Vollkommen leergeräumt, ausgesaugt, plattgedrückt von den Stürmen dieser Tage stehe ich schließlich im Flur. 23.57 Uhr. Lass mich schlafen, denke ich, sage irgend etwas, was „schön dich zu sehen“, heißen soll und schleppe mich am geschätzten Gefährten vorbei ins Bad. Vom Büro ins Bett ins Büro.
„Da ist was für dich gekommen.“, hält mir der geschätzte Gefährte ein Päckchen unter die Nase. „Habe nichts bestellt.“, ächze ich und reiße mir die Stiefel von den Füßen.
Habe ich auch nicht, stellt sich dreißig Sekunden später heraus, und so bedanke ich mich herzlich bei Frau W., die mir dieses Buch hat schicken lassen. Frau W., vielen Dank – ich habe mich sehr gefreut.
Die Familie, liebe Leserinnen und Leser, ist bekanntlich die Keimzelle der Gesellschaft, die Urpflanze aller Obrigkeit, der Ort, an dem alle Neurosen wurzeln, wo man Leute trifft, mit denen man sonst nie zu tun hätte, die Dinge erzählen, die einem Fremde niemals mitteilen würden, ohne dass man wegliefe.
Auf diese Weise verdankt man seiner Familie nicht nur seine Existenz und die Fähigkeit, auf zehn verschiedene Arten Servietten zu falten – nein: Ein ganzer Schatz von grotesken Liebesgeschichten, absurden Todesfällen, den traurigsten Tiergeschichten des Universums und den schönsten Erbschaftsgeschichten des Abendlandes ist zu schade, um ihn für sich zu behalten.
am Sonntag, den 28.01.2007
um 19.30
im Café Lass uns Freunde bleiben Choriner Str. 12 – 10119 Berlin
*Tante M. natürlich nicht zu vergessen. Und ohne Cousin L. ist eine Familie eigentlich unvollständig. Oh – und Schwesterchen. Und mein kleiner Cousin. Und all die anderen.
„Eigentlich“, sagt die C. und schwenkt unschlüssig ihr Weinglas hin und her, „eigentlich sollte man einer Partei beitreten.“ – „Völlig ausgeschlossen.“, schüttele ich den Kopf und stäube ein bißchen Asche ab, die an der Spitze meiner Zigarette erkaltet. An dauerhaften politischen Zusammenschlüssen stieße einen natürlich bereits die Dauerhaftigkeit der Verbindung einer Person mit einer Partei ab – denn wer weiß schon, welche Meinung sowohl er als auch die Partei in drei Monaten oder drei Jahren an den Tag legen? Wer möchte andauernd die Meinungen aller führenden Parteipolitiker verfolgen, um rechtzeitig aus dem Verbund aussteigen zu können, wenn ganz besonders dumme Ansichten über längere Zeiträume geäußert werden, und die maßgeblichen Personen auch noch daran zu glauben scheinen? – Aber natürlich ist das Schlimmste an den derzeit existierenden deutschen Parteien nicht nur ihre grundsätzliche Struktur, ihr absurdes Erscheinungsbild, ihr mitleiderregend dilettantischer Opportunismus und ihre täppische Katzbuckelei vor Leuten, die sich ihrer beruflichen Pflichten auch nicht eleganter, aber immerhin besser bezahlt entledigen: Das Schlimmste an den Parteien sind ihre Mitglieder.
Die CDU zum Beispiel. Man stelle sich eine Versammlung ländlicher Metzgermeister vor, die seit der Eröffnung ihrer zweiten Filiale auf die Frage nach ihrem Beruf angeben, einen Konzern zu leiten. Konzernleitern wie ihnen, so sind die christdemokratischen Metzgermeister überzeugt, stehe die Welt nicht nur offen, nein, sie stehe ihnen vielmehr zu, und so wandelt der parteipolitisch organisierte deutsche Mittelstand einher in der Ansicht, die Posten und Pöstchen der Republik seien quasi ihnen vorbehalten, und die Gegenkandidaten weniger Rivalen als Usurpatoren.
Das politische Denken der Metzgermeister oder ihrer Parteifreunde, der Landwirte, Amtsleiter des Gewerbeaufsichtsamts und der Filialleiter der örtlichen Deutschen Bank, zeichnet sich vor allem durch ihre – nun: Standfestigkeit aus. Niemals kommen dem Christdemokraten Zweifel, dass seine Welt die wahre Welt, und seine Auffassungen von dem Wünschenswerten für Staat und Gesellschaft unzutreffend sein könnten, und so glaubt der Christdemokrat, dass ein anständiger Mensch regelmäßig seinen Rasen mäht, und seinem Sohn Karrieren zustehen, denen die Tochter seiner polnischen Putzfrau ohnehin nicht gewachsen wäre. – Seine Frau ist nicht schön, aber adrett, seine Möbel sind nicht geschmackvoll, aber teuer; worüber er lacht, ist zum Weinen, aber immerhin neigt er nicht zur Weltverbesserung auf Staatskosten, so dass es durchaus möglich ist, ihm aus dem Wege zu gehen, wenn man einen Parteieintritt vermeidet.
Da ist die SPD schon anders unterwegs. Besessen von der schon an und für sich uncharmanten Idee einer Welt, die einer aufgeräumten Zechensiedlung der Sechziger Jahre nicht unähnlich ist, machen einen Sozialdemokraten andere Leute und ihr unordentliches Leben nervös. Sind die unordentlichen Leute arm und ungebildet, so fällt die SPD gern mit einem Haufen tantenhafter Vorschläge über die armen Leute her, denen sie ihr Fernsehglück mit Bier aus irgendwelchen obskuren Gründen nicht gönnt. Sind die unordentlichen Leute dagegen wohlhabend, so reagiert der sozialdemokratische Grundschullehrer oder Sachbearbeiter im Jugendamt mit einem zart verhüllten, pastellgelben Neid und schrecklich phantasielosen Analysen, die sämtlich darauf hinauslaufen, die beneideten Leute in ihrer Unordnung müssten irgendwie unglücklich sein.
Im Gegensatz zur CDU immerhin verfügt die SPD über eine, wenn auch skurril verhutzelte Romantik, die etwas mit harter Arbeit zu tun hat, mit der ehrlichen Haut von Franz Müntefering, schwitzenden Fußballern und Grillabenden in der Schrebergartenkolonie Eintracht. Isst der politische Konservatismus gern Schweinshaxe oder Königsberger Klops, so hängt die Sozialdemokratie – wenn sie nicht gerade Würste grillt – einem geradewegs den Sechziger Jahren entsprungenen Fernweh an. Hier – und nur hier – gilt der Grillteller Akropolis bis heute als eine Speise, gegen die sich nichts einwenden lässt, und Schweinefleisch süß-sauer als Ausweis echter Weltoffenheit.
Mit der Kunst haben es Rechte wie Linke allseits nicht so sehr. Dass man Geschmack nicht kaufen kann, findet die Sozialdemokratie eigentlich skandalös undemokratisch – die Konservativen dagegen fänden, wie man ihren Häusern ansehen kann, diese Auffassung rundheraus falsch, wenn sie sich denn jemals über die Käuflichkeit der Schönheit Gedanken gemacht hätten. Eines aber muss man der SPD lassen: Ihre Intellektuellen wirken stets ein wenig protestantisch-freudlos, aber immerhin wie besonders kluges Fleisch vom eigenen Fleische. Die intellektuelle Rechte dagegen stellt seit den Zwanziger Jahren eine Schimäre dar, eine denkende contradictio in adiecto, und die Vorzeigedenker der Konservativen wirken nicht wie die gesteigert intelligente Version der eigenen Leute, sondern wie vollkommene Fremdkörper, die nur aufgrund ihrer Willfährigkeit nicht als überkandidelt verstoßen werden.
Eine denkende Partei aus evangelischen Professoren wäre dagegen gern die FDP, die in der Realität allerdings aus alten Handwerksmeistern und jungen Gebrauchtwagenhändlern besteht. Im Gegensatz zum strotzend-selbstsicheren Konservativen ist der Liberale in der Welt seiner Wünsche allerdings nie so ganz zu Hause, statt economy möchte er business fliegen, und dieser Wunsch macht ihn hart, spitz und zumindest verbal etwas aggressiv. Der Liberale hadert in aller Regel mit der Welt, die nicht so will er wie er, und ob er sie schlicht als ungerecht gegenüber jungen Gebrauchtwagenhändlern empfindet, oder ob der Ärger vielleicht doch aus purer Besserwisserei herrührt: Die FDP ist eine Partei, bei der man die Differenz zwischen Wille und Wirklichkeit als geradezu komisch empfindet. Man verdankt den Bemühungen ihres Vorsitzenden ergötzliche Stunden der Naturbetrachtung, indes – Mitglied sein kann man da natürlich nicht.
Die GRÜNEN dagegen erträgt man, wie man einen alten Erdkundelehrer erträgt. Gern würde der wirklich nette Pädagoge aus dem Nähkästchen der Befreiungsbewegungen plaudern, gern etwas über seinen heldenhaften Kampf gegen die Errichtung von Flughäfen und für die Erhaltung historischer Bauernhäuser erzählen, allerdings haben ihm Generationen lachlustiger Schüler beigebracht, dass dies nicht das Interesse der nachfolgenden Generationen findet, die oberflächlich zu finden, ihm ein hartnäckiger Jugendwahn zumindest öffentlich verbietet. Um nicht unangenehm aufzufallen, hat er natürlich heute auch keinen Bart mehr, und er trägt betont lässige Anzüge, von denen er annimmt, sie würden ihm ein Air italienischer Lebensart verleihen.
Die GRÜNEN haben in den letzten Jahrzehnten mit einer Menge ihrer Ansichten letztlich recht behalten, und dieser Umstand ist es, der sie unerträglich macht, denn während die Großvätergeneration aus naheliegenden Gründen ihre Heldengeschichten nur selten zum besten gegeben hat, posaunen die GRÜNEN ihre Verdienste gern lauthals in die Welt. Immerhin isst man überraschender Weise in ihren riesigen Küchen oft besser als in den Esszimmern der CDU. Zum Beitritt vermag dies trotzdem kaum zu verleiten, denn immer dann, wenn man die GRÜNEN halbwegs als etwas trocken, aber essbar eingeordnet hat, stellt sich irgendein prominentes Mitglied vor die Presse und erzählt unter dem Beifall seiner räudigen Kreuzberger Mitglieder irgend etwas ganz Unglaubliches.
„Na, das geht natürlich gar nicht.“, zuckt die C. die Schultern, und dann sprechen wir von einer Republik, die es so nicht gibt, die unangestrengt wäre, lächelnd, geschmackvoll in ihren Worten und zurückhaltend mit ihren Taten, und so weit weg, dass man sie nicht einmal bemerkt: Nichts als eine unsichtbare, ordnende Hand hinter den Kulissen und ein würdiger, älterer Herr irgendwo in einem Schloss, der wohlgesetzte Reden im Fernsehen verliest.
Bei mir in der Straße gab es zum Beispiel bis vor kurzem ein Geschäft, in dem man Papierstreifen und andere bedruckbare Gegenstände kaufen konnte, auf denen Buchstaben und Wörter angebracht waren. JONASSILKEANDI zum Beispiel oder so ähnlich, und das alles in roten Buchstaben, die ein wenig an Kartoffeldruck erinnerten. Ich habe nie jemanden in dem Laden gesehen, und inzwischen ist er weg.
Dass sich das nicht rechnet, hätte ich dem Betreiber gleich sagen können. Genauso verhält es sich meiner Ansicht nach mit Läden, die nur künstlerisch gestaltetes Geschenkpapier verkaufen und € 3,50 für einen Bogen haben wollen. Auch Internetversandhäuser, die nur sehr wenige, aber dafür sehr originelle Produkte anbieten, rechnen sich wahrscheinlich nicht, es sei denn, es hat irgendwas mit geschlechtlichen Vorgängen zu tun, denn Geschäfte mit dieser Sphäre menschlichen Lebens lohnen sich anscheinend immer, denn sogar der Versand von SPAM muss sich ja irgendwie lohnen, sonst hätten die Spammer längst aufgehört damit, und – by the way – schon oft habe ich mich gefragt, wer das eigentlich macht.
Sitzt, so grübelt man bisweilen, tatsächlich irgendwo eine Ms Delora Graham und schickt Mails in alle Welt, damit Leute V*iagra und Valium kaufen? Gibt es Herrn Dob Curry, und irgendwelche Leute, die ihm Geld überweisen, damit er es für sie gewinnbringend anlegt? Wer verbirgt sich hinter Maximilian Murphy, und wer will ausgerechnet von ihm ein Microsoft-Product für wirklich ziemlich wenig Geld erwerben? Und was passiert, wenn man tatsächlich Geld zu einem dieser Menschen überweist? Verschwindet Mr Murphy in das bodenlose Nichts der Kundenkommunikation und verjubelt das Geld bei Mc Donalds? Oder kommt eines Tages tatsächlich ein Päckchen aus Übersee, das die männerstärkenden Tabletten, die billigen, aber originalverpackten Programme oder ein Aktenpaket enthält? Und wer um alles in der Welt ist Benni, und was für ein Diplom erhält derjenige, der mit ihm einen Vertrag abschließt und diesen erfüllt?
Und wenn sich so etwas lohnt – warum ist der Laden mit dem kreativen Kartoffeldruck eingegangen?
„Aua!“, rufe ich aus, mehr wegen der Überraschung, als weil es wehtäte, und schaue mich nach dem Urheber des Schneeballs um. „Frau Arboretum!“, winke ich und wische mir den Schnee von der Wange. „Ihnen auch ein frohes neues Jahr!“, rufe ich der geschätzten Nachbarin in Klein Bloggersdorf zu und wünsche noch allerlei Gutes für 2007, weiterhin gute Besserung, Glück bezüglich Geld wie Liebe, und bücke mich, um meinerseits drei Handvoll Schnee zusammenzusammeln.
Der erste Schneeball fliegt zum großen Don, weil es in Bayern bekanntlich den besten Schnee gibt. Den zweiten Ball bekommt die kluge und tüchtige Frau Fragmente, die sich mehr in Berlin sehen lassen sollte. Und den dritten Ball werfe ich Frau Engl an den Kopf und drücke einen kleinen Glücksbringer in die Mitte, damit auch in Neukölln der Schnee weißer und die Sonne wärmer wird, und das Glück das ganze Jahr bei Frau Engl auf dem Sofa sitzt und es sich gut gehen lässt.
Die ganze Luft war voller Asche. Die Asche hing in unseren Kleidern, in den künstlichen Wimpern meiner Freundin N., und die Möbel der Bar schienen getränkt mit einem Öl aus verschüttetem Sekt, Puder und Mayonnaise.
Wir waren tanzen gewesen. Genauer gesagt hatte die N. getanzt, und ich hatte am Rande der Tanzfläche auf einem Barhocker gesessen und mit dem G. über die Mädchen gesprochen, die tanzten und sich gegenseitig absichtlich anrempelten und laut lachten. Irgendwann war der G. gegangen, und die N. tanzte weiter, bis das Licht anging. Bis der erste Bus nach Hause fuhr, saßen wir in der Bar gegenüber an der Theke und rauchten. Die N. rauchte ganz lange, schmale Zigaretten, wie sie in diesem Jahr modern waren, und schon im nächsten absolut unmöglich, und als sich zwei Fremde dazustellten, klopfte die N. beide auf den Bauch und sagte irgend etwas, was bei ihr grandios, und bei mir lächerlich geklungen hätte. Irgendwann verschwand sie mit dem Hübscheren der beiden, einen Spaziergang machen, und ich blieb an der Theke sitzen. Der weniger Hübsche rauchte und schwieg, trank Bier, bestellte mir einen Sekt nach dem anderen, und dachte wahrscheinlich an die N., und die Ungerechtigkeit, dass sein Freund mit der lustigen, lachenden N. spazieren gehen durfte, und er mir gegenübersaß, die stundenlang vergeblich versuchte, witziger zu erscheinen, als es der Wirklichkeit entsprach.
„Wann warst du das letzte Mal am Meer?“, fragte er irgendwann, und ich sprach von den Osterferien. Dänemark. Mit Eltern, Schwester und Hund. „Schön am Meer.“, sagte er und schwieg ein paar Minuten. – In sechs Stunden, versprach er nach dem Ende der Pause, könnte man am Meer sein, und in acht Stunden den Sonnenuntergang beobachten, und morgen zurück. „Ist gut.“, sagte ich und rauchte weiter. Mit zwanzig Pfennig in der Tasche rief ich daheim an und gelobte dem Anrufbeantworter Rückkehr am nächsten Abend.
Das Auto des Fremden war klein und alt. „Kannst du überhaupt fahren?“, fragte ich, und er lachte und zuckte die Schultern. Klar. Mit meinem Rucksack auf der Hinterbank fuhren wir los, immer weiter nach Norden. Über der Autobahn ging die Sonne auf und verfärbte die ganze Welt in ein Meer von sanftem, verschwimmendem Rokoko. Unter einem Himmel aus zarten, durchscheinenden Rosa und einem bläulich verwestem Orange fuhren wir dem Meer zu, und die anderen großen und schnellen Autos rasten rechts an uns vorbei. Mit halbgeschlossenen Augen lag ich auf dem Beifahrersitz, rauchte, und hörte dem Fremden mit halbem Ohr zu, wie er von seinem Studium erzählte. Die Uni, so schien es, warf ihm lauter unverdiente Knüppel zwischen die Beine. „Alles nicht so einfach, was?“, fragte ich ab und zu, oder so ähnlich, und er schüttelte den Kopf und erzählte weiter.
Am Nachmittag waren wir da. 2,50 Kurtaxe musste man bezahlen, dann durfte man an den Strand, wo es kühl war und nach Schlick roch, nach Salz und staubigem Sand. Mit dem Kopf auf meiner Jeansjacke schlief ich ein, er rauchte, und irgendwann weckte er mich und wir fuhren heim.
„Hier wohnst du?“, fragte er vor dem Haus meiner Eltern. „Ja.“, sagte ich und: „Tschüß.“, und wartete auf eine Verabredung, eine Telephonnummer oder irgend etwas anderes, aber nichts kam. „Danke.“, sagte er, und ich sagte etwas wie „Gern geschehen.“, und „Dir auch vielen Dank.“
„Ne, sonst nichts.“, sage ich und schenke nach: Ein bißchen weniger rauchen, viel weniger essen, und nicht immer entweder viel zu viel arbeiten oder gar nicht. Sonst nichts, behaupte ich und hebe das Glas auf all das, was nicht gesagt werden kann, weil es plump und billig klingen würde, und seinen Glanz verlöre, spräche man es aus, wie manche Insekten, wenn man sie anfasst.
Auf das Ungesagte also. Und mir und Ihnen allen ein gleißendes, strahlendes, jubelndes Jahr 2007, ein Jahr wie ein goldenes Füllhorn, zwölf Monate wie ein lachendes Sommernachtsfest, eine Achterbahn, ein Schrei vor lauter Lebenslust, und nichts zum Bedauern bis zur nächsten letzten Nacht des Jahres.
Die ganze Welt war voller Bakterien. Insbesondere andere Leute waren mit Mikroben übersät, vor allem meine Familie, und ich sah die Kleinstlebewesen förmlich auf der Haut meiner Anverwandten sitzen wie die Blattläuse auf den Stauden an der Garage meiner Oma. Was aber das Schlimmste war: Meine Familie hatte mir diese bestürzende Tatsache während meines gesamten fünfjährigen Lebens verschwiegen. Erst ein Sachbuch der Reihe „Was ist was“ hatte mir die Gefahren der Mikrobenwelt vor Augen führen müssen.
Vorsichtig, um nicht mit mehr Bakterien als unbedingt nötig in Kontakt treten zu müssen, tastete ich mich ins Bad. Die scheinbar saubere Toilette strotzte vor Krankheitserregern. „Escherichia coli.“, dachte ich und versuchte, das Wasser nach einer ausgiebigen Reinigung wieder abzudrehen, ohne den Wasserhahn zu berühren. Aufgeschlagen lag das angstauslösende Buch scheinbar friedlich auf meinem Bett. Auch das Buch, wurde mir klar, war verseucht.
Am Abend stellte ich meine Eltern zur Rede. Man lachte. Nicht alle Bakterien, wurde ich belehrt, seien gefährlich, aber das hatte ich dem „Was ist was“-Buch auch schon entnommen. Da die Bakterien aber bekanntlich für das bloße Auge unsichtbar und daher nicht ohne unverfügbare Hilfsmittel in gefährliche und harmlose Geschöpfe unterscheidbar waren, beruhigte mich diese Mitteilung nicht. War meine Mutter ungefährlich oder warteten todbringende Kleinstlebewesen auf ihrer Haut nur darauf, mich anzuspringen? Saß im Haupthaar meines Vaters das Verderben und wartete auf mich? Und was war mit Schwesterchen? Was mit dem Hund? – Umzingelt von Gefahren saß ich auf dem Rand der Badewanne und beobachtete misstrauisch meine Hände. Unter meine Fingernägeln, so schien es mir, saßen Millionen Kranlheitserreger und lachten mich aus.
Der übliche Gute-Nacht-Kuss fiel aus. Bekümmert stand mein Vater einige Sekunden in der Tür und atmete Enttäuschung. Aus seinen Nasenlöchern spritzten Kaskaden von Bakterien durch den halbdunklen Raum. „Gute Nacht.“, zog er die Tür zu. „Gute Nacht.“, sagte ich ein wenig schuldbewusst, weil es ja nicht an ihm lag, sondern nur an seiner Eigenschaft als Wirt. In der Dunkelheit meines Kinderzimmers wühlten die Mikroben sich durch den orangefarbenen Bodenbelag, bedeckten wie eine Haut alle Möbel, die Playmobil-Stadt auf dem Boden, und die gleichfalls orangefarbenen Vorhänge waren getränkt mit den hunderttorigen Städten und Reichen der mikroskopischen Fauna. In meinem Kissen tanzten unzählige Milben eine zähnefletschende Polka, und neben dem Bett lag das Buch, in dem man ganz genau sehen konnte, wie die kleinen Mitbewohner meines Lebens aus der Nähe aussahen.
Am nächsten Morgen verlangte ich eine neue Zahnbürste und ein Extrastück Seife. Seufzend legte meine Mutter die verpackten Kosmetikartikel auf die Konsole unter dem Spiegel. In den Kindergarten wollte ich nicht. Die bakteriell verunreinigten Abdrücke der Hände meines Vaters konnte ich auf dem Frühstückstisch förmlich sehen. „Ich will sauberes Geschirr.“, versuchte ich mein Überleben zu sichern.
Die Spülmaschine, so klärte mich ein Blick auf das Display auf, war mit nur 50° C ungeeignet, das Geschirr wirksam zu reinigen. Mit jedem Bissen, so wurde mir klar, nahm ich Bakterien auf, die aus dem Mund meiner Familie über Löffel und Gabel auf die nurn scheinbar sauberen Teller geraten waren. „Ich will ein eigenes Geschirr.“, meldete ich an. Ein paar an Auseinandersetzungen reiche Tage später erschien mein Vater mit einem großen Karton. Ich packte aus: Ein „Hahn und Henne“-Geschirr, ein dazugehöriges Besteck, und mein bekümmerter Vater im Hintergrund. Trotz der gesundheitlichen Risiken fiel ich ihm um den Hals. Fast hätte ich ihn geküsst.
Das neue Geschirr stellte ich selbst in die Spülmaschine. Auch die Reinigung meines Zimmers wollte ich selbst übernehmen und konnte nur mit Mühe davon überzeugt werden, dass Frau T., die Sachwalterin der häuslichen Hygiene, als Profi der Keimfreiheit besser in der Lage sein würde, den Tod aus meinem Zimmer zu verjagen. Immerhin trug Frau T., wie auch Schwesterchen, einige Tage gezwungenermaßen einen Mundschutz aus der Praxis unseres Zahnarztes.
Eines Tages aber war das „Was ist was“-Buch weg. Noch ein paar Tage später packte meine Mutter unsere Taschen, und unsere Mikroben und wir fuhren in Urlaub. Nach der Rückkehr aber hatte die Welt der Kleinstlebewesen für’s Erste ihren Schrecken verloren, und nur das Geschirr blieb, wo es war.
In den nächsten Tagen wird irgend jemand von diesen Leuten eine ziemliche Enttäuschung erleben. „Wozu schickt man sowas anderen Leuten?“, wird dann als Fazit weiterer, insgesamt schon eher abschätzigen Bemerkungen über die von mir zusammengestellte CD in irgendeinem Blog stehen. Musik, die eh jeder hat, zu verschicken, um im Gegenzuge musikalischer Perlen teilhaftig zu werden, die man aus eigenem Antrieb nie gefunden hätte, sei mehr als dreist – es sei geschmacklos, wird der enttäuschte Empfänger befinden, möglicherweise vor lauter Enttäuschung sogar mit den Füßen auf meiner CD herumtrampeln und sich nie wieder an einer solchen Veranstaltung beteiligen, außer Jochen sucht vorher aus, wer mitmachen darf, und da bin ich dann sicher nicht dabei.
Außerdem bin ich zu spät. Das macht nichts, weil andere Leute auch nie pünktlich sind, so dass es sogar eine eigene Liste für Zuspätkommer gibt, aber spät und fade, wird der Empfänger befinden, sei ein bißchen viel, und mit einem gewissen Groll an seine Mordscompilation denken, die er liebevoll zusammengestellt hat, während andere Leute – beispielsweise ich – ihre CD am allerletzten noch fristgemäßen Abend aus den TOP 25 ihres itunes zusammengehauen haben, und dann nicht einmal Lust hatten, noch zum Briefkasten zu gehen.
„So eine Sauerei!“, wird der Empfänger urteilen, und damit natürlich recht haben, und deswegen, sehr geehrter Empfänger der von mir noch abzuschickenden CD, möchte ich mich bereits jetzt in aller Form bei Ihnen entschuldigen und nur am Rande ansprechen, dass das Schicksal selbst Ihnen anhand dieses unscheinbaren Vorfalls vor Augen führen möchte, dass es stets besser ist, Pflichten früher zu erledigen als später, denn dann wären Sie nicht auf dieselbe Nachrückerliste wie ich geraten, hätten folglich eine andere CD bekommen, und man weiß ja nie, wo Ihnen diese Lektion in Sachen Pünktlichkeit noch einmal zum Vorteil gereichen wird, und da nimmt man so eine lausige CD doch gern in Kauf.
Unschön an der Endlichkeit des Lebens ist ja nicht nur, meine Damen und Herren, der Vorgang an sich, obwohl auch die Auslöschung keine angenehme Vorstellung ist – dieser Schrecken, ins Bodenlose zu fallen, und all das, was man jemals gedacht, gesagt, geliebt oder getan hat, einfach weggewischt zu wissen wie man ein Galgenmännchen nach beendetem Spiel von der Tafel wischt, um es ganz und gar zu vergessen. Erschreckend auch die Vorstellung von Schmerzen, die so recht geeignet sein mögen, einem die Seele aus dem Leib zu treiben, und derart arg, dass man ganz zuletzt als ein schwitzendes, entmenschtes Stück Fleisch nach dem Ende schreien mag und bliebe einem auch nichts das schiere Nichts.
Benebst Schmerzen, Schrecken und Dunkelheit, der Einsamkeit auf die letzten Meter selbst in Anwesenheit jener Menschen, mit denen wir doch alles teilen, und immer beieinander bleiben wollten, ist es wohl von untergeordneter Relevanz, aber doch wohl ärgerlich, ab einem Tag, einer Stunde, einem bestimmten Moment nicht mehr zu erfahren, wie es weitergeht, nicht mit einem selbst, das ist ja vorbei, aber doch mit dem Rest der Welt und besonders mit jenen, die uns mehr angehen als andere.
Wann sich der hinterbliebene Witwer trösten mag, und mit wem wohl? Wird er die Neue mehr lieben als dich, wütender begehren, sehnsüchtiger erwarten? Wer wird deine Lieblingskette tragen, wer an deinem Schreibtisch sitzen? Wer wird weinen, und wer wird nur so tun? Wer, den du längst vergessen hättest, wäre dein Gedächtnis nicht besser, als dir lieb ist, wird einen trübsinnigen Abend verbringen, wenn er von der leeren Luft hört, die du bis gestern gefüllt hast, und es nun nicht mehr tust? Wer, über dessen Anruf du dich gefreut hättest, wird nur ein Schulterzucken übrig haben oder gar nicht mehr wissen, wer du bist? Wie ist das Essen bei der Beerdigung, wer wird nächstes Mal Kanzler, und wie hättest du ausgesehen mit 80?
Und hätte sich das Durchhalten gelohnt?
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