Die Vernachlässigung

„Dich verpetz‘ ich im Internet!“, rufe ich dem J. in den Flur hinterher. „Du bist zu alt für den Mist.“, macht der J. alles noch viel schlimmer. Traurig und leer stehen meine Stiefel vor dem Sofa.

„Ich habe schon Ostern keinen Goldhasen bekommen.“, starte ich eine Philippika größeren Ausmaßes. Den erwünschten Adventskalender von Lindt für Kinder habe ich auch nicht erhalten. Nicht einmal einen billigen, blöden Adventskalender für 2,99 von Lidl oder so hat der J. herangeschafft, zum Geburtstag gab es bloß ein einziges, ziemlich kleines Geschenk, und in Rom hat es nicht einmal für ein ganz, ganz mickeriges Souvenir gereicht.

„Du sollst keine Schokolade mehr haben!“, hält mir der J. vor. Ich würde, behauptet er, die Schokolade nämlich gar nicht, oder nur sehr teilweise essen, und statt dessen würde sich der J. gezwungen sehen, die mir übereigneten Süßigkeiten selber zu verzehren. Dies führe auf lange Sicht zur Verfettung, sei folglich zu vermeiden, und deswegen, so kündigt der J. an, solle ich Weihnachten diesmal auch keinen bunten Teller bekommen.

„Das veröffentliche ich!“, halte ich dem J. seine unfassbare Herzenskälte vor. Soll doch die Weltöffentlichkeit über die Grausamkeit entscheiden, mit der der ansonsten geschätzte Gefährte seine eigene Freundin behandelt. Soll amnesty international Unterschriftenaktionen zugunsten vernachlässigter Freundinnen starten, das Menschenrechtssekretariat der UN eine Delegation in unsere Prenzlberger Wohnung entsenden, und die Bundesregierung nach langem Hin und Her eine entschiedene, wenn auch vorsichtig-verständnisvolle Protestnote an den J. schicken des Inhalts, dass eine derart brutale Vernachlässigung der berechtigten Interessen seiner Freundin von der Bundesrepublik möglicherweise mit Sanktionen belegt werden würde, wenn er nicht damit aufhört.

Aber den J. lässt das kalt.

22 Gedanken zu „Die Vernachlässigung

  1. REPLY:

    Sorgen haben manche Leute – ich hatte noch nicht mal
    Gelegenheit, meinen Adventskalender zu öffnen.

    Na, und der ganze Schokokram liegt so lange rum, bis ich ihn
    in den Müll schmeiße. Weihnachtlich wird mir frühestens am 24. zumute sein.

  2. Komisch – solche Gespräche höre ich oft aus dem Kiosk auf dem Weg zur U-Bahn, da geht es dann aber meistens um Bier & Schnaps… Und die Drohung ist dann auch nicht das Internet, sondern es ‚allen‘ zu sagen – das ist dann wahrscheinlich noch 1.0.

  3. REPLY:
    Obacht!

    Ich hatte heute eine Botschaft in meinen Referrern: „Kid37 schlägt alles zusammen“. Ja, so ist das, wenn man zu wenig Schokolade bekommt! Da randaliert man ab, einem Rumpelstilzchen gleich. Der J. hat womöglich eine tickende Zeitbombe auf Schoko-Entzug im Haus.

  4. Wie ist es denn

    um den Wahrheitsgehalt der Aussage des J. gestellt, im Endeffekt verblieben die Schlickereien doch bei ihm…? Wenn das stimmt und er gar keine Schokolade mag, macht er alles richtig. Auch im Sinne der UN.

    Wenn er allerdings doch Schokolade mag, vergibt er eine unglaubliche „Win-Doppel-Win-Situation“ (um mal mit dem Wirtschaftsvolk zu sprechen): andere Leute durch Geschenke gluecklich machen, sich an deren Glueck freuen _und_ hinterher noch selbst Schokolade haben…

  5. Ich finde auch, Herr Marbot, dass hier strenge Sanktionen am Platz sind. Ob es gleich die Rute sein muss, Frau Loreley – vieleicht hilft es auch erst mal, den J. ohne Hilfsmittel zu züchtigen. Das geht nicht gut aus, da stimme ich Frau Arboretum voll und ganz zu. Das Szenario von Herrn Kid verspricht ja immerhin schon unangenehme Zeiten für den ansonsten geschätzten Gefährten.

    Immerhin Don Alphonso ist nett zu mir. Da könnten sich andere mal ein Beispiel nehmen, finde ich. Und Schokolade ist, im Gegensatz zu Bier und Schnaps, doch auch, Herr Lucky, ein Preis, um den sich zu kämpfen lohnt. Notfalls auch unter Einschaltung der Weltöffentlichkeit. Ich verspreche mir hier eine gegenüber der U-Bahn größere Reichweite und Durchschlagskraft. Ich würde den Kalender natürlich auch sofort aufmachen und die Schokolade unverzüglich verzehren, Che.

    Was den J. anbetrifft, so verhält es sich, Herr (?) Beh, keinesfalls so, dass er keine Schokolade mag. Er füchtet vielmehr für sein Gewicht von derzeit 75 Kilo bei einer Größe von 1,89 m. Ihn treibt also die pure Eitelkeit.

    Wenn das nicht missbilligenswert ist, dann weiß ich auch nicht. Was die Kommentatoren angeht, die für so etwas Verständnis haben, so erübrigen sich hier schon deswegen alle weiteren Worte.

  6. Ich meine gelesen zu haben, dass eine gewisse Begleiterin eines gewissen geschätzten Gefährten J. sich dereinst über selten passsende Kleidung echauffierte. Und dies nicht in dem Sinne, dass diese Kleidung haltlos an ihr herunterfiele.

    Eitelkeiten stehen hier profanen Gelüsten gegenüber.

  7. REPLY:

    Tja nu, ich muss sagen, dass ich diese Schokoladenkalender überhaupt nicht mag. Ich
    schätze eher die klassischen alten Adventskalender mit Patina und Pastelltönen
    und ein bißchen Glitzerstaub auf dem Karton und ohne Schoko.

  8. REPLY:

    Da bin ich aber ausnahmsweise einmal fein raus. Nicht nur wurde mein Gewicht hier ausgiebig diskutiert (ich habe da offenbar den falschen Knopf gedrückt), ich kann tatsächlich soviel Schokolade zu mir nehmen, wie ich lustig bin. (Mir wird aber ab zwei Tafeln schlecht davon.)

    Ab dem 8.12. dann nur noch Käsebrot.

  9. Diese hübschen, alten Adventskalender, Che, mag ich auch, aber es geht nun einmal nichts über Schokolade. Das, Frau Arboretum, die Welt ungerecht ist, die den geschätzten Gefährten oder Meister Kid bis zum Abwinken konsequenzenlos Schokolade konsumieren lässt, während unsereins bei vergleichbarem Konsum längst geplatzt wäre, bedarf keiner weiteren Worte. So, Herr Pathologe, stelle ich mir das natürlich auch vor. Dass die Praxis anders aussieht, mag ich wohl gelegentlich einmal bedauert haben, aber bei meiner derzeit ja eher etwas zurückgezogegen Lebensweise ist es, finde ich, auch egal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken