Kunst und Hausverwaltung

Nun, meine Damen und Herren, ich sehe Sie enttäuscht: Aus diesem Hut springt auch diese Woche wieder kein einziges Kaninchen, und überhaupt ist mein Tun und Treiben gegenwärtig arm an Überraschungen, ohne allerdings jenen interessanten weltschmerzlichen Überdruß hervorbringen, welcher sich dann wiederum publikumswirksam ausstellen ließe:

Am Morgen stehe ich auf, den Tag über versuche ich unter Ächzen und geräuschvollen Missfallensbekundungen, die keiner hört, die Berge von Arbeit auf und neben meinem Schreibtisch zu verkleinern, und am Abend verlasse ich das Haus, um mit lieben Freunden an öffentlichen Orten zu essen oder zu trinken und sich dabei ziemlich viel zu erzählen. Des Nachts verstaue ich meine Sehhilfen ordentlich in eigens zu diesem Zweck fabrizierten Döschen aus Plastik und bestreiche mein Gesicht mit einer Creme, die vorzeitiger Hautalterung vorbeugen soll, die, wie man hört durch den Genuss von Tabakwaren gefördert würde, die ich nicht aufhören kann in möglicherweise übertriebenem Maße zu konsumieren.

Um Sie, mein geschätztes Publikum indes nicht vollends zu langweilen, und Sie zu sofortiger Kündigung des Abonnements dieses Blogs zu veranlassen, sehe ich mich also gezwungen, anderer Leute Kaninchen aus meinem Zylinder zu fischen, ein Prachtstück an Kaninchen allerdings, ein glanzvolles Produkt der Zweitverwertung jener Gegenstände, denen Sie oder ich uns vielleicht erst kürzlich entledigt haben.

In ihrer Einzimmerwohnung in Friedrichshain begab es sich nämlich, dass eine Studentin der freien Künste eines Tages begann, ob für´s Studium oder zu rein privaten Zwecken, aus allerlei Abfall eine Skulptur zusammenzukleben. Mag der Müllmann eine Hommage an den großen HA Schult dargestellt haben, oder mag er einfach nur so das Herz seiner Urheberin erfreut haben – aus Röhren, altem Haushaltsgerät und Blechdosen, alten Zeitungen und den Resten eines sogenannten Badezimmerradios in Form eines bunten Fisches entstand nach und nach ein ungefähr 150 Zentimeter hoher Zeitgenosse, der lustige Geräusche machen konnte, kam man dagegen. Weil die Künstlerin am oberen Ende und am unteren Ende des Rumpfes jeweils die Enden eines Plastikrohres angebracht hatte, konnte der Müllmann sogar urinieren, wenn man ihm zu trinken gab. Um Beschädigungen der Dielen durch derart aufgebrachte Feuchtigkeit zu vermeiden, trug der Müllmann eine Windel, die ursprünglich der Versorgung inkontinenter Menschen zu dienen bestimmt war und von einem Freund des Hauses aus einem Seniorenheim entwendet worden war.

Eines Tages aber kam das Unheil über den Müllmann, und wie so oft kündigte auch in diesem Fall das Schicksal sich auf so leisen Sohlen an, dass die Künstlerin keinen Grund sah, eben jenes zu vermeiden. Es wäre ihr indes auch nicht leicht gefallen, dem Übel aus dem Weg zu gehen, das in Gestalt der Hausverwaltung über ihren Müllmann kam, denn jener war mit der Zeit und bedingt durch die nicht allzu feste Verbindung seiner Teile, ein wenig immobil geworden.

Die Hausverwaltung schrieb also, weder durch Art noch Inhalt des Schreibens Misstrauen erregend, die Künstlerin in ihrer Eigenschaft als Mieterin an, und bat um Zugang zu der Wohnung, um einen Mangel an den Balkonen erst begutachten und sodann beseitigen zu können. – Arglos gewährte die Künstlerin der Hausverwaltung Zugang zu ihrem Heim und ließ das Unheil in Gestalt eines Mitarbeiters jenes Unternehmens in jene 38 m², die sie mit dem Müllmann bewohnte.

Was sich so ganz genau während der Besichtigung zwischen der Künstlerin und dem Abgesandten der Hausverwaltung abspielte, darüber können wir mangels genauer Kenntnis nur spekulieren. Fakt ist indes, dass wenige Tage später ein Schreiben der Hausverwaltung bei der Künstlerin einging, den Müllmann „unverzüglich“, so hieß es in jenem Brief „zu entfernen“. – Natürlich kam das gar nicht in Frage.

„Kunst!“, rief markig die Urheberin des Müllmanns. – Hygienische Gründe, gab die Hausverwaltung zurück, verböten indes die langfristige Lagerung von Haus- Sperr- und Sondermüll in zu Wohnzwecken genutzten Räumen. Ihr Müllmann sei nicht schmutzig und ziehe keineswegs Kleintiere an, wandt die Künstlerin wenn auch vergeblich ein. – Fabulierte die Hausverwaltung sogar von Ratten, sprach die Mieterin um so lauter von kreativer Selbstverwirklichung, bis beide Seiten müde der eigenständig geführten Auseiandersetzung jeweils einen Rechtsanwalt einschalteten.

Drohungen mit Kündigung des Mietverhältnisses kreuzten sich mit Ausführungen über den die liberale Gesellschaft geradezu konstituierenden Wert der Freiheit der Kunst. Gütevorschläge, den Müllmann in einer alten Remise unterzubringen, wurden mangels Beweglichkeit des Kunstwerks entrüstet abgelehnt, weitere Kompromisse nach diesem Entgegenkommen weit von sich gewiesen, und gut stehen die Chancen, mit dem Hausgenossen der Kunststudentin dermaleinst noch das rostige Herz des Amtsgerichts zu erfreuen.

Urlaub

Ab und an sollte man für ein paar Tage oder Stunden Urlaub nehmen können vom eigenen Leben und ein anderer sein können, mit anderen Erinnerungen, anderen Begabungen und in einem anderen Körper stecken. Heute nacht vielleicht eine vierzigjährige Frau sein, die mit ihrem Mann daheim beim Wein sitzt, einen Film schaut, den ich nicht mögen würde, und hin und wieder mit der linken Hand über seine Schulter streicht, weil das warm ist und gut. Irgendwann müde werden auf dem gemusterten Sofa. Der Mann, ich den ich mich niemals verliebt hätte, schaltet auf Zehenspitzen den Fernseher aus, und zöge die andere, die ich gerade wäre, sanft ins Bad und dann zu Bett. – Vielleicht auch einmal ein Mann sein, mit Freunden durch die Bars zu ziehen, schnalzen, wenn eine Frau den Raum durchquert, und soviel Bier zu trinken, wie ich es niemals könnte noch täte. Einen anderen Gang zu gehen, in aller Selbstverständlichkeit, und genau zu wissen, welcher Fußballverein wann welche Meisterschaft gewonnen hat. Auf dem Heimweg an Lieblingsgerichte zu denken, die ich im Leben nicht essen würde. Schweinekrustenbraten zum Beispiel. Oder gefüllte Milz.

Ein Kind zu sein, das eine fremde Mutter staubige Straßen entlangziehen würde auf dünnen Beinen und weinen wollen, weil es kalt ist, und der Weg noch lange nicht zuende. Auf der Straße sitzen und auf jemanden warten, der mir Geld geben würde für etwas zu essen oder das gefälschte Glück aus den Laboren oder von den Mohnfeldern Afghanistans. Vielleicht ein Tier sein, spielende Muskeln. Ein Stern. Etwas, was im Boden wartet, um irgendwann zu keimen.

Vielleicht, wenn ich jemand wäre in meiner Urlaubsexistenz, der lesen kann und schreiben, würde ich mir eine Postkarte schicken: „Liebe Modeste, die diesjährige Unterkunft ist wirklich schön, über das Essen kann man sich nicht beklagen, und einmal musst auch Du in diesen Zipfel der Welt fahren, in dem es sich zu leben lohnt.“ – Tage später, wenn ich wieder zurück wäre aus dem anderen Leben, würde ich die Postkarte finden und lächeln, und mich an das fremde Sein erinnern wie an einen fremdartigen und wirren Traum.

Variation auf ein kleines Solo

Aber vielleicht heiraten die Freunde doch noch, die jetzt noch lustig mit den Köpfen schütteln, wenn man sie fragt. Vielleicht bekommen die Frauen doch noch runde Bäuche, kleine Kinder krabbeln unter den Tischen, und auf einmal werden die anderen Mütter aus der Pekip-Gruppe viel öfter angerufen als ich: Gemeinsame Interessen, du weißt ja. Und am Schluss sitze ich in meiner Wohnung, am Abend meines Geburtstags vielleicht, die Kerzen brennen, und keiner kommt. Oder nur zwei, drei Leute, aus Mitleid, und schauen heimlich auf die Uhr, wenn ich es nicht mitbekomme. Nachts, wenn sie weg sind, werfe ich das ganze Essen in einen riesigen, himmelblauen Müllsack.

Am Sonntagmorgen bleibe ich ganz lange im Bett, damit der Tag nicht so lang ist, und danach gehe ich in eine Ausstellung und wandere langsam hin und her zwischen den Bildern. Von Kunst werde ich viel verstehen dann, denn ich werde ja viel lesen, und keiner wird sich mehr berufen fühlen, mir etwas zu erzählen über die Bilder an der Wand. Für die Männer, die so alt sind wie ich, bin ich dann unsichtbar geworden, denn irgendwann beginnt das weibliche Fleisch zu verblassen, und das Verfallsdatum liegt ungefähr zehn bis 15 Jahre vor dem Alter, an dem ein Mann anfangen sollte, sich zu überlegen, ob es wohl noch etwas wird mit einem warmen Bett ein Leben lang.

Unter der Woche kommen ab und zu ein paar meiner verheirateten Freundinnen vorbei, sitzen zwischen meinen Büchern und erzählen mir von den Schulsorgen ihrer Kinder und den ehelichen Problemen, der schwierigen Urlaubsplanung, dem Mann der viel zu viel arbeitet, und dem, der nicht genug Karriere macht für den Geschmack seiner Frau. Am Samstagabend aber gehen sie mit ihrem Mann aus – nein, Ausgehen macht man dann ja nicht mehr. Vielleicht gehen sie essen. Oder sitzen einfach nur so zu Hause herum. – Ich schenke mir selbst jedes Jahr Weihnachten ein Theaterabo und eins für die Oper, und wandere in den Pausen im Foyer herum oder rauche eine Zigarette nach der anderen, um ein bißchen beschäftigt auszusehen.

Ab und zu denke ich an die Männer, die ich mal geliebt habe, und überlege, wer von ihnen wohl bei mir geblieben wäre, wenn ich das gewollt hätte und nicht weggelaufen wäre jedesmal. In einer dunklen Novembernacht gebe ich vielleicht sogar eine Anzeige auf, in der ZEIT oder so, und mache dann den Umschlag mit den Zuschriften nicht auf. Dann sitze ich allein mit einem Glas Wein der Hand auf meinem Sofa und starre aus dem Fenster und überlege, was falsch gelaufen ist in meinem Leben.

Vielleicht, denke ich dann, hätte ich den einen oder anderen Kompromiss schließen sollen. Meine Realität meinen Möglichkeiten anpassen. Das Feuerwerk abschreiben. Aufhören, an Gold und Purpur zu glauben. Vielleicht nicht lange dem einen nachtrauern, sondern sich kurz entschlossen dem anderen an den Hals werfen. Vielleicht die Liebe klein denken zu etwas, was aus gemeinsamen Mahlzeiten besteht, einem Haus mit Garten und einem Mann, der einem morgens die Teetasse in die Hand drückt, und leise ins Ohr flüstert, dass man doch aufstehen muss, weil die Kollegen warten.

Am nächsten Morgen aber, die Teetasse mit dem selbstgebrühten Tee in der Hand, werde ich wissen, dass ich nicht glücklicher wäre, hätte ich das getan. Und die Kompromisse selbst dann nicht geschlossen hätte, hätte ich mich damals so sitzen gesehen:

Eine alternde Frau, die vergeblich versucht, ihrem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe zuzulächeln.

Siegerin

„Als Kind“, sagt Schwesterchen, „habe ich dich beneidet, bis ich bemerkt habe, dass du von deinen Erfolgen nichts hast.“ Ich widerspreche ein bißchen, meine Schwester lacht, hell, gurrend und wie ohne Häme, und ich sehe aus dem Fenster den Wolken zu, wie sie um den Alex wehen. Schwesterchen wechselt das Thema und spricht über eine Freundin, die so schrecklich zugenommen habe und nun aussähe wie eine Wurst, alles von Tabletten, den Arzt müsste man verklagen, das sei ja schlimmer als…. also, was die Freundin eben hatte, bevor der Arzt ihr das Katastrophenmedikament verschrieben habe. Das habe sie jetzt vergessen, aber wenn es schlimm gewesen wäre, dann wüsste sie es bestimmt noch.

Am Wochenende plane sie übrigens mit ihrem Freund einen kurzen Besuch bei unserer Mutter, die den Freund richtig ins Herz geschlossen habe. Ich denke einen Moment kurz an die Männer, die ich meiner Mutter irgendwann einmal vorgestellt habe, und die sie alle miteinander als nette, weichliche Versager betrachtete. „Modeste traut sich ja nicht an richtige Kerle.“, oder so ähnlich. „Weißt du,“, unterbricht Schwesterchen meine Überlegungen, „als Kind habe ich immer gedacht, ich müsste mehr leisten oder mehr wissen, aber dass es darauf nicht ankommt, das hat mir keiner gesagt.“ – Tja, denke ich. Darauf kommt es wohl wirklich nicht an. „Ich muss los.“, sage ich Schwesterchen nach einem Blick auf die Uhr. Und: „Süße, mach´s gut.“

Unbedingt wieder einmal treffen – ewig nicht gesehen – öfter mal anrufen. Ich hab´ dich auch lieb. Dann laufe ich los.

Mag sie recht haben, denke ich, die Schwedter Straße hinauf. So gut wie alles, was ich weiß oder kann, nützt mir beruflich nicht die Bohne, und erweist sich privat eher als störend. Selbst diejenigen Menschen, von denen man annehmen würde, sie unterhielten sich gern über das Spätwerk Gottfried Benns, die geliebten Bilder des Hieronymus Bosch oder mittelalterliche Gottesbeweise, ziehen es meiner mühsam erworbenen Erfahrung nach vor, sich von einer schönen, vergnügten Person auslachen zu lachen, die neckend und rein rhetorisch fragt: „Muss ich das jetzt wissen?“ – Im Berufsleben werden alle Kenntnisse, Fertigkeiten und Interessen, die nicht unmittelbar der Berufsausübung dienen, ja ohnehin eher mit Misstrauen beobachtet: Könnte, so fragen sich die Kollegen, das Fräulein Modeste vielleicht Zeit und Energie auf den Besuch öffentlicher Opernhäuser verschwenden, die doch von Rechts wegen der Firma zustünden? – Werde man älter, so spekulierte meine Freundin J. einmal, fände die Bevorzugung der Schönheit und guten Laune doch vermutlich ein natürliches Ende. Indes liegt der Denkfehler dieser Annahme natürlich in der Tatsache begründet, dass zu diesem Zeitpunkt dann eben nicht mehr gleichaltrige plappernde Schönheiten, sondern entsprechend jüngere die begehrten Pokale des Soziallebens nach Hause tragen werden.

Mag es sein, wie es ist. Schon im Mauerpark schwinden die schwarzen Gedanken, und schließlich sitze ich zu viert auf einem knallgrünen, fleckigen Sofa, trinke Bier und esse Chips und schaue mir hintereinander Kill Bill I und II nochmal auf DVD an.

Und fühle mich wohl als Zweitplazierte.

Alleine Verreisen

„Hast du jemals daran gedacht, deine Flüge selbst zu buchen?“, fragt der T. und öffnet eine Menge Fenster des Browsers gleichzeitig und wirft prüfende Blicke auf Abflugzeiten und Preise. „Reicht doch, wenn du das kannst!“, sage ich, bestreiche dicke Scheiben Bauernbrot mit sehr viel gesalzener Butter, Roastbeef und raspele Kren in großen Spänen drüber. „Ich weiß nicht, wie du das um diese Uhrzeit essen kannst.“, schüttelt es den T., der ein eigens für ihn angeschafftes Croissant aus der Backstube des Sowohlalsauch verzehrt, und nach eingehender, ziemlich kompliziert wirkender Suche einen Flug von München nach Hamburg vorschlägt, der € 73,– kosten soll und achtzig Minuten dauert. „Hört sich gut an.“, sage ich, und krame in den Papierbergen auf dem Schreibtisch nach meiner Kreditkarte.

„Ich hoffe, du bekommst das alleine hin, das richtige Gate zu finden, und rechtzeitig da zu sein.“, sorgt sich der T., dessen Bild meiner Person deutlich unselbständiger zu sein scheint, als es der Realität entspricht. Zwischen zwei großen Stücken Mondseer Käse zähle ich dem T. alle unbegleiteten Flüge meines Lebens vor, weise auf eine eindrucksvolle Karriere als unaccompanied minor hin, zähle alle beruflich bedingten Flüge großzügig mit, und komme so insgesamt auf zwölf Flüge ohne hilfreichen Begleiter zu meiner Seite. Verpasst, so fahre ich fort, habe ich in all den Jahren einen einzigen Flug im Januar 2004 von Berlin nach Wien, bei dem eine allzu flüchtige Durchsicht der Reiseunterlagen eine Verwechslung von Abflug- und Ankunftsdatum hervorgerufen hat. Bezeichnenderweise war ich bei diesem Flug noch nicht einmal allein.

Ich sei, erinnert der T., aber bei so gut wie allen unbegleiteten Reisen zumindest hingebracht oder abgeholt worden und meistens sowohl bis zum Gate geführt, und unmittelbar nach der Gepäckausgabe wieder eingesammelt worden. Dass meine persönliche Fähigkeit zur Orientierung in unbekannten Gefilden nicht allzu gut entwickelt sei, sei doch schon allein der Tatsache anzusehen, dass ich noch nie allein in Urlaub gefahren sei, noch nicht einmal für zwei oder drei Tage. „Völlig anderes Thema.“, zische ich den T. an, und führe aus, dass seit Erreichen des elternlos reisefähigen Alters bis zur Trennung vom geschätzten ehemaligen Gefährten stets ein sozusagen natürlicher Reisebegleiter zur Verfügung stand. Überdies könne eine Reise mit dem J. als eigentlich unbegleitet gezählt werden, denn die Orientierungslosigkeit jenes Herrn ist in weiten Kreisen der Hauptstadt geradezu legendär.

„Wofür hältst du mich eigentlich?“, frage ich daher den T., und rufe auf einer der vielen Homepages, die gerade offen sind, verschiedene Flugangebote auf. Startort: Berlin. Zielort: Moskau. „Du spinnst doch.“, sagt der T. und erinnert überdies an eine zeitgleiche Kurzreise mit der C. und der J. nach Ungarn. „Ach ja.“, sage ich, und klicke weiter. Mit der Deutschen BA nach Tiflis? Da wollte ich schon immer mal hin. Für den Anfang meiner Alleinreiselaufbahn ganz gesittet nach Paris oder London? Mit airberlin nach Catania? „Du kannst als Frau nicht allein nach Italien fahren.“, diktiert mir der T. „Bin ich blond?“, gebe ich zurück und erinnere daran, überhaupt bereits jetzt ein Alter erreicht zu haben, in dem ich sogar für unser aller Außenminister schon völlig außer Konkurrenz laufe. „Da wirst du wenig Freude haben.“, behauptet der T., und erzählt eine lange Geschichte von seiner Freundin G., die allein in Rom eine Art Martyrium der schmierigen Kontaktaufnahmeversuche durchlebt habe. „Pah!“, sage ich, denke mir meinen Teil über die G., und klicke „Jetzt buchen“: Berlin – Venedig und zurück. Eine Erwachsene. Im November. – „Na dann viel Spaß.“, sagt der T., und verabschiedet sich nach weiteren drastischen Prophezeiungen meines Abhandenkommens in und an der Adria.

Wir werden sehen

An Bord der MS Spreepiratin

Von Wilmersdorf an die Spree und dann fünf Treppen hoch: Die Party ist nicht zu verfehlen. Die Spreepiratin muss nette Nachbarn haben, denke ich, der Geräuschentwicklung entgegenlaufend, werde in einen vollen Korridor gezogen, drücke mich an lachenden, tanzenden und quatschenden Gästen vorbei und lasse mich schließlich in Balkonnähe dort nieder, wo bekannte Gesichter auftauchen. Dann trinke ich Bier und Wein viel zu durcheinander, spreche mit eigentlich allen, insbesondere der charmanten, lebhaften Gastgeberin (und dem Herrn MC, wir haben, glaube ich, aus unerklärlichen Gründen kein Wort gewechselt) , viel zu wenig, und fahre voller Vorfreude auf eine nächste Party irgendwann Richtung Prenzlauer Berg.

Wie der Hamster starb

„Da ist er.“, flüsterte meine Freundin N. mir ins Ohr, als der G. samt blonder, schlanker Freundin zur Tür hineinkam. Mir fiel fast das Glas aus der Hand, und ich starrte den G. an, der dem Gastgeber dieser Party im Hause seiner Eltern die Hand schüttelte und sodann in der Menge im Foyer des Hauses verschwand. Jedesmal, wenn zwischen den Köpfen der anderen Gäste derjenige des G. einen Moment sichtbar wurde, fingen die Eiswürfel in meinem Glas dermaßen auffällig an zu klirren, dass die N. mich belustigt anstieß.

Die selbstsichere, aparte N. plauderte rechts und links und versicherte aller Welt, es sei ein großartiges Gefühl, durchs Abitur zu fallen, und ich saß neben ihr auf den Treppenstufen und betete, auf der Stelle unsichtbar zu werden oder doch wenigstens auch so schlank wie die N., neben der ich mir ein wenig vorkam wie ein sehr adipöses Nilpferd. Irgendwann küsste die N. einen athletischen Herrn, der sich im Laufe des Abends als medizinstudierender Olympiaruderer erweisen sollte, und im Laufe der nächsten Tage als ein ziemlich psychopathischer, kopflos verliebter Stalker. – Ich stand auf und ging die Treppen hoch.

„Komm rein,“, rief die Schwester einer Klassenkameradin mir durch die halbgeöffnete Tür eines der Gästezimmer dieses mit mehr Geld als Geschmack ausgestatteten Hauses zu, stand auf einer Art Wäschekommode und zog sich vor zwei überdreht lachenden Männern langsam aus, und ich bewunderte sie für ihren Mut noch mehr als für ihren schönen Körper mit der barkenförmigen Blinddarmnarbe, blendendes Weiß auf rotbraunem Grund: Es war Hochsommer, Juli 1992. – Im Wintergarten tanzten ein paar Leute, ab und zu verlor einer der Tänzer die Kontrolle über seine benebelten Glieder und fiel klirrend gegen die Blumentöpfe. Von einer getöpferten Ampel unter der Decke herab sah die Katze der Familie uns feindlich an. Ich trank mehr Kir Royal als jemals wieder in meinem Leben, tanzte ein bißchen, lag in einem Korbsessel herum, und fütterte den Hamster der kleinen Schwester des Gastgebers, dessen Käfig im Wintergarten stand, durch die Gitterstäbe hindurch mit Möhrenstreifen. Ab und zu füllte der J2 mein Glas nach und drehte mir kleine Zöpfe in das damals noch fast hüftlange Haar, die ich im Bad vor dem Spiegel wieder ausbürstete. Irgendwann auf dem Rückweg aus dem Badezimmer kamen mir zwei Klassenkameraden entgegen, den Hamsterkäfig in der Hand.

„Was habt ihr denn vor?“, hielt ich den einen am Ärmel seines Sakko fest. Statt einer Antwort warf der Angesprochene den Käfig gegen die Decke, die Lampen klirrten, und der Hamster wirbelte in seinem Käfig erst hoch, und dann wieder auf den Boden. – Mit dem Hamsterkäfig in der Hand stampften beide Richtung Küche. „Wollen die den Hamster braten?“, fragte ich den J², der in einer Rattanliege verträumt den Perlen im Champagner nachsah, und zog den völlig Weggetretenen hinter mir Richtung Küche.

„Hör auf mit dem Mist.“, rief ich durch die Küchentür, die jemand von innen zuhielt. Von innen dröhnte lautes, rauhes Lachen, es klirrte, etwas zerschellte auf dem Boden, und als man mich einließ, grinste mein blonder Vordersitzer aus dem Lateinkurs mich an, den zappelnden Hamster in der Hand. Wie ein Zauberkünstler zeigte er das sich windende, quiekende Tier vor, legte den Hamster dann langsam auf ein Brett, und schwenkte mit der anderen Hand ein langes Filetiermesser. „Das machst du nicht.“, sagte ich, oder vielleicht war´s auch der J², und möglich ist, dass es diese Äußerung war, die den Ausschlag gab, und das Messer fuhr zwei- oder dreimal in den Hamster, der die Küchenplatte in einem Maße vollblutete, wie man es diesem kleinen Tier niemals zugetraut hätte. Ein bißchen fassungslos sahen die vier oder fünf Gäste in der Küche den Hamstermörder an, und einen Moment lang passierte gar nichts. „Das wird meine Schwester nicht freuen.“, meldete sich schließlich der Gastgeber zu Wort. Wie in Panik riss der Klassenkamerad, das Messer immer noch in der Hand, einen großen Streifen Aluminiumfolie von der Hängevorrichtung an der Dunstabzugshaube, wickelte den toten Hamster ein paarmal ein, und warf die Silberkugel durch das offene Fenster in die Nacht.

„Ich kaufe Montag einen neuen Hamster.“, versprach der Urheber des Problems, und ging nach Hause. Der Gastgeber nickte, und der J² und ich verabschiedeten uns gleichfalls, um nur einige Stunden später mit dem Gastgeber stundenlang den Garten abzusuchen, und so zu verhindern, dass die kleine Schwester nach ihrer Rückkehr die Reste ihres Hamsters irgendwo zwischen Rosenbeet und dichten Stauden finden würde.

Unter dem Flieder gruben wir den Hamster in seiner Aluminiumverpackung einen halben Meter tief ein.

Was noch kommen mag

Alles, was die Liebe zu bieten hat, hat die Marquise von Merteuil gesehen, alles erlebt, und die Empfindungen anderer gehorchen ihr nicht weniger als ihre eigenen. Sie lockt, schmeichelt, und berechnet noch die entlegenste Regung ihres Gegenübers, um eine Langeweile zu vertreiben, die diese Gesellschaft bar der Ziele und Aufgaben am Ende eines Zeitalters betäubt: Vorabend der Revolution.

Zieht sie den einen oder anderen an sich, so wird dies nicht ohne Hintergedanken geschehen, und die interessante Wendung gilt ihr mehr, als die Wahrhaftigkeit eines Gefühls. Die Leere zwischen diesen Vorstellungen, die Einsamkeit inmitten des schillernden Glanzes der Amouren, scheint ein einziges Mal auf in den Briefen, die De Laclos ihr in seinem einzigen, großartigen Werk zugedacht hat, wenn sie, Paris, den 15. Oktober 17**, dem Vicomte Valmont ihre Furcht ausdrückt, ihr Lebenswandel möge dem jungen Ritter Danceny offenbar werden:

… und ich wäre voll Verzweiflung, wenn er im Geringsten ahnte, was vorgeht. Wenigstens in seiner Phantasie will ich mich rein und fleckenlos bieten, so, wie ich sein müsste, um seiner wahrhaft würdig zu sein.

Diese hilflose Regung, der ein Überdruss an Erfahrung zugrundeliegen mag, ein Ekel an der Abgenutztheit der eigenen Empfindung, war dem fremd, der seiner großartigen Übersetzung 1926 eine Einleitung vorangestellt hat, in der er ganz am Ende diese Stelle eine Fälschung heißt, geschuldet der moralischen Vorstellungen des Autors, und man fragt sich ein wenig, ob Heinrich Mann, nicht nur, glaubt man seinem Neffen, nichts von der Politik, sondern auch wenig vom Herzen verstanden haben mag: Nicht eine moralische Regung oder ein Rest von Scham vor den Konventionen bewegt die Marquise. Die Trauer jener Zeilen gilt niemandem andern als sich selbst.

Denn, so will es scheinen, es offenbart sich gerade in jenen Zeilen der Preis, den man zahlen wird für die Suche nach etwas, das durch das schiere Faktum dieser Suche ferner rückt, und entschwindet: Die Liebe als ein Ort der Wahrhaftigkeit, der Reinheit und Unbedingtheit des Gefühls, des Ankommens in einem Land aus Licht und reinen Klängen.

Und auch ich, die ich längst keine Merteuil sein könnte, zweifele in manchen Stunden, ob dieses Land nicht längst untergegangen sein mag unter all dem, was man gesagt, getan und empfunden hat. Ob das, was auf einen noch warten mag, nicht längst verwüstet und verbrannt hinter einem zerrissenen Schleier liegt

Auf den Spuren der Vergangenheit

Ahnenforschung soll sich ja gerade bei ansonsten beschäftigungslosen Rentnern gesteigerter Beliebtheit erfreuen, und so wandte sich auch mein Onkel U. nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben vor zwei Jahren der Erforschung der Familiengeschichte zu.

Allzuviel Unterhaltung kann besagter Onkel aus der Vergangenheit unserer insgesamt doch eher unspektakulären Familie, die weder herausragende Geistesgrößen noch bedeutende Krieger hervorgebracht hat, indes nicht gezogen haben, und die Tatsache, dass jener Vorfahr dort, und ein anderer woanders gelebt haben mag, dieser die Tochter eines Geistlichen heiratete, und jener eine Kaufmannswitwe heimführte, muss schon auf ein sehr gelangweiltes Gemüt stoßen, um als interessant gelten zu können. Insbesondere die Tatsache, dass das immerhin bewegte 20. Jahrhundert durch schriftlich wie mündlich außergewöhnlich mitteilsame Familienmitglieder nahezu lückenlos dokumentiert sein dürfte, führte jenen Onkel schnell in fernere Gefilde der Vergangenheit, in der kaum ein mitteleuropäischer bürgerlicher Haushalt etwas Spannenderes unternommen haben dürfte, als zu arbeiten, zu essen und ab und zu zu heiraten.

Besondere Sesshaftigkeit scheint der väterlichen Familie allerdings nicht zu eigen gewesen zu sein, und so fuhr der Onkel U. auf den Spuren der Vorfahren weiter und weiter, um schließlich ein Flugzeug nach Odessa zu besteigen, von wo um 1850 herum ein Vorfahr aufgebrochen war, um sein Glück in Österreich als ein Seidenhändler zu suchen.

Was der Onkel U. in Odessa so ganz konkret suchte, war aus ihm nicht abschließend herauszubringen. Odessa scheint sich, darf man meinem Onkel Glauben schenken, seit 1850 auch ganz erheblich verändert zu haben, und außer einigen Spaziergängen, ein bißchen ergebnislosem Herumlesen in den der Öffentlichkeit zugänglichen Archiven der Stadt und ebenso fruchtlosem Wandern auf verwahrlosten Friedhöfen, scheint der Onkel U. seinem Ziel nicht näher gekommen zu sein: Erkenntnisse über das Leben und die konkreten Verhältnisse der Vorfahren scheint der Onkel U. nicht heimgebracht zu haben.

Gefallen aber habe er an der Stadt durchaus gefunden, so äußerte sich der Onkel gegenüber meinem Vater. Das Hotel sei ein wenig staubig gewesen, insgesamt aber charmant, und auch die alten Frauen, die auf jedem Flur des Hotels gesessen seien, hätten ihn nicht über Gebühr irritiert. Da er keinen Besuch mit heimzubringen pflegte, habe ihn auch die Angewohnheit der weiblichen Wächterinnen nicht gestört, das Kommen und Gehen in dem wenig besuchten Hotel jeweils schriftlich festzuhalten. Was das in allen seinen Einzelteilen in Plastik verpackte Frühstück anging – nun, ein in vielen Flugreisen gestählter Mensch kennt dieses meist wenig wohlschmeckende Phänomen.

„Wesentlich weiter,“, so mein Vater über die Exkursionen seines Bruders, „wird er auf seiner Suche ja ohnehin kaum kommen.“, denn im Dunkel der Vergangenheit seien frühere Wanderungsbewegungen der Familie mangels entsprechender Überlieferungen wie Dokumente kaum mehr auszumachen. Wolle der Onkel U. auch seinen weiteren Ruhestand mit Exkursionen auf der Suche nach verblichenen Familienmitgliedern füllen, so müsse er sich daher wohl in das weite Land reiner Spekulation begeben, auf der Grundlage einer blühenden Phantasie die Kontinente durchwandern, und könne ebenso gut nach Ägypten fahren wie etwa nach Schweden oder gleich zum Mond.

Wohin es andere Familien ja immerhin fast geschafft haben.

Unter Paaren

„Eigentlich,“, sagt meine blondlockige Freundin, und schlingt ihren Arm noch ein wenig fester um ihren Freund, „wollten wir ja schon im Juli noch eine Woche weg.“ Der Freund nickt und ergänzt die unüberwindlichen Hinderungsgründe in Gestalt des Referatsleiters mit drei Kindern, dem bei der Urlaubsplanung leider der Vortritt gelassen werden musste. „Wir“ hätten also keinen Urlaub bekommen. Jetzt also solle es im Oktober losgehen, Portugal oder Sizilien, und „wir“ würden dann eine Woche mit einem Mietwagen herumfahren und anschließend eine Woche baden. – „Das hört sich aber nett an.“, sage ich pflichtschuldig, und beide Köpfe des eng umschlungenen Paares nicken eifrig und begeistert. Mit einem entschuldigenden Schwenken meines leeren Glases eile ich davon.

„Ja, hallo – Modeste!“, spricht mich vor dem Kühlschrank ein anderer Gast der Party an, und zieht mich in den Korridor, um mir seine neue Freundin vorzustellen, die klein, dünn und hennafarben an ihrer Bierflasche saugt. „Freut mich.“, sage ich, schüttele Hände, und plaudere ein bißchen über Art und Güte des Buffets, die Herstellung eines perfekten Käsekuchens, und woher ich die Gastgeber eigentlich kenne. „Wir haben uns ja in der Referendars-AG kennengelernt.“, strahlt die neue Freundin. „Noch jemand ein neues Bier?“, fragt mein Bekannter, küsst seine Freundin auf beide Wangen, um sich für knappe drei Minuten zu verabschieden, und drängelt sich durch den Türrahmen in die übervolle Küche.

„Schatz?,“ ruft eine hohe, weibliche Stimme aus dem Wohnzimmer. „Schaaatz?“, woraufhin sich ein blonder, schlaksiger Jüngling aus einer unter der Last der Weltpolitik wogenden Gruppe vor dem Buffet löst, und dem Rufen folgt. „Schaaatz“ und Freundin, so erfahre ich, seien nur noch zu Besuch in Berlin, und hätten sich in Hamburg gerade eine Wohnung gekauft. „Wir überlegen ja auch, zu kaufen.“, berichtet eine mir unbekannte Kollegin der Gastgeberin, und auf der Stelle beginnt eine längere und lebhafte Diskussion über den Kauf von Immobilien am Prenzlauer Berg, geeignete Quellen für den Erwerb antiker Kacheln, notwendige Bestandteile eines Badezimmers und die Tapetenfrage.

„Ich muss los.“, verabschiede ich mich von der Gastgeberin und erwähne meine unglaubliche Müdigkeit sowie meine außerordentliche Arbeitsbelastung. „Wohl gestern lange unterwegs gewesen?“, lacht die Gastgeberin: „Wir gehen ja gar nicht mehr so häufig aus.“ – Jaja, denke ich, und versuche mich zu erinnern, ob die Gastgeberin eigentlich zu irgendeinem Zeitpunkt eine Freundin der langen Nächte von Mitte war, und kann mich eher nicht erinnern. „Lass´ uns demnächst mal frühstücken gehen,“, schlage ich vor, „vielleicht im Nola´s? Oder im drei?“ „Gern,“, sagt meine Freundin. Nur nächstes Wochenende, da sei es schlecht. „Unsere Eltern kommen.“

„Melde dich einfach.“, sage ich, laufe die Treppe hinab und sage dreimal ganz laut „Ich“, zu der Frau in den Spiegeln im Treppenhaus.