet, und über meine Witze lacht man gern. Eingeladen werde ich immer öfter in den nächsten Jahren, gelte als schlagfertig, als amüsant und geistreich, wie man sagt, aber nicht als charmant, und geliebt wird man nicht für einen exakten Kopf, den der Lateinlehrer lobt, der auch Philosophie unterrichtet. Eingeladen werde ich oft, geküsst werde ich selten, und nie von denen, denen ich nachschaue, und mit denen ich befreundet bin, nicht mehr und nicht weniger. Trostpreis, beschimpfe ich mich laut, allein vor dem Spiegel.

Ich lächele zu wenig, sagt die N., und rede zu viel. Das mögen Männer nicht, wenn ein Mädchen so viel redet, und ich nehme mir vor, mehr zu schweigen. Das Schweigen aber fällt mir schwer. – Quantität sei nicht Qualität, tröstet die N. und rät zu dem S. oder zum K., nette Jungs seien das, aber in mich verliebt sich keiner, und ich mag sie auch nicht haben, selbst, wenn ich könnte.

Später werde das ohnehin alles anders, behauptet die N., und ich nicke wider besseren Wissens.

Fünf

Frau Gutemine hat gefragt:

1. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber gerne hätte:

Tja, denken Sie, da lässt sich das Fräulein Modeste bestimmt irgendetwas angemessen Originelles einfallen und wünscht sich etwa einen Zwergwombat oder so, gern vielleicht auch einmal etwas ganz altruistisch Immaterielles wie den Weltfrieden. Oder dass die USA das Kyoto-Protokoll unterschreiben, irgendwie so, was ganz nebenbei auch noch in hoffentlich sehr sympathischer Weise zum Ausdruck brächte, dass Madame wie alle intelligenten Leute längst erkannt hätte, das Dinge, die man kaufen kann, nicht glücklich machen, wie man ja immer wieder hört.

In Wirklichkeit ist zumindest letztere Aussage ziemlich unzutreffend: Es gibt kaum etwas Frustrierenderes, als wenn man etwas kaufen will, und es nicht geht, weil es die Kleidungsstücke, die man kaufen will, nicht in der Kleidergröße gibt, die man nun eben einmal hat. Noch schlimmer, wenn die Lücke im Sortiment auch völlig zu recht besteht, weil die Sachen, die man eigentlich ganz gerne tragen würde, an schon eher dicken Frauen einfach schlecht aussehen. Noch schlechter, wenn einem auch bei längerer Überlegung keine als schön bekannte Frau des öffentlichen Lebens einfällt, die dicker ist, als man selber. Insofern: Kleidergröße 34/36. Und einen straffen Bauch.

Im Übrigen würde ich auch gern die Fähigkeit besitzen, Klavierspielen zu können, habe aber keine Lust, lange zu üben. Da der Klavierunterricht meiner Kindheit vollkommen fruchtlos an mir vorbeigegangen ist, und trotz mehrjähriger Qual nie auch nur ein einigermaßen angenehmes Ergebnis bei der ganzen Sache herausgekommen ist, habe ich da allerdings wenig Hoffnung. – Da ein Klavier in meine Wohnung auch gar nicht passen würde, hätte ich bei der Gelegenheit gern noch eine größere Wohnung. In die würde ich, glaube ich, dann gern ein Bild von Andreas Gursky hängen, die Photographien mag ich nämlich, obwohl die derzeit ja jeder mag, außer natürlich denjenigen, die nie mögen, was alle mögen, aber das ist ein anderes Thema.

2. 5 Dinge, die ich habe, aber lieber nicht hätte:

Familienangehörige in dieser Kategorie zu nennen, gilt gemeinhin als bösartig, nicht? Selbst dann, wenn einzelne Familienmitglieder wirklich ziemlich anstrengend sind? Und gern anrufen, wenn man sehr viel zu tun hat und wollen, das man irgend etwas kostenlos für sie macht? Sie schütteln den Kopf? Geht nicht? Okay….

Dann aber sozusagen statt dessen die mir völlig ermangelnde Fähigkeit, sich über den Rest der Welt einfach nicht aufzuregen. Ich rege mich immer auf. Ich bin aufbrausend und launisch, und wenn ich jemals privat Kinder oder beruflich Personalverantwortung hätte, würde es übel ausgehen, weshalb es wohl ziemlich gut ist, wenn diesbezüglich alles so bleibt, wie es ist.

Sehr gern los wäre ich natürlich auch die fünf Kilo Berufsspeck, die ich irgendwann dieses Jahr angesetzt haben muss, was wiederum mit dem stetigen Hunger korrespondiert, den ich immerzu habe, während Menschen, die ich kenne, den ganzen Tag nichts essen als Salat, und von mir um diese Fähigkeit heiß beneidet werden.

In diesem Zusammenhang wäre es natürlich auch sehr nett, nicht jedesmal komplett zusammenzubrechen, wenn irgendwo jemand auftaucht, der wesentlich besser aussieht als ich und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich verwandele mich in diesen Momenten jedesmal in jemanden, der sehr klein, sehr hässlich und sehr missgünstig mit verschränkten Armen irgendwo in einer Ecke steht und dabei sehr, sehr lächerlich wirkt. Das merkt zum Glück allerdings meistens keiner außer mir selbst, weil ja alle um die auftauchende Schönheit herumstehen und sich an ihrem Lächeln weiden.

Und Schlafstörungen natürlich. Ich wache jeden Morgen nach maximal sechs Stunden mit obskuren Träumen auf und fühle mich den ganzen Tag wie durchgekaut.

3. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber auch nicht haben möchte:

Ein Kraftfahrzeug natürlich. Habe ich nicht und brauche ich nicht, ich bleibe Taxifahrerin aus Leidenschaft. Und – lassen Sie mich überlegen: Einen elektrischen Entsafter. Kinder. Ein Haus im Grünen. Und Cellulite hätte ich auch nicht so gern.

4. 5 Dinge, die ich habe und auch weiterhin haben möchte:

Meinen Job, den ich selbst dann noch mag, wenn ich nach 16 Stunden nachts um 1.00 aus dem Büro nach Hause falle. Mein Blog, auch wenn ich zu wenig Zeit habe, die Texte zu aufzuschreiben, deren Fetzen mir ab und zu durchs Hirn rauschen. Den geschätzten Gefährten natürlich, ohne den ich nicht einmal sechs Stunden pro Nacht schlafen könnte. Das Sofa, das ich mir letztlich gekauft habe, um darauf zu liegen, falls ich mal zu Hause bin.

Und Berlin. Sofern ich Berlin habe, und nicht Berlin mich.

Sammeln Sie das Stöckchen auf, wenn Sie möchten.

Logistik und Eitelkeit

Sollten Sie, meine Damen und Herren Berliner, im Laufe des morgigen Tages eine dicke Dame beobachten, die sich alle paar Sekunden hektisch und ein wenig fahrig durchs allzu dichte schwarze Haar fährt, dicke Haarsträhnen zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmt, und vor jedem Spiegel anfängt, ihr Haar nach rechts und links zu schieben, und dann ein bißchen zu schnauben, weil es ja doch nicht besser wird: Sprechen Sie sich ruhig an. Es geht ihr gut. Da wäre nur….

…. die Sache mit den Haaren.

Wie die Fama weiß, wiegen allein meine Haare mehr als manches Model, welches sadistische Modeschöpfer über den Laufsteig schicken. Meine Haare sind schwarz, dick, erinnern nicht nur entfernt an das, was Pferden aus der Haut sprießt, und neigen überdies dazu, nicht glatt und seidig an den Seiten herabzuhängen, sondern strähnenweise abzustehen.

Dies wiederum bedingt, dass das schiere Wachsenlassen keine sonderlich vorteilhafte Alternative darstellt. Da ich auch nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die überhaupt immer gut oder zumindest charming zerzaust wirken, gehen allzu lange Absenzen vom Friseur auch stets schwer zu Lasten meiner Gesamterscheinung, die ohnehin derzeit gewichtszunahmebedingt noch weniger meinen Vorstellungen entspricht als sonst.

Dann gehen sie doch zum Friseur, stöhnt es vernehmlich aus den Weiten des Internets. Überhaupt, so ächzt es weiter, sollten sie – also ich – endlich aufhören, ein seriöses Medium wie das Internet durch die Verbreitung ihrer rein privaten und im Maßstab welthistorischer Ereignisse extrem irrelevanter Probleme vollzumüllen. Beschäftigen sie sich endlich mit ernsthaften Dingen, schallt es mir aus den elektronischen Kanälen entgegen, denn meine Privatprobleme fände, wie man weiß, höchstens ich selber interessant.

Dabei, so antworte ich hiermit empört den anonymen Stimmen, ist es doch gerade die Beschäftigung mit ernsthaften Dingen, welche mich davon abhält, dem entwürdigenden und ästhetisch sehr, sehr demütigenden Zustand ein Ende zu bereiten. Nicht die Befüllung des Internets mit rein privaten Petitessen, nein, mein Broterwerb ist es, der mich davon abhält, endlich einmal zum Friseur zu gehen, denn diese Zunft pflegt ausschließlich zu Zeiten zu arbeiten, an denen diejenigen, die wie ich einer Berufstätigkeit nachgehen, in ihren Büros und nicht auf Friseurstühlen sitzen.

„Wann geht ihr eigentlich zum Friseur?“, fragte ich folgerichtig Kollegen, die schon länger berufstätig sind als ich, um herauszufinden, wie jene des Problems Herr werden, nur, um zu erfahren, dass der frühe Morgen sich anbiete, wolle man trotz Beruf halbwegs gepflegt durchs Leben schreiten. – Tätigkeiten, die am frühen Morgen auszuführen sind, verbieten sich mir indes eigentlich von selbst, zudem mag es dem Erfolg eines Friseurbesuchs abträglich sein, wenn die zu Frisierende während der Leistungserbringung einschläft. – „Na, Samstags“, sagten andere Stimmen, „musst halt nur rechtzeitig anrufen.“ – „Ich hasse Friseurbesuche!“, entgegnete ich dann, „und sehe überhaupt nicht ein, meine ohnehin allzu knappe Freizeit vor einem Spiegel zu verbringen, in dem ich immer bleich und ziemlich krötenartig aussehe, während die durchtrainiert-schlanke Friseurin M., halb so breit wie ich selber, vergeblich versucht, den Dschungel auf meinem Kopf in eine französischen Garten zu verwandeln.“

Ein paar Tage lang siegten so die Unlustgefühle am Friseurbesuch über die Unlust an der ausgewachsenen Frisur. Dann aber, da sich das Haareschneiden nicht ewig aufschieben lässt, wird, voraussichtlich morgen, doch angerufen werden müssen. Morgen allerdings sind die Samstagstermine höchstwahrscheinlich bereits ausgebucht, nichts geht mehr, und ich vertage den Friseur schlimmstenfalls gezwungenermaßen für eine Woche, während der die Haare munter weitersprießen, und wühle den ganzen Tag, den ganzen, verdammten Tag, in meinen Haaren herum, bis man mir solches verweist.

Und das sollten auch Sie tun, wenn Sie mich morgen so herumlaufen sehen, die rechte Hand im Haupthaar und die linke am Telephon, während ich vergeblich versuche, einen Termin noch für Samstag zu bekommen, und leicht hysterisch in das Telephon an meinem Ohr kreische, dass man mir das doch nicht antun könne, denn es handele sich um einen wirklichen Notfall, es ginge gar nicht mehr, nein, jetzt geht es auch nicht, aber bitte, bitte diesen Samstag… morgens, abends – egal wann, ja, hat ihre Kollegin auch schon – es ist aber wirklich dringend – nicht einmal, wenn jemand absagt? – Ja, dann rufen sie mich doch einfach an, danke – bitte – vielen Dank, tschüß.