Die Maschine

Die Gänse sitzen also auf einer Art Fließband, sagt er und zeigt mit der Hand, wie schnell das Fließband zur Maschine führt. Sehr surreal sehe das aus, die vielen weißen Gänse, die alle zur Maschine fahren. Die Werkshalle hätte übrigens nichts Bäuerliches an sich, keine kopftuchtragende, resche Magd säße da, wie man sich das ja so vorstellt, naiverweise, sondern erst einmal wäre da nichts als eine Art Falltür, aus der jeweils eine einzelne weiße Gans auf das Fließband fällt, und dann geht die Klappe für einen Moment wieder zu, damit die Gänse jeweils im richtigen Abstand zur Maschine fahren.

Das alles sei sehr genau aufeinander abgestimmt. Wenn das Band still stünde, so fielen automatisch keine Gänse mehr aus der Klappe, und umgekehrt. Die ganze Taktung verlaufe aber vollständig maschinell, so dass in der ganzen großen Halle voller Gänse nur zwei Menschen stünden. Einer der beiden säße in einer Art Führerhäuschen und hätte die Aufgabe, die Maschine an- und abzuschalten, wenn Fehler auftreten oder irgendetwas sonst nicht funktioniert. Das sei sehr langweilig, denn an den meisten Tagen verlaufe alles reibungslos, und selbst wenn mal etwas sein sollte, dann hielte der Mann in dem Häuschen eben die Maschine an, die Klappe bliebe verschlossen, und Leute kämen, die die Maschine wieder in Ordnung brächten. Eine wenig anspruchsvolle Arbeit sei das also, genau das richtige für Rentner, die sich etwas dazu verdienen möchten.

Der zweite Mann in der Halle stünde direkt neben der Maschine. Seine Aufgabe sei es, die heranfahrenden Gänse zu packen und ihnen ein langes Rohr in den Hals zu schieben. Dieses Rohr sei mit einem Schlauch verbunden, durch den stetig ein Futterbrei geleitet werde. Dieser Futterbrei sei es, dem die Gänse ihre außerordentliche Konstitution verdanken.

Wenn das Rohr im Hals der Gans stecken würde, so sei es die weitere Aufgabe des Mannes an der Maschine, das Rohr rechtzeitig zu entfernen. Die Gans könne sich gegen die Nahrungsmittelzufuhr nicht wehren und würde Schaden nehmen, wenn ihr mehr Futterbrei eingeführt würde, als in ihren Magen passt. Es seien schon Gänse geplatzt, wenn der Mann an der Maschine unachtsam gewesen sei. Damit dies nicht geschehe, blinken immer dann, wenn der Mann das Rohr in die Gans einführt, Lämpchen auf, die wieder erlöschen, wenn genug Futterbrei geflossen ist.

Die Arbeit dieses Mannes kann nicht durch eine weitere Maschine ersetzt werden. Zwar habe es Versuche gegeben, die Gänse mit einer Art automatisierter Rundzange am Kopf zu packen und ihr den Schnabel zu öffnen. Da die Gänse sich aber in stetiger Bewegung befinden, würde oftmals eine Gans nicht richtig erfasst und deswegen auch nicht gefüttert. Manche Gänse würden sich außerordentlich heftig bewegen, so dass die Greifzange der Maschine sie so unglücklich packen würde, dass es mancher Gans den Kopf abgerissen habe. Dann hätte die Maschine stundenlang stillgestanden, der Mann im Häuschen habe die Wartung rufen müssen, und die anderen Gänse hätten über Stunden keinen Futterbrei erhalten. Nur die menschliche Hand habe das erforderliche Feingefühl für das Zusammenspiel von Gans und Maschine.

Nach der Fütterung durch die Maschine gebe es eigentlich nichts mehr zu berichten. Die Gänse werden auf einem weiteren Fließband wieder abgefahren und landen in ihrem Stall. Dieser sei sehr warm und recht eng, da die Bewegung der Gans dem Prozess unzuträglich sei. Hier würden die Gänse verdauen und Fett ansetzen. Nach einigen Monaten habe die Gans dann ein bestimmtes Gewicht erreicht, und werde abtransportiert.

Das aber sei eine andere Geschichte.

Der anthroposophische Weihnachtsbaum

Ein gewisses Misstrauen bringt man dem Wirken Rudolf Steiners vermutlich nicht ganz zu Unrecht entgegen, und nur der Erfolglosigkeit der Anthroposophie verdanken wir es, dass die Schriften Steiners nicht unermessliches Leid über die in dieser Hinsicht ja ohnehin recht gebeutelten Menschen Europas gebracht hat. Nichtsdestotrotz schicken Jahr für Jahr unzählige Menschen ihre Kinder in Waldorf-Schulen, nicht zuletzt, weil es sich um eine auch in linksliberalen Kreisen sozial akzeptierten Umgehung der öffentlichen Schulen handelt, welche es Zahnärzten und Dorfnotaren erspart, ihren Nachwuchs mit Leuten zur Schule zu schicken, die die Waldorfeltern Unterschicht nennen würden, wenn das in ihren Ohren nicht irgendwie komisch klingen würde.

Der Erfolg einer Waldorf-Kindertagesstätte im Prenzlauer Berg versteht sich daher eigentlich von selbst, und so erstaunt es unbeteiligte Nachbarn wie mich, dass ein Verein, der sich die Gründung einer solchen Institution auf die Fahnen geschrieben hat, überhaupt noch einer Förderung bedarf. Gleichwohl: Seit mehreren Jahren verkaufen Mitglieder dieses Vereins auf dem Grundstück, auf dem dermaleinst die Waldorf-Kita stehen soll, kurz vor Weihnachten Nordmann-Tannen zugunsten dieser vorschulischen Bildungseinrichtung.

Die Tannen sind ungespritzt, weil das chemische Behandeln von Pflanzen nicht Rudolf Steiners Billigung fand. Außerdem sind die Tannen ziemlich teuer, teurer jedenfalls als vergleichbare unanthroposophische Gewächse, und die diffuse Missbilligung der Anthroposophie im Verein mit dem Preisniveau der Weihnachtsbäume sprechen klar zugunsten eines anderen Baums, den der J. und ich uns ins Wohnzimmer stellen wollen, wie man das ja gemeinhin zu tun pflegt, wenn man, wie wir, Weihnachten nicht nach Hause fährt.

Auch der unanthroposophische Weihnachtsbaumkauf hat allerdings seine Tücken, denn Mitglieder des weihnachtsbaumverkaufenden Fördervereins sind unter anderem auch einige unsere Nachbarn, die alle, alle in den letzten drei Jahren zur Fortpflanzung geschritten sind, und das Haus seitdem mit unermesslich vielen, riesengroßen Kinderwagen, Kindergeschrei und beiläufigen Gesprächen über Mumps und frühkindliche Musikerziehung füllen. Die Verkaufsstätte der Bäume befindet sich nebenan.

Zu den Nachbarn pflegen wir ein freundliches bis sogar freundschaftliches Verhältnis. Die Bäume sind zu teuer und Rudolf Steiner hätten wir ungern zum Essen eingeladen. Zwei Seelen schlugen, ach, in unserer Brust, sofern es denn zulässig ist, von nur einer Brust zu sprechen, wenn zwei Gestalten am Küchentisch das Für und Wider des Kaufs erörtern.

Am Ende siegt der Opportunismus, der Wunsch nach friedlichem Einvernehmen mit den Nachbarn, der Wunsch, keine Gespräche über Waldorfpädagogik führen zu müssen, und auf unserem Balkon liegt nun, ordentlich eingewickelt in ein Netz, der Rudolf-Steiner-Gedenkbaum und wartet auf seinen Auftritt.

Alte Beschwörung. Bann.

Am Ufer nimmt die Nacht dich auf, die Stimmen werden leiser, und nur Carla Bruni singt von der Liebe oder von etwas, was der Liebe manchmal täuschend ähnlich sieht. Westlich der Oberbaumbrücke glänzt die Stadt dir etwas vor, und auf einmal spürst du die rauhe, warme Hand der Müdigkeit auf deinen Lidern.

Komm heim, zieht dich deine warme Wohnung nach Norden, und du lächelst über die Kinder an der Haltestelle, die sich Bier trinkend an den Händen halten und etwas singen, was du nicht verstehst mit der Musik in den Ohren. Vielleicht sind die Kinder nur drei, vier Jahre jünger als du, überlegst du und versuchst, nicht allzu auffällig hinzuschauen und bist ein bißchen traurig, weil das nun vorbei ist und nicht wiederkommt. Keiner wird dich mehr so durch die Luft schwenken, fällt dir ein, als ein Junge ein Mädchen an beiden ausgestreckten Armen um sich herumwirbelt, dass ihre Haare fliegen.

Daheim ist es warm, wünscht du dich die paar Kilometer weiter, wo Licht brennt und jemand auf dich wartet, und schaust doch den Kindern an der Haltestelle nach, die nicht in diese Bahn steigen und stehen bleiben, als du fährst. Ach, und für einen Moment stellst du dir vor, auch du würdest irgendwohin fahren, wo alles anders ist als hier, wo man auch dich herumschwenken würde, dass deine Haare fliegen, wo dein Leben leuchten würde vor Feuer und Kristall, und wo die Stadt glänzt von lauter frischem, grellen Blut auf ihren Straßen.

Die schwesterliche Weihnachtsfalle

Exposition (Weihnachten 05)

„Sü-üße!“, flötet Schwesterchen und wirft mir ein Geschenk in den Schoß. „Wir wollten uns doch nichts schenken.“, wehre ich ab. Ich habe vereinbarungsgemäß nichts gekauft. Eine Minute später ist klar: Schwesterchen auch nicht. Auf dem ausgewickelten Teepäckchen klebt der Aufkleber eines Berliner Teegeschäfts, in dem ich ein Jahr vorher mehrere Tees erworben habe, um sie Schwesterchen ergänzend zu einigen anderen Utensilien zur Teezubereitung zu überreichen.

„Hat dir der Tee nicht geschmeckt?“, schleudere ich schwerst beleidigt Schwesterchen das Päckchen zu. „Nun mach‘ doch nicht auch noch Weihnachten Stress!“, stürmt das erboste Schwesterchen davon. „Modeste kann man’s auch nicht recht machen.“, beschwert sie sich bei meiner Mutter und wirft die Tür hinter sich zu. „Das ist doch nicht so schlimm.“, befindet meine Mutter. Ich hätte halt so tun sollen, als hätte ich das Versehen gar nicht bemerkt. „Wenn sie den Tee eh nicht trinkt, kann sie ihn doch verschenken.“, beendet meine Mutter die Diskussion und merkt irgendwann später gegenüber Schwesterchen an, zukünftig besser darauf zu achten, wem sie welche Geschenke weiterschenkt.

Mitte November 2006 beschließe ich daher: Schwesterchen bekommt auch diesmal nichts. Zum einen gilt die Verabredung an sich nach wie vor, uns nichts zu schenken. Zum anderen habe ich mich über Schwesterchen mächtig geärgert, die im Oktober befand, für einen dermaßen langweiligen und unspektakulären Job wie meinen müsste man schon als eine Art Schmerzensgeld mehr Gehalt beziehen, als ich bekomme.

Szenario 1 (die Keiner-schenkt-was-Variante)

Das ortsabwesende Schwesterchen bekommt also kein Paket, und schickt auch mir nichts nach Berlin. Weihnachten sitzt Schwesterchen also bei der Familie ihres Freundes auf dem Sofa, packt das elterliche Geschenk aus, und ruft kurz an oder wird kurz angerufen. „Sü-üße!“, wird sie flöten. „Frohes Fe-est!“, und dann legen wir beide wieder auf.

„Meine Schwester hat einen echten Schaden.“, wird Schwesterchen gegenüber der fremden Familie als Begründung anführen, warum wir uns nicht schenken, und bei der sicherlich irgendwann stattfindenden Hochzeit werden mich alle anstarren, und versuchen, herauszubekommen, was bei mir nicht stimmt, und warum ich das reizende Schwesterchen nicht mag.

Wahrscheinlich Neid, werden sie denken.

Szenario 2 (Die Schwesterchen-schenkt-was-Variante)

Das Schwesterchen geht also in ein Geschäft (oder kramt ein bißchen in den Geschenken des Vorjahres) und packt mir irgendwas ein. Vielleicht bekomme ich auch ein Werbegeschenk, das ihr Freund von Geschäftspartnern erhalten hat. Obstbrand etwa, das mögen wir beide nicht. Oder ein Dekorationsobjekt. Schwesterchen mag Dekorationsobjekte wie etwa luxuriöse, handgezogene Kerzen oder Vasen aus Terrakotta, die mediterrane Leichtigkeit auch in meinem Heim verbreiten.

Weihnachten bin ich also gezwungen, anzurufen und mich zu bedanken. Irgendwann nach Weihnachten wird Schwesterchen zu Hause anrufen, wenn meine Eltern wieder aus dem Urlaub zurück sind, und berichten, dass sie mir ein „klitzekleines Geschenk, gar nicht teuer“ gekauft habe, denn „es geht ja auch nicht ums Geldausgeben, nur dass man zeigt, dass man sich mag.“, oder so ähnlich, und dann stehe ich da als gleichgültiges Biest ohne Familiensinn.

„Wahrscheinlich Neid.“, wird meine Mutter seufzen und sich vornehmen, mit mir mal ernsthaft darüber reden, dass sie zwei großartige Töchter hat, von denen jede ihre ganz eigenen Vorzüge hat.

Szenario 3 (Die ich-schenke-was-Variante)

Die dritte Variante ist die Offensive. Ich packe meiner Schwester großartige Geschenke wie etwa exklusive Seifen im edlen Präsentkarton oder 250 Gramm original belgischer Pralinen in der Nostalgiebox ein und schicke alles per Post zur Familie ihres Freundes.

„Sü-üße, wir wollten uns doch nichts schenken.“, wird Schwesterchen Weihnachten anrufen und ein bißchen jammern, dass ihr das jetzt aber total unangenehm ist. Also sie hätte ja gedacht, wir schenken uns nichts. Da hätte sie sich ja auch dran gehalten, ansonsten hätte sie mir ja auch was geschenkt, aber so sei das eigentlich unfair, wird Schwesterchen lamentieren, und die Familie ihres Freundes wird ihr beipflichten.

„Und dazu nur so Schrott.“, wird Schwesterchen die exklusive Seife oder die original belgischen Pralinen auf den Couchtisch schleudern. „Hat sie bestimmt selbst geschenkt bekommen.“

Nach Szenario 4 wird noch gesucht.

44

Die westliche Welt kennt, wie man weiß, kaum etwas Brutaleres als die Spiegel bei H&M, in denen jede mir bekannte Frau Dellen auf den Oberschenkeln hat, und auf vollkommen indiskutable Art und Weise oben, unten, rechts und links aus den Sachen quillt, die man da kaufen kann. Um aber auch jene Menschen, die diese Umkleiden nicht benutzen, restlos zu deprimieren, hat sich der erfolgreiche schwedische Konzern etwas Besonderes ausgedacht, und bietet auf seiner Homepage unter dem links oben angebrachten Punkt „Umkleide“ die Möglichkeit, Personen zu gestalten, die die eigenen Maße aufweisen und sodann angezogen werden.

„Create my model“, heißt die ganze Veranstaltung, und wer darauf klickt, sieht kurz darauf eine junge Dame (Männer gibt es auch), die ungefähr so aussieht, wie öffentlich abgebildete Frauen immer aussehen. Wie man auf der rechten Seite sehen kann, hat sie eine Sanduhrfigur, und wiegt bei einer Größe von 1,75 ganze 44 Kilo. Ansonsten ist sie braungebrannt, europäisch, jung, und trägt einen Pferdeschwanz.

44, kneife ich mir unwillkürlich in den Bauch. 44. 44 Kilo habe ich zuletzt in der gymnasialen Unterstufe gewogen, da war ich circa 12, ruderte, ritt und rannte, fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule, und wurde biologisch hochwertig und ziemlich schwer zerkaubar ernährt. 44, murmele ich leicht verstört und mache mich auf den Weg ins Bad. Zum Glück ist die Batterie der Waage leer.

Um meine Leidensfähigkeit zu testen, gebe ich meine Größe und mein ungefähres Gewicht ein. Sehr jung bin ich auch nicht mehr, glaube ich, und lange Haare habe ich auch nicht, sondern mehr so eine praktische nackenbedeckende Halblangfrisur, die eigentlich nie sitzt, aber darauf kommt es wahrscheinlich eh nicht mehr an. – 44, schnaufe ich vor mich hin.

Letztlich ist irgendwo ein Model verhungert, beruhige ich mich und fasse die dicke Dame auf dem Bildschirm fest ins Auge. Sie ist….nun, rundlich, könnte man sagen. Jürgen Teller oder Karl Lagerfeld würden sich angewidert abwenden. Gleichzeitig versuche ich mir die Differenz zwischen meinem Gewicht und 44 Kilo in Butterstücken vorzustellen. Bei der Vorstellung wird mir schlecht.

44 stöhne ich und beschließe, nur noch Sushi und thailändische Suppen zu essen. Wenn ich jede Woche 1,5 Kilo abnehme…, rechne ich vor mich hin und drehe mich in bißchen vor dem Spiegel an meinem Schlafzimmerschrank. Rund 100 Jahre alt ist der Schrank, und vermutlich, so spekuliere ich, waren alle früheren Eigentümerinnen schlanker. Sogar der Schrank lacht mich aus.

„Tja, Madame Modeste!“, kichert der Schrank und knirscht ein bißchen mit den Scharnieren. „Dermaßen viel Stoff für ein Frau ist mir auch noch nicht untergekommen.“, und biegt sich vor Lachen ein bißchen in den Seiten. „Du sei ruhig!“, werfe ich dem Schrank eine ziemlich große Jeans an den vorlauten Spiegel.

44, 44, murmele ich auf dem Bett liegend verstört vor mich hin, starre an die Decke und betaste verstört meinen Bauch.

Normalverteilung

Auch nie verstanden habe ich ja die rein mathematische Seite des Liebeslebens, die Frage der Verteilung nämlich, mit der es sich folgendermaßen verhält:

Jeder alleinstehende Deutsche verliebt sich ungefähr zweimal jährlich. Rechnen wir das immerhin ausbaufähige Interesse dazu, so kommen wir auf drei verschiedene Personen, auf die sich Hoffnungen richten. Fragen wie „Wer war eigentlich der Typ, der….“, oder „Kennst du den X., der immer kommt, wenn…“, werden gestellt, und auffallend häufig wird von X oder Y gesprochen. Es wäre ganz nett, so gibt die betroffene Person meistens nach einiger Zeit zu, wenn X oder Y einfach mal anriefe. Die interessierende Person indes ignoriert die Versuche, möglichst zufällig miteinander auszugehen, so hartnäckig, dass selbst gute Freundinnen empfehlen, den Betreffenden einfach zu vergessen.

So weit, so gut. Alle alleinstehenden Leute, die ich so gut kenne, dass sie mir derlei Dinge mitteilen, verlieben sich also zwei- bis dreimal jährlich. Gehen wir also davon aus, dass das bei allen Leuten so ist, so müsste sich doch rein rechnerisch auch in jeden – abgesehen von sehr unvermittelbaren Fällen – alleinstehenden Deutschen auch zwei bis drei Personen pro Jahr verlieben? Und selbst wenn man einen großzügigen Faktor von 50 % Abweichung aufgrund differenzierter Attraktivität einbezieht, so kommt immer noch 1,5 Verliebter auf jeden Single, und auf manche eben 4. Da wir besonders schöne und besonders abstoßende Menschen bei dieser Berechnung aus Vereinfachungsgründen einfach weggelassen haben, gleichen sich Models und Monstren gegenseitig aus und tauchen in unserer Alltagsbetrachtung gar nicht auf.

Nun indes zeigt das Leben uns einen sonderbar gewachsenen Pferdefuß, denn beileibe nicht alle Personen, die ich kenne, stoßen in diesem Umfange auch auf Anklang, ohne dabei hässlich, sonderbar oder mit anderen Ausschlussmerkmalen behaftet zu sein. Statt dessen schwören die meisten mir bekannten Alleinstehenden Stein und Bein, exakt niemand habe sich 2006 in sie verliebt, null Liebesbriefe inklusive elektronischer Mitteilungen seien eingegangen, und keine Seele sei ihnen in physischer Hinsicht nachgelaufen.

Da bleiben wenig logische Schlüsse, die mit unseren zuvor eingeführten Axiomen vereinbar wären. Entweder ist die Verteilung noch schlechter als der bisher angenommene Attraktivitäts-Ausgleichsfaktor von 50 %, und nahezu alle Leute verlieben sich in bildschöne, perfekte Geschöpfe, denen nicht – wir erinnern uns – vier, sondern 44 Anbeter anhaften. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Alterung der mich umgebenden Menschen, die das dreißigste Lebensjahr unterdessen so gut wie alle überschritten haben, und mögicherweise der männlichen Vorliebe für zweiundzwanzigjährige Studentinnen beim ersten Betriebspraktikum zum Opfer fallen. Indes war auch mit 22 die Bewerbersituation überschaubar, und denn Männern scheint es nicht anders zu gehen.

Oder die Welt besteht aus heimlich Verliebten die sich gegenseitig ängstlich, gespannt, aber schweigend umkreisen, kein Wort dabei sagen, und irgendwann erschöpft aufhören, verliebt zu sein, weil der andere sie nicht von selbst erhört, was als Alternative weniger deprimierend wäre, aber gleichfalls nicht eben wahrscheinlich.

Die Eisbärrettung

Wenn Sie zu den Leuten gehören, die geräuschvollen Frohsinn auch eher so ein bißchen obskur finden, so fragen Sie in allzu lustiger Runde doch einfach einmal nach dem Klimawandel. Lassen Sie etwa folgende Stichworte fallen: Erderwärmung, Al Gore, Versteppung der semiariden Zonen, und sofort wird sich das Gesicht Ihrer Gegenüber in sorgenvolle Falten legen. Im Anschluss an diesen atmosphärischen Umschwung geht es die nächsten zehn Minuten um nicht weniger als den Weltuntergang, und auch im Übrigen versichere ich Ihnen: Den Rest des Abends wird die Atmosphäre am Tisch nicht mehr die selbe leichtlebige und sorglose Färbung annehmen wie vor Ihrer Intervention.

Tatsächlich jedoch können alle ehrlichen Berliner die Erwärmung der Erdatmosphäre nur begrüßen. Wer jemals auf der Frankfurter Allee dermaßen gefroren hat, dass er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fürchte musste, am Abend würden ihm nach seiner Rückkehr von der Arbeit aus den gefütterten Stiefeln die abgefrorenen Zehen entgegenfallen, weiß, was ich meine. Wer – wie ich – nach mehr als zwanzig mützenlosen Jahren in seinem ersten Berliner Winter eine ebenso entstellende wie gehörbehindernde Kopfbedeckung gekauft hat, wer auch ohne Führerschein die Anschaffung eines Autos erwogen hat, um nicht mehr allmorgendlich auf dem Bahnsteig der S-Bahnstation Warschauer Straße zu erfrieren, findet eine Erwärmung der durchschnittlichen Lufttemperaturen eigentlich richtig gut.

Auch wahrheitsliebende Personen indes geben diesen Sachverhalt ungern zu. Hier kommt die ganze Macht gesellschaftlicher Konventionen noch einmal zum Tragen, und erst nachts nach halb drei und nach dem Genuss großer Mengen alkoholischer Getränke geben die Berliner zu, die Klimakatastrophe zu lieben. Mit offenem Mantel, nachts auf dem Weg durch die Stadt, umspült von einer seidig-lauen Luft, wie sie sonst nur ungefähr im September oder im April die Straßen der Stadt durchweht, wandeln glückliche Menschen langsam durch Berlin. Zu Hause drehen sie mächtig die Heizung auf, um die Emissionen großer Kraftwerke zu steigern, machen das Fenster auf und begleiten die Zeitungsmeldungen vom Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissionen mit kleinen, freudigen Juchzern.

Eines indes belastet des Berliners Seele: An den Polen, so hört man, verhungern die Eisbären, und das eisbärgeneigte Herz quillt über vor Mitleid mit den ausgemergelten Tieren, die man sich auf einer viel zu kleinen Eisscholle treibend vorstellt, jammervoll nach Fischen schreiend, und schließlich verendend. Als ehemaliger Halter einer ganzen Armee von Teddybären ist dieser Umstand geeignet, auch den an sich klimawandelfreundlichen Menschen ein wenig zu betrüben.

Das Schicksal der Eisbären jedoch, meine Damen und Herren, ist kein unabänderlicher Zustand, das Schicksal der Eisbären liegt vielmehr in unser aller Hand:

Wie Sie wissen, bietet die ehemalige Cargolifter-Halle gut geheizt als sog. „Tropical Island“ zahlenden Gästen alle Freuden eines Südseeurlaubs in Gestalt eines Strandes, der Möglichkeit des Verzehrs von Speisen und Getränken, Shows, wie sie viele Menschen an die Freizeitbelustigungen karibischer Ferienanlagen erinnern. Wie es indes sicherlich auch Sie befüchten, wird die Nachfrage nach dieser Art von Vergnügungen im Zuge der zunehmenden Erwärmung Berlins erheblich abnehmen, und das „Tropical Island“ spätestens an dem Tag Konkurs anmelden, an dem auch im November leichtgeschürzte Berlinerinnen am Strand der Spree eisgekühlte Getränke konsumieren.

An den Polen sterben also die Eisbären, die Cargo-Lifter-Halle steht leer, und die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den weltweit führenden Herstellern von – auch großformatigen – Kühlschränken.

Da liegt die Lösung doch auf der Hand.

Die Vernachlässigung

„Dich verpetz‘ ich im Internet!“, rufe ich dem J. in den Flur hinterher. „Du bist zu alt für den Mist.“, macht der J. alles noch viel schlimmer. Traurig und leer stehen meine Stiefel vor dem Sofa.

„Ich habe schon Ostern keinen Goldhasen bekommen.“, starte ich eine Philippika größeren Ausmaßes. Den erwünschten Adventskalender von Lindt für Kinder habe ich auch nicht erhalten. Nicht einmal einen billigen, blöden Adventskalender für 2,99 von Lidl oder so hat der J. herangeschafft, zum Geburtstag gab es bloß ein einziges, ziemlich kleines Geschenk, und in Rom hat es nicht einmal für ein ganz, ganz mickeriges Souvenir gereicht.

„Du sollst keine Schokolade mehr haben!“, hält mir der J. vor. Ich würde, behauptet er, die Schokolade nämlich gar nicht, oder nur sehr teilweise essen, und statt dessen würde sich der J. gezwungen sehen, die mir übereigneten Süßigkeiten selber zu verzehren. Dies führe auf lange Sicht zur Verfettung, sei folglich zu vermeiden, und deswegen, so kündigt der J. an, solle ich Weihnachten diesmal auch keinen bunten Teller bekommen.

„Das veröffentliche ich!“, halte ich dem J. seine unfassbare Herzenskälte vor. Soll doch die Weltöffentlichkeit über die Grausamkeit entscheiden, mit der der ansonsten geschätzte Gefährte seine eigene Freundin behandelt. Soll amnesty international Unterschriftenaktionen zugunsten vernachlässigter Freundinnen starten, das Menschenrechtssekretariat der UN eine Delegation in unsere Prenzlberger Wohnung entsenden, und die Bundesregierung nach langem Hin und Her eine entschiedene, wenn auch vorsichtig-verständnisvolle Protestnote an den J. schicken des Inhalts, dass eine derart brutale Vernachlässigung der berechtigten Interessen seiner Freundin von der Bundesrepublik möglicherweise mit Sanktionen belegt werden würde, wenn er nicht damit aufhört.

Aber den J. lässt das kalt.

Jubilate

Onkel A. findet, man sollte sich schämen. Tante M. findet, Weihnachten solle man nicht über den Krieg sprechen und über den Kommunismus könne gar nicht wenig genug gesprochen werden. Onkel A. solle besser noch ein Stück vom Stollen essen und vielleicht ein bißchen Klavier spielen. Widerstrebend setzt sich Onkel A. auf den Schemel und klimpert ziemlich lustlos Weihnachtslieder. „Die Kinder sollen mitsingen!“, fordert Tante M. uns auf, aber wir bleiben sitzen. Tante M. seufzt.

Auf dem Tisch türmen sich auf mehreren Tellern Schokoladenweihnachtsmänner und stanniolverpackte Süßigkeiten. Nougatgefüllte Kugeln, Nüsse, Mandarinen und gebräuntes Königsberger Marzipan, kleine runde Schokoladenplätzchen mit bunten Streuseln drauf, Lebkuchen und Plätzchen. Die mit den roten Klecksen in der Mitte sind von Tante M. Ab und zu stößt uns die Großmutter an, auch von den Plätzchen der Tante zu essen. Tante M. sei sonst traurig, flüstert sie uns zu. Ihre eigenen Plätzchen sind auf diese Ermahnung nicht angewiesen. Kleine Kokosberge gibt es und Vanillekipferl, bunte Butterplätzchen und Zimtsterne, Schokoladenhäufchen und Engel mit einer Nuß im Bauch.

„Modeste verträgt keinen weißen Zucker.“, behauptet meine Mutter. Das stimmt nicht, aber ab und zu erinnert sich einer Erwachsenen an die mütterlichen Ermahnungen und schiebt den Teller weg, wenn ich komme. Meine Großmutter dagegen weiß, dass Zucker nicht schädlich ist für Kinder, und steckt mir Süßigkeiten zu, wenn meine Mutter nicht hinschaut, und gelegentlich auch, wenn meine Mutter danebensitzt. Meine Mutter schweigt. Ihre Schwiegermutter sei schwierig, wird sie ein paar Tage später ihrer besten Freundin erzählen.

Damit ich auch etwas zu naschen habe, hat meine Mutter extra Süßigkeiten mitgebracht, Fruchtschnitten und Studentenfutter aus dem Reformhaus. Die mag ich nicht. Die meisten Fruchtschnitten isst deswegen der lustige Onkel U., der seine neuen Freundin mitgebracht hat, mit der keiner spricht. Ziemlich geschminkt ist die Freundin, die ich Jahre später als Internistin an einem Berliner Krankenhaus wiedertreffe. „Die Kellnerin“ nennt sie meine Großmutter, als sei das etwas Unanständiges. Irgendwann tuscheln Onkel U. und seine neue Freundin miteinander und fahren dann einfach weg, obwohl wir doch so schön zusammensitzen, Kinder, sagt die Großmutter vorwurfsvoll. Mein Großvater nickt. Schuld ist die Kellnerin, die keinen leichten Stand haben wird in den nächsten Jahren, trotz Hochzeit und Kind. Die Scheidung musste ja so kommen, werden die alten Damen eines Tages sagen, die Schwestern des Großvaters, die nebeneinander am Couchtisch sitzen und viel zu selten besucht werden. Kinder sind undankbar, ist man sich einig.

Die Hunde müssen in der Küche bleiben, denn im Wohnzimmer steht der Weihnachtsbaum, der umkippen könnte, wenn ein Hund dagegenläuft. Im Esszimmer haben Hunde nicht zu suchen, und so hört man es gelegentlich in der Küche bellen und jaulen, wo vier Hunde aufgeregt auf viel zu engem Raum zusammengesperrt warten. Meine Mutter schmollt, weil ihr Hund trotz nachweislicher Wohlerzogenheit auch nicht ins Wohnzimmer darf.

Die Tante H. hat letztes Jahr versucht, sich umzubringen, und hat nun wie ein rohes Ei behandelt zu werden. Benommen von Medikamenten, von denen sie wieder fröhlich werden soll, sitzt sie verschämt auf dem Sofa. So etwas tut man nicht, sagt die alte Tante D. in der Küche zur Großmutter. Wir sollen im Gästezimmer spielen, aber die Bücher habe ich schon ausgelesen, die neue Puppe mag ich nicht, und Cousin J. will seinen Lastwagen nicht hergeben. Geschrei, Cousin J. weint, und ich muss mich entschuldigen. Cousin L., der schon 15 ist, ängstigt die Kleinen mit Geschichten von menschenfressenden Gespenstern und wird deswegen in die Küche beordert, Geschirr abtrocknen.

Tante H. wird nun doch etwas lebhafter, weil die Medikamente wirken, und findet es nicht gut, dass es Weihnachten nur um Kommerz geht. Weihnachten ist das Fest der Familie, weist meine Großmutter sie zurecht. Onkel A. findet Weihnachten auch verlogen, mein Vater scheitert am Aufbau eines Fischer-Technik-Baukrans, und seine Tanten sprechen ununterbrochen auf ihn ein.

„Die Kinder sollen singen.“, fordert Tante M. und nochmal auf. „Ich will nach Hause!“, plärrt eine der kleinen Cousinen. „Kinder, kommt ihr singen?“, greift Tante M. sich rechts und links je ein Kind und schleppt uns zum Klavier. – „Lass doch die Kinder in Ruhe!“, steht Onkel A. vom Klavierhocker wieder auf und schließt den Deckel. „Tu den Kindern doch den Gefallen!“, befiehlt die Tante ihn vergeblich zurück. – „Es gibt gleich Essen.“, unterbricht die Großmutter. Tante M. ist beleidigt.

„Nächstes Jahr bleiben wir zu Hause.“, behauptet meine Mutter am nächsten Morgen auf dem Heimweg. Stur schaut mein Vater geradeaus auf die Autobahn. „Das können wir meiner Mutter nicht antun.“, wird er zwölf Monate später meiner Mutter vorhalten.

Ein weiteres Jahr später aber ist der Großvater tot, die Großmutter folgt zwei Jahre später, und fünf weitere Jahre später hören meine Eltern auf, Weihnachten zu feiern und fahren einfach weg, irgendwohin, wo keine Weihnachtsbäume wachsen.

Die Irrfahrten der Frau M. und ihres Gefährten

An irgendeinem Punkt der Müdigkeit kippt die Benommenheit um, und macht einem überwachen, nervös geschärften Zustande Platz, in dem die Welt um mich herum einen gleichsam surrealen Charakter annimmt. Die Farben wirken trotz der schwachen Beleuchtung im Flugzeug satter und greller. Das Licht der Leselampe scheint einen fremdartigen, seitlichen Einfallswinkel anzunehmen, das an die Beleuchtung auf Gemälden de Chiricos erinnert. Ab und zu zupfe ich dem geschätzten Gefährten neben mir an den Locken. Der Gefährte schläft.

Immer wieder falle ich in einen leichten Schlaf, in dem sich die Bilder der letzten Tage und die längst vergangener Tage ineinanderschieben. Das gleißende Rom des Sommers 1993, aufgerissen wie eine überreife Tomate. Die Weite der Plätze dagegen in diesem November, die ausgeräumten Gesichter der Römer am Ende des Jahres, entleert und grau wie Rom selber, als habe der Winter der Stadt das Blut ausgesaugt. Der Winter ist ein harter Mann, singt der Schlaf mir vor. „Bitte anschnallen“, beendet ein Steward die Schlafgesänge, und langsam sinkt das Flugzeug ab. 21.00 Uhr in Berlin Schönefeld.

Mir dem Taxi will der J. nicht fahren, der Regionalexpress kommt erst in zwanzig Minuten, und die S 9 sofort. „Wieso steht hier nur Schöneweide?“, frage ich den J. und zeige auf das Schild auf dem Bahnsteig. Der J. weiß das aber auch nicht, und so steigen wir ein. „War doch schön in Rom, oder?“, frage ich den geschätzten Gefährten ein wenig ängstlich, und bin erleichtert, als er nickt.

Warum können die nicht alle schweigen, denke ich, als der Zug anfährt, und ein Mädchen laut telefoniert. Irgendwem hat sie nicht erzählt, dass sie nach Berlin fährt, der jetzt beleidigt ist. Jetzt verteidigt sie sich laut und engagiert. Warum legt sie nicht einfach auf, denke ich und schließe immer wieder für Sekunden die Augen. Müde bin ich. Schlafen will ich, das Licht ausmachen, erst die Ruhe und dann das Nichts. Mich loslassen und treiben.

Mit Schlafen aber ist es nichts. Schöneweide ist Endstation. Schienenersatzverkehr bis Baumschulenweg, und mit all den anderen Fahrgästen, die von der Peripherie nach Mitte fahren, verlassen wir die Station. Kalt ist es, kälter als in Rom, und außer den Reisenden mit ihren Koffern vom Flughafen haben sich die Waggons mit Jugendlichen gefüllt, die im Südosten der Stadt wohnen, und am Samstag abend dahin fahren wollen, wo etwas los ist. Da wohnen wir.

Keine schönen Menschen wohnen hier am Rande der Stadt. Jung sind sie alle, aber etwas fehlt, vielleicht die Elastizität, das Federnde des Jungseins. Unproportioniert wirken sie, irgendetwas an ihnen passt nicht zueinander, und bleich sehen sie aus, etwas grob dazu, mit allzu großen Händen und Füßen. Trotzig betonen sie ihre unschönen Gestalten mit greller, billiger Kleidung, weiße Jeans, glitzernde, synthetische Stoffe und vielfarbigem Make-Up. Die Mädchen trinken Mixgetränke aus der Flasche, die Jungen Bier, lachen und lärmen laut und ungeschlacht, und die Atmosphäre ist geladen mit Aggressivität. Ein falsches Wort, eine Geste, und einer der grölenden Jungen wird die Hand heben, denke ich. Mir ist nicht wohl.

Der Gefährte schweigt halb verschlafen, halb angewidert, und im übervollen Bus schauen wir ein wenig ängstlich um uns. Laut und zotig geht es her, und die Müdigkeit lässt die groben, billigen Gesten noch greller wirken. Wären wir schon da, daheim, und die Nacht still und dunkel, denke ich.

Der Bus spuckt seine lärmende, laute Fracht auf den Bahnhofsvorplatz. In Baumschulenweg gibt es nicht einmal Taxen. Betrunkene Frauen lachen in schrillem Diskant und stoßen ihre Flaschen gegeneinander. Es wird noch mehr gelacht, man erkennt sich, fällt sich um den Hals, und die kehligen, halb noch stimmbrüchigen Stimmen der Jungen sind kaum zu verstehen. „Die können ja nicht einmal mehr richtig sprechen.“, raune ich dem J. zu und drücke mich enger an den geschätzten Gefährten.

Auf dem Bahnsteig schwankt eine Gestalt im Kunstpelz herum, ein Mann mit tiefer, verbrauchter Stimme, geschminkt und mit ausgestopfter Bluse, wiegt sich in den Hüften, wie es nur Männer tun, die Frauen imitieren. Er wankt von Gruppe zu Gruppe. Einem Jungen hält er die falschen Brüste entgegen, spricht Unartikuliertes und drückt sich eng an den Wartendenden vorbei. Brueghel, denke ich. Oder Bosch, und weiche in weitem Bogen aus, wenn die wirre Gestalt sich nähert. Mitleid sollte man haben, ermahne ich mich, aber mein Mitleid ist müde, mein Mitgefühl mit dem armen Verwirrten reicht nur noch bis zu dem Wunsch, jemand möge ihn in ein Krankenhaus bringen, irgendwo anders hin jedenfalls, und für Mitleid mit den derben, lärmigen Jugendlichen sind jene zu laut. Schweigt, denke ich. Oder bleibt einfach zu Hause.

In der endlich eingefahrenen S 9 hat jemand einen Stock vergessen. Es handelt sich um einen langen, baseballschlägerartigen Stock, der einfach so vor unserem Sitz liegt. „Was macht man mit so einem Stock?“, frage ich den J. „Sich prügeln.“, antwortet der und berührt den Stock angeekelt mit den Fußspitzen.

Ab Treptower Park wird es besser. Die betrunkenen Krokodilsgesichter werden weniger, die Stimmen leiser, und die Anspannung sinkt. Langsam kriecht die Müdigkeit wieder näher.

„Ich muss noch was essen.“, sagt der J., und spät, schwankend vor Schlaf, bedeckt von den grellen, groben Fetzen der Fahrt sitzen wir uns gegenüber. „Was darf ich euch bringen?“, sagt der Kellner, und von draußen drückt meine Müdigkeit dämonische, fratzenhafte Gesichter an die Fensterscheiben des Lokals.

„Fast zu Hause.“, lächelt der J. mir zu.