Der Budapester Tortentrip

„Also,“, sage ich zur C., und gieße der J. noch einen Tee ein. „ganz großartig war´s.“, und die J. nickt. „Und ohne mich, verdammt.“, sagt die C., und bedauert noch einmal, nicht mitgefahren zu sein. „Du hättest die Kaffeehäuser gemocht.“, sage ich, und lobe das Kaffeehaus Central, in dem man ganze Nachmittage und Abende dazu verbringen kann, wie es mit einem guten Kaffeehaus eben so geht. Das Café Gerbaud, ergänzt die J. mag zwar prächtiger sein, Jahrhundertwende mit seidenen Tapeten und Samtportieren, aber da machen einen die anderen Gäste ganz nervös, mit ihrem hektischen Rascheln, den irritierten Blicken, wenn ein paar Minuten keine Kellnerin zu sehen ist, und ihren Bestellungen, die aus zwei Flaschen Wasser und einem Schinkenbaguette bestehen.

„Schlechte Kaffeehausgäste.“, bestätigt die J., und wir beschreiben die anderen, wohl meistenteils gleichfalls auswärtigen Besucher der Budapester Renommierkaffeehäuser, die in absurden Gewandungen das im Reiseführer vorgeschriebene Tortenstück verzehren und sodann zu weiteren Top-Tips weitereilen. „Ganz schlimm,“, erzähle ich der C. zur Warnung, „war´s in der Konditorei Ruszwurm auf dem Burgberg.“, die zwar an sich sehr niedlich ist mit ihrer Biedermeiereinrichtung und den wirklich formidablen Torten, in der jedoch unter unermesslicher Geräuschentwicklung ungefähr alle zwanzig Minuten dreißig fehlfarbene Rentner das Café verlassen, um durch dreißig andere, wenn auch exakt identisch anmutende Rentner ersetzt zu werden, die mit den Ellenbogen auf den zierlichen Tischchen ein Stück Schwarzwälder Kirsch in sich hineinschlingen.

„Waren die Torten denn gut?“, fragt die C., und schaut ein wenig sehnsüchtig daher. „Extrem.“, lobt die J., und beschreibt Aussehen, Geschmack und Zusammensetzung der verzehrten Torten, und der bedauerlicherweise nicht verzehrten Torten dazu. Morgens, berichte ich der J., sind wir in eine kleinere Konditorei mit Stehtischen auf dem Ring eingekehrt, und haben erst einmal ein Stück gegessen, und vielleicht noch eine Kremschnitte dazu. „Die Dobostorte!“, seufzt die J., und verflucht die Berliner Konditoren. Ein paar Stunden später, fahre ich fort, die nächste Pause, vielleicht so gegen 11.00 Uhr, natürlich Torte, vielleicht ein bißchen Kleingebäck dazu und ein Kännchen Tee. Das ohnehin in meinem persönlichen persönlichen Ranking höchstplazierte Central hat sich auf diesem Gebiet weitere Meriten erworben, derweilen es als einziges der besuchten Kaffeehäuser losen Tee statt der weitverbreiteten Beutel verwendet. – Am Nachmittag dann ein weiteres Stück Torte, vielleicht ein Ischler Törtchen dazu, vielleicht ein Teller mit Kleingebäck wie jenen kleinen Linzer Törtchen, von denen ich mir einige hundert Gramm mit nach Berlin gebracht habe. Am Abend natürlich Torte, oder eine Mehlspeise, Strudel vielleicht oder Palatschinken, und dann ein bißchen Wein und zurück zum Hotel.

„Hört sich ja eindrucksvoll an.“, lacht die C., und fragt nach weiteren Speisen. „Bißchen Gulaschsuppe.“, sage ich, „und ein paar Würste.“, und winke ab, denn die herzhaften Spezialitäten der ungarischen Küche sind in aller Regel ein wenig zu deftig für meinen Geschmack, und besteht zum größeren Teil einfach aus Sauerrahm, Kohl und Paprika in Zusammenhang mit Fleisch oder Fisch.

„Und sonst?“, fragt die C. und fragt nach nicht-kulinarischen Reiseeindrücken. „Schön.“, sage ich. Genau im richtigen Maß verrottet, prächtig, elegant, melancholisch und vibrierend. Große, schöne Bäume an den Straßen und Denkmäler auf allen Plätzen. Die höchste Fast-Foodkettendichte, die ich jemals gesehen habe, ein Friedhof, der es an Größe vermutlich mit dem Centralfriedhof in Wien aufnehmen kann, abends schweigend an der Donau sitzen, am Morgen über einen schattigen Kirchplatz spazieren und den alten Frauen zuschauen, die gebeugt und ein wenig hexenhaft zur Messe gehen. Am Samstag den vielen, vielen Bräuten zuschauen, die in allen Kirchen Budapests heiraten, und nachts auf dem Franz-Liszt-Platz der J. erzählen, wie man sich alles vorgestellt hat einmal, und was daraus geworden ist in diesem Leben, bisher.

„Aber warte auf die Photos.“, sage ich der C., und schenke Tee nach.

Ist das Glück

Eine möglichst kleine Tasche packen, die Abflugzeiten auf einem Post-It notieren, und dann die Wohnungstür hinter sich zuziehen. Die Treppe herabzulaufen, und zu wissen, das man den roten Sisal nicht wiedersehen wird, wenn man nicht wirklich will: Wegzufahren und bleiben zu können, den Personalausweis, ein paar Karten, und sonst nichts in der Hand. Nur denjenigen Bindungen unterliegen, deren Druck angenehm auf der Haut liegt. Die Wohnung, denke ich, könnte ich von überall auf der Welt kündigen, per Telephon meine Sachen verschenken, einen Job irgendwo auf der Welt annehmen, ein neues Lächeln in neuen Städten erwidern, ein anderes Zimmer mieten, und schwimmen in Wassern des Lebens, die ich noch nicht kenne.

Nie lebt man so intensiv wie auf der Durchreise. Nie leuchtet eine Stadt mehr als beim ersten Besuch, wenn man vom Flughafen in die Innenstadt fährt, und das fremde Licht um die Silhouette einer Stadt spielt, in der ich noch nie war. Der Geruch einer Stadt im klaren Morgen und nachts. Auf Plätzen sitzen, von denen man gestern nur den Namen kannte und das Leben derer zu erraten versuchen, die im Anzug mit Tasche an einem vorbeihasten. Alle eure Bindungen sind nicht wirklich, denkt man dann, und dass sie alle wegfahren könnten, ihr Leben stehenlassen, ihren Job kündigen, ihre Frau verlassen und an anderen Orten ein anderer Mensch sein. Seine Vergangenheit in ein Weckglas zu tun, das man gerne in die Hand nimmt, betrachtet, den Kopf schüttelt und lächelt, weil es schön war, manchmal oder meistens. Den Zauber des Anfangs immer wieder erleben, den Zeiger immer wieder auf Null setzen, anderen Boden unter den Füßen zu spüren, andere Stimmen hören, und wissen, dass man ganz und gar freiwillig zurückkommt, wenn das, was einen hält, noch schwerer wiegt als der süße Geruch der Fremde.

Noch liebe ich Berlin. Montag bin ich wieder da.

Verlorene Paradiese

Wo sind sie hin, die kalten Platten der Vergangenheit, diese untergegangenen kulinarischen Welten: Acht Jahre bin ich alt, Sonntagnachmittag ist es, vielleicht ein Geburtstag, und ich sitze auf dem weißen Hocker am Küchentisch meiner Großmutter und plaudere ihr ein wenig über meine verhasste Mathelehrerin vor und über die ersten Reitstunden auf einem großen Pferd statt auf dem verachteten, dicken, langsamen Pony. Im Wohnzimmer sitzen die Herren, manchmal hört man ihr dröhnendes Lachen bis in die Küche, die Damen haben es sich im Esszimmer gemütlich gemacht, die Pumps ausgezogen und plaudern über Dinge, für die ich noch zu klein bin, wie man mir sagt, wenn ich mal nachfrage.

Meine Großmutter stellt die Platten auf den Tisch, achtelt Zitronen und Tomaten, schickt ihre Schwiegertöchter in den Keller, wo die fertigen Platten stehen, und braust dicke Büschel Petersilie ab. Mir wird eine Schale harter Eier hingestellt, die ich pellen soll, die Hälfte darf ich mit dem Eierschneider für den Salat vorbereiten, die andere Hälfte wird halbiert und mit Appetitsild aus der Dose dekoriert oder mit deutschem Kaviar. Dem Suppenhuhn von der Bouillon vom Mittagessen wird das Fleisch abgeschält für den Geflügelsalat mit Mayonnaise, Sellerie und Äpfeln in ganz dünnen Streifen. Der ganze, gekochte Lachs, mit einer dünnen Schicht Aspik überzogen, damit er schön glänzt, steht aufrecht auf einer der Platten, die Jagd- oder Fischereiszenen darstellen, auf dem Rand werden die halbierten Eier drapiert, und das Ensemble liegt auf einem Kissen krauser Petersilie. In weiten Glasschalen wird der Krabbencocktail verteilt, gleichfalls üppig verziert mit Zitronenachteln; Wurstscheiben werden gerollt, Käsescheiben mit Paprika edelsüß bestäubt, und Forellenfilets sternförmig auf einen großen, runden Teller gelegt, den ich am liebsten habe, weil er einen dicken Tanzbär zeigt, der von einem Mann an einer Leine herumgeführt wird. Ab und zu stecke ich mir eine Scheibe Käse in den Mund, eine Olive, und schneide mit einem gezackten Messer Muster in Radieschen und fülle mit einem Löffel Butter in kleine Förmchen, so dass sie aussieht wie Blumen oder Fische. Meine Großmutter füllt Tomaten mit Mayonnaise und mischt Salat in riesigen Schüsseln.

Ach, aus und vorbei. Die Großmutter ist lange tot, die Verwandtschaft zerstreut seit der Beerdigung des Großvaters, als sich alles in die Haare geriet, lautstark und giftig. Das Haus verkauft, die Platten und Teller in einer der Kisten, die auf dem Dachboden stehen, weil sie keiner haben will, denn besonders schön sind sie nicht, und zu groß dazu. Bin ich eingeladen irgendwo an jene Tische, die meinen Freunden gehören, so gibt es keine kalten Platten, höchstens Antipasti, vielleicht eine Platte mit Käse, aber jene überladenen, fettigen Freuden sind verschwunden, vom Orkus der Zeit verschluckt, und keiner will sie mehr essen.

Ob es schade ist drum? Ich habe sie nicht gemocht, die kalten Zungenscheiben gerollt und gefüllt mit Kapern oder Kresse. Die Pasteten mit den Teigblümchen obendrauf und den kalten, gelben Fettstückchen auf der Oberseite der Fleischfüllung. Die Kartoffelsalate mit Gänseschmalz, deren fettigen Geschmack ich bis heute auf der Zunge habe. Die Aspikorgien, und was wurde nicht irgendwann in Aspik gegossen in jenen Tagen? Das trockene Roastbeef in Scheiben.

Sei es, wie es sei. Stehe ich im KaDeWe im obersten Stockwerk, wo sie fast alles haben, was man essen kann, stehe ich nicht vor den Torten von Lenôtre, nicht vor den Gänsestopflebern und selbst vor der Vitrine mit dem französischen Käse nur ganz kurz. Vor der Vitrine mit dem kalten Platten bleibe ich stehen, betrachte die Schalen mit dem Krabbencocktail, die gerollten, gefüllten Schinkenscheiben, die gefüllten Eier und die dekorierten Gurken, und denke einen Moment zurück an die verlorenen Paradiese, die mir auf ewig im Herzen bleiben – gefüllt mit Mayonnaise, dekoriert mit Petersilie und ein Tomatenachtel mit einem Zahnstocher festgesteckt obendrauf.

Aurelius Augustinus

Schon etwas abgeblüht ist das Römische Reich, schon etwas welk seine Kraft, und filigran sind die Hände geworden, die das Reich regieren. Die nervöse Üppigkeit des Orients hat sich schon so lange vermischt mit den derben Instinkten der Bauern, die vor Jahrhunderten ein Weltreich eroberten, und bringt nun Generationen hervor, die statt zu erobern – oder auch nur zu regieren – vergeblich etwas suchen, was jenseits der purpurroten, faulig-irisierenden Üppigkeit jener Jahre liegt, die wir die Spätantike nennen: Nur noch wenige Generationen, und die verästelte, spannungsreiche Hinfälligkeit dieser Welt wird unter den Schwertstreichen der Germanen verenden, und jener, der Mitte des 4. Jahrhunderts im Süden des im wesentlichen intakten Reichs geboren wird, wird am Ende seines Lebens in Hippo unter der Belagerung der Vandalen seine Augen schließen.

Die Jahre sind vorbei, in denen es die Fischer, die Armen, diejenigen vom Rande der Gesellschaft waren, die an die Geschichte von Kreuzestod und Auferstehung ihre Hoffnung hefteten. Längst schon hat der sterbende Kaiser Kontantin die Taufe genommen, das Konzil von Nicäa ist bereits Geschichte, aber noch ist das Christentum eine Religion unter anderen und noch sind es zumeist die Massen aus den Städten, die auf das Herabsteigen des Christus Salvator warten.

Aurelius Augustinus ist keiner von ihnen, aus der Provinz Numidien gebürtig hat er den Bildungsgang eines jungen Mannes aus gutem Hause durchlaufen. Christ ist er nicht. Seine Mutter Monica ist getauft, betet für ihn und seine Bekehrung, und das Denkmal, dass er der Monica im neunten Buch seiner Confessiones errichtet, ist wahrhaft monumentum aere perennius, das von seiner Lebendigkeit und Wärme nichts verloren hat über den Graben der Jahrhunderte.

Lange betet die Monica für die Bekehrung, denn jene lässt auf sich warten. Augustinus ist ein guter Schüler, ein begabter Student, dem die Erfolge zufallen, und der in dem dünnen, duftenden Blut des Zeitalters doch nicht findet, was er sucht. Die Säulen der Welt sind zweifelhaft geworden, der Glaube an die altrömischen Götter hat einer ihrerseits bereits ehrwürdigen Skepsis Platz gemacht, deren Gelassenheit und maliziöse Eleganz erst die Renaissance wieder erreichen wird. Die Schulen der griechischen Lehrer sind gleichfalls Jahrhunderte alt, und ob es der Müßiggang ist oder die Erkenntnissehnsucht, die Roms Jünglinge durch Griechenland treibt: Auch dieser Weg zu Wahrheit und Erkenntnis ist schon so lange beschritten worden, dass auch sein Scheitern bereits patiniert ist von denen, die Generationen zuvor zu Füßen der griechischen Lehrer saßen. Das Überraschende ist Kanon geworden, die Antinomien der Schulen zur Gewohnheit verkommen, und der Mund der Wahrheit spricht mit Greisenstimme zu seinen Jüngern. Eine große Klugheit liegt in jenem Achselzucken, mit dem die damalige Welt der Frage nach ihrem Innersten, nach Seinsgrund und Ziel allen Seins begegnet, aber brausende Wahrheit und Leidenschaft wohnt nicht dort, wo Augustinus sie sucht: Weder bei Cicero noch bei den Manichäern. Am Ende seiner Ausbildung in Karthago und Mailand ist er Hochschullehrer, hat in vielen Schulen die Erlösung von den Zweifeln gesucht, die ihn immer wieder überkommen, ist angesichts der Lücken und Brüche der Lehren stets weitergezogen, und hat die Wahrheit nicht gefunden.

Zum Grübler und Sucher jedoch wird Augustinus nicht, denn die damalige Welt mag auf schwankendem Grunde stehen, Genuss bietet sich einem, der Essen und Wein, Frauen und dem Theater zugetan ist, in reichem Maße, und so ist es auch die Forderung nach Keuschheit, die Augustinus lange von der Konversion abhält, als er, zermürbt schon von den Zweifeln und der Komplexität der Gedankengebäude, schon überzeugt auf die Taufe zuschreitet.

Von einer geisterhaften Kinderstimme schreibt Augustinus, die ihn zum Buch der Bücher hingezogen habe, und ob dies nun ein Bild sein mag, oder einer jener Zufälle, von denen die Welt lebt. Stimmig erscheint es in hohem Maße. Mehr als ein Jahrzehnt hat Augustinus nun nach Wahrheit gesucht, Komplexität gefunden, und er mag der Vielfalt der Wahrheit überdrüssig sein und müde des Suchens gleich den Tangenten, die Grund und Maß nie berühren. Augustinus wirft die Suche von sich: Das Lehramt. Die Suche nach dem wahren Wesen des Seins in immer feineren Differenzierungen. Der Glaube, dem Wesen der Welt mit den Mitteln des Verstandes nahe zu kommen. Ob er die in ihrer Schlichtheit fast rührende Geschichte vom toten Sohn des Zimmermanns glaubt? Ob er seine Wahrheit findet, und die Zweifel zerstieben?

Ob in jener Fama vom reinen Tor, der im unruhigen Jerusalem zwischen die Parteien gerät und umkommen muss, die Wahrheit des Augustinus liegt oder nur der entschlossene Wunsch, die Wahrheit gefunden zu haben: Augustinus entsagt, kehrt der unruhigen, grellen Welt des Altertums den Rücken zu und wird jenes Monument, als das er in den Hallen der una et sancta steht, die ohne ihn nicht wäre, was sie ist.

Die Nervosität jenes Saeculums am Ende einer Epoche, seine Farben und Menschen, seine Zerrissenheit, von der Augustinus sich abgewandt hat, wenden sich indes nicht ab vom Augustinus. In seinen Confessiones, viel gedruckt und zu wenig gelesen, steht sie noch einmal auf, die verwesende Welt des ausgehenden Altertums, die sich in jenem Geist konserviert hat, den sie enttäuschte, der sie von sich stieß, und der ihrem Zauber noch ex negativo nicht entkam in Sphären, die den Geist nichts nötig haben.

Wer immer es ist, den ihr sucht

Null und eins, schwarz und weiß: Die Schatten auf der weißen Wand des Höhlentheaters blitzen auf, werfen grelle, scharfe Schatten und verschwinden wieder im Dunkel. Haben Sie den Schatten der gekrümmten Hand des Direktors gesehen, der das Theater betreibt? Was wissen Sie von der Frau, deren Silhouette durch den Mauerpark läuft? Weit sind die Maschen, in die Sie nicht schauen können, weil das Licht ausgeschaltet bleibt, und der Vorhang geschlossen.

Null und eins. In den Zwischenräumen mag alles passieren oder nichts. Verbirgt sich die blutige, lodernde Liebe hinter dem geschlossenen Vorhang, Krankheit, harte Arbeit, oder bloß ein grauer, trister Regentag, an dem die Lampe nicht brennen will? Strahlt der Lichtkegel auf eine Figurengruppe am äußeren Rand der Bühne, mögen an der Rampe Reden gehalten und Herzen gebrochen werden.

Nach der Aufführung fängt das Publikum an, mit den Figuren auf der Bühne weiterzuspielen. Das Licht mag verloschen sein, der Direktor nach Hause gegangen, aber die Vorstellung läuft weiter. Mit eigenen Geschichten, Wünschen, Bildern wird die Aufführung zu Ende gespielt, verschmolzen das eigene und fremde Stück. Die Realität aber ist ganz woanders.

Greifen Sie, kündigt der Direktor an, ruhig nach den Figuren. Sie werden nur Schatten in den Händen halten.

Ich bin es nicht.

Das Große Neusser Wunschkonzert

Lesungen, meine Damen und Herren, sind eine aufregende Sache – wird überhaupt irgendwer kommen? Mögen die, die erscheinen werden, mich und meine Texte, oder fängt das Publikum jedesmal, wenn ich anhebe zu lesen, an, mit Stühlen nach mir zu werfen? Oder lacht mich einfach aus? Und was wollen die Neusser Sonntagabend eigentlich von mir hören? Ist mein minderjähriger Cousin interessant genug? Will die Welt alles über den unsichtbaren Pinguin meines geschätzten ehemaligen Gefährten wissen? Darf ich meinen Lieblingstext vorlesen, auch wenn er von Kleist handelt, den angeblich und außer mir keine Sau auf Erden freiwillig liest?

Gespannt, aufgeregt und ein bißchen unsicher ob der Auswahl habe ich einige Texte zusammengestellt, einen letzten Text aber überlasse ich dem werten Publikum, das – anwesend oder nicht – Wünsche äußern darf, die ich möglicherweise erfüllen werde.

Also, meine Damen und Herren,

Was wollen Sie von mir hören?

Schließe mir die Augen beide

Der Schlaf will nicht kommen. „Bleib´ bei mir.“, bitte ich, aber der Schlaf ist woanders, und schickt nur seinen Schatten, jenen Zustand auf der scharfen Schneide zwischen Traum und Tag, offene Augen und jene Wehrlosigkeit gegen die Farben und Geräusche dieser Wohnung, deren Leere und Stille schwer auf meinem Hals sitzt.

Im Badezimmer zeichnen die roten Vorhänge fiebrige Schlieren auf den Boden, das Wasser in meinem Glas flüstert von Schmerz und Niederlagen, Abschied und vergeblichem Warten. „Was willst du?“, fragt mich die Wand, aber das habe ich vergessen. Im Spiegel über den Waschbecken schaut mir eine Frau in die Augen, die stehenbleiben wird, wenn ich das Bad verlasse, um eine halbe Stunde beim Lampenlicht im Bett zu sitzen, nicht ganz wach, nicht schläfrig, aufgehängt an der Mauer, die Schlaf und Wachen trennt.

„Gleichsam, als ob unsere Berührung etwas Ansteckendes hätte, verderben wir durch unser Behandeln solche Dinge, die an und für sich selbst schön und gut sind.“, lese ich bei Montaigne, und klappe den schmalen Band wieder zu. Mit dem Verlöschen des Lichts fängt das Dunkel wieder an, Schwaden zu ziehen, sich zu verdichten, und vielleicht greift eine Hand nach mir, wenn ich endlich schliefe, um auf meiner Stirn zu liegen im Bösen oder Guten.

Über dem Dach des Hinterhauses verliert die Nacht schon ihre Tiefe, flacht ab und zeichnet die nüchternen Konturen der Kastanie gegen das Licht, deren Blätter braun und fleckig werden. Die Kastanie schickt ihre Schatten in meinen Traum, zwischen reifen Weizenfeldern schreite ich langsam im Schatten der Bäume eine Allee entlang. Zur Linken sehe ich Mühle und Weiher, zur Rechten dehnen sich die Felder, und die fremde Frau, die mir entgegen läuft, sehe ich minutenlang näher kommen, sie rennt, rast, ich höre ihren Atem, und sehe ihre nackten Beine weit ausholen. Spät erst sehe ich sie bluten, sie sieht mich nicht, sie zieht ihre blutigen Streifen über den Straßenbelag, und keucht immer schneller auf mich zu. Mich ergreift die Wut, ich hasse die Fremde für ihr Blut, für ihren gehetzten, eiligen Lauf, und so stelle ich ihr, als sie blicklos an mir vorbeilaufen will, ein Bein, ziehe sie zu Boden, beiße in ihre Schulter, ramme ihr mein Knie in den Bauch, und tauche die Hände in ihre offenen Wunden. Sie wehrt sich, kratzt mir den Hals auf, schreit schrill und erbärmlich, aber ich bin frisch, die Fremde hat einen langen Weg hinter sich und ist verletzt, und so ziehe ich die Stillgewordene irgendwann in das Weizenfeld zur Seite der Allee und setze meinen Weg fort.

Der Tag wird heiß, denke ich, als ich, die Teetasse in der Hand, am Fenster stehe, zwei Stunden nach meinem letzten Blick auf die Uhr.

Die Liebe und der Schulbesuch

Leider, so mein kleiner Cousin, sehe er sich gezwungen, seinen Schulbesuch nunmehr, also knapp nach Erreichen der Obersekunda, abzubrechen, denn es sei ihm aus verschiedenen Gründen absolut unmöglich, jenes Institut auch fürderhin aufzusuchen. „Das ist schlecht.“, sage ich, und weise auf die Tatsache hin, dass ich jeden Moment Besuch bekommen werde, und sich meine Wohnung und ich keineswegs in einem Zustand befinden, der für die Augen Dritter geeignet erscheint. „Ich ruf´ dich zurück.“, verspreche ich, und verdränge meinen maulenden Cousin aus der Leitung.

„Also,“, setzt mein kleiner Cousin einige Stunden später seinen Bericht fort. Ich erinnere mich doch an V., seine Klassenkameradin und früheres Modell seiner Bemühungen um die bildende Kunst? – Aber sicher, antworte ich, eingedenk jenes ungefähr gleichaltrigen Mädchens, das nach einigen Sitzungen angesichts meines schweigend mit Pinsel und Farbe hantierenden Cousins die Lust auf weitere derartige Zusammenkünfte verloren, und sodann nicht mehr erschienen war. Geendet hatten damit zwar die Zusammenkünfte meines kleinen Cousins mit seiner angebeteten wenn auch angeschwiegenen Klassenkameradin, keine Ruhe fanden jedoch die Stürme der Leidenschaft, die den Geist meines kleinen Cousins um eben jene, nach seinen damaligen Worten ganz und gar himmlische und überhaupt engelsgleiche Person kreisen ließen. Er dachte an sie des Tags und bei Nacht, er dachte an sie beim Sport und im ohnehin schuldhaft vernachlässigten Mathematikunterricht, im Wachen wie im Schlafen, beim Essen und überhaupt eigentlich immer. Die Angebetete indes beachtete meinen kleinen Cousin sozusagen gar nicht.

„Vergiss´ es.“, rate ich dem Kleinen, und empfehle, jede Herzdame energisch aus dem Gedächtnis zu verbannen, die keine deutlichen Anzeichen von gegenseitigem Interesse erkennen lässt. Verlorene Schlachten, so führe ich aus, seien eigentlich nur in der Kunst ein reizvolles Motiv.

Immerhin, so erfahre ich, habe mein kleiner Cousin versucht, das eigentlich schon entglittene Steuer doch noch herumzureißen und zu diesem Zweck ein Schreiben an die Dame seines Herzens vorbereitet. In dieses Schreiben habe er sein Herzblut versenkt, seine flammenden Gefühle zum Ausdruck gebracht, die gemeinsame Zukunft in leuchtenden Farben gezeichnet, und vor Angst und Erwartung zitternd dieses Schreiben in ihren Rucksack versenkt.

Reaktionen indes blieben aus. Zumindest, so höre ich, Reaktionen des verehrten Fräuleins. Eine Reaktion, mit der mein kleiner Cousin weniger, um nicht zu sagen: gar nicht, gerechnet hatte, erfolgte indes von anderer Seite, die keinesfalls zum ja ohnehin auf eine einzige Person beschränkten Adressatenkreis gehörte, von einem guten Freunde nämlich, der ihn ansprach auf eben jenes Schreiben.

Die junge Dame nämlich, so bricht es aus meinem kleinen Cousin hervor, habe anlässlich des Erhalts jenes Briefes ihren ganz und gar unengelhaften Charakter gezeigt, habe sich vielmehr als eine wahre Ausgeburt der Hölle erwiesen, und das in blumigen Worten verfasste Schreiben allen ihren Freundinnen vorgelegt und herumgezeigt, auf dass diese sich über den Absender, also meinen jugendlichen Verwandten, amüsierten. Das schadenfrohe Gelächter ob dieser Entäußerung zog weite Kreise.

Und mein kleiner Cousin kann, vernehme ich, nie, nie wieder zur Schule gehen.

Die A. geht sich amüsieren

Die A. leidet. „Wirklich, Modeste,“, tönt es aus dem Hörer, „ich kann ihm absolut nichts vorwerfen, aber ich kann ihn einfach nicht mehr sehen.“ „Oha.“, sage ich, und klicke ein paarmal den „Refresh“-Button, während die A. sich über ihren Gefährten und Ernährer beschwert. „Er ist ein Engel, wirklich, aber hast du dich schon einmal mit einem Mann so gelangweilt, dass du angefangen hast, zu gähnen, wenn du ihn nur siehst?“, fragt die A., und ich denke ein bißchen wehmütig an den J., mit ich mich keine Minute der gemeinsamen sieben Jahre gelangweilt habe, völlig egal, ob gerade rote Luftballons oder schwarze Gewitterwolken den gemeinsamen Luftraum durchquerten. „Dann trenn´ dich doch endlich.“, liegt es mir auf der Zunge, aber eingedenk der Tatsache, dass man diesen Ratschlag seiner Umgebung unter keinen Umständen erteilen sollte, halte ich den Mund, und höre mir A.´s Lamento geschlagene zwanzig Minuten weiter an.

„Weißt du,“, sagt die A., und knistert mit irgendeiner Substanz, die vermutlich bis gerade eben irgendeiner Süßigkeit als Verpackung diente, „im Grunde brauche ich mindestens zwei Männer.“ „Ganz schlechte Idee.“, entfährt es meinem Munde, und ich weise warnend hin auf die schlechten Erfahrungen hin, die die A. doch erst vor kurzer Zeit mit diesem Modell gemacht hatte. „Ach, der.“, antwortet die A. mit deutlich wegwerfender Geste, kaut ein bißchen auf der soeben ausgepackten Süßigkeit herum, und entwirft statt dessen die Vision einer absolut wasserdichten Planung des neu anzuschaffenden Zweitbegleiters: Sie werde sich ein Hobby anschaffen. Einen Tanzkurs vielleicht. Oder Zeichenstunden.

„Und da jemanden kennenlernen?“, frage ich ein wenig ratlos, der die A. als eine Person bekannt ist, die kaum vor die Tür zu gehen braucht, um von fremden Herren mit Telephonnummern beworfen zu werden. „Ach was!“, zischt die A.: Sie werde da natürlich überhaupt nicht hingehen. „Ach so?“, frage ich, und höre die A. einen ausgefeilten Plan von wöchentlicher Freizeit entwerfen, die sie für einen Abend die Woche von allen Erklärungen freistellen werde, und Raum schaffen werde für alle goldenen Freiheiten außerhalb des eigenen Haushaltes ohne eine einzige lästige Nachfrage.

„Und schon einen geeigneten Kandidaten?“, frage ich die A., und hege ebenso wenig Zweifel an der baldigen Umsetzung des Plans wie am Scheitern der Vision eines komplikationslosen Zweitmannes. – „Noch nicht!“, schmettert die A. fröhlich durch den Hörer. Die Aquise sei indes für Samstag nacht geplant. „Langer Abend, ausgehen, schöne Männer – Modeste, hast du da schon was vor?“

„Ja.“, sage ich, und höre die A. am anderen Ende der Leitung ausgelassen lachen. „Modeste, Spielverderberin.“, sagt die A., und: „Ich rufe dich Sonntag an.“

Fortsetzung folgt.

Das Halbe und das Ganze

Am Abend, wenn in allen Apfelblüten schon der Mond hing, saß mein Vater in dem Sessel neben meinem Bett und las vor. „Weit draußen im Meer,“, las er, „ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume, und so klar wie das reinste Glas….“, und ich zog mir die Decke bis unters Kinn und schlief ein, bevor die Meerjungfrau zur Meerhexe kam, und lange bevor sie den glatten, glitschigen, nassen Fischleib eintauschte gegen zwei Beine, die bei jedem Schritt schmerzten in ihrer schlanken Eleganz. Am Ende, dass wusste ich, würde der Prinz eine andere heiraten, die ein Mensch war von Anbeginn, aus einem Guß, und die Meerjungfrau würde ganz vergeblich das Wasserwesen von sich geworfen haben, und erst stumm, und dann zu Schaum werden und schließlich vergehen als ein dienender Geist der Luft.

Weinen hätte ich können über die Vergeblichkeit der Opfer, die Sprachlosigkeit der Meerjungfrau mit der zerschnittenen Zunge, und die Blindheit des Prinzen, der die Liebe nicht bemerkte, die da neben ihm schritt. Mag sein, dachte ich vielleicht, bemerkte der Prinz die Liebe der Nixe sogar, aber roch die erzauberte Natur der Beine, ekelte sich vor der Mühsal und der dunklen Magie, die es gekostet hatte, den schillernden Unterleib der Meerjungfrau zu verwandeln, und so kehrte die Meerjungfrau Abend für Abend ins Meer zurück, nicht mehr Meerjungfrau, nie Prinzessin geworden, körper- wie stimmloser Geist. Am Deck des Schiffes stand der Prinz und sah ihr nach, seine Braut im Arm. Der Prinz, wusste ich, würde sie vergessen.

Die Prinzessinnen verschwanden aus den Büchern, die im Nachttisch lagen und auf die abendliche Lesestunden warteten. Die Tiermenschen blieben, wuchsen, verloren die stumme Ergebenheit der Meerjungfrau mit der Sehnsucht nach den roten Blumen, und rasten als Zentauren durch die Wälder meiner Nächte. Als mächtige Ärzte, Erzieher, Giftmischer flüsterten die Zentauren von menschlicher Klugheit gepaart mit tierhafter Energie, von Wildheit, vom rohen Fleisch, das sie nährte. Der Geruch der nassen Pferde nach einem Ritt durch den Sommerregen den Waldrand entlang musste ihrer sein, aber auch die Zentauren verblassten, und in den Büchern, die sich nunmehr neben dem Bett stapelten, wurden die Tiermenschen weniger, keine wilden Schwäne kreuzten den Abendhimmel und warfen bei Nacht ihre Federn ab, kein Gott verwandelte sich in einen schwarzen Stier, die Welt verlor ihre Verzauberung, und nur selten wurde unter den Füßen unter den gedrechselten Tischen im Kerzenschein ein Bocksfuß sichtbar.

Irgendwo aber, weitab von dieser Stadt aus geborstenen Steinen und dem Staub der Baustellen, irgendwo in den Wäldern kämpfen nach wie vor die Zentauren. Ein Stier mit goldenen Hörnern teilt das Wasser. Und der Schaum, in dem die Meerjungfrau vergehen muss, gebiert ein neues Wasserwesen, unverletzlich, ganz, unteilbar und gepriesen von den Stürmen, die nachts übers Meer kommen.