Ouverture

Hübsch ist das Mädchen nicht, an das ich mich erinnern kann, noch besonders anziehend. Ziemlich schnell in allem, was sie tut, fast ein wenig fahrig, nicht sehr gefällig, nicht besonders freundlich, auch nicht von der Offenheit, die meine Freundin N. anderen angenehm machte. Nicht so schön, nicht so glänzend wie die N. natürlich, der nachgeschaut wird schon mit 14. Mit kurzen, schwarzen Haaren auf dem Kopf laufe ich durch den Mittelstufentrakt der Schule, einer dicken Brille auf der Nase und bunten Sweatshirts an, die mir nicht stehen, weil sie viel zu weit sind, aber ich dachte, ich sei dick.

In der Pause stehe ichauf dem Raucherschulhof, ziehe an meinen ersten Zigaretten, Dunhill Methol, warum auch immer, und kaufe mir manchmal, wenn ich nach der Schule allein zu Hause bin, eine Tüte Erdnußflips und gehe mit einem ganzen Stapel Bücher zu Bett. Ich lese den ganzen Tag, manchmal die Nacht dazu, und schlafe ab und zu in der Schule ein, aber das ist mir egal. Schlecht in der Schule zu sein ist das einzige, was ich an mir cool finde, lässig, so lässig wie die N., die nur zu lächeln braucht, nein, nicht einmal zu lächeln, einfach nur da zu sein, damit Menschen sie mögen, aber statt der N. dankbar zu sein, dass sie mir Einladungen verschafft, die ich sonst niemals hätte, missgönne ich ihr die Aufmerksamkeit, die Gabe, geliebt zu werden, die Briefchen, die Anfragen, und die mühelose Kontaktaufnahme, die mir schwer fällt, so schwer, dass die wenigen Versuche, denen näher zu kommen, die ich verehre, so anstrengend werden für alle Beteiligten, dass sie schleunigst wieder eingestellt werden. Es wäre auch nicht viel dabei herausgekommen.

Der G. zum Beispiel, mit dem ich ab und zu Eis essen gehe und lange, etwas trübsinnige Gespräche führe. Der G. ist, wie jeder weiß, in die N. verliebt, die kein Herz hat für den armen Kerl, der viel liest, und nicht besonders sportlich ist, der kein vernünftiges Auto fährt, und ab und zu stottert, wenn er aufgeregt ist. Der G. wird zehn Jahre später glänzend promovieren, aber auch das würde der N. nicht imponieren. Die Neigung des G. zur N. ist hoffnungslos. „Was hält die N. von mir?“, fragt der G. viel zu oft, und ich sage irgendetwas, was ich vergessen habe, und komme gar nicht darauf, der Verliebtheit des G. durch einige gezielte Boshaftigkeiten ein Ende zu machen. Ein feiner Kerl sei ich, sagt der G., und mir zieht sich das Herz zusammen.

Die N. ist kein feiner Kerl, die N. hat an jedem Finger zehn, wie man so sagt, und spielt sie gegenseitig aus. Ab und zu lädt einer aus Frustration ihre Freundin ein, das bin ich, und spricht den ganzen Abend über die N., regt sich auf über ihre Unzuverlässigkeit, ihre Verlogenheit, die Unstetigkeit ihrer Gefühle, und möchte ein bißchen bemitleidet werden. Geliebt werden wollen sie nur von der N. „Dass du dich mit dem nicht zu Tode langweilst!“, lacht die N. mich aus, wenn ich mit G. zum Schwimmen fahre und den Bauch einziehe, aber der G. schaut mich nicht anders an als seinen kleinen Bruder.

Allein zu Hause vor dem Spiegel bin ich manchmal schön. Dann lächele ich dem Spiegel zu, drehe mich ein bißchen, schaue über die linke Schulter, über die rechte, lege den Kopf schief, und halte den Mund geschlossen, weil das besser aussieht, wenn man meine Vorderzähne nicht sieht. Die sind nämlich schief. In der Schule schweige ich selten. mein Mundwerk ist gefürchtet, und über meine Witze lacht man gern. Eingeladen werde ich immer öfter in den nächsten Jahren, gelte als schlagfertig, als amüsant und geistreich, wie man sagt, aber nicht als charmant, und geliebt wird man nicht für einen exakten Kopf, den der Lateinlehrer lobt, der auch Philosophie unterrichtet. Eingeladen werde ich oft, geküsst werde ich selten, und nie von denen, denen ich nachschaue, und mit denen ich befreundet bin, nicht mehr und nicht weniger. Trostpreis, beschimpfe ich mich laut, allein vor dem Spiegel.

Ich lächele zu wenig, sagt die N., und rede zu viel. Das mögen Männer nicht, wenn ein Mädchen so viel redet, und ich nehme mir vor, mehr zu schweigen. Das Schweigen aber fällt mir schwer. – Quantität sei nicht Qualität, tröstet die N. und rät zu dem S. oder zum K., nette Jungs seien das, aber in mich verliebt sich keiner, und ich mag sie auch nicht haben, selbst, wenn ich könnte.

Später werde das ohnehin alles anders, behauptet die N., und ich nicke wider besseren Wissens.

6 Gedanken zu „Ouverture

  1. Kunst

    das kommt nun davon. kunst muss leiden, kunst darf nicht schön sein. kunst und das leben geniessen, praktisch unvereinbar. siehe auch goebels, „Vincent“.

    ganz richtig, wir männer mögen das nicht wenn ein mädchen viel redet. dazu geschaffen zu lächeln an den richtigen stellen, anzubeten an den richtigen stellen. richtige stellen sind häufig. man sollte meinen es ist ein klischee. ist es nicht. sprecht nicht mit uns, lasst uns einfach hinein. ohne anklopfen.

    das leben, das leben ist wie eine schachtel pralinen. die mit den „crunchy frog“. da weißt du was du kriegst.

    schönen abend. ich nicke auch, wider besseren wissens.

  2. Es wurde besser, ich rede immer noch zu viel, und weil das offenbar nicht genügt, blogge ich auch noch und treibe im Usenet mein Unwesen, mit all den großen Gedanken. Aber es wurde besser, von einem Tag auf den anderen. Doch das Leben ist unstet, und manchmal kommt die alte Furcht… und es kommen so Szenen von den Tiefen der Festplatte, solche wie die beim Billiard spielen, und wie ich genau wußte, irgendwann müssen wir gehen, und ich werde gehen, und sie werden gehen, und ich liebe sie, und er fickt sie. So können Freundschaften enden. Oder solche wie die am Klavier, romantisch muß es gewesen sein. Ich war die Jukebox. Die anderen die Liebenden. Danach allein im Auto, nicht mal getrunken, trotzdem am liebsten gekotzt… Aber es wurde besser. Wäre ich religiös, ich würde beten, daß es dabei bleibe.

  3. Gestern erzählte mir ein Freund, wir müssen ihn wohl den N. nennen, von Morton Feldman, der unheimlich dick, vulgär und dazu mit untertassendicken Brillengläsern versehen gewesen sein soll, sich davon allerdings nie in seinen Lothariostreifzügen hat bremsen sollen lassen. Einmal soll der F. also gefragt worden sein, so N., wie er sich denn seinen phänomenalen Erfolg bei den Damen angesichts seines abstossenden Wesens erklären könne und er habe geantwortet, es ginge darum so schnell zu handeln, daß die Damen all dies einfach übersehen. Ja, derartige Geschichten kann der N. versiert an den Mann bringen und erst zuhause angekommen denkt man sich, daß da was nicht stimmen kann.
    Indessen ist mir aufgefallen wie wenig der Erfolg bei Irgendwas von Irgendwas anderen abhängt, als von Selbstvertrauen (und Arroganz). Solche Leute beneide ich wie nichts und bestaune sie, wie ein Wesen aus einer Schattenwelt jene, die tatenfest unter der Sonne dahinschreiten.

  4. was ist so wichtig an der äußeren schönheit, wenn sie nicht von innen kommt(übringens keine werbung für die spezial-dragees)?

    es soll auch leute geben, die nicht in der lage sind, so schöne zeilen zu schreiben, um andere damit zu begeistern. 😉

  5. Was, Herr Mabel, die Männer mit den stetig lächelnden Damen anzufangen wissen, wenn der Reiz des Bewundertwerdens einmal vorbei ist – allerdings scheint Bewunderung ja einige Zeit vorzuhalten. Und wenn es auch kein Trost, DRNIX, ist, dass es manchen Mänern auch nicht anders zu gehen scheint – vielleicht wächst irgendwann wirklich Gras über alles. Bedauerlich immerhin, dass die Herren, die selten beim Preisboxen gewinnen, sich nur in Ausnahmefällen den Damen zuwenden, denen es ähnlich geht. (Und wenn doch, dann mit wenig Begeisterung)

    Dass weniger die Optik als die Dreistigkeit gewinnt, Herr Gheist, ist mir auch schon gelegentlich aufgefallen, allerdings auch keine große Hilfe, denn zur Dreistigkeit muss man ja ebenso geboren sein wie zur Schönheit, die, Special, von einer geradezu überwältigenden Wichtigkeit ist, da sie sich – anders als sogut wie alles andere – nicht zu rechtfertigen und nicht zu beweisen braucht. Das Leben muss recht einfach sein, wenn man schön ist, denke ich manchmal so bei mir.

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