Die E-Mail-Exegese

„Ruft sie dich auch die ganze Zeit an?“, fragt mich die A., ich bejahe, und die A. macht sich ein klein wenig lustig über die gemeinsame Freundin B.³, die der jüngst geschlossenen Bekanntschaft mit einem jungen Herrn eine Relevanz beizumessen scheint, die angesichts des bisher mäßigen Grades an Vertrautheit nur durch die Seltenheit zu erklären ist, mit der überhaupt Männer im Leben der B.³ auftauchen, denn besonders gutaussehend oder originell, so die A., sei der betreffende Herr ja anscheinend nicht. Vor den Kühlregalen bei MINIMAL in der Kulturbrauerei habe die B.³ ihn aufgelesen, vernehme ich, im Café November um die Ecke habe man einen Kaffee getrunken und war sich so sympathisch, dass immerhin ein abendliches Bier und eine weitere , zunächst unterminierte Verabredung aus dem Zusammentreffen resultierten. Nicht nur die B.³ allerdings ist eine durchaus vielbeschäftigte Person, auch der Herr aus dem Supermarkt verbringt viele, viele Stunden in seinem Anzug hinter dem Schreibtisch, und so versuchen die B.³ und ihr neuer Bekannter per E-Mail schon seit Anfang der Woche einen Termin zu finden, an dem beide gleichermaßen verfügbar sind.

„Hallo B.³,“, schreibt der interessante junge Herr beispielsweise am Montagmorgen und schlägt den Donnerstag vor. Der Donnerstag, teilt die B.³ auch mir in einer Mail über den Stand der Dinge mit, sei leider miserabel, denn da käme sie so spät aus Frankfurt am Main wieder, dass eine Verabredung einzugehen schierer Blödsinn wäre. Das schlichte „Hallo“ der Grußzeile allerdings sei doch ohnehin ein fast sicheres Zeichen, dass der Herr aus dem Supermarkt gar kein weitergehenderes Interesse habe? Was ich denn davon hielte, denn „hallo“ schriebe man doch wirklich nur, wenn man gerade nicht dabei sei, sich zu verlieben? Und was haben „schöne Grüße“ zu bedeuten?

Ein klein wenig ratlos sitze ich vorm Rechner und überlege, ob es einen Kodex der emotionalen Interessengrade gäbe, in dem jedem Grad an Interesse eine bestimmte Anrede- und Grußformel zugeordnet ist, und komme zu durchaus negativem Ergebnis. „Das hat bestimmt gar nichts zu bedeuten.“, schreibe ich deshalb zurück, und sehe eine knappe halbe Stunde später erneut eine E-Mail einlaufen. „Liebe Grüße“, habe man ihr soeben gemailt, und mangels Alternativen nun doch den Donnerstagabend als Option mit vorheriger telephonischer Bestätigung vereinbart. – „Liebe Grüße“ indizierten doch aber ein gesteigertes Interesse gegenüber nur schönen, besten, vielen Grüßen? Die A. könne sie da leider nicht konsultieren, die habe sich weitere Nachfragen wegen Irrelevanz verbeten, und die B. sei gerade nicht erreichbar.

„Ich glaube nicht, dass sich Männer über solche Fragen Gedanken machen.“, maile ich zurück, und überlege, ob ich selber, wenn auch durchaus weiblich, mir eigentlich zu irgendeinem Zeitpunkt meiner an unnötiger Aufregung ja immerhin reichen Biographie auch noch über diese Fragen Gedanken gemacht hätte, und komme zu negativem Ergebnis: Oberhalb der „freundlichen Grüße“, die auch dem Landgericht Berlin gelten können, und unterhalb eines schmachtenden „Lieblings“ fällt mir die Grußformel normalerweise nicht einmal auf, und auch die eigene Anrede wie Unterzeichnung gehört nicht zu den Dingen, denen meine Geistestätigkeit gilt. Auf der anderen Seite mag es gerade die unbewusste Wahl der Gruß- wie Anredezeilen sein, die den gewählten Formen Bedeutung unterlegen, denn vielleicht manifestiert sich gerade im Spontan-Unkalkulierten der Grad an Vertrautheit, der entweder besteht oder erstrebt wird? Indes, gebe ich der B.³ zu bedenken, seien die individuellen Abweichungen zu groß, um allgemeingültige Schlüsse aus diesen Umständen zu ziehen – schreibt doch etwa unsere liebe A. alle ihre Freunde beiderlei Geschlechts mit „Schätzchen“ an, derweilen die einzige „Süße“ meines Begrüßungsrepertoires mein Schwesterchen ist und bleibt. Die „lieben Grüße“ pinsele ich unter manche E-Mail, die eben lieben Menschen gelten, während die C. selten über ein knappes „VG – C.“ hinausgeht.

Möglicherweise denke ich, ist aber auch der betreffende Herr derlei Subtilitäten nicht abgeneigt, und signalisiert der B.³ auf diesem Wege doch mehr, als ich in aller Regel verstehe? Wie viele dezente Signale von Interesse und Desinteresse mag ich in den letzten 15 Jahren übersehen haben, die ich mich normalerweise ausgiebig lediglich mit der Tatsache, was und wann geschrieben wird, beschäftige? Ich, die ich mit der Konsequenz sofortiger Kontaktverweigerung die Wände hochgehen kann, mailt das Opfer meines aktuellen Interesses zu spät, zu selten, und zu knapp auf ausführliche Schreiben meinerseits – sollte ich eine komplette Kommunikationsebene einfach übersehen haben?

„Alles Quatsch.“, meint die A., und rät als erfahrene Pistensau auf den Schneisen fremder Herzen zu einer ebenso unaufgeregten wie offenbar erfolgreichen Verfahrensweise: Immer einen Grad weniger vertraulich als der andere. Und immer einen Tag zu spät.

„Und das klappt?“, frage ich ein wenig verblüfft über die Schlichtheit des erfolgreichen Liebeslebens. „Bei mir ja.“, antwortet die A., und hat den Pferdefuß damit praktischerweise gleich miterwähnt.

Wenn die Götter uns bedenken

„Die Zauberflöte?“, sagt der J. und schüttelt den Kopf. Die habe man nun wirklich tausendmal gehört, alles andere, aber mit der Mozart´sche Märchenoper mit Prinz und Prinzessin, der bösen Königin der Nacht und dem gütigen Sarastro sei es nun einmal genug. „Hast schon recht.“, sage ich, lese weiter im Programm, und einige mich mit dem geschätzten ehemaligen Gefährten auf „Die Meistersinger von Nürnberg“.

Vorbei ist´s also mit Vogelmensch und Flötentönen. Damals aber…, denke ich, und lächele ein bißchen in meinen Wein:

„Malst du mich auch?“, fragte ich meine Mutter, die vorm Spiegel stand und sich schminkte. Mit einem rosa Lippenstift malte sie mir zumindest den Mund, steckte mir die Haare hoch, im Nacken mit einer riesengroßen Schleife, passend zum Lieblingskleid, einem roten Kleidchen aus Taft mit einer passenden Tasche dazu, die die „Glitzertasche“ hieß, weil der Verschluss mit ein paar Strassteinen besetzt war. Acht Jahre alt muss ich gewesen sein, der Klavierunterricht hatte die Musik noch nicht mit dem Odium vergeblicher Anstrengung bestrichen, und der Nikolaus hatte mir die Opernkarte nebst Fruchtschnitten, Honigkuchen und Bio-Bärchen in die Stiefel gesteckt. Auf dem Plattenteller meines ersten Plattenspielers drehte sich „Die kleine Zauberflöte“, extra für Kinder, aus den Boxen meines Vaters drang die Zauberflöte unter Karajan, mit Wilma Lipp als Königin der Nacht, und immer wieder hob mein Vater den Arm des Plattenspielers, um ein weiteres Mal ein Stück zurückzusetzen, auf das eine oder anderen Motiv hinzuweisen, die Dreizahl, den Fugenaufbau der Ouvertüre, die Orchestrierung, sprang zurück in die Ouvertüre, erklärte Zuordnungen und Funktion der Harmonien, brachte eines Abends sogar ein Poster mit, auf dem ein Orchester zu sehen war, und ermahnte mich, in der Oper stillzusitzen und auf keinen Fall zu murren oder aufzustehen, denn dann dürfe ich nie wieder mit. Empört wies ich die Unterstellung zurück: Schwesterchen vielleicht, die sei noch zu klein und gerade erst eingeschult, ich aber ja schon in der dritten Klasse und daher ganz und gar imstande, stundenlang so ruhig dazusitzen wie ausgestopft.

„Oh, das ist toll.“, drückte mich die beste Freundin meiner Mutter, bei der das beleidigte Schwesterchen übernachten sollte, und wünschte viel Spaß. Im Auto schärfte mein Vater mir nochmals äußerstes Stillschweigen ein, wies warnend auf den Ausschluss von der Veranstaltung hin, und ließ meine Mutter und mich vorm Portal aussteigen auf der Suche nach einem Parkplatz. Hell angestrahlt stand das Opernhaus, wunderschön war das Publikum angezogen, fand ich, und mit einer gewissen Enttäuschung sah ich den anderen Kindern zu, die an der Hand ihrer Eltern das Portal durchschritten: So erwachsen schien die Veranstaltung nicht zu sein, wie ich mir erhofft und erwartet hatte. Am Orchestergraben standen viele Kinder, denen Mutter oder Vater mit weitausholenden Bewegungen die Instrumente erklärte. Das Rascheln des Publikums, die leisen Unterhaltungen, das Treiben im Orchstergraben – mein Vater fürchtete ernsthaft für den reibungslosen Verlauf des Abends. Aufgeregt und wie ein Gummiball hin und her hüpfend lief ich von einer Seite zur anderen, war mit Mühe auf dem Klappsitz zu halten, und rutschte zudem stetig von dem Polster, das meine Eltern mitgebracht hatten, um eventuell anstehenden Sichtproblemen aus dem Weg zu gehen. Als es aber still wurde, als die Musik begann, als die Streicher einstimmten, versank die Welt und löste sich auf in einem Sprühregen aus Musik und Farben.

Und manchmal, beim Einnehmen der Sitze, in jenem Moment zwischen der Unruhe des Tages und der Ordnung und Harmonie der Musik, eingeklemmt zwischen dem mokanten Lächeln der Freunde, gefangen in der Überfütterung zweier Jahrzehnte, steigt jener Moment noch einmal auf: Ganz neu, ganz rein, bar der Flut von Eindrücken, Interpretationen, dem ironischen Lächeln derer, die zuviel gesehen und gehört haben, um in jener Begeisterung aufzugehen, die kein Tropfen schwarzes Wasser färbt, und ich beneide die Kinder im Kleidchen oder im Samtanzug mit Schleife um den Hals, die zum erstenmal unter den Linden sitzen, wenn die Musik aufsteigt und der Vorhang sich öffnet.

Ganz vergessner Völker Müdigkeiten

Die Lilien sind welk geworden, und der Himmel zwischen Hinterhaus und Fensterrahmen ist so wässerig, blaugeädert wie die Hände sehr alter Menschen, und eine erkaltende Tasse Tee in der Hand stehe ich in der offenen Balkontür und sehe dem Rauch einer Sampoerna nach, die mir die Lippen süß färbt und die Zunge betäubt. Ab und zu klingelt das Telephon, der Freund der einen meldet sich zu selten, der Freund der anderen viel zu oft, und ich soll irgendwo in Kreuzberg feiern kommen.

Vor dem gefüllten Kühlschrank vergeht mir der Hunger. Ein Stück Brebiou schneide ich mir ab, klebrig verläuft der Käse in meinem Mund, und ich werfe den Rest weg. Morgen wird die Welt nicht anders aussehen als heute, denke ich, und in einem Jahr stehe ich wieder auf diesem oder einem anderen Balkon, sehe dem Rauch meiner Zigarette nach, und, was auch immer geschehen mag, die Welt wird mir auch in dieser Nacht, in diesem Jahr oder im nächsten ihr Geheimnis nicht zeigen. Den goldenen Schrein, der die Mitte von allem bezeichnet: Ich kenne die Zauberformel nicht, der Ritus bleibt mir verschlossen, und was auch immer durch meine Finger rinnt: Nichts wird mir bleiben als die Nacht, die harte, glatte Oberfläche der Welt und der Rauch einer langsam verglimmenden Zigarette, die nach fremden Ländern schmeckt, in denen sich die Pforte zum Sanctum der Welt gleichfalls nicht öffnet.

Nachtrag: Der Herr svenk, der muss mich gesehen haben, als ich da auf meinem Balkon stand, und hat ein Bild gemalt, dass ich ganz stolz geworden bin. Große Freude.

Die blicklosen Gärten

Wievieler fremder Menschen Fuß die Gehsteigplatten berührt haben mag, über die ich frierend die Kastanienallee entlang nach Hause laufe? Wieviele Küsse in der dunklen Toreinfahrt getauscht wurden, wessen Leiche das Treppenhaus heruntergetragen, welches Glück in den Räumen gelebt haben mag, in denen ich die Hände um eine Tasse Tee lege, um ein wenig gewärmt zu werden in dieser kalten Stadt? Wer hat vor dieser Haustür auf jemanden gewartet, der nicht kommen wollte, wer hinter jenem Fenster die Straße entlanggeschaut, welche Hoffnungen sind hinter den dunklen Scheiben eines Eckhauses gestorben – die Steine sprechen nicht zu mir, stumm bleibt der Wind, und meine Finger spüren nichts von der Erregung, der Wut, dem Glück derer, die vor mir auf diesen Straßen gelebt haben. Unberührt, gleichgültig, schaut die Stadt uns zu, die Bäume wollen nichts wissen von unseren Sehnsüchten, der getriebenen Jagd nach etwas Ungenanntem, den kurzen Schauern und einem ohnmächtigen Sinken, das wohl warten mag irgendwo, wenn nicht hier.

Die Tasse weiß nichts von dem, der mit mir Tee trank, Abende lang, um so leise, so unvermisst zu verschwinden, wie er aufgetaucht war. Die Widmung in einem schmalen Band, die von einer Reise spricht, die niemals stattfand. Das hölzerne Nilpferd, das mein Vater in Afrika kaufte. Der Sessel, in dem der Hund gern schlief, als die Polster noch weiß waren, und der Hund noch lebendig. Die Vase mit den Lilien, die auf dem Schreibtisch meiner Großmutter stand, das Bild, das mir ein Allerliebster malte, als er der Liebste noch war, und am Morgen warm und schützend neben mir erwachte. Stumm bleiben die Dinge, und nur in meiner Erinnerung knüpfen sich Fäden an die Dinge, die mit mir verschwinden werden und – von Zeit und Entfernung beschwert – schon täglich loser zu Boden hängen. Und am Ende werden die Dinge, die ich täglich in den Händen halte, vielleicht in einer anderen Wohnung zu stehen, wenn auch ich nicht mehr sein werde als bloße Materie, die sich aufgibt und zurücksinkt ins Ungeformte, wo alle Sehnsucht endet.

Auf einer Insel schlafen

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ausgeschlafen, überlege ich, einen sehr netten Nachmittag später, und schaue auf der Tafel im Hamburger Hauptbahnhof nach dem nächsten Zug in die norddeutsche Kleinstadt, in die ich weiterfahren soll, und wo man auf mich wartet. Den einen Zug habe ich knapp verpasst, der nächste Zug fährt erst um zehn, und so kaufe ich mir bei Gosch ein Fischbrötchen und greife zum Telephon. Die V. ist gar nicht in Hamburg, höre ich, sondern bevölkert eine Münchener Party, die im Hintergrund geräuschvoll vor sich hin scheppert. Die F. sitzt mit ungezählten Leuten in einem Restaurant in Hamburg herum, ich solle mir ein Taxi nehmen und kommen, brüllt die F. gegen die Hintergrundgeräusche an, aber ich bin so müde, ich mag gar nicht mehr sprechen, ich bin seit Tagen unterwegs, und so verabrede ich mich für ein Wochenende, an dem ich, stelle ich nach dem Auflegen fest, gar nicht in Berlin bin, und versuche mein Glück bei der B.².

„Das ist schön, dass du anrufst.“, sagt die B.², und sagt zum Glück kein Wort von „warum hast du dich nicht gemeldet, wenn du schon einmal da bist“, oder „von dir habe ich ja ewig nichts gehört“. Im Hintergrund ist es ruhig, ich mag gerade gar nicht mehr weiterfahren, und die B.² erklärt mir den Weg mit der U 3 bis zu ihr, und verspricht, sich meiner völligen Orientierungslosigkeit erinnernd, mich an der U-Bahn abzuholen. Mit einer Tüte Schokolade und meiner Tasche überm Arm fahre ich der B.² entgegen, schon in der U-Bahn fallen mir fast die Augen zu, und auf dem Bahnsteig umarmt mich die B.². Zwischen alten, hohen Bäumen laufen wir die Straße herunter, es gibt Wein und die B.² schmiert mir Brote, erzählt ein bißchen von Chorkonzerten und der Kirchengemeinde und zeigt mir Photos, auf denen sehr wenig Leute zu sehen sind und sehr viel Landschaft, Städte, die leer wirken und wie die Straßen, in denen man im Traum ohne Ziel und Eile die Fassaden entlang flaniert. „Schlaf dich erst einmal aus.“, sagt die B.², schickt mich Zähneputzen, löscht die Kerzen und lässt mich allein.

„Viel Spaß.“, wünscht die B.² sehr, sehr früh am nächsten Morgen, bietet zum dritten Mal einen Schal an, schiebt mir ein Butterbrot in die Tasche und setzt mich in die U-Bahn, die mich zum Hauptbahnhof bringt und dann weiter zurück an die Ufer des steten Stroms von Stimmen, Bewegung und Geräuschen.

Die ganze Wahrheit

„Süß schaut die Kleine aus.“, lobe ich das Erscheinungsbild meiner Nichte, und reiche Cousin L., dem Vater der Kleinen, die Bilder wieder über den Tisch. „Geht so.“, meint dieser, und blinzelt müde in die Sonne über der Kastanienallee. „Ist doch ein hübsches Kind.“, lege ich noch einmal nach, und lobe die dunklen Locken und grünen Augen der bald zweijährigen ziemlich pausbackigen Kleinen, die mit ihrer Mutter in Frankfurt am Main verblieben ist, nachdem Cousin L. nach knapp einjähriger Ehe erst die gemeinsame Wohnung, und dann Frankfurt verließ, um sich sodann in Berlin anzusiedeln.

„Modeste,“, unterbricht mein Cousin meine Lobreden auf die Nichte. „ich interessiere mich nicht für Kinder, du interessierst dich nicht für Kinder – und jetzt reden wir über irgendwas anderes.“ Die meisten Leute, gebe ich ein wenig erstaunt meinem Cousin zu verstehen, seien geradezu vernarrt in den eigenen Nachwuchs, und sprächen über überhaupt nichts lieber als die eigenen Kinder. Stets hätte ich angenommen, dies sei geradezu naturgegeben und beruhe auf biologischen oder psychischen Mechanismen, die man als kinderloser Mensch schlechterdings nicht verstünde. Cousin L. schnaubt ein bißchen, schaut ein wenig gelangweilt über die Karte, und entscheidet sich schließlich für einen Kaffee, ein Frühstücksbier und ein Käsefrühstück.

„Meine liebe Cousine,“, kommt es schließlich nach längerer Pause von der anderen Seite des Tisches, und Cousin L. beugt sich ein wenig nach vorn. Ich sei, so mein Cousin, einem bedauerlichen Irrtum aufgesessen. Mit dem Kinderhaben verhalte es sich vielmehr so:

Zwei Leute lieben sich. Man zieht zusammen, man versteht sich, und am Abend erzählt man sich gegenseitig den Verlauf des Tages, schimpft auf unfähige Professoren, macht sich über abstruse Veröffentlichungen im Rahmen der eher ausgefallenen Fachdisziplin lustig, der mein Vetter anhängt, und hat gemeinsam eine Menge Spaß.

Eines Tages aber, so fährt mein Cousin fort, und nimmt sein Käsefrühstück entgegen, ist die Dame des Hauses schwanger. Man müsse sein Arbeitszimmer räumen. Die Geliebte würde immer dicker und erzähle nur noch von Presswehen und Atemübungen, Hebammen und Holzwiegen, und immerzu riefe die Mutter des geliebten Wesens an. Berichte man selber von den Triumphen und Niederlagen des eigenen wissenschaftlichen wie privaten Lebens, so bekomme die Geliebte einen sonderbar abwesenden Gesichtsausdruck, und fange an, nachsichtig zu lächeln.

Irgendwann dreht sich der ganze Alltag nur noch um das Kind. Alle Freunde fragen immerzu nach dem Stand der Schwangerschaft, man werde gezwungen, dem wirklich sehr widerwärtigen Geburtsvorgang beizuwohnen, und wenn dies überstanden sei, sei man mit Kind und Frau zusammengepfercht. Immerzu schreie das Kind, die Geliebte existiere quasi nicht mehr und spreche immerzu über das Kind, und schließlich sei man aus purer Sorge um die eigene Produktivität und Nachtruhe gezwungen, im Gästezimmer zu schlafen, weil man sonst morgens in einem Zustand sei, der nur als desolat bezeichnet werden könne. Die Geliebte fange an, sich zu vernachlässigen, zöge unglaubliche Sachen an, und bliebe überdies ein wenig – nun: füllig.

Was das Kind gerade wolle, wisse man nie, und es brülle eigentlich immer. Schreiende Kinder seien noch nicht einmal hübsch, und wenn man einmal ausginge, einen Babysitter daheim, spräche die Kindsmutter die ganze Zeit nur über ihre Sorge, der Babysitter könne vielleicht weniger gut mit dem Kind umgehen als sie selbst. Der Umzug ins Gästezimmer werde zum Anlass unendlicher Streitigkeiten, man wohne schließlich zusammen mit einem schreienden Dämon und einer keifenden Megäre, und schließlich miete man sich in der WG einiger Bekannter ein Zimmer, um auch einmal ein bißchen für sich zu sein.

Der ganz unschuldig initiierte Teilauszug werde zum weiteren Diskussionspunkt, irgendwann habe man keine Lust mehr, abends nach Hause zu kommen, und schlafe dann eben auch in dem angemieteten Zimmer. Weil man mit vierzig eine WG nicht mehr in derselben Weise schätzen würde, wie dies 15 Jahre früher der Fall sei, miete man bei günstiger Gelegenheit eine kleine Wohnung, die Freundin ginge daheim die Wände hoch und verharre in einem emotionalen Zustand, der nur als höchst unangenehm empfunden werden könnte, und um weiteren Streitigkeiten aus dem Wege zu gehen, zöge man eben mit Sack und Pack aus.

Da sei er nun. Und von Kindern könne er nur energisch abraten.

Die Stille über den Wassern

Am Anfang war das Wort, dann aber erhob sich eine Gegenstimme, eine dritte Stimme befragte die erste nach den Hintergründen ihrer Ansicht, und schließlich – der Schöpfer der ganzen Veranstaltung war gerade schlafen gegangen – tobte ein großes Durcheinander, alle redeten gleichzeitig, und am Ende verstand keiner mehr auch nur sein eigenes Wort:

Angela Merkels Mann, so schreibt beispielsweise die Zeitung, will nicht den Kanzlergatten geben; die Kunstmesse München wird fünfzig, und der Kandidat einer Quizshow im Fernsehen bekommt eine zweite Chance. 557 Kilo, lese ich, muss ein Kürbis gewinnen, um einen Wettbewerb zu gewinnen, und die meisten Journalisten lesen die Süddeutsche Zeitung. Ein Brei von Neuigkeiten wälzt sich papieren durch meinen Briefkasten, durch mein Gehirn, und fällt wirkungslos irgendwo zu Boden.

Ich muss das, denke ich und lasse die Süddeutsche sinken, nicht wissen. Auf meinen Alltag hat all dies keinen Einfluss. In der Welt, in der ich mit einer Tüte voller Äpfel die Schönhauser Allee entlang nach Hause laufe, ist Guido Westerwelle belanglos, und Elke Heidenreich keine Literaturkritikerin. Meinen staatsbürgerlichen Pflichten komme ich nach; täte ich dies nicht – wen würde es stören? Welche Auswirkungen hat diese Welt aus roten Teppichen und grünen Tischen auf meine Welt aus dicken Büchern und langen Telephonaten, Gin Tonic im drei und heißer Schokolade im kakao und den neuen Schuhen der besten Freundin? – Brausend und mit tausend Zungen redend wie ein Meer aus bunten Bildern und belanglosen Neuigkeiten rauscht die Welt an meiner Welt vorbei.

Nie ist es still. Nie ist es wichtig. Die Politik? Lasst´s mich doch alle aus, denke ich: Der Einfluss der Politik auf meine Existenz ist ein denkbar geringer. Das Feuilleton? Nur einen Bruchteil der besprochenen Aufführungen werde ich jemals zu Gesicht bekommen, und was die Berliner Opern, die Berliner Theater auf die Bretter bringen, wird man mir auch so erzählen. Die Theaterkritik, geschrieben von Leuten, die anders sind als ich, für Leute, die noch anders sind, als ich es jemals sein möchte, ist so egal, so egal für mich wie die Kritik der Neuerscheinungen. Jaja, denke ich, wenn die ZEIT eine Inszenierung von Castorf verreisst, die Süddeutsche ein Buch von Juli Zeh lobt.

Nie hört das Brausen auf. Der O. macht sich Sorgen um Deutschland, und die C. würde niemals Sozialdemokraten wählen. Der J.² würde die GRÜNEN unterstützen, wenn Oswald Metzger wichtiger wäre oder Jürgen Trittin tot, und der J. kann die FDP nicht ausstehen. Ein Glück, denke ich, zumindest keinen Fernseher zu besitzen, ein offenes Tor für das Getriebe der Welt.

Wie es wäre, stünde das Mühlrad auf einmal still? Der Lärm würde verstummen, in der Mitte der Welt entstünde vielleicht eine große Leere, die neu gefüllt würde. Ein leerer, heller, stiller Raum, der Platz schaffen würde für eine Stimme, die zu leise ist, um gehört zu werden? Eine Raum der Ruhe, eine Mitte, in der vielleicht etwas sichtbar würde, das jenseits der vergeblichen, hässlichen Zuckungen dieser Spätzeit von einer entrückten, erhabenen Schönheit wäre, nach der wir suchen, und die wir nicht sehen können, betäubt von dem Quietschen eines Betriebes, den wir verachten, negieren, und doch nicht abschalten können.

Sträuße, doch die Blätter fehlen

Er kam nicht. Vergeblich wartete ich auf ihn vorm Kino, sah den Paaren hinterher, die stetig weniger wurden, und schließlich blieben auch die Nachzügler aus. Das Mädchen hinter der Kasse schaute mich an, zuckte fragend mit den Schultern, packte zusammen und verschwand. Ich schloss mein Rad vom Fahrradständer und fuhr die drei Kilometer bergan bis zu seiner Wohnung.

„Bist du da?“, rief ich in die dunkle Türöffnung. Die Wohnung blieb still. Das große Zimmer schien leer. Ich würde hier auf ihn warten, beschloss ich, setzte mich aufs Sofa, blätterte ein wenig in den Zeitungen, und ging eine kleine Weile später in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen, damals, als ich den Kaffee noch vertrug. Er saß unterm Tisch.

„Was tust du da?“, fragte ich. „Geh weg.“, sagte er, schluchzte auf, und drehte mir den Rücken zu. In Krämpfen zuckten seine Schultern, ich kniete mich neben ihn und streichelte ihm vorsichtig über die Arme. „Alles in Ordnung?“, fragte ich, obwohl sichtbar, spürbar alles ganz und gar nicht in Ordnung war. Als hätte ich mit meiner Berührung einen Hebel umgelegt, wurde sein Weinen lauter, den Kopf zog er zwischen die Beine und schrie etwas in den Jeansstoff, das ich nicht verstehen konnte. „Komm da raus!“, schrie ich ich an. „Mach das Licht aus.“, sagte er, und taumelte unter dem Tisch hervor. In der dunklen Küche standen wir uns gegenüber, mit einer Hand hielt er sich an der Kante der Küchenplatte fest, und die dunklen Haare fielen ihm glatt und ein wenig zu lang in die Stirn. Er sah an mir vorbei durch die Küchentür und fixierte irgendetwas, was ich nicht sehen konnte. Minutenlang standen wir uns gegenüber.

Vielleicht hätte ich ihn umarmen sollen an diesem Julitag vor fast zehn Jahren. Vielleicht hätte ich einfach gehen sollen, seinen Schlüssel auf den Tisch legen, und drei Treppen abwärts auf jeder Stufe ein Gramm Liebe liegenlassen sollen. Statt dessen schrie ich ihn an. „Nimm dich zusammen!“, brüllte ich, oder so. Vielleicht auch: „Ich will nicht, dass du so bist.“, was eine glatte Lüge war, aber auch das würde ich erst Jahre später wissen. An den lose an seine Seiten baumelnden Armen zog ich ihn ins Bad, schrie immer lauter, ich weiß nicht, was, und drängte ihn, der 1,90 Meter groß war und athletisch dazu, in die Dusche. Er sah mich nicht einmal an, als der Wasserstrahl kalt seinen Körper herauf und herunter fuhr. Nass und schwer hing sein Polo-Shirt an ihm, und von seinen Schuhen zogen braune Schlieren Richtung Ausguss. Er sprach kein Wort und sah den Schlieren nach, die heller wurden und schließlich aufhörten, das Wasser zu verfärben.

Irgendwann ging ich.

„Gestern ging´s mir nicht so gut.“, sagte er am nächsten Morgen, scherzte wieder, lachte mich ein bißchen aus, zog mich an den Haaren, die damals so lang waren, dass ich sie ihm einmal um den Hals wickeln konnte, und las mir vor. Am Abend machten wir Pläne, überlegten, wieder nach Sylt zu fahren, wo wir uns getroffen hatten ein paar Wochen zuvor, oder nach Rom oder überhaupt irgendwohin. Am nächsten Tag aber blieb sein Anruf aus, auch am übernächsten Abend hatte ich nichts von ihm gehört, und als ich eine Woche später vor der Tür stand, forderte er seinen Schlüssel zurück.

„Du saugst mir die Seele aus.“, sagte er, und schloss die Tür von innen. Viel später, Stunden später, stieg ich langsam die Treppen herab, lauschend, ob er mich nicht doch zurückrufen würde.

Die Tür aber blieb geschlossen.

Ein Toter lacht

Des Nachts sitzt er auf einmal an meinem Bett. „Du bist doch tot.“, sage ich ihm und lege meine Hand auf die Leichenflecken auf seiner Brust. „Man trinkt nicht einfach so von fremdem Blut.“, sagt er, lacht, zeigt seine schiefen, spitzen Zähne und streicht mir mit kalten, feuchten Fingern den Hals abwärts.

„Mir geht´s nicht gut.“, sage ich, damit er verschwindet und reiße den Rachen weit auf, um ihn in mein Inneres schauen zu lassen, dass er Mitleid hat mit mir. Mit offenem Mund lacht er mich aus, legt sich zu mir und drückt mir die kalten Glieder an den Leib. „Ich hab dich nie geliebt.“, sage ich, damit er weint, ablässt von mir und wieder verschwindet in jenen Hohlraum zwischen Haut und Adern, wo er herkommt, und wohin er wieder verschwinden soll.

Er aber legt mir den Arm um die Schulter, und tief sinke ich ein in sein mürbes Fleisch. Geschichten erzählt er mir, so viele Geschichten von ihm und mir, die so lange vorbei sind, dass ich sie vergessen habe, wenn ich nicht schlafe, gekreuzigt von der Nacht auf trockenem, splitternden, schlafblauem Holz. „Ich habe dir doch nichts getan.“, behaupte ich, und er lacht, lacht mich aus, zeigt mir Wunden, die ich nicht geschlagen habe bei Tageslicht und Sonnenschein.

„Du hast bekommen, was du gesucht hast.“, halte ich ihm vor, und er nickt und spricht weiter. „In allen Untergängen haben wir uns gefunden“, sage ich. „Auf dem Weg zur Hölle warst du nicht allein.“

„Du hast mich verraten.“, sagt er, und zieht mir den Kopf zur Strafe so weit nach hinten, bis der Hals in den Wirbeln krachend nach hinten fällt.

Jeder ruiniert sich, wie er kann, denke ich, schaue ihn an und fahre langsam durch sein dichtes, dunkles Haar. Er tut mir nicht leid, wie er nun da sitzt, ausgeliefert unter meiner Hand, die Augen zugekniffen und den Mund halbgeöffnet zwischen blauen Wangen. Hilflos rudern seine Arme in meiner Schlafluft, und die kräftigen Fäuste werden weich. Wie Tentakel ragen seine Finger in den Raum.

„Ich bin dir über.“, halte ich dem Alptraum vor, und er lacht, er lacht so laut, so gellend, dass ich erwache und ihn eine Zigarettenlänge lang noch riechen kann in der Luft über meinem Balkon.

Dagegensein

Dieses fühlt sich gut an, und jenes liest sich angenehm, ein Duft schmeichelt der Nase, und ein Bild gefällt. „Ich mag das.“, sagt das stets kritikbereite Gehirn, und „ich mag das.“, sagt man laut zu seinem Gegenüber. Dann schaut man sich um. Man mag den Herrn nicht, der entzückt, hingerissen, vor dem selben Bild steht, wie man selbst. Man verachtet seine schlotternden, billigen Jeans, man verachtet seinen Bart und die schmutziggelben Haare. Man verachtet das kurzärmlige Flanelhemd, das über seinem Bauch hängt, und man möchte weit, weit weg sein von diesem Mann und seiner Zuneigung zu dem Bild, das eben noch schön war. „Ein bißchen gewöhnlich.“, sagt der Begleiter, und man nickt, und glaubt´s.

Man hat nichts gegen die Menschen, die neben einem auf den Clubsofas liegen. Man hat nichts gegen ihre schwarzen Brillen, ihre Cordsakkos, die Stiefel der Mädchen über den Tüllröcken und die Tops, wie man auch eins im Schrank hat. Es sind nur so viele. So viele Menschen mögen dieselbe Musik, den selben Laden, die selben Kleidungsstücke, die man auch selber trägt, ununterscheidbarer Teil dieser Masse. Man mag keine Masse. Man kraust die Nase, man macht sich ein bißchen lustig über die Menschen, die jeden Donnerstag in den selben Läden auf den selben Sofas liegen, ein bißchen tanzen, ihren Gin Tonic trinken, und man möchte anders sein, kein Teil einer Masse und ganz weit weg.

Man liebt die Girlanden, die weiche Wortflut eines Dichters. Aber hat ihn nicht auch die ZEIT gelobt? Man mag aber keine Studienräte mit ihren Bärten. Man sitzt gern an gedeckten Tischen, man hat gern schweres Silber in der Hand, man mag die dünnwandigen Teetassen, durch die das Kerzenlicht flackert und der Tee goldbraun schimmert. Aber man mag kein Teil sein einer bürgerlichen Renaissance, man denkt an blonde Rechtsanwälte in hellblauen Hemden mit ausgehendem Haar, und möchte nicht verwechselt werden mit Menschen, die über Altersvorsorge sprechen und Verträge abschließen, die sich jährlich mit 4 % verzinsen. Man lästert, man reißt einen Graben auf zwischen denen und einem selbst und füllt ihn mit vielen Worten und dem abschätzigen Lachen, das denen vorbehalten ist, die man zu gut kennt, um sie zu mögen.

Man hat, sagt man schulterzuckend, ein oppositionelles Temperament. Man mag grundsätzlich nicht, was andere Leute mögen, wenn es denn zuviele sind, und auch diese Neigung teilt man mit vielen, vielen Leuten. Man mag diese Leute nicht, ihre Nörgelsucht und ihr stetiges Gegenanrennen gegen Dinge, die nun einmal sind, wie sie sind. Man mag keine lauten Leute, man mag keine Menschen, die immer ein Haar in jeder Suppe finden, und man ist schon aus Opposition gegen diese Leute für die Welt, so wie sie nun einmal aussieht. Die Leute, die sich so schrecklich wohl fühlen in ihrer Haut, die kann man aber auch nicht gut haben, und so ist man wenigstens aus anderen Gründen dafür. Man mag aber auch den billigen Snobismus nicht, sich von allem absetzen zu müssen, und ist deswegen dosiert, ab und zu, dann doch einmal für etwas, was alle mögen, wie man glaubt.

Man ist sich nur zu klar über die Haaresbreite, die einen von jenen trennt.

Man kommt vielleicht sehr weit ab von seinem ursprünglichen Empfinden. Und eines Tages, der vielleicht einmal kommt, und vielleicht schon einmal da war, wird man nicht mehr wissen, was man mag, wer man ist, und wer man wäre, wäre man allein auf der Welt, und nicht Teil jenes geräuschvollen Knäuels von Meinungen, Gesprächen, Abgrenzungen und Gemeinsamkeiten, die sich um jenen eigentlichen, wahrhaften Kern der eigenen Persönlichkeit wickeln, von dem ich nicht weiß, ob es ihn überhaupt gibt.