Das fast gemeine Fräulein M.

„Der steht total auf dich!“, versichert die blonde Freundin ihrer dunkelhaarigen Begleitung am Nachbartisch im 103. „Und warum ruft er dann nicht an?“, fragt die mit den langen, dunklen Haaren ihre blonde Freundin nach den Beweggründen eines gewissen Florian und rührt mit einem langstieligen Löffel in einem Glas frischen Pfefferminztees, als ginge es darum, die schwimmenden sattgrünen Blätter möglichst klein zu hacken. „Der ist total schüchtern.“, behauptet die Blonde und zieht das „a“ bei „total“ ganz, ganz lang. „totaaaaal“, sagt sie, so ein bißchen nasal.

Der anrufverweigernde Florian traue sich einfach nicht heran an eine so starke Frau wie die dunkelhaarige, erklärt die Blonde die Psyche des unbekannten Florian ihrer Nachbarin und greift sich energisch in die dünnen Haare. Florian, der irgendwo auflegt, markiere zwar die coole Sau, aber das sei alles nur Fassade. Florian müsse deswegen ermutigt werden, ordnet sie an. Ihre Freundin nickt.

Einfach anrufen ginge aber nicht, denn die Dunkle, die anscheinend Nicki heißt, hat Florian offenbar schon einmal angerufen. Ziemlich wortkarg sei er am Telephon gewesen, berichtet die Dunkle und spielt mit einem riesengroßen Plastikring. „Klar!“, nickt die Blonde, als habe sie genau das erwartet. Der Anruf der Dunkelhaarigen habe Florian so aus dem Konzept gebracht, dass er gar nichts hätte sagen können. Deswegen riefe er jetzt auch nicht an, erläutert sie weiter. Florian hege Versagensängste und hätte die Befürchtung, einer so tollen Frau wie der Nicki nichts zu sagen zu haben.

Leicht mokant, mit der winzigen Hebung der linken Augenbraue, die ich nie beherrschen werde, nimmt meine Begleitung die Ausführungen am Nachbartisch zur Kenntnis. „Oh mein Gott.“, murmele ich, nehmen einen tiefen Schluck aus meinem Glas heißer Zitrone, und hole tief Luft.

„Geht’s euch noch gut?“, überlege ich einen kurzen Moment meine Nachbarin einmal laut anzusprechen. „Florian wird überhaupt nie anrufen.“, würde ich fortfahren. „Florian hat einfach kein Interesse an dir, denn jenseits des zwanzigsten Lebensjahres pflegen nur noch diejenigen Menschen heimlich verliebt zu sein, die guten Grund zu der Annahme haben, ein Geständnis ihrer Gefühle werde vom Adressaten als lästig empfunden. Wer interessiert ist, dem merkt man das auch an.“

Wenn ich schon so schön in Fahrt wäre, würde ich natürlich gleich weitermachen: „Florian, wer auch immer das ist, hat auch keine Angst vor starken Frauen, sondern höchstens eine Antipathie gegen dicke Frauen, und dick ist für den durchschnittlichen Berliner DJ jede Frau, die mehr als 45 Kilo auf die Waage bringt. Florian hat vermutlich auch kein Faible für Frauen über dreißig, nicht mal dann, wenn sie sich benehmen, als seien sie zwölf.“

Statt dessen trinke ich weiter. Die beiden Frauen zahlen und gehen, und in der Tür dreht sich die Dunkelhaarige noch einmal um. Sehr alt sieht sie in diesem Moment aus. Noch sieht man die Falten neben ihrem Mund nicht so genau, und nicht die hängenden Wangen. Man ahnt ein bißchen, wo die Markierungen einmal sein werden in nicht mehr ganz so vielen Jahren.

Unseren täglichen Selbstbetrug gib uns heute, murmelt es halb amüsiert, halb sarkastisch neben mir, und ich schwöre mir, so ehrlich wie möglich zu sein, wenn es einmal so weit ist, und fürchte, dass mehr Ehrlichkeit den beiden Frauen nicht möglich ist, die jetzt an den Fenstern der Bar vorbeigehen, die Kastanienallee hoch, und sich freundlich anlügen, weil das Leben kalt und grau und nicht auszuhalten ist, wenn Florian nicht anruft, und auch keiner sonst.

Kleiner Gesang vom nächtlichen Altern

Ist alles eins
Was liegt daran,
Der hat sein Glück,
Gar seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist Alles eins,
Der hat ein Glück!
Und ich fand keins.

Arnold Schönberg Op. 45,
Text von Jakob Haringer

Ob das jetzt alles war, überlegt es in dir, nachts um halb drei, während ein Stockwerk tiefer das Kind schreit und du nicht schlafen kannst. Ob in den vierzig, fünfzig oder mehr Jahren, die noch vor dir liegen, noch etwas kommt, auf das es sich zu warten lohnt. Ob hinter dem Wellenkamm der nächsten Woche, hinter dem Schaum vom nächsten Jahr noch einmal etwas Neues sitzt und sich die Haare kämmt beim Warten auf dich. Ob noch einmal eine neue Stadt über dir zusammenschlägt wie ein Meer aus Glas und Steinen, und dich an ihre Mauern wirft, und dich verschlingt, um dich neu zu gebären. Ob du noch einmal geliebt werden wirst, wie ich es mir nicht vorstellen kann bei alten Leuten: Ob noch einmal jemand sich kopf- und bedenkenlos ausliefern mag an dich, ob du noch einmal deinen Herzschlag an ein fremdes Gesicht heften wirst, und ob du dich noch einmal heimgekommen in eine fremde, blutige Haut hüllen wirst.

Vielleicht ist es aber auch so vorbei, wie bei vielen Leuten, die du kennst. Vielleicht ist alles, was da noch an Neuem kommt, nur die Wiederholung im Spätprogramm. Vielleicht ist das da draußen jetzt die letzte Runde, und wir alle tot, so tot wie die weißen, verwesten Frauen mit den Dauerwellen morgens in der Bahn. Vielleicht sind wir nur das schönere Elend. Vielleicht liegt alles, was für dich bestimmt war, bereits hinter dir, und wenn du daran denkst, nachts, wenn das Kind schreit, und du nicht schlafen kannst:

Dann war es nicht viel. Dann war es nicht genug, und kein Trost, dass es genug vielleicht gar nicht hätte sein können, so wie du bist, nachts um halb drei, und manchmal auch tagsüber.

Reklame

Den Kapitalismus, dem ich ja bereits viele schöne Stunden verdanke, habe ich mir ja immer als eine Frau vorgestellt. Eine schon leicht abgetakelte Diva, grell geschminkt, künstliche Fingernägel, und so ein irre vollgestopftes Boudoir, in dem sie ihre Liebhaber empfängt. Die Liebhaber in dunklen Anzügen sitzen dann auf den Plüschsofas herum, halb angewidert, halb fasziniert, und die alte Diva verspricht ihnen alles Mögliche, lügt, dass sich die Balken biegen, und wenn sie von einem der Anzugmänner genug hat, schmeißt sie ihn halt wieder raus. Da sitzt er dann vor der Tür, leicht lädiert, bankrott bis zu den Ohren, schnieft ein bißchen, und kommt vielleicht eines Tages wieder.

Wie das halt so ist, reden natürlich alle möglichen Leute schlecht über die schrille Dame, besonders Professoren und so, und weisen ihr alle möglichen Vergehen nach. Tatsächlich hat sie natürlich die eine oder andere Leiche im Keller. Außerdem ist sie launisch, wahnsinnig ungerecht, hat eingewachsene Fußnägel, und zu welchen Leuten sie nett ist, verstehen nicht einmal ihre besten Freunde. Warum, fassen sich regelmäßig ernsthafte Denker seriöser Wirtschaftsfakultäten angesichts ihrer jeweiligen Liebhaber an den Kopf, ausgerechnet der?

Tatsächlich belohnt die alte Dame mit ihrer Hingabe so gut wie nie die scheuen Rehe, sehr selten die klugen, aber unfrisierten Köpfe. Nahezu niemals schäkert sie mit den Feuerköpfen mit Brillen auf der Nase, und wen schon die Musen küssen, den zieht Madame Marktwirtschaft schon aus Prinzip nicht auf ihr Lotterlager.

Ein bißchen Mühe müsse man sich schon geben, erwidert sie gern ein wenig pikiert, wenn man sie fragt, warum sie eigentlich den Maler X habe fast verhungern lassen, und den Autor Y gezwungen habe, sein Geld als Briefträger zu verdienen. Madame, so sagt man in gewöhnlich wohlunterrichteten Kreisen, lasse sich ja gern ein wenig umwerben, und Werbung sei es, die auf Seiten der Kunst meistens fehle, denn allzu stolz sind die Dichter, und vielleicht gefällt ihnen Madame auch schlicht nicht genug.

Werben Sie also, liebe Künstler, um den kommerziellen Erfolg. Bemühen Sie sich um die alternde Diva mit dem hängenden Hals und den Klauenfingern. Schmeicheln Sie ihr. Bringen Sie ihr Geschenke. Und wenn Sie keine Lust dazu haben, dann beauftragen Sie andere mit dieser Werbung, denn es kann ja nicht angehen, das immer nur die anderen, und nie Sie die Gunst der goldenen Schabracke genießen.

Und um einmal mit gutem Beispiel voranzugehen: Bestellen Sie also noch heute den sehr wohlgestalteten EXOT 4, der lauter unterhaltsame und komische Texte enthält (und einen von mir, der ist aber nicht komisch) und machen Sie außerdem beim fabelhaften Paulus-Projekt mit. Danke.

Träume von Schweinen

In meinem Unterbewusstsein, verehrte Leserinnen und Leser, spielen Schweine offenbar eine Rolle, die durch ihr Vorkommen in meinem Alltagsleben keineswegs gerechtfertigt erscheint. Tatsächlich begegne ich Schweinen eher selten, um nicht zu sagen: So gut wie nie, denn das Schwein, Haus- wie Wildschwein, ist eine in urbanen Gegenden eher seltene Erscheinung.

Nachts aber, in den viel zu kurzen Stunden, die ich schlafe, laufen des öfteren ausgewachsene Säue herum, und erst letztes stand ich irgendwo in einem Traum herum, ein großes, massiges, rosafarbenes Schwein saß mir gegenüber und sprang an mir hoch wie weiland unser Hund, der allerdings keinerlei Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte, was bei einem Hund ja auch einigermaßen befremdlich gewesen wäre, und sicherlich mindestens zu einer drastischen Minderung des Kaufpreises für den Hund, wenn nicht sogar zur Rückgabe des Tieres und dem Umtausch gegen einen neuen Hund berechtigt hätte, der ungefähr so aussehen hätte müssen, wie es unser Hund tatsächlich getan hat, der deswegen auch nicht umgetauscht werden musste.

Möglicherweise habe ich mit dem Schwein sogar gesprochen. Des Inhalts der Konversation erinnere ich mich nicht mehr, allein – was kann man mit einem Schwein schon groß besprechen, und ob das Schwein geantwortet hat, habe ich gleichfalls vergessen. Irgendwann ging das Traumschwein wieder davon.

Ein paar Tage vorher war bereits ein anderes – oder auch dasselbe – Schwein eine ganze Weile neben mir hergegangen, wurde größer und kleiner, veränderte gelegentlich seine Farbe, blieb allerdings in demjenigen Spektrum der Farbigkeit, die bei Schweinen nicht weiter zu erstaunen vermag, und erregte in mir, die ich im Traum Halterin des Schweines war, durch diese Flexibilität einen gewissen Stolz.

In Wirklichkeit habe ich nie ein Schwein besessen. Ich esse nicht einmal Schweine, nicht einmal im Traum, und vielleicht ist es diese kulinarische Zurückhaltung, die die Tiere zutraulich werden lässt, denn Kühe, denen ich als Esserin zugetan bin, nähern sich mir nie, wenn ich schlafe, aber ich werde das im Auge behalten und Sie, sollte sich dies ändern, laufend über die Entwicklung meiner nächtlichen Tierwelt informieren.

Das große schwarze Loch des privaten Lebens

Eine Entgegnung

Soso, denke ich mir, und lehne mich behaglich zurück gegen die weichgepolsterten Wände des Lochs, in der die deutsche Blogosphäre höchst privat ein wenig Zeit totschlägt. Politischer müsste man also sein, dann wäre man auch bedeutender, und bedeutend zu sein, entnehme ich diesen Zeilen des von mir hochgeschätzten Don D., muss eine großartige Sache sein, und überhaupt jeder sollte Bedeutung anstreben, die in der Sphäre des Politischen offenbar eher beheimatet sein soll als im Reich des ganz und gar Privaten. Die Medien, die man so gemeinhin lesen kann, hätten allesamt versagt, und daher nun sei es an der Zeit, als engagierter Bürgerjournalist Missstände anzuprangern, den Datenschutz etwa, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe und derlei Dinge mehr.

Tja, denke ich weiter. Liegt man also daneben, wenn man nicht an den Primat des Politischen glaubt? Wenn man auch nicht die Ansicht teilt, dass es große, wichtige Themen gibt wie die Widerlichkeit des hessischen Ministerpräsidenten Ro*land K*och, und kleine, bedeutungslose wie die Melancholie der glücklichen Liebe, das herzzerreißende Verblassen alter Bilder, und die Trauer morgens um vier, wenn man nach Hause kommt, und auf einmal merkt, dass alles, was wir tun, gleichgültig ist, und den Herzschlag der Welt nicht ändert. Ist es falsch, wenn man es ein bißchen egal findet, ob die private Krankenversicherung jetzt alle Leute nehmen muss, oder nur die, die mehr verdienen als andere? Schadet man der Relevanz der deutschen Blogosphäre, wenn man sich nicht merken kann, wer gerade Bundeslandwirtschaftsminister ist? Wenn man es sehr okay findet, nicht wählen zu gehen, weil der Regierende Bürgermeister von Berlin ein ohnehin eher dekoratives Amt ausübt, und die Frage, wer es innehat, das morgendliche Aufstehen vor Schließung der Wahllokale irgendwie nicht wert ist? Wenn einem Relevanz im Sinne von Einfluss oder auch nur im Sinne des Wahrgenommen-Werdens eigentlich auch ziemlich gleichgültig ist?

Wenn man davon überzeugt ist, dass angesichts der Vielzahl der zu berücksichtigenden Interessen jeder mehrheitsfähige Kompromiss notwendig etwas durchaus Krötenhaftes an sich hätte, und die Welt schon nicht untergehen wird, egal, ob etwas nun sehr oder nur ein bißchen ärgerlich ist? Weil meine Welt in ihren wesentlichen Zügen okay ist, wie sie ist, und es mir jedenfalls nicht wert ist, die Zeit und das Interesse aufzubringen, daran etwas zu ändern?

Warum, denkt man bei sich, ist es nicht einfach eine tolle Sache, dass es den deutschsprachigen Bloggern bei allen subjektiven Einschränkungen offenbar gut genug geht, um das, was das Leben der meisten Menschen viel, viel mehr bewegt als alle Politik, wichtig und ernst nehmen zu dürfen, und zu schreiben, was man mag, was berührt, was wichtig erscheint, was das Leben verändert, und die öffentlichen Dinge nur als ein Thema von vielen zu behandeln, dessen Unterhaltungswert sich ebenso wie seine Relevanz sehr in Grenzen hält in diesem lauen Herbst unseres digitalen Biedermeier.

Mein neues, scheues Telephon

Das Fleisch, schrieb der große Frank Wedekind einmal, habe seinen eigenen Geist, und so überraschend dieser Satz angesichts der abendländischen Dichotomie von Leib und Seele auf den ersten Blick erscheinen mag, so banal mutet diese Wahrheit auf den zweiten Blick an, denn – wenn wir einmal ehrlich sind – was auf Erden hätte diesen ganz eigenen Geist nicht? Und was zwischen Himmel und Erde, Hades und Elysium, Kreißsaal und Schlachthof können wir noch wirklich als vollkommen unbelebte, seelenlose Materie betrachten, wenn doch sogar mein Telephon, mein neues Mobiltelephon nämlich, über eine Seele verfügt, eine schüchterne, veilchenhafte Psyche, die ihre Geheimnisse nur dem vertrauten Kenner seines Innenlebens offenbart, nicht jedoch, oh mein geschätzter Leser, einer Banausin wie mir, von deren unkundigen Blick sich das Telephon gleichgültig, verletzt und scheu abwendet.

Dicker als das Bürgerliche Gesetzbuch ist das mir mitgelieferte Handbuch zum Telephon. Geheimnisvoll und undurchdringlich ist es wie die Offenbarung des Johannes, unleserlich wie die Knotenschrift irgendwelcher amerikanischer Ureinwohner, deren Namen ich leider vergessen habe, und so weist auch das Handbuch mich streng von der Schwelle der Erkenntnis. „Dieser Eingang ist nur für mich bestimmt.“, versuche ich den Türhüter in Handbuchgestalt zu überreden, aber dieser schüttelt nur kurz, aber verneinend den Kopf. Auch das Internet gibt mir keine vernünftige Antwort, wenn ich Google frage:

Wie kommt man mit einem O2 Xda über WLan ins Internet?

Kann mir hier jemand helfen?

Am Anfang

1982. Erster Schultag. Neben dem Rektor stehen die Lehrerinnen und warten auf ihre Klassen, und ich kneife die Augen ein wenig zusammen, um ihre Gesichter zu sehen. Der Dicke schaut nett aus, denke ich, von ganz weit hinten in der Aula. Die Blonde daneben lächelt gutmütig und knetet ein bißchen verlegen die Hände. Sympathisch finde ich das, denn auch ich bin mächtig verlegen, meine Sarah-Kay-Schultüte im Arm, mit langen Zöpfen, und die ganzen anderen Kinder vor, hinter und neben mir, die ich mir selbstbewusst vorstelle, klug und fleißig und mir haushoch überlegen.

Als aber die Namen aufgerufen werden, komme ich weder zum netten Dicken noch zur verlegenen Blonden, sondern zu Frau S. Frau S. gefällt mir nicht. Ein strichdünner Mund, harte Falten die rechts und links der Nase gezirkelt scharf zum Kinn führen, und ein magerer Hals, aus dem die Knochen herausstehen. Alles an Frau S. ist hart und spitz, denke ich, und verkrieche mich nach hinten.

Vor uns stehen Schilder mit Namen, und jeder soll etwas sagen. Wie viele Geschwister er hat beispielsweise, wo er wohnt, und was der Vater macht, wenn er ins Büro geht. „Telefonieren!“, sage ich, und die anderen Kinder lachen. – So klug sind sie auch nicht, wie ich gefürchtet hatte, denn als ich stolz erzähle, dass ich schon lesen kann, erhält Frau S. auf ihre Frage, wer denn sonst schon der Schule ins Handwerk gepfuscht habe, nur eine weitere Antwort, die nicht „nein“ lautet.

„Das haben wir hier nicht so gern.“, sagt Frau S. zu mir, und ich nicke beschämt. Auch Schreiben hätte ich daheim bestimmt ganz falsch gelernt, nicht nach der Ganzwort-Methode nämlich, wie Frau S. beim ersten Elternabend meine Eltern zurechtweist, und deswegen werde ich später kein ganzheitliches Verhältnis zu Texten erwerben. Außerdem male ich die Buchstaben falsch, die schön geschwungenen Bögen unter dem „f“ sind zu kurz und zu gerade, der Wasserhahn links am „u“ fehlt, und überhaupt mache ich alles falsch, bin viel zu vorlaut und lasse die anderen Kinder nicht zu Wort kommen.

Modeste hat Probleme, sich einzufügen, steht in meinem ersten Zeugnis.

Ein ganzes Jahr lernen die anderen Kinder die Buchstaben. Ich träume aus dem Fenster, denke mir Geschichten aus, in denen die Katze des Hausmeisters, die langen, goldenen Zöpfe der K. neben mir, und der Keller der Schule eine große Rolle spielen, in dem man sich verlaufen kann, wie ein Großer aus der dritten Klasse versichert. Mir ist langweilig. Aus lauter Langeweile steche ich die beliebte, hübsche K. mit meinem Lineal in die Rippen, sie quiekt, und Frau S. schickt mich auf den Flur. Da stehe ich ganz allein, noch zehn Minuten bis zur Pause, und wische mir die Tränen von den Wangen. Die Schule hatte ich mir anders vorgestellt.

Wegen des Lineals und auch sonst will die K. nicht mehr neben mir sitzen, und Frau S. findet es ohnehin besser, wenn ich direkt vorne sitze, genau vor ihr, damit ich nichts mehr anstellen kann. So sitze ich also am äußeren Ende des „U“, direkt neben M., der immer ein bißchen schlecht riecht.

Am Morgen bin ich immer schlechter aus dem Bett zu bekommen, zur Schule gehe ich immer ein bißchen ungern, außer, wenn in der ersten Stunde Sport ist oder Kunst, denn diese Fächer unterrichtet die nette Frau D., die meine Bilder und meine Übungen am Reck großartig findet die mich vorturnen lässt und meine Bilder allen Kindern zeigt. Das kostet mich die wohl letzten Sympathien.

Von den anderen Kindern bin ich enttäuscht. Nur mit C. und M. bin ich befreundet, jeden Nachmittag treffen wir uns, streicheln die Pferde auf der Koppel, verkaufen Lose an Nachbarn, erzählen uns erfundene Geschichten und versichern, sie seien wahr. Als ich Geburtstag feiern soll, lade ich nur C. und M. ein.

„Hast du sonst keine Freunde?“, fragt meine Mutter ein wenig enttäuscht, und ich verneine. K. sei doch nett, ermahnt mich meine Mutter, die Tochter unseres Augenarztes, oder L., die nur ein paar Häuser entfernt wohnt, und schon seit zwei Jahren Geige spielt. Ich mag K. und L. nicht, lade sie trotzdem ein, und gleichfalls voller Abneigung erscheinen sie mit Geschenken, die ihre Mütter gekauft haben, die wiederum mit meiner Mutter auf der Terrasse sitzen und Kuchen essen.

K. und L., bin ich mir sicher, hätte meine Mutter lieber als Kind, auch wenn sie das Gegenteil versichert. Ich kann nicht Maß halten, erkenne ich. Ich bin zu laut, zu nachlässig, zu unpünktlich und zu verträumt. Gut in der Schule bin ich, gut werde ich sein bis ich 13 bin und keine Lust mehr habe, dass meine Arbeiten vor der Klasse vorgelesen werden, und Kinder abwehrend über mich kichern, mit denen ich befreundet sein will. Ein gutes Zeugnis bekomme ich deswegen am Ende der ersten Klasse, das Frau S. nicht gern geschrieben haben wird und mir verkniffen überreicht, und ich ahne, dass es nicht einfach sein wird, egal was, und dass das Leben schöner wäre, wäre ich jemand anders.

Dass das nicht geht, ahne ich nicht.

(Hier eine Schulgeschichte vom Herrn Che, die nicht in den Kommentaren untergehen soll.)

Die Tarnkappe

Sie, sofern es sich bei Ihnen um einen männlichen Leser handelt, stellen sich sicherlich alles Mögliche vor, was Frauen anhaben, wenn sie Ihnen gefallen. Jeans zum Beispiel. Oder Kleider. Röcke, Stiefel, breite Gürtel und schmale Träger, glitzernde Täschchen oder T-Shirts mit und ohne Aufschriften drauf. An Hosenanzüge aber denken Sie nicht. Eine Frau, denken Sie, sollte weiblich ausschauen, Diva oder Mädchen, aber eine Frau im Hosenanzug ist nicht als Frau unterwegs, sondern eher als so eine Art Arbeitsbiene, ein Geschöpf, welches nicht zum Küssen, sondern zum Arbeiten gemacht ist, und deswegen konsequent übersehen wird.

Sie aber, sofern Sie eine Frau sind: Sie finden das ungerecht. Sie steigen morgens in einen Hosenanzug, schwarz, so neutral, wie ein Hosenanzug eben ausschaut, und versinken in einem Loch der Unsichtbarkeit. Wie ein kleines Arbeitspferd fühlen Sie sich, wie eins dieser falbfarbenen, robusten Pferdchen, mit denen man weit über Land und vielleicht sogar in den Krieg ziehen kann, und denen man allenfalls einmal die Seiten tätschelt. Nie spricht man von den Arbeitspferden, nie schaut man die Frau im Hosenanzug an, und abends, wenn Sie sich umziehen könnten, um wieder sichtbar zu werden, dann arbeiten Sie immer noch. Danach gehen Sie schlafen.

Im Traum aber stellen Sie sich vor, einmal wieder ein Kleid anzuhaben, zu leuchten und zu lachen, eine Frau zu sein, die sich irgendjemand vorstellt, wenn er allein in der U-Bahn sitzt. Eine Frau, die so sichtbar ist, wie eine Frau überhaupt sein kann, und fürchten doch, wenn Sie erwachen, dass eines nahen Tages der Hosenanzug festgewachsen sein wird an Ihnen, unausziehbar, und Sie selbst dann wie eine Ganzkörpertarnkappe bedeckt, wenn sie einen Rock anhaben, ein kurzes Kleid, oder sogar nichts.

All die Asche unserer Herzen

Es sei ihr im Alter nicht mehr gut gegangen, sagt mein Gegenüber und schiebt mit zwei Fingern das obere Ende der Kerze zusammen, so dass die Flamme fast verlischt. Sie sei immer still gewesen, so dass nicht einmal sein Vater als ihr einziger Sohn bemerkt hätte, wie im Kopf der Großmutter die Lichter ausgingen, und sie nicht nur wenig sprach, sondern wenig dachte oder zumindest etwas ganz anderes als alle anderen Leute, und es irgendwann nicht einmal mehr zum Zubinden der Schuhe reichte oder zum Kartoffeln Kochen.

Ins Heim hätte die Großmutter zu allem Überfluss fast gemusst, die schon ein schweres Leben gehabt habe, und der am Ende um ein Haar auch dies nicht erspart geblieben wäre. Immer hätte die Großmutter Angst gehabt vor dem Heim, noch mehr als andere Leute hätte sie sich gefürchtet, denn als Kind, als kleines Mädchen, hätte die Großmutter im Heim gelebt, wo sie als uneheliches Kind eines Dienstmädchens abgegeben worden sei, als ihre Mutter starb. Dort hätten sie ihr die Haare abgeschnitten, und einen grauen Kittel hätte sie tragen müssen, immer denselben, denn mehr war nicht vorgesehen. Gefroren habe sie den ganzen Winter.

Auch die Großmutter sei Dienstmädchen geworden, mit vierzehn, und hätte hart gearbeitet alle Tage, gewaschen und geputzt, und auch am Abend sei die Arbeit noch nicht zu Ende gewesen, so dass die Großmutter ein Kind bekommen hätte, mit 16, die Tante meines Gegenüber, und den Vater zwei Jahre darauf. Mit den Kindern des Brotgebers seien die Kinder aufgezogen worden, großzügig zusammen zur Schule geschickt worden, und zu den unehelichen Kindern sei der Großvater, der Brotgeber der Großmutter, nicht anders gewesen als zu den ehelichen. Das sei selten gewesen, damals in den Fünfziger Jahren, und die Großmutter sei ihm so dankbar gewesen, dass es fast peinlich gewesen sei. Herrn Doktor, hätte sie ihn trotzdem immer genannt. Nie beim Vornamen.

Ob sie glücklich war oder unglücklich dabei, habe sie nie gesagt. Vielleicht gab es Glück gar nicht in ihrer Vorstellung, vielleicht war Glück nur etwas für andere Leute. Für die Frau des Herrn Doktor, die Mutter der anderen Kinder, aber offenbar nicht. Zweimal versuchte die Frau Doktor zu sterben, wurde aufgehalten auf dem Weg ins wunschlose Dunkel und lebte weiter. Jedesmal pflegte die Großmutter die andere Frau, wusch sie, fütterte sie, und eines Tages stand die Frau Doktor wieder auf.

Die Kinder des Herrn Doktor studierten, und auch der Sohn des Dienstmädchens ging zur Uni und wurde Ingenieur. Als der Herr Doktor starb, standen alle Kinder und die beiden Frauen am Grab. Dann ging jede ihrer Wege.

Man schrieb sich zu Weihnachten, man besuchte sich, man bedauerte sich, als die Tochter des Dienstmädchens starb, und der älteste Sohn der Frau Doktor: Einmal an Drogen und einmal bei einem betrunkenen, dummen Unfall. „Sie können stolz sein!“, schrieb die Frau Doktor, als der Sohn des Dienstmädchens Leiter eines Abteilung in dem Unternehmen wurde, in das er nach dem Studium eingetreten war, und erschien zur Taufe der Enkel. Als der Sohn von seiner Firma ins Ausland geschickt wurde, bedauerte die eine Frau die andere, und als Großmutter nicht mehr schreiben und nicht mehr sprechen konnte, schrieb die Frau Doktor an den Sohn.

Seine Mutter sei krank, schrieb die alte Frau Doktor. Eine Schande sei es, die alte Mutter nicht zu sich zu nehmen, und er solle sich schämen in dem fremden Land. Besuchen solle er zumindest seine Mutter, aber nicht im Heim, sondern bei ihr. Als der Sohn anrief, wohnte die Mutter schon bei der Frau Doktor.

Es gehe ihr gut, sagte die Frau Doktor, und beendete das Gespräch, weil Auslandsgespräche so teuer seien. Er möge schreiben, denn das sei billiger. Der Mutter gehe es gut, sie werde gefüttert und gewaschen, man sei überdies aneinander gewöhnt, und Geld brauche sie nicht. Das habe sie selber.

Großzügig und beschämend sei das gewesen, sagt mein Gegenüber, hält das Wachs der Kerze mit dem Finger auf, und ein paar grüne Tropfen erstarren auf dem Nagel. „Schon.“, antworte ich, und schaudere für einen Moment, wie sehr das Leben und die Liebe die beiden Frauen zerbrochen haben muss, wie fein zermahlen die Sehnsucht nach dem Geliebtwerden, nach dem Einzig- und Einigsein am Ende gewesen sein muss, um diese Geste zu ermöglichen.

„So will ich nie sein.“, sage ich, um überhaupt etwas zu sagen, und ziehe die Jacke enger um meine Schultern, denn draußen ist es kalt, und der Winter hat gerade erst begonnen.

Wohin wegfahren

Zur langen Liste von Sachen, Leuten oder Meinungen, die ich doof finde, gehört ja eigentlich auch Individualurlaub: Leute, die denken, sie seien so besonders, dass ihnen andere Leute, die irgendwo hinfahren, einfach unzumutbar wären. Solche Leute finden regelmäßig, dass ihr persönliches Erleben der Akropolis so verschieden sei von dem, was alle anderen Leute sehen, wenn sie nach Athen fahren, dass sie allen anderen Reisenden am liebsten die Berechtigung absprechen würden, die deutschen Grenzen zu überschreiten, und die sich heimgekehrt stolz brüsten, nur mit Einheimischen gesprochen zu haben, und bei der Erwähnung anderer deutscher Touristen genervt die Augen verdrehen.

Weil die Einheimischen aber gar keine Lust haben, deutsche Individualreisende in ihrer Mitte aufzunehmen, und die deutschen Individualreisenden auch eigentlich gar keine Lust haben, sich die ganze Zeit mit Leuten zu unterhalten, die sich für die Ziegenzucht viel mehr interessieren als für irgendwelche dahergelaufenen Deutschen in Flip-Flops und Wickelröcken, sitzen die Individualreisenden, wie man weiß, am Ende doch alle miteinander in irgendwelchen Internetcafés oder Hostels, in denen man für € 5,– ein Etagenbett in einem Schlafsaal beschlafen kann. Mit Bussen, in denen außer den Individualreisenden lauter arme Bauern ihre Hühner transportieren, fahren die stolzen Reisenden in Dörfer, die so unterhaltsam sind wie Grafenschachen oder Krummhörn, nur eben woanders, um fremde Leute mit ihrem Interesse zu belästigen, fremden Menschen durch die Fenster zu schauen, und zu jubeln, wenn da alles anders ist, als zu Hause.

Theoretisch ist Pauschalurlaub deswegen eine feine Sache. Man stört die Einheimischen nicht bei ihren alltäglichen Verrichtungen, man biedert sich nicht an bei fremden Kulturkreisen, die ich in aller Regel ohnehin weniger interessant finde als den Kulturkreis Berlin, der mir zumindest meistens völlig reicht, und man gibt ein bißchen Geld aus, mit dem die Leute vor Ort sich Kraftfahrzeuge kaufen können oder ipods oder sonst irgendetwas, was Leute woanders genauso gern hätten wie Leute hier. Praktisch allerdings sind der geschätzte Gefährte und ich irgendwann als Studenten, als es uns in Deutschland einfach zu kalt war, in ein Hotel auf Djerba gefahren, wo man Golf spielen und Nichtstun konnte, und würden dieses Erlebnis alles in allem ungern wiederholen. Außer uns waren alle fünfzig, weil wir Hotels mit Animation aus grundsätzlichen Erwägungen ausgeschlossen hatten, und die an sich ansprechenden Buffets waren offensichtlich geeignet, die schlechtesten Instinkte der anderen Reisenden zu wecken, die sich unglaubliche Mengen von Schalentieren auf ihre Teller luden, als hätten sie noch nicht Gambas gesehen, und einige Tage nach unserer Ankunft setzt sich ein Mann mittleren Alters an den Pool und begann, mit einem Hornhauthobel an seinen Füßen herumzureiben. Um den Pool herum entstand eine gewisse Unruhe. Verstörte Touristen kniffen sich gegenseitig in die Arme, um den Realitätsgehalt des Gesehenen zu verifizieren. Ein Gemurmel entstand, und schließlich stand ein anderer Mann auf und ging zu dem Hornhauthobler, der wild und trotzig fortfuhr, seine Füße zu traktieren. Den Pool nutzten wir nicht mehr.

Statt dessen einfach so wegfahren, ein Hotel irgendwo, möglichst angenehm verrottet ohne Geschäftsreisende mit ihren Reisetrolleys, vielleicht Helsinki oder Sofia, Inbegriffe der Abwesenheit mit ein bißchen Spazierengehen und ziellose Gesprächen – alles schön, aber nicht im November in Europa, wenn auch bekannt angenehme Städte aussehen wie Herne in der großen Depression. Weit wegfahren wäre toll, aber der geschätzte Gefährte ist gerade recht ortsfest, und über andere Reisebegleiter verfüge ich nicht.

Aber vom 28.11. bis 07.12. will ich weg. Wer mir sagt, wohin, bekommt eine Karte.