Schade um die Liebe

Strohdumm sei er, erzählt die Freundin am anderen Ende der Leitung, aber schön wie ein griechischer Gott, wie er da gesessen sei im ICE, unterhalten habe sie sich einmal quer durch die Republik mit diesem Berliner Schauspieler, auch wenn´s nicht einfach gewesen sei konversationshalber, denn ein Riesenrindvieh sei der gute Junge, aber ein sehr sehenswertes, und man sei schon fast handelseinig.

Noch im Schwarzwald habe er ihren Koffer in die Gepäckablage gehoben, und sie habe den Sitz ihm gegenüber eingenommen. Über dem Austausch grundlegender Personalien und der allgemeinen Redensarten über Restaurants, Parties oder Personen der Zeitgeschichte – die ja der eigentlichen Konversation nach der Sitte dieses Landes stets vorangehen – sei man schon vor Erreichen des Rheinlandes bei der Zukunft, der Liebe und der Vergangenheit angelangt, habe sich noch im Ruhrgebiet eine geradezu übermäßige Sympathie versichert. Ungefähr auf Höhe Ostwestfalens habe sie allerdings den kapitalen Fehler begangen, ihren Freund, wenn auch sehr dezent, zu erwähnen, und das habe ihn fast bis Wolfsburg beschäftigt, denn nicht noch ein weiteres mal möchte der griechische Gott sein Herz einer Dame übergeben, die ihrerseits nicht voll und ganz willens sei, jenes Organ ihm zu übereignen. Im Nichts zwischen Stendhal und Berlin habe sie ihn durch einige gezielte Desinformationen, die ja, wie niemand besser wisse als ich, ohnehin so gut wie wahr seien, wieder beruhigt.

„Und jetzt?“, frage ich, und die Freundin lacht leise ein wenig in den Hörer. Verlieben werde sie sich selbstverständlich nicht in einen Menschen, dessen IQ nur knapp über dem ihres Kleiderschrankes läge. Für eine Affäre dagegen sei der gute Junge geradezu die ideale Besetzung.

Ihr Freund? Ja, den werde sie nicht auf der Stelle abschaffen. Sie kenne sich, sie sei ein mieser Single, und so werde sie die Sache langsam auslaufen lassen. Sie habe es satt.

Einen Moment ist es still in der Leitung, und ich erinnere mich an die aufgeregten Telephonate nach den ersten Treffen vor einigen Jahren, den Jubel nach dem ersten Kuss, der ersten Nacht, dem ersten Urlaub. Die Tränen nach dem ersten Streit, die ersten Irritationen wegen seiner zu spärlichen Anrufe, ihre Wünsche, seine Eltern und seine Freunde kennenzulernen, denen zu wenig und zu spät entsprochen wurde. Seine Unfähigkeit, seine Freizeit ein wenig auch nach ihren Wünschen auszurichten. Ihr Ärger, weil er stets dann auftauchte, wenn er ausgefeiert, fertig und müde bei ihr auf dem Sofa lag. Ihre große Wohnung, in die er nicht einziehen wollte und blieb in seinem Kreuzberger Loch. Die vielen Wochenenden, an denen sie zu lange auf ihn wartete, und alle Freunde längst verplant und vergeben waren. Die Einladungen, zu denen er dann doch nicht mitkam, die Freunde, die er nicht mochte. Die vielen verjammerten Nächte mit Freundinnen auf den Bänken im Visite ma tente und im 103, im Wohnzimmer und im kakao. Die Klagen, es werde nicht besser. Die Ankündigungen, sie werde wieder mehr ausgehen, anderweitig suchen, und irgendwann finden.

Schade um die Liebe, denke ich.

Wächter der Nacht

Es ist ein Märchenmoskau, wiewohl ein Märchen im kaputten, grellen, auseinandergebrochenen Moskau der Gegenwart, ein Moskau mit Vampiren und Hexen, das ein wenig ausschaut wie das Endzeitparis von Delicatessen, und jeden Moment, denkt man, wird Bulgakows schöne Margarita um die Ecke des nächsten heruntergekommenen Mietshauses in diesen reizenden Film geflogen kommen, um ihren Meister zu erlösen. In einer skurrilen Welt haben hier Licht und Finsternis einen Pakt geschlossen, und verspielt, ein wenig kokett, ein klein wenig unernst, rasen die Wächter der Nacht in einer Art Entstörungswagen durch die Stadt, das Gleichgewicht von Hell und Dunkel zu wahren, dass durch den unbeabsichtigten Tod eines Vampirs dann endgültig aus der Balance gerät.

Die Kampfszene, in der der Vampir schließlich liegenbleibt, ist von fulminanter Komik, ein burlesker Tanz zwischen sichtbaren und unsichtbaren Kombattanten in einem Raum, der eine Art Mischung aus einer Lagerhalle und einem Friseursalon darzustellen scheint. In den schmierigen Spiegeln tauchen Gesichter, erhobene Kleiderständer, Taschenlampen auf, verschwinden wieder, ein Kind läuft davon, und blutig bleiben ein Lebender und ein Toter liegen. In einer Ecke weint ein Mädchen, eine hübsche Vampirin, der die Taschenlampe das Gesicht zu blutigen Blasen verbrannt hat. In einer Szene von surrealer, schmutziger Schönheit läuft sie schließlich verloren irgendwo auf der Moskauer Stadtautobahn dem Blut des entkommenen Kindes entgegen, den Wächter Anton Gorodetskij zu locken und Rache für den Tod des Geliebten zu nehmen.

Das Blut, das menschliche Blut, spielt ohnehin eine zentrale Rolle in dieser Geschichte. Nicht nur die Vampire gieren nach der dunkelroten, dicken Flüssigkeit, die schon optisch wenig gemein hat mit dem Kunstblut von Hollywood. Man meint es zu riechen, warm, süsslich, schal und wie nach Eisen steigt der Dunst aus den offenen Leibern hervor, aus den Schlieren, die das Nasenbluten des kleinen Jungen im Wasser des Schwimmbades hinterlässt, aus einer Art Marmeladenglas, das der traurigen Vampirin aus einem Auto entgegengehalten wird, um sie zu locken. Fast körperlich spürbar wird ihre Gier, die letztlich ebenso wenig befriedigt werden wird, wie die Sehnsucht des Anton, der einen Verlorenen wiedergefunden hat, nur um ihn gleich wieder unwiderruflich zu verlieren.

Oberhalb der Ebene der Straßenkämpfer werden die Kräfte gemessen, das Böse streckt seine Hand nach Moskau aus, und vertreibt sich die Zwischenzeit an der Playstation. Der Herr des Lichts malt üppige Frauen auf den Rand alter Chroniken, betrachtet sein Werk, und zieht die Linien noch ein wenig rasanter. Aus den Frauen entsteht eine Trickfilmsequenz, das Licht über Moskau geht aus, und schließlich wieder an, ein Flugzeug stürzt doch nicht ab. Fabelhaft bunt, gezeichnet von überquellenden Einfällen, in einer sinnlich sehr fassbaren Welt, in der die Fahrstühle von sowjetischer Schmutzigkeit sind und schrecklich quietschen, und in einem Topf im Moskauer Elektrizitätswerk die Würste platzen, überschlagen sich die burlesken Einfälle, so dass die an sich nicht sonderlich originelle Story fast in den Hintergrund gerät, und man sich freut über die Rückverwandelung einer ausgestopften Eule oder über den vampirischen Metzger, der eine kleine Rede auf die Vorzüge von Schweineblut hält, bevor er den gefüllten Deckel seiner Thermoskanne dem Freund seines Sohnes anbietet.

Äußerlich ist, wie es sich gehört, den Protagonisten von Licht und Finsternis nicht das Geringste anzumerken, und wer jemals die Reisebusse aus dem Osten am ZOB hat ankommen sehen, kann sich ungefähr vorstellen, wie die Helden des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse aussehen. Man hofft, wenn man das Kino verlässt, dass die fälligen Fortsetzungen der offenen Geschichte nicht mit schöneren Schauspielern neu besetzt und seine Schauplätze proper ausgestattet werden, und so beraubt des schmierigen, skurrilen Charmes. Man fragt sich und seinen Begleiter, warum Englisch eigentlich eine Weltsprache geworden ist, wenn sich Russisch doch viel schöner, viel lakonischer und wilder anhört, zumal überdies der Film für jene, die wie wir über keine wirklich ausgereiften Russischkenntnisse verfügen, immer noch gut verständlich bleibt.

Man trinkt einen blöden, sauren Merlot statt roten, süßen Krimsekts, den die lausige Bar natürlich nicht auf der Karte hat, und nimmt sich wieder einmal vor, den Potsdamer Platz nachts großflächig zu meiden.

Im Wasser zu singen

Die Blumenfrau wickelt die roten Schwertlilien dreimal in Papier, damit sie nicht durchweichen auf dem Weg nach Hause. „Ist schon gut,“, sage ich, dass ich es nicht weit habe, und es den Blumen doch nicht schaden wird, ein bißchen nass zu werden. „Ihnen geht´s gut!“, sagt die Frau mit der grünen Schürze, und hört sich ein klein wenig missbilligend an, ganz so, als sei es an höherer Stelle nicht gern gesehen, an diesem Herbsttag in Grau lachend die Kastanienallee herunterzulaufen, die Regentropfen mit der Zunge von den Lippen zu lecken, und auf den zehn Minuten Weg vom Gemüsehändler bis zum Bäcker alle vier Feigen aufzuessen, die so überreif sind, zuckerig süß, verlustig schon der säuerlichen Feigenfrische, und so saftig, dass sich der Feigensaft mit dem Regen in meinen Mundwinkeln mischt.

„Wieder unter den Lebenden?“, lacht die B. in den Hörer, und fragt nach Britten in der Komischen Oper, ein Glas Wein will die C. am späteren Abend trinken, einen Tee am Nachmittag der J., und ich sage alles, alles zu in Kompensation der allzu arbeitsreichen letzten Woche, süße mir den Lapsang Souchong mit drei Löffeln Zucker, und winke den Kindern im Hinterhof zu, die pudelnaß im Kastanienlaub rascheln. „Na duuu?“, grüßt mich ein kleines Mädchen zurück, und ich frottiere mir erst die Haare, um dann doch in die Dusche zu steigen, heißes Wasser über Rücken und Nacken. Ein neues Duschgel brauche ich demnächst einmal, denke ich, das nicht nach Sommer riecht, nicht nach Zitronen, Meer und grünem Gras, und stelle mir warme Zedern vor, vielleicht Orange, vielleicht Rosen.

Durch die offenen Badezimmertür, durchs Rauschen des Wassers singt Eberhard Waechter 1959 großartig, strotzend unter Giulini, und ich singe mindestens genauso laut, aber fürchterlich falsch mit:

Finch’han dal vino
Calda la testa
Una gran festa
Fa preparar…

Du fändest Ruhe dort

Nicht auf der Stelle, nicht in einem einzigen, stahlblitzenden, kristallinen Moment vergeht der Mensch, und auch das Sterben soll ein mühsames Geschäft sein, und das Totsein kann vielleicht erst recht eines werden: Auf einer langen Wanderung gen Hades vorbei an den grünen Himbeeren und den Feuern, die nicht wärmen, über den Styx in jene Sphären, von denen wir nicht wissen, um erst dort richtig tot zu sein und endgültig vergangen.

In dieses Zwischenreich zwischen Tod und Leben, das wir das Sterben nennen, hat Franz Schubert im Herbst 1827, nur ein Jahr vor seinem eigenen Tod, einen namenlosen Wanderer ausgeschickt, der die 24 Sterbestationen der Winterreise durchläuft und durchleidet, eine menschenleere Welt voll Eis und Kälte in dem blendendem Weiß, von dem ich mir vorstelle, dass es jene letzte Farbe ist, in der alle Farben der Welt einmal verschwinden. Vom romantischen Dekor, das noch die Welt der Schönen Müllerin 1823 verziert und die scharfen Schneiden der heißen, aus dem Überschwange tödlichen Liebe abschleift und rundet, ist dieser Zyklus frei, die Zeit und die Verzweiflung haben das warme Fleisch von den Zeilen geschält, und die Höhen ebenso abgeschliffen wie die weichen, ziehenden Melodien. Hier bindet kein schönes, grünes Band den Wanderer mehr an die Oberwelt: Nackt, aus leeren Augenhöhlen, lacht der Tod seiner Beute ins Gesicht.

Will er umkehren? Träumt er sich noch einmal zurück in die warmen, grünen Auen, ins Dur des Frühlingstraums? Hier wird kein Frühling mehr, hier schickt das barmherzige, warme Leben keinen Brief mit der Post, und ganz vergeblich fragt der aus der Welt Gewiesene, wann endlich er sein Liebchen im Arm hält: Nimmermehr, denn so krächzen die Raben, die die Singvögel nicht sind, von denen einer noch träumt.

Längst sind die Tränen zu Eis geworden, und hinter dem Wanderer schließen sich die Wege. Längst ziehen und locken die Zweige des Lindenbaums in den Frieden, und in dem scharfen, in seiner Schönheit schmerzhaften Gesang der Brigitte Fassbaender, in der scheinbaren Süße der Mitsuko Shirai hat der Tod schon die Augen aufgeschlagen und auf allen Wegweisern geht es zum Hades. Gnade sagt man jenem nach, der denen, denen er wohlwill, die Sinne verwirrt, aber es leidet, so schneidet es die Musik in die mitleidigen Ohren, der Wanderer auch an jenen drei Sonnen, die am Horizont erscheinen, als es schon fast dem Ende zugeht. Schon hat der Tod den Willen des Ermüdeten überwunden, schon ist nicht mehr die Rede von Blumen, wenn´s auch Eisblumen sind, schon ist die Liebe zu einer, die sich als Wetterfahne erweisen sollte, kein Ort mehr, der auch nur wirklich wäre. Das Obdach, das eine barmherzige Seele noch gewährt, vermag nicht mehr zu halten und zu heilen, der Totenacker, auf dem die grünen Kränze locken, zieht den Wanderer, und so lockt ein Licht schließlich den Wanderer dorthin, wo jedem einmal sein Gott gegenübersteht, und es ist doch dieser Hermes Psychopompos so erbärmlich wie einer nur sein kann, der doch ein Göttlicher ist, wenn auch barfuß und verlacht.

Schüchtern, sagt man, sei Schubert gewesen, und so tastend, wie wohl ein Ungeliebter, spricht sein Wanderer den Leiermann schließlich an und wird ihm folgen, wenn die Musik verstummt, und uns zurücklässt mit jenem mitleidigem Schmerz, dass nicht einmal der Tod ein sanftes Mädchenantlitz trägt, den Frieden der Abwesenheit auf die Lider zu senken, die die Krähen aus den Lindenzweigen fressen, und benommen, ermüdet von dem fremden Tod, verlassen wir den Saal, und es mag ein bißchen dauern, bis die Welt wieder warm und wirklich scheint.

(Mit Dank an Frau Sopran)

Kork

Ganz Berlin, so weiß man, will eigentlich die selbe Wohnung beziehen – Altbau, Balkon, Badewanne, in bester Lage, lieber Prenzl´berg als F´hain, aber nicht überall, und so begab es sich, dass auch der J., mein geschätzter ehemaliger Gefährte, auf seiner Wohnungssuche nach der Trennung der Haushalte wie der Herzen einige Kompromisse eingehen musste. Gut geschnitten ist die schlussendlich gemietete Wohnung zwar ohne Frage, bestens gelegen an einem der begehrtesten Plätze des Prenzl´bergs, hinreichend günstig, und mit Stuck und Dielen ausgestattet, wie es das Herz begehrt.

Indes hat auch dieses Paradies seine Schlange. Die Schlange ist aus Kork.

Sitzt man als Besucherin etwa beim geschätzten ehemaligen Gefährten auf dem Sofa, so ahnt man beim erstmaligen Aufsuchen dieses wirklich reizenden Herrn noch nichts von diesem kleinen, aber wesentlichen Manko. Dann aber bietet der Hausherr das erste Bier an, vielleicht brüht er eine Kanne Tee auf, und im Anschluss steht man fast zwangsläufig mitten im Problem. Es befindet sich im Badezimmer: Das Bad ist ganz aus Kork.

„Wie kann,“, so fragen Sie sich als Leser dieser Zeilen, „ein Badezimmer ganz aus Kork sein?“ Eine Pinnwand ist vielleicht aus Kork, eine Dachbodenisolierung meinethalben, ein Badezimmer aber hat gekachelt zu sein, vielleicht halbhoch nur und darüber Tapete, aber Kork ist ganz und gar und völlig falsch. Vielleicht, so denkt man, wären Kacheln sogar in den abstoßenden Farben unserer Kindheit – braun etwa oder erbsensuppengrün – besser als diese Auskleidung mit Kork, die nicht nur die Wände, sondern auch die Decke befallen hat und vor den Scheuerleisten nicht halt macht.

„Was ist denn mit deinem Badezimmer los?“, kann man den J. nach Verlassen desselben fragen, um ihn ein wenig aufzuziehen. „Sie mag mein Badezimmer nicht.“, hört die Besucherin den J. sodann ein wenig enttäuscht vor sich hin murmeln. „Ach was!“, sagen Sie daraufhin am besten und loben die bestimmt fabelhafte Isolationswirkung dieses Bades, das es dermaleinst vielleicht dem J. erlauben wird, einen mit schmutzigen Waffen geführten Krieg ein paar Tage länger zu überleben als unsereins.

Überhaupt – Kork, so können Sie den J. über den nächsten Getränken auf seinem Sofa vor sich hin plaudern hören. „Kork“ sei doch eigentlich gar kein unschönes Wort, und nur unschöne Worte würden unschöne Dinge bezeichnen. „Rohrzangenschraube“ etwa – wer stellt sich darunter etwas Nettes vor? „Erlaubnistatbestandsirrtum“ – das riecht doch schon nach Problemen, Strafrechtshausarbeiten im dritten Semester und überhaupt nach Ärger und unfreiwillig durchwachten Nächten. „Kork“ dagegen…

Sogar als Vorname, so fährt der J. fort in seiner Badezimmerapologie, sei „Kork“ gar nicht einmal übel. „Kork – kommst du mal?“ oder „Kork, wenn du nicht aufisst, gibt es keine Schokolade.“, höre sich doch gar nicht so schlecht an, geradezu normal, so, als wäre Kork ein ganz üblicher Name für ein Kind wie etwa „Michael“ oder „Andreas“. Wir hätten, so der J., wäre es eines Tages soweit gekommen mit uns, unseren Erstgeborenen „Kork“ nennen können, und schon nach drei Wochen wäre uns, wie auch unserer Umgebung, diese Namensgebung als völlig selbstverständlich erschienen.

Wie anders aber, so sinniert der geschätzte ehemalige Gefährte, verhalte es sich etwa mit anderen Namen! „Ulf“ etwa – wer hätte sich jemals an „Ulf“ gewöhnen können. Schon aus reiner Notwehr und Caritas gegenüber dem kleinen Ulf hätte man ihn nicht bei diesem Taufnamen rufen können, sondern hätte ein Pseudonym verwenden müssen, einen Kosenamen, einen Rufnamen eben.

Zum Beispiel „Kork“.

Aus dem Leben meiner kleinen Schwester

„Hast du eigentlich schon einmal an Wimpern-Extensions gedacht? Ich war ja zuerst ganz begeistert, ich war schon fast auf dem Weg zu Douglas, aber dann habe ich mir gedacht, ich lass das, ich bin ja mehr so ein natürlicher Typ, und der T.²war sowieso dagegen. Ich weiß jetzt auch gar nicht, ob dir das steht, in der Vogue sieht ja immer alles toll aus, und du schminkst dich ja nicht einmal. Du könntest echt was aus dir machen, ich habe da auch mit Mama gesprochen, die findet das auch. Wenn eine hässlich ist – bitteschön! Aber wenn man gut aussieht, so an sich, und man macht dann nichts aus sich, das ist Sünde. Haben wir ja oft genug darüber gesprochen. – Hässliche Leute gibt´s genug, finde ich. Manchmal sieht man ja Frauen, da denkt man, wieso die nicht einfach zu Hause bleibt, hat ja eh keinen Sinn, aber das ist ja auch gemein, sowas darf man gar nicht denken.

Der T.² findet dich aber auch ganz hübsch. Also du, der hat soviele Kollegen, richtig nette Jungs, alles bestens, aber ohne Frau, weil die nämlich soviel arbeiten müssen, der T.² kommt auch immer erst ganz spät heim, und glaub nicht, dass die schlecht aussehen. Also im Gegenteil.

Wie „nein“? Die sind wirklich nett. Ich weiß nicht, was du gegen Berater hast, ich habe echt so genug von diesen verschlurften Typen, wenn ich so einen schon seh´. Der T.² findet aber auch, das ist Berlin, Kunst machen wollen und bis zum Hals im Dispo. Ich sehe das ja alles schon ein bißchen differenzierter, aber der T.², der sieht das so.

Nein, die Wohnung ist so eine Sache, der T.² muss so schrecklich viel arbeiten, im Urlaub ist ja alles liegengeblieben, und seine Kollegen, die kümmern sich um nichts, er macht alles alleine. Ich war aber heute in so einem Geschäft. Und dann noch in einem anderen. – Findest du Tapeten besser oder gemalte Wände? Man hat ja jetzt wieder Tapeten, aber ich habe mich noch nicht ganz wieder dran gewöhnt. Ich bin ja nicht so, „heute dies – morgen das“. Eine Badewanne habe ich auch ausgesucht, ich könnte ja nicht leben ohne Badewanne. Ich schick´ dir mal Photos, bis jetzt sieht man da aber bloß Baustelle, da wird nämlich noch gebaut.

….

Natürlich nehme ich den Hund mit – glaubst du, ich lasse den Hund einfach da? Du hast ja eine schöne Meinung von mir, wenn du denkst, ich bringe den Hund einfach ins Tierheim oder zur Mama. Eigentlich sind in dem Haus Tiere gar nicht erlaubt, aber da soll sich erst einmal einer beschweren, da kümmert sich der T.² schon drum.

Und bei Dir? Die Diss? Könnte ich gar nicht, so ein dickes Ding, da bin ich viel zu zappelig zu. Ich mache ja gern was mit Menschen. Und privat? Viel zu tun? Ach, du bist im Stress.

Dann lass uns doch demnächst nochmal telephonieren.“

Die Unendlichkeit des Universums

Ob das Universum unendlich ist, oder ob man nicht doch, flöge man immer geradeaus, irgendwo an eine Wand stoßen würde, hinter der es nicht weitergeht, mag mein grauhaariger, magerer Physiklehrer mit den schiefsten Zähnen der westlichen Hemisphäre irgendwann einmal erzählt haben, auch diese Information ist indes an meinem für Naturwissenschaften aller Art extrem wenig empfänglichen Gehirn komplett vorbeigegangen.

Selbst für den Fall, dass sich das Universum als endlich erweisen sollte, ziemlich lange wäre man doch unterwegs, stelle ich mir vor, würde ich heute nacht von der Brüstung meines Balkons im vierten Stock mit ausgebreiteten Armen immer höher hinauf fliegen. Dünner würde die Luft, kalt würde mir, und ich würde bedauern, nicht noch einen Pullover angezogen zu haben, und vielleicht doch die Barbour-Jacke statt des grünen Jäckchens mit den Goldknöpfen, das ich in Budapest gekauft habe letzte Woche. Einigen Flugzeugen würde ich ausweichen, mich auf einem Satelliten ein wenig ausruhen, weil das Fliegen eine anstrengende Sache ist, und für ein paar Minuten, eine Zigarettenpause lang, hätten die Berliner einen hundsmiserablen Fernsehempfang und würden mit der flachen Hand ein wenig ärgerlich auf das Gerät klopfen, bis ich weitergeflogen wäre, aber das wissen die Fernsehzuschauer ja nicht, da unten auf ihren Sofas. Am Mond käme ich vorbei und an der Sonne, an den anderen Planeten und dann immer weiter, vorbei an Himmelskörpern, die man von Berlin aus gar nicht mehr sehen kann, bis ich irgendwo angekommen wäre, wo nicht einmal die NASA mehr weiß, wie es da ausschaut.

Wenn das Universum aber tatsächlich unendlich, oder doch zumindest fast grenzenlos sein sollte, dann wird sich unter den unendlich vielen Himmelskörpern doch auch eine unendlich große Zahl von Sternen befinden, die menschlichem Leben genauso zuträglich sind wie die Erde? Und auf einer Reihe dieser Sterne hätte auch das menschliche Leben ungefähr die selben Bahnen wie hierzulande beschritten? Auf einigen dieser Planeten, denke ich mir, hat sich die menschliche Zivilisation natürlich völlig anders entwickelt, auf einigen Sternen ist man noch im Jahre 1512 und auf anderen bereits im Jahre 80080 – und auf einigen Sternen ist irgendetwas schiefgelaufen, Hermann Göring III. wäre ein veganer Erbmonarch, irgendwo anders hätte die Russische Revolution gesiegt, und ganz woanders wäre Berlin eine hässliche, dreckige und kaputte Stadt, in der keiner leben mag, der´s vermeiden kann.

Die Hälfte von unendlich, so höre ich meinen Mathematiklehrer knarzen, sei immer noch unendlich, und so müsste ja auch ein kleinerer Teil von unendlich immer noch unendlich sein, und in einigen dieser unendlich vielen Welten sind die Abweichungen von dieser Welt alles in allem eher unbedeutend: Irgendwo, wo man schon recht lange hin unterwegs wäre, würde man dort seinen Urlaub verbringen, wäre eigentlich alles so wie hier, nur das Bürgerliche Gesetzbuch wiese einige kleinere Abweichungen auf. Oder die Kastanienallee wäre Fußgängerzone. Und in einem noch kleineren Teil dieser unendlich vielen Welten würde auch ich herumsitzen, aber hätte etwa Germanistik studiert oder wäre Krankenschwester.

In einem noch kleineren Teil wäre ich zwar, wie ich bin, aber hätte damals, 15 Jahre ist´s her, den G. bekommen. Oder den E. nicht geküsst, oder den J. behalten oder hätte im Frühjahr meine Sachen gepackt und wäre nach Wien gezogen. In einer dieser vielen Welten habe ich mir die viele Arbeit gar nicht aufnötigen lassen, die mir diese Woche zäh und mühsam die Tage füllt, und säße gerade im „Visite ma tente“ beim Wein herum mit der C., oder mit dem B. im „Lass uns Freunde bleiben“ beim Tannenzäpfle statt daheim beim Tee, oder würde mit dem J.² irgendwo in Friedenau auf die Kinder seiner Kollegen aufpassen wie verabredet.

Und irgendwo, in einem noch kleineren Teil der unendlich vielen Himmelskörper, gäbe es natürlich auch eine Blogosphäre. Und mein Blog. Und diesen Eintrag.

Geschenkt

Oh… oha – ein Geschenk für mich, so entnehme ich zumindest dem Wunschzettel dort zu meiner Rechten, von dem jene, die mir eine Freude zu machen wünschen, mir Bücher ins Haus schicken lassen können. Ein freundlicher Mensch, so steht es dort unter „bereits gekauft“, habe mir ein Buch des hochgeschätzten Altphilologen Fuhrmann über den gleichfalls geschätzten Marcus Tullius Cicero zukommen lassen. Allerdings ist bei mir nichts dergleichen angekommen.

Entweder war´s die Post oder amazon hat Ihre Bestellung, lieber Leser verschlampt. Was macht man den in einem solchen Fall, fragt sich das Fräulein Modeste, und stürzt sich ergebnislos wieder in die Arbeit.

Frau Modeste streitet sich

„Mir geht´s nicht gut.“, jammere ich ein bißchen, und sehe dem J.² zu, wie er sich umständlich aus seiner Jacke pellt. Eine Viertelstunde der Beschreibung von Art und Umfang meiner persönlichen Kalamitäten später schaue ich den J.² auffordernd an und warte auf seine Stellungnahme. „Du erwartest nicht ernsthaft Mitleid, oder?“, kommt es prompt von der anderen Seite des Tisches. „Ich fühle mich wie vom Panzer überfahren, und dich interessiert das nicht?“, wälze ich mich ein bißchen in Selbstmitleid, der J.² aber nickt sichtlich gelangweilt und vertieft sich in die Karte.

„Wenn irgendwer auf Erden seine Probleme von vorn bis hinten selber verschuldet hat, Herzchen, dann dürftest du das sein.“, spricht der J.² über den Rand der Speisekarte hinweg und empfiehlt mir für die Wahl eines Beinamens, wenn ein solcher demnächst wieder einmal Mode werden sollte, „Bulldozer“. Wahlweise auch gerne „Rindvieh“.

„Muh!“, sage ich ein wenig gereizt, und wende mich der Kellnerin zu. „Ein Gin Tonic!“, bringe ich knapp heraus, aber der J.² unterbricht mich: „Ein Bier für mich und einen Pfefferminztee für die Dame.“ Wortlos nickt die Kellnerin und verlässt unseren Tisch. „Du bekommst heute keinen Alkohol.“, meint der J.², „auf irgendwelche melodramatischen Auftritte kann ich gut verzichten.“ „Du bist nicht mein Vater!“, zische ich meinen Begleiter an. „Der hätte gut daran getan, dich auch ein bißchen zu erziehen, und nicht nur zu verwöhnen.“, kommt es postwendend zurück.

In Bezug auf meinen Vater bin ich empfindlich. „Deine Mutter…“, fange ich deswegen an, und der J.² zieht missbilligend die Stirn in Falten. „Meine Mutter ist hier nicht Gegenstand des Tischgesprächs, okay?“, tönt es nun schon ziemlich laut, und über die nun folgenden Auseinandersetzungen fällt an dieser Stelle zu recht der gnädige Mantel des Schweigens.

„Musst du eigentlich so viel rauchen?“, unterbricht der J.² sein allgemeines Lamento über meine Wesensart, und nimmt mir die Zigarette aus der Hand, um die kaum angerauchte auszudrücken. „Aber du bist fehlerfrei, ja?“, keife ich zurück. „Ich habe immerhin eine funktionierende Beziehung.“, stochert der J.² ein bißchen in meinen Eingeweiden, und provoziert ein paar wohlgezielte Bosheiten über seine Freundin. – „Warum gebe ich mir das überhaupt? Wie hält man dich eigentlich aus? Bekommt man einen Orden für jeden Monat Beziehung ohne Mordversuch?“, theatralisch fasst sich der J.² an die Stirn und steht auf. „Du kommst allein nach Hause?“, fragt mein Begleiter, und verschwindet.

„Einen Gin Tonic.“, bestelle ich nun, und blättere ein bißchen in Szerbs „Reise im Mondlicht.“. Ein paar Seiten später ist der J.² wieder da.

„Und? Wieder abgekühlt?“, fragt er, und legt eine Schachtel Halloren-Kugeln vom Spätverkauf auf den Tisch. „Kleiner Trost.“. Ohne den J.² anzuschauen, greife ich nach der Schachtel mit den Süßigkeiten. Blitzschnell zieht der J.² die Schachtel wieder weg und streckt mir einen Apfel entgegen. „Erst ein paar Vitamine. Wir werden ohnehin ein bißchen rundlich in letzter Zeit?“ – Knapp widerstehe ich der Versuchung, ihm den Apfel einfach ins Gesicht zu werfen und greife statt dessen verbal zu schwerem Geschütz.

„Schön, dich mal wieder zu sehen.“, verabschiedet sich der J.² einige Stunden gegenseitiger Beschimpfung später vor meiner Haustür. „Hast du Dienstag Zeit für ein spätes Bier?, fragt er und wendet sich Richtung Bahn“ „Für dich doch immer. Wenn´s geht diesmal friedlich.“, sage ich, und höre im Hintergrund eine Art Hühnerchor höhnisch lachen.

Es bleibt längst abgemessen unser Glück

Hell strahlen jenseits der Donau die Fenster der Paläste, als würde ein Fest gefeiert, zu dem wir nicht eingeladen sind. Irgendwo rechts fahren noch einige Wagen über die Kettenbrücke, und die J. spricht von einem, den sie geliebt hat und nicht haben sollte.

Schwarz und glänzend fließt der Strom zu unseren Füßen wie flüssiger Basalt, und ich höre der J. zu, die von den verzweifelten Spielen an jenen Tischen spricht, an denen der Einsatz hoch ist, und die Gewinnchance zum Heulen niedrig. In denjenigen Nächten aber, sagt man, in denen der Mond rot, und der Nordwind heiß würde, in denen die Stäbe grünen und den Häusern entlang des Flusses Hühnerbeine wachsen, in diesen Nächten gelingt vielleicht der große Wurf, der Himmel küsst die Erde, die Venus selber steigt von ihrem weißen Sichelwagen, und in allen Kelchen verwandelt das kalte Blut sich endlich in Wein. – An diesen Tischen indes, denke ich, bin ich nicht zugelassen, auf diesem Rasen habe ich die Platzreife nie erhalten, und am Ende rasseln aus den Einarmigen Banditen meiner Säle vielleicht nur wertlose Münzen, die man leichter Hand verstreut, und die nicht zählen, wenn man nächtens erwacht.

Halt mich fest, sage ich ins Dunkel, aber der Flussgott schweigt, und langsam gehen auf der anderen Seite der Donau die Lichter aus, nur die Fassaden leuchten steinern und kalt und werfen ihre Abbilder auf den fließenden Spiegel. Die J. ist ruhig geworden, und schaut den Wassern nach, und ich überlege, was sie wohl sehen mag.

Gemächlich, immer am Ufer entlang, gehen wir zurück, hören das Hallen der Schritte auf der Brücke, und bleiben einige Momente stehen. Möchte doch, denke ich, aus dem Rauschen ein Flußgott nach mir greifen, kalte, feuchte Hände mich zu sich ins Fließen ziehen, die Finger mir um den Hals legen, bis es dunkel wird, und ich keine Luft mehr brauche. Möchte doch die kalte Haut mir einmal abgezogen werden, die schützenden Zaubersprüche ungehört verhallen, die unterirdischen Feuer in den Höhlen unterm Budaberg lodern und der Flußgott mächtig werden über meinem Blut.

Aber die Götter sind tot, und der Abend wird kühler, und auf dem Rückweg zum Hotel weiß ich wieder, dass die Feuer nicht brennen wollen, und die Feste nicht stattfinden, ob mit mir oder ohne mich.