Flanieren

„Weißt du,“, sagt mein Begleiter, „Berlin ist mir eigentlich zu groß.“ Daheim, so erzählt er, kenne er die Bäckersfrau und den Metzger, alle Nachbarn die Straße hinauf und hinunter, und wenn er den Leichenwagen sehe, wisse er ebenso genau, wer gestorben sei, wie er den Anlass der verstreuten Reiskörner kenne, die vor der einzigen Kirche des Dorfes liegen, in dem er aufgewachsen ist, und in das er zurück möchte, irgendwann. – Auch ich, so antworte ich, während der Tee in lichtem, hellgrünen Strahl in die Tasse fließt, kenne die Verkäuferin beim Bäcker. In denjenigen Bars, in denen ich regelmäßig meinen Wein trinke, fällt mir auf, wenn eine neue Bedienung hinter dem Tresen steht, und meine Nachbarn kenne ich ausnahmslos alle. Die Vorzüge der Großstadt aber, die Opernhäuser, die Konzerte, Lesungen, Parties und Vernissagen, die habe er in seinem Kaff doch keinesfalls, und am Abend in die Stadt fahren zu können, sei nie dasselbe, wie dort schon zu sein. Der eigentlich Reiz einer großen Stadt aber – und hier trinke ich ein wenig vom viel zu heißen Tee – sei aber ein anderer. Ich wisse aber nicht, sage ich, ob er dies verstünde:

Durch die Stadt zu laufen, ziellos, unter den Linden einige Gesprächsfetzen von Passanten aufzufangen und einem Pärchen zuzulächeln, das im Lustgarten auf dem Rasen sitzt. Weiterzulaufen, in die Schaufenster zu schauen, und sich vorzustellen, wer einen prächtigen schilfgrünen, paillettenbesetzten Rock mit Plisseeeinsätzen kaufen wird. Hoffen, dass das Mädchen, dass beim Schuhgeschäft an der Ecke begehrlich ein paar Schuhe in der Hand wiegt, diese auch kaufen kann. Bei einem Antiquar einen Stapel Bücher zu kaufen, und über die Ex Libris ein wenig traurig zu werden, und an denjenigen zu denken, der sich diesen hübschen Linolschnitt im Stil der Neuen Sachlichkeit hat schneiden lassen. Bestimmt ein Arzt, denke ich, denn in einer Ecke prangt ein Stethoskop. Einem offiziell aussehenden Autokonvoi hinterherzuschauen und zu überlegen, wer darin sitzen mag. Durch die Scheibe einigen Männern in einem afrikanischen Telephonladen zuzuschauen, die so heftig diskutieren, dass ihre Rastalocken heftig hin und her schwingen. In einem Café beim Zeitungkesen zuhören, wie die Kellnerin schniefend leise telephoniert, und auf einmal laut wird und brüllt „Du Dreckskerl. Dann hau´ doch ab.“ – Drei, vier U-Bahnstationen von meiner Wohnung entfernt in der Fremde zu sein, eine neugierige Touristin, die den verschleierten Frauen hinterherschaut und überlegt, ob die Frau mit dem safranfarbenem Kopftuch über einem geschmackvollen Mantel glücklich ist. – Vielfalt des fließenden Lebens.

Mein Begleiter schüttelt den Kopf, und ich versuche es mit einer anderen Geschichte.

„Weißt du,“, sage ich, „als ich acht war, hatte mein Vater in London einen Termin bei einem Notar, und ich sollte warten. Irgendwann wurde mir langweilig und ich verließ das Haus, ließ meinem Vater eine Notiz da, ich ginge zum Hotel zurück, und lief die Straße hinab. Ich hätte,“ fuhr ich fort, „das Hotel gefunden, das war ja gar nicht weit. Ich bin aber nicht abgebogen, sondern einfach weitergelaufen, immer weiter, dann in jede lockende Straße hinein, ab und zu in Geschäfte, habe ein wenig geschaut, irgendwann an einem Brunnen an einem ruhigen, baumbestandenen Platz ausgeruht und immer weitergelaufen. Irgendwann veränderten sich die Geschäfte, die Stimmen wurden lauter, die Gerüche andere, und ich hatte schon ganz vergessen, dass ich eigentlich zum Hotel zurücklaufen wollte. Bei einem Bäcker habe ich mir ein bißchen Kuchen gekauft, da muss ich schon lange gelaufen sein, und wie im Rausch bin ich die Straßen im Zick-Zack immer weiter gegangen, stundenlang, und habe mich vergessen und verloren an diese riesige, verführerische Buntheit einer Stadt.“

„Hast du keine Angst bekommen?“, fragt mein Begleiter, der den Reiz, den wirbelnden Zauber der großen Stadt nie verstehen wird, und ich lächle achselzuckend und spreche über Dinge, die wir beide mögen.

Wo ist die Party?

„Ich bin die dickste Frau in der ganzen Bar.“, nörgele ich ein bißchen herum und betrachte die 1,80 großen, schlanken Frauen, die ihre extravagante Garderobe zwischen den weißen Lederwürfeln zur Schau tragen. Am Nachbartisch erklärt ein schon leicht erschlaffter Mittdreißiger im rosa Hemd einer riesigen, schlangenhaften Blondine die Weltwirtschaft, und als die Gläser leer sind, winkt der T. vor der Tür einem Taxi. Ein dicker, schnauzbärtiger Türke fragt nach dem Ziel der Fahrt, und zwischen den goldfarbenen Blumen am Rückspiegel und auf der Hutablage, und unter dem durchdringenden Leiern der türkischen Musik diskutieren der O., der T. und der S. ein bißchen herum.

Am Wochenende sei der vom S. vorgeschlagene Club eine absolute No-Go-Area, sagt der O. und schildert die Beschaffenheit der Wochenendbesucher in drastischen und überaus abschreckenden Farben. Die Party, die der O. dafür ins Gespräch bringt, ist dem S. wiederum zu geschleckt, und in einem anderen Club war der T. gerade. „Wo soll´s denn jetzt hingehen?“, unterbricht der Taxifahrer die Diskussion. „Auf die Torstraße.“, dirigiert der S.,

Richtung Friedrichshain/Kreuzberg, so viel steht immerhin fest, kann eigentlich nicht falsch sein, und so fährt der Fahrer am Alex vorbei, dessen Spitze heute nacht weich in der feuchten, kühlen Luft verschwimmt. Der T. reicht eine Flasche nach hinten. „Was ist das?“, frage ich, die ein bißchen müde wird, so ganz ohne Musik, denn die Taxifahrermusik hat der T. gerade ausgemacht. „Entre Deux Mers“, antwortet der S., der das Etikett studiert, während der T. und der O. bei irgendwelchen Leuten die Telephone klingeln lassen: Wo ist die Party?

„Hört sich ganz gut an.“, höre ich vom Beifahrersitz, aber links neben mir wird heftig mit dem Kopf geschüttelt. „Kenn´ ich, nicht mein Fall.“, heißt es rechts neben mir zu einer anderen Party. „Da bin ich nicht für angezogen.“, höre ich von vorn, wo es anscheinend gerade um eine Party geht, bei der Jeans und Hemd keine gute Idee darstellen. „Geht´s ein bißchen unkomplizierter?“, frage ich, die ich mit schwarzem, gerafften Oberteil und ingwerfarbenem Rock nicht gerade galatauglich daherkomme. – „Der G. meint, die Party da sei öd. Die gehen gerade.“, meint der O., das Telephon am Ohr, und dirigiert das Taxi weiter Richtung Kreuzberg. – „Mir ist heute mehr nach Mittemädchen.“, sagt der T., und lästert ein bißchen ab über die Prenzl´bergerin, die in sehr individuell bedruckten T-Shirts und Jeans mit Turnschuhen an den Füßen durch die Welt liefe, und Unterwäsche aus Frottee trüge. Frauen, proklamiert der T., sollten sowieso keine Turnschuhe tragen. Der S. findet biertrinkende Turnschuhträgerinnen in Tank-Tops sexy, dem O. ist gerade alles egal, und ich überlege zum hundertsten Mal, die halsbrecherisch hohen, wahnsinnig schönen seidenbespannten Schuhe bei Orlando am Hackeschen Markt zu kaufen, in denen ich keine hundert Meter laufen kann.

„Wo soll ich jetzt hin?“, fragt der inzwischen ziemlich genervte Taxifahrer, und der T. weist ihn weiter über die Spree und dann irgendwann rechts. Der O. spricht über die rätselhafte Wiederkehr der Chucks, und ich frage die Herren nach ihrer Meinung zu Schuhen mit Lederbommeln vorne dran. „Alles besser als Turnschuhe!; sagt der T., der gerade sehr müde aussieht, und das Taxi kommt zum Stehen.

„Da seid ihr ja.“, drückt ein sehr dünnes, sehr großes blondes Mädchen den T. und den S., und einen Moment überlege ich, ob es die Frau aus der Bar von vorhin sein könnte.

Aber wahrscheinlich sehen die alle so aus.

Die B. verliebt sich

„Modeste,“, sagt die B. und ich halte den Hörer ein bißchen vom Ohr weg, damit mein Trommelfell keinen Schaden nimmt. „Ich bin verliiiebt!“ – „Das ist ja großartig!“, sage ich und freue mich für die B., die schon etwas länger, eigentlich solange ich sie kenne, allein durch die Stadt läuft. „Erzähl´ mal!“, sage ich, denn romantische Geschichten höre ich ganz gern, und romantisch ist es ja meistens, wenn zwei Leute zusammenkommen.

Irgendwann, mag schon ein paar Monate her sein, wurde in der Volksbühne Premiere gefeiert. Der Begleiter der B. war irgendwann mit einem anderen jungen Mann verschwunden, und mit irgendwelchen fremden Leuten saß die B. auf der Treppe am Sternfoyer und trank ein Bier nach dem anderen. Er, also ER, er sei mit einem Freund dagewesen, der Freund habe viel erzählt und viel gelacht und noch mehr getrunken, und er habe mehr oder weniger einfach nur so herumgesessen. „Du bist aber still.“, habe die B. zu ihm gesagt, und dann habe er zu ihr übers Theater gesprochen, denn davon verstünde er eine Menge. Weil andauernd Leute vorbei gewollt hätten, die Treppen rauf oder runter, wären sie ein bißchen zusammengerückt, er hätte ihr den Arm und die Schulter gelegt, sie geküsst, und am nächsten Morgen sei die B. irgendwo in Friedrichshain aufgewacht und noch vor seinem Erwachen auf leisen Sohlen davongeschlichen und nach Mitte zurückgefahren. Eine Telefonnummer habe sie nicht dagelassen, man erspare sich so das fruchtlose Warten, und überdies zähle die Nacht, „aber nicht verraten!“ – auch nicht zu den zehn bedeutendsten Erlebnissen ihres Liebeslebens. In seinem Alter, habe sie damals gedacht, sei das vermutlich auch kein Wunder, nach längerer Bekanntschaft schiebe sie die maximal durchschnittliche Performance aber auf übermäßigen Konsum von Alkohol an jenem Abend. – „Wie alt ist der denn?“, frage ich ein bißchen beunruhigt, und versuche mich zu erinnern, wie alt die B. eigentlich ist. 25? Oder 26? – „Er sieht jünger aus, als er ist.“, verteidigt die B. die Jugendlichkeit ihres Neuen, ohne ein exaktes oder auch nur ungefähres Alter zu verraten.

Überhaupt sehe er gut aus, sagt die B., und liefert eine jener Beschreibungen Verliebter ab, nach denen kein Mensch auf Erden den Beschriebenen irgendwo wiedererkennen könnte. Mittelgroß sei er. Eigentlich blond, aber inzwischen mehr grau als blond. Und einen kleinen Bauch habe er auch, den sie besonders niedlich fände, weil er eigentlich sportlich sei, so alles in allem. Jedenfalls sportlicher als sie. – „Was macht er denn so?“, frage ich, und erhalte von der B. eine etwas umständliche Erläuterung seines Lebenslaufs, der ziemliche viele Semester irgendeiner etwas obskuren Geisteswissenschaft umfasst, eine Promotion in eben jener Fachrichtung und einen Ein-Euro-Job in einem Museum. „Oha.“, sage ich, und erinnere mich mit einem Lächeln an die lange Liste von Auswahlkriterien für den Herrn ihres Herzens, die mir die B. im Winter irgendwann einmal beim Wein zu später Stunde verraten hat.

„Aber ich hab´ dir noch nicht erzählt,“, fährt die B. fort, „wie wir eigentlich zusammengekommen sind.“ – Ich nicke, auch wenn die B. das am Telephon nicht hören kann, und höre zu.

Ganz enttäuscht sei er, also ER, gewesen, als die B. am nächsten Morgen verschwunden war, und sei allein frühstücken gegangen. Sie hätte aber, so die B., die ganze Zeit an ihn gedacht, und er auch an sie, und weil das Schicksal wollte, dass die B. und ihr Neuer sich finden, habe sie seinen Freund, den lustigen, lauten, nur ein paar Tage später im U-Bahnhof Kleiststraße getroffen. Er hätte sie bemerkt, aber nur ganz kurz gegrüßt, und sie ihn auch, aber als er schon fast auf dem Bahnsteig gestanden sei, und sie war auf dem Weg die Treppen hoch, da sei sie umgekehrt, und habe ihn angesprochen. Sie habe, so sagte sie, seinem Freund eine überzählige Theaterkarte versprochen, was natürlich glatt gelogen war, und der Freund schrieb ihr ohne weitere Umstände die Telephonnummer auf.

Vier Tage später, das Telephon war schon ganz warm vor romantischer Aufladung, rief sie an. Am Wochenende traf man sich, unter der Woche traf man sich wieder, Liebesbezeugungen folgten Liebeserklärungen, und man habe die feste Absicht, so die B., sich überhaupt nie wieder zu trennen.

Und ich sage ausnahmsweise mal gar nichts.

Typologie

Horoskope? Glauben Sie kein Wort. Auch die Berufswahl ist meistens zu zufällig, um wirklich Auskunft geben zu können über diesen oder jenen interessanten Herrn, und nach der Oberbekleidung zu gehen wäre natürlich in höchstem Grade kindisch.

Nein, besuchen Sie ihn einfach und schauen sich um. Wohnt er noch in seiner Jugendzimmereinrichtung aus Kiefer? Ist die Wohnung sehr schmutzig oder extrem unaufgeräumt? Gibt es Bilder? – Aber auch diese Faktoren, meine Damen, können nur begrenzt Auskunft geben über die wahre Natur eines Mannes, und so stellen Sie sich einfach vor sein Bücherregal. Bei sehr umfangreichen Sammlungen – und nur die Besitzer sehr umfangreicher Bibliotheken sind imstande, eine Frau wirklich glücklich zu machen – verwickeln Sie den Herrn in ein Gespräch über seine leinen- oder ledergebundenen Lieblinge, und schon eine Stunde später, vielleicht auch zwei, wissen Sie eigentlich alles Wissenswerte über diesen Herrn und besitzen eine hinreichende Faktenbasis, um Entscheidungen über die weitere Verwendung des Eigentümers der Bücher zu treffen.

Mit dem Hermann-Hesse-Leser zum Beispiel würden Sie nicht viel Freude haben. Treuherzig mag er ja sein, gewiss – aber ist Treuherzigkeit eine Eigenschaft, die einem erwachsenen Mann zukommen sollte? Bestimmt versucht er Ihnen bei nächster Gelegenheit, ein Exemplar des „Kleinen Prinzen“ zu schenken, schleppt beleuchtete Salzsteine in Ihre Wohnung, und findet die Anthroposophie gar nicht so uneben. Ansonsten werden Sie klare Stellungnahmen kaum aus ihm herausbekommen: Er ist ein treuer Jünger des Einerseits-Andererseits und schreitet überhaupt durch´s Leben als die männliche Ausgabe des Tigerentenmädchens. – Gehen Sie besser einfach nach Hause.

Mit dem Hemingway-Freund ist es dagegen so eine Sache. In homöopathischen Dosen genossen, schätzt auch die kultivierte Dame zu recht eine gewisse Virilität. Der Zauber einer haarigen Brust und kräftiger Oberarme – wer könnte sich dem entziehen? Überschreitet die Begeisterung indes ein gewisses Maß, schätzt ein Herr dazu noch – sagen wir: Bukowski. Oder Wondratschek: Dann, meine Damen, haben Sie es nicht mit einer gesunden Männlichkeit zu tun, dann hat Ihr neuer Bekannter einen ausgewachsenen Komplex, der ihn in wenigen Jahren zum Kauf teurer Autos treiben wird, auf dem Beifahrersitz werden blonde, etwas vulgäre Personen weiblichen Geschlechts Platz nehmen, und am Ende wird ihn auf einer Safari ein Löwe fressen, weil er den Anordnungen der Fremdenführer keine Folge leisten wollte. Sie können dann noch froh sein, wenn er seine Besitztümer wenigstens Ihnen vermacht, und nicht der blonden Person. Auf der anderen Seite: Was wollen Sie mit Hemingways gesammelten Werken?

Die gesammelten Werke Thomas Manns, die vielfach gelesene Goethe-Ausgabe und ein Haufen einschlägiger Sekundärliteratur sollten Sie ebenfalls stutzig machen. Könnte, so sollten Sie sich fragen und den jungen Mann einmal genau in Augenschein nehmen, Ihr neuer Bekannter vielleicht ein wenig konventionell sein? Einer jener Herren, denen die Krawatte am Hals festgewachsen wäre, wenn sie nicht ab und zu das Modell wechseln würden? Die bei erstbester Gelegenheit an den Wannsee oder nach Döbling ziehen werden, ihre Nachmittag auf dem Golfplatz verbringen, weil man da nicht so schwitzt, und die nicht einmal ihre Frau unbekleidet zu Gesicht bekommen wird? Überlegen Sie es sich gut! So etwas kann ernsthafte Folgen haben – und bevor Sie sich versehen, sitzen Sie irgendwo am Kamin, Ihr Gatte stapelt nach einem ausgeklügelten System das Holz, und liest Ihnen zum Frühstück aus der FAZ vor.

Zu einem Oscar-Wilde-Verehrer kann man nur denjenigen raten, die es nicht stört, wenn Ihr neuer Freund länger im Badezimmer verweilt als Sie. – Von den geistigen Bewohnern Mittelerdes kann man gleichfalls nur abraten: Was wollen Sie mit einem Herrn, der sich mit einem Hobbit identifiziert, ernsthaft anfangen? Und dass Männer, die Frauenromane lesen, keine weitere Beachtung verdienen, liegt natürlich auf der Hand: Vor Jahren begegnete mir einmal ein Herr, der zwecks Studium der weiblichen Seele erfolglos „Das Tagebuch der Bridget Jones“ las – ich habe mich selten so gelangweilt.

Tja – und dann, nach gründlicher Durchsicht seiner Regale, können Sie sich also wahlweise verabschieden und schnell davonlaufen, oder Sie bleiben einfach gleich da, nehmen sich ein Buch und legen sich auf sein Sofa. Vielleicht legt er sich ja dazu.

Tollpatsch

Na, Sie waren bestimmt ´ne Sportskanone, ich aber, ich war zeitlebens immer nur in denjenigen Sportarten gut, für die eine begrenzte Feinmotorik reicht. Leichtathletik etwa, oder Rudern. Auf Pferden geht es auch ganz gut, wenn das Pferd und ich keine besonderen akrobatischen Akte vollziehen müssen, und einfach so durch die Gegend springen dürfen.

Bei allen Betätigungen, die ein erhöhtes Maß an Feinmotorik voraussetzen, und die nicht vollständig wären ohne eine ältliche Lehrerin, die am Rand steht und die ganze Zeit vergeblich um „Mehr Grazie!“ bittet, da habe ich leider jedesmal schmählich versagt: Die Momente auf dem Schwebebalken gehören nicht zu den angenehmsten Kindheitserinnerungen, die ich so mit mir herumtrage, Rythmische Sportgymnastik war ganz schlimm, dieses ganze Herumgeschwenke von Bällen und Bändern, und beim Ballett, fünf Jahre alt, war ich der Schandfleck der Ballettschule und habe mich vor den Ballettstunden zu Hause immer auf den Boden geworfen und wollte nicht hin.

Wieso, denken Sie nun aber, erzählt das Fräulein Modeste das nun wieder? Das Alter, in dem der Mensch gezwungen wird, am Sportunterricht teilzunehmen, ist ja doch schon ein paar Jahre her, und der betrübliche Mangel an Körperbeherrschung wird sich, so denken Sie, nun doch nicht mehr so auswirken.

Das aber, meine Damen und Herren, ist leider völlig unzutreffend. Nehmen wir einmal nur den gestrigen Abend.

Ich komme also aus meiner Schlafzimmertür und laufe, es ist stockfinster, weil der Lichtschalter auf der anderen Seite ist, erst einen Meter nach vorn, dann ein Stück nach links, und dann wieder nach vorn, weil mein Korridor nicht einem langen Schlauch gleicht, sondern vielmehr ein bißchen schief und krumm ist, wie das manchmal eben so ist im Altbau. Im hinteren Abschnitt des Korridors, gegenüber vom Schuhregal, ragt die Küchentür in den Raum, aus irgendwelchen Gründen tritt man aber nicht in die halboffene Tür – man läuft einfach dagegen. Frontal.

Die Wasserflasche, die man in der Hand hält, die zersplittert natürlich auf dem Boden. Und selbstverständlich hat man nichts auf den Füßen, und sitzt da nun also inmitten der ganzen Scherben. Weil der menschliche Kopf gegenüber einer Holztür doch das fragilere Gebilde darstellt, hat die Holztür ganz eindeutig gewonnen und grinst stillvergnügt vor sich hin – da, in der linken unteren Kassette habe ich´s gesehen. Mir dreht sich alles, als ich aufstehe, wird mir sogar ein bißchen übel, und durch die Scherben hindurch wanke ich zurück und lege mich ins Bett.

Heute morgen habe ich den ganzen Vorgang dann vergessen, stehe auf, so gegen 8 Uhr morgens, und schleppe mich Richtung Küche, um Teewasser anzuwerfen.

Mag es meine Blindheit sein oder mein schlechtes Gedächtnis – eigentlich, eigentlich hätte man die Scherben auf dem Boden ja gar nicht übersehen können. Ich aber setze natürlich meinen Fuß gedankenverloren mitten in das Ensemble aus Wasserresten, gesplittertem Glas und füge noch ein paar Blutflecken dazu.

Überhaupt – die vielen im Laufe der Jahre vom Tisch gewischten Gläser. Der Blumentopf, der erst letztlich unter großer Geräuschentwicklung in den Hof gefallen ist. Meine völlige Unbrauchbarkeit beim Tischtennisrundlauf. Und die Worte eines Herrn, mit dem ich einmal schwimmen war, und der nach meinem Sprung vom Dreimeterbrett nichts weiter sagte als: „ Du springst nicht. Du lässt dich einfach fallen.“

Das ist alles kein Spaß.

Selbstbestimmte Mutterschaft

Zwischen Männer und Frauen, so sagt man, soll es ja ganz wesentliche Unterschiede geben, die ich nach monatelangem Dasein als Single allerdings so gut wie alle vergessen habe. Einer dieser Unterschiede indes, an den ich mich schwach erinnern kann, besteht in dem signifikant unterschiedlichem Maß, in dem Frauen und Männer um die dreißig der Fortpflanzung zuneigen: Frauen, etwas generalisiert gesagt, wollen sich zumeist immerzu fortpflanzen, Männer aber zeigen diesbezüglich keinerlei Neigung und verschieben die Familiengründung auf einen imaginären Zeitpunkt, der irgendwann in der Zukunft liegt und vielfach überhaupt nie eintritt: Es gibt also einen ernsthaften Mangel an potentiellen Kindsvätern.

Dieser Mangel erfährt eine Verstärkung durch die leidige Tatsache, dass sich die fortpflanzungswilligen Männer so gut wie alle mit denselben Frauen reproduzieren möchten, zu der die Bekannte einer Freundin aus vielfältigen ästhetischen Gründen offenbar ganz ausgesprochen nicht gehört. Ende dreißig, meistens berufslos und in Kreuzberg beheimatet, sah jene Bekannte mit den Jahren die Chancen auf erfüllte Mutterschaft davonschwimmen.

Rettung nahte jener Bekannten indes aus einer Gruppe, deren Reproduktionsfreudigkeit offenbar gesellschaftlich noch nicht hinreichend ausgeschöpft wurde, denn die Neigung, sein Leben mit dem eigenen Geschlecht zu verbringen, scheint nicht in jedem Fall einen freiwilligen Verzicht auf die Elternschaft zu beinhalten. Die Bekannte wandte sich also an einen schwulen Freund, und stieß bei diesem durchaus auf Zustimmung zu ihren Plänen.

Wie zwischen beiden Parteien die Abrede, ein gemeinsames Kind zu erzeugen und zu versorgen, getroffen wurde, entzieht sich der Kenntnis nicht nur meiner Person, sondern auch derjenigen meiner glücklicherweise äußerst indiskreten Freundin. Wie auch immer die Vereinbarung auch erfolgt sein mag – die mangels verfügbarer Finanzmittel für eine künstliche Befruchtung auf natürlichem Wege eingeleitete Zeugung verlief erfolgreich, und schon bald trug die glückliche werdende Mutter ihren schwellenden Bauch über den Marheinekenplatz. Die Niederkunft steht unterdessen unmittelbar bevor.

Ob es die mit der Zeugung verbundenen Vorgänge waren, oder die Tatsache der gemeinsamen reifenden Elternschaft – zwischen Kindsvater und werdender Mutter entspannen sich bald Bande, die über das Verhältnis zwischen Freunden um einiges hinausgingen. Die zunehmende Innigkeit im Verhältnis zwischen den zukünftigen Elternteilen rief jedoch eine Person auf den Plan, die im ohnehin nicht spannungsfreien Verhältnis zwischen den Geschlechtern zumeist eher nicht vorgesehen ist: Den Lebensgefährten des Kindsvaters.

Was jener Herr, über siebzig und als einziger Beteiligter mit einem hinreichenden Einkommen gesegnet, an der Situation ganz genau als störend empfand, ist weder meiner Freundin noch mir bekannt, und so sind auch wir verwiesen auf bloße Spekulation: Mag es die Tatsache sein, in hohem Alter noch einmal Onkel (?) zu werden? Fürchtet hier ein Mann an der Schwelle zum Greisenalter, den 38 Jahre jüngeren Gefährten zu verlieren, der ausersehen war, ihm das Alter zu verschönern? Oder stört sich jener Herr an den Finanzmitteln, die aus dem Kreislauf der Beziehung abfließen, da schließlich kein Mann die Mutter seines Kindes darben lassen kann, und zum Unterhalt auch dann berufen ist, wenn es nicht sein eigenes Einkommen ist, dass der Hege und Pflege der Kindsmutter zuteil wird?

Dunkel und verschlungen verlaufen die Pfade des Lebens.

Dankeschön!

Spielchen mit Stieren, hört man, können auch übel enden, und so hat ein ereignisloser, schon fast langweiliger Sommer, lesend zwischen den Bäumen im Park, ja auch sein Gutes. Weil es mit dem Menschen so ganz ohne wilde Tiere ja aber auch nichts Rechtes ist, schaut man sich die schwarzen und die roten Stiere schön geschrieben auf Papier an, und spaziert durch die Seiten vorbei an den Krausser´schen Zerklüftungen von Tod und Eros, in denen sich das menschliche Wesen wie Licht in einem Prisma bricht, und die Wirklichkeit ein trügerisches, schwarzes Strahlen gewinnt, vielgestaltig und ebenso verschattet wie sinnlich.

Man überlegt zum wiederholten Male, den abscheulich orangefarbenen Umschlag der hochgeschätzten Autobiographie Hasenclevers Irrtum und Leidenschaft endlich einmal gegen etwas Schönes auszutauschen – und wenn schon kaum mehr etwas Reizvolles zu Lesen im Hause ist, dann klingelt es in aller Herrgottsfrühe an der Tür, man öffnet blind wie eine ganze Armee von Maulwürfen die Tür, und sieht sich einer frischen, rothaarigen Postbotin gegenüber, die ein Päckchen schwenkt.

„Was hab´ ich denn nun schon wieder bestellt?“, denkt es in den verschlafenen Hirnwindungen, man klappt das Päckchen auf…

… und reißt freudig das Geschenkpapier von den Viktorianischen Ausschweifungen“, mit denen mir ein freundlicher Leser aus Österreich einen Wunsch von meinem Wunschzettel erfüllt hat .

Seien Sie herzlich bedankt!

Erwartung

Irgendwo in der Frau, die ich im Spiegel sehen kann, wartet der Tod und versteckt sich einstweilen. Vielleicht eine Lungenzelle, die einstweilen völlig unbeobachtet in meinem Brustkorb vor sich hin atmet, und eines Tages mutiert, klumpt und wuchert, und dann das Krankenhaus, Haarausfall und der achselzuckende Arzt. Oder der Herzfehler, der sich eines Tages von einer Petitesse auswachsen wird zu einem ernsthaften Problem, das Herz will dann nicht mehr, und ohne Herzschlag, heißt es, lebe es sich ja mäßig und meist nicht besonders lang. Oder der Tod wächst mir in einem andern entgegen, einem nachlässigen, betrunkenen Autofahrer, der heute morgen nüchtern an seinem Schreibtisch sitzt, eines Tages mit Freunden ausgeht, vergnügt ist, und die Kosten des Taxis scheut? Oder der Herbeigerufene, Herbeigesehnte, Geliebte und eines Tages vielleicht dann doch Verlassene trägt meinen Tod in seinem Kopf, und steht eines Tages mit dem Messer im Hauseingang, ein kurzer Schreck, ein scharfer Schmerz und das Ende.

In den letzten Momenten, so heißt es, gingen noch einmal spektakuläre Dinge vor, das ganze Leben zöge an einem nochmals vorbei, und es würde hell, ein letztes Mal würden alle Register gezogen, und erst dann sei es aus, man könne sich loslassen, entschwinden ins Nichts, oder in Sphären, von denen ich nicht weiß.

Es mag aber auch sein, dass auch in diesem Augenblick nichts weiter wartet als die letzte, endgültige Enttäuschung: Zu liegen, hilflos, in Schmerzen und nackter Angst. In der Gewissheit, dass diese Schmerzen nicht mehr enden werden, die Welt verglasen zu sehen, schreien zu wollen und nicht zu können. Größtmögliche Einsamkeit. Sich noch einmal aufrichten zu wollen, ein letztes Mal „Ich“ zu denken, und aus dem Dunkel der Schmerzen, allein und in schriller, lähmender Angst in ein Dunkel hinübergezogen zu werden, das nichts Gnädiges an sich hat.

He, Sie!

Da sind Sie ja. Jeden Morgen, vielleicht auch einmal ein paar Tage nicht, aber mit schöner und schmeichelhafter Regelmäßigkeit sehe ich Sie bei mir vorbeilaufen, und da habe ich mir gedacht, ich bitte Sie doch einmal herein. – Legen Sie erst einmal ab. Ja, die Tasche können Sie im Korridor stehen lassen. – Einen Tee? In ein paar Stunden würde ich einen Sherry anbieten, aber um diese Zeit… Ein Stück Kuchen können Sie auch bekommen, und jetzt setzen Sie sich erst einmal hin.

Jetzt sitzen Sie mir also gegenüber, auf meinem grünen Sofa, und sind so stumm wie immer. Ich plaudere ein bißchen daher, wie meistens, vom gestrigen lustigen Abend im Visite ma tente, vom vorgestrigen im Prater, lästere ein bißchen über Bekannte, die ich nicht mag, und Freunde, die´s vertragen, und Sie sitzen mir einfach so gegenüber und baumeln ein bißchen mit den Beinen. Ist´s Ihnen unbehaglich auf meinem grünen Sofa? Sie sind ja so still! Mögen Sie lieber den Ohrensessel haben, der ist bequemer, und für´s Wohlfühlen gemacht und nicht fürs Paradieren? – Ach, so, unterhalten werden wollen Sie hier, und selber plaudern möchten Sie gar nicht? Und die anderen Gäste, die reden Ihnen schon genug, und da mögen Sie selber gar nicht dazwischenreden? Schüchtern sind Sie am Ende gar? – Aber nicht doch. Erzählen Sie mir doch ein wenig. Kennt Sie hier doch keiner.

Bei Ihnen daheim, da reden Sie schon genug? Ach, sage ich, und ziehe Sie ein wenig an den Ohren – und da denken Sie, das reicht? Ein guter Gastgeber zu sein, sage ich Ihnen, und dränge Ihnen noch eine Tasse Tee auf, reicht schließlich nicht. Auch ein guter Gast muss man sein, die Hausherrin mit reizenden Geschichten zum Lachen bringen und sie ein wenig aufheitern, wenn die Welt ihr gerade nicht gefallen mag. Virtuelle Blumen sind gern gesehen, denn die Hausherrin wird demnächst ja schon 300, und reife Damen hören ja gerne Komplimente. Das Kölnisch Wasser können Sie aber getrost Ihrer Großmutter schenken, so alt bin ich auch nun wieder nicht. Plaudern Sie einfach ein bißchen.

Und kommen Sie gerne wieder vorbei.

Der Koch, der Dieb, die G. und sein Liebhaber

„Dich gibt´s auch noch.“, zischt der T. in den Hörer. „Tut mir leid.“, sage ich, „ich bin zur Zeit schrecklich beschäftigt.“, und erwähne die riesigen Haufen unerledigter Arbeit auf dem Schreibtisch. Viel zu tun sei, und interessant sei das wenigste daran. Privat täte sich gar nichts, und überhaupt sei mein Gesamtzustand in einer Weise stationär, die nur als besorgniserregend angesehen werden könne.

„Du solltest wegfahren.“, meint der T., und spricht von der erfrischenden Wirkung eines kurzen Aufenthalts am Meer, bei Menton etwa, wo die G. diversen Freunden das Haus ihrer Eltern geöffnet habe. Die G., so fährt der T. fort, habe sich ja immer noch nicht erholt, und brauche aufheiternde Gesellschaft wie kaum etwas anderes.

„Erholt?“, frage ich, und kann mich beim besten Willen an kein besonderes Ereignis im Leben der G. erinnern, deren wiehernder Frohsinn mir von einigen wenigen Abenden in Gesellschaft in etwas anstrengender Erinnerung geblieben ist. „Habe ich dir nicht…?“, fragt der T., rechnet ein bißchen nach, wann das letzte ausführliche Telephonat stattgefunden hat und fängt sodann an, zu erzählen.

Sogar die G. nämlich, dieser blonde Cheerleadertraum in rosa Ralph-Lauren-Blusen und mit Perlen um den Hals, verfüge über einige sonderbare Vorlieben, die man diesem meist strahlendem Sonnenschein nur schwerlich zutraue. Unwiderstehlich angezogen werde die G. nämlich nicht, wie es sich gehöre, von wohlerzogenen Herren mit richtigen Berufen und rahmengenähten Schuhen, vielmehr hindere nur die Entfernung zwischen Kärnten und dem nächsten Meer die G. daran, sich haarigen und tätowierten Matrosen an den Hals zu werfen, am besten verschwitzt und ziemlich lange ungewaschen. So habe die G. schon vor einiger Zeit Gefallen an dem Koch eines pseudomexikanischen Restaurants gefunden, der diesem Ideal schon ziemlich nahe gekommen sei, und jenen Herrn mitgenommen nach Frankreich in das besagte Haus ihrer Eltern. Einige Tage habe man sich dort dem Wohlleben hingegeben und der Koch habe der G. Enchiladas zubereitet und Tacoschalen mit Hackfleisch gefüllt.

Fast zeitgleich indes sei auch der Vetter der G. auf die Idee gekommen, dort Aufenthalt zu nehmen, und das Unheil nahm seinen Lauf. Eines Tages nämlich sei die G. alleine zum Strand gefahren, ihr Koch und ihr Vetter seien allein im Haus zurückgeblieben, und als die G. am Abend zurückgekehrt sei, sei das Haus seltsam still gewesen, und die Terrasse leer. „Wo seid ihr?“, habe die G. gerufen, sei ein bißchen durch die Korridore gelaufen, und habe schließlich das Schlafzimmer des Vetters betreten. Dort, hinter zugezogenen Vorhängen, habe sich ihr indes ein Bild des Grauens geboten, des subjektiven Grauens allerdings, denn der Koch und der Vetter schienen sich vielmehr in hohem Grade zu amüsieren.

Schockiert, wenn auch unbemerkt, sei die G. zurückgeprallt. Habe fassungslos ein wenig vor der wieder geschlossenen Tür gewartet, und sei dann ein zweites Mal eingetreten, diesmal unter erheblicher Geräuschentwicklung. Entsetzt seien die beiden Hausgäste auseinandergefahren, und die nächsten Stunden konnten für keinen der Anwesenden besonders vergnüglich verlaufen sein: Die G. warf den Koch aus dem Haus, und der Vetter bekam gleichfalls nahegelegt, sich doch demnächst einmal eine andere Bleibe zu suchen.

Er werde, sprach der Vetter, den Koch zum Flughafen fahren, und die G. möge sich in der Zwischenzeit ein wenig beruhigen. Die G. verschwand türenschlagend in ihrem Schlafzimmer, und kam erst wieder heraus, als Vetter samt Koch das Haus verlassen hatten.

Am Abend, die G. und ihr Vetter saßen sich zu einem schweigsamen Mahl gegenüber, klingelte das Telephon. Der Koch war am Apparat und begehrte den Vetter zu sprechen. Er habe, sprach der hinausgeworfene Jüngling, eine Tasche vergessen, die man ihm hinterherschicken oder vorbeibringen solle, und die sich unter seinem Bett befinde. Der Vetter ging auf der Stelle nachschauen. Die Tasche war voll und ziemlich schwer.

„Was war denn nun in der Tasche?“, unterbrach ich des T. effektvolle Kunstpause. „Weißt du, Modeste,“, antwortete der T., „ein schlimmer Verlust wäre das kaum gewesen. G.´s Eltern sind offenbar keine wirklich geschmackvollen Menschen.“ – In der Tasche hätten sich die Schmutzwäsche des Kochs und ungefähr fünfzehn Hummelpuppen befunden, die ursprünglich den Kaminsims des Hauses geziert hätten.

„Ich hoffe, sie haben ihm seine Beute belassen.“, sage ich und gieße mir ein Glas kalten Tee ein.