Entzündungsherde, die bleiben. Empfindliche Sensoren eines zerschundenen, krustigen Fluidums: So braunes Haar. – Am Freitag über ihn sprechen, nachts auf den staubgrünen Polstern einer Bar. Ihn lächelnd abtun, der vernarbt ist auf der Oberfläche meiner Seele. – Am Samstag morgen beim Photographen Li um die Ecke in den Kästen graben, die vor der Tür stehen: Alte Photographien, verblasste Hochzeitspaare, Stück einen Euro, ein Bub mit Mütze, verkrampft in die Kamera blickend im Jahre 1924. Eine Straße in Berlin, schwarzer Sommerschatten und von Früchten üppig hängende Äste am Wegesrand.
Irgendwann inmitten des Stapels, in fremden Kleidern, ein Käppchen auf dem Kopf, schaut er mich an: Das dunkle, volle Haar, die starke Nase. Die Augen ganz entleert. Neben ihm liegt ein Instrument auf einem Polster auf einem geschnitzten Stuhl. – Es ist das Richtige. Wilmersdorf, steht auf dem unteren Rand des Bildes, und der Name des Photographen. 1943.
Ohne Bilder komme ich atemlos heim und weiß für einen Moment, für zwanzig Minuten wieder genau, wie er aussah. Seine Stimme, dunkel, und ein bißchen langsam, schleppend, als dächte er stetig nach, was er sagen solle, und war doch bloß Camouflage, die Langsamkeit, für das kalte, präzise Gehirn eines hochbegabten Alligators. „Die Dämonen“, die er in einem rußígen Kellerlokal las, als ich ihn warten ließ, stundenlang, weil ich nicht wusste, ob ich hingehen sollte, oder es einfach lassen. Die kräftigen, fast bäuerlichen Hände, die ich sofort erkannt habe an den Armen eines anderen Mannes in einer Winternacht. Die eckige Schrift mit den steilen Unterstrichen. Das kalte Lachen, endend in einem schrillen, schmerzenden Laut.
„Hast du deinen Bruder erreicht?“, frage ich die C., die beruhigenderweise nickt. Alles in Ordnung. Aufatmen. In den Gläsern klirren die Eiswürfel leise und melodisch aneinander, und als die Musik angeht, sprechen wir ein bißchen über dieses sonderbare Gefühl, dass diese Menschen den Westen, dieses inhomogene Gebilde, hassen für exakt die Dinge, die auf Freiwilligkeit beruhen, und bei denen keiner mitmachen muss: Die Wahlfreiheit über sein Leben zu haben, mit sich, seinem Körper, seinen Leidenschaften zu tun und zu lassen, was man will. Keiner zwingt die bärtigen, verkniffenen Männer aus der Zeitung dazu, der neuesten Prada-Kollektion zu verfallen, niemand zwingt ihre Frauen, statt riesiger schwarzer Stoffsäcke bauchfrei und gepierct mit einem Mojito in der Hand auf den Tischen zu tanzen. Niemand weist diese Leute an, statt an einen Gott und seinen Propheten an viele Götter oder gar keinen Gott zu glauben, und Erlösung nicht im Gebet, sondern bei Wal-Mart zu suchen.
„Diese Leute,“, meint der O., „haben die Relativität der Zeichenwelt nie verstanden.“, und ordert einen Kir Royal. Mangels einer noch irgendwie weltumspannend Verbindlichkeit beanspruchenden Idee, wie es Gott für das Mittelalter war, oder die Revolution und der Fortschritt für die Moderne, könne von einer irgendwie gearteten ideellen Hegemonie ohnehin nicht mehr die Rede sein. Auch The American Way Of Life sei daher nur so einflussreich, wie jeder ihm eben zugestehe, und dass die Bewohner der Slums dem Mythos von Beverly Hills begehrlich und hasserfüllt aufsäßen, sei schließlich nicht weiter erstaunlich. „Macht gibt es eben immer nur im Kopf.“, sage ich, ein bißchen unbehaglich, weil es dort nicht stimmt, wo die Macht der Zeichen auf die körperliche Ebene überschwappt.
„Am meisten nerven mich eigentlich die geistigen Konzessionen, diesen Verständniskotau, den die Weichspülpresse so absondert.“, meint der O., und die C. nickt: Das entschuldigende Gerede von der miesen wirtschaftlichen Lage in manchen Regionen und dem Erbe des Kolonialismus: Ganz so, als seien Missgunst und Vergeltung in irgendeiner Weise berechtigte Empfindungen, deren Emanationen man in ihrer Intensität missbilligen könne, die aber dem Grunde nach nicht völlig abwegig seien. – Der reflexhafte Verweis auf die Politik der USA oder Israels, oft geprägt von einer puren, grundsätzlichen Gegnerschaft, die über Kritik im Detail weit hinausgeht, und im schlimmsten Fall geprägt ist von hämischer Opposition: Sündenfall der politischen Linken.
„Lass´ uns über was Angenehmes reden.“ sage ich, und wir bestellen bei der Kellnerin im viel zu kurzen Rock und mit den wippenden Zöpfen Gin Tonic und trinken auf unsere Welt mit ihren schneidenden Kanten und Widersprüchen, ihrer brausenden, wortreichen Leere, die wir füllen können, wie immer wir lustig sind. Auf die Freiheit, zwischen vielen Leben wählen zu können, und von heute auf morgen fortzugehen. Auf die Freiwilligkeit, die unseren menschlichen Beziehungen zugrundeliegt: Das Geschenk, das darin besteht, dass jeder, der mit uns seine Abende verbringt, dies ganz und gar freiwillig tut. Das Glück eines Lebens, dass auch dann, wenn es keinen postmortalen Ausgleich gibt, ein Gelungenes gewesen sein wird: Hier im orangefarbenen Licht, das Lächeln auf dem Weg an der Bar vorbei, die Musik, die einen weich umspült, und ein wenig bitter und säuerlich allein die glasklare Füllung der Gläser zwischen den Eiswürfeln an einem Abend in Mitte.
Alles in allem bin ich keine arg unpraktische Person: Ich weiß, welche Blumen zu welchem Anlass passen, und wie viele davon. Ich kann, wenn es denn sein muss, Fenster streifenfrei sauber bekommen, Gurken einlegen, Prozesse gewinnen und Wiener Walzer tanzen. Ich koche Hühnersuppe, die gegen Erkältung hilft, kann Servietten so falten, dass sie wie Schwäne oder Frackhemden aussehen, und wissenschaftliche Tagungen kann ich auch organisieren. Die Datenverarbeitung indes…
Nehmen wir nur einmal diese Woche.
Am Dienstag sitze ich also in der Wohnung des J., der sich seinerseits auf einem Konzert befindet. Zu meinen Füßen schlafen die Pinguine, vor mir steht das Powerbook des J., und neben mir steht mein eigenes Notebook. Es heißt Acer. „Ich schreibe,“ hat der J. vor seinem Aufbruch mitgeteilt, „dir das WLAN-Passwort einfach mal auf. Dann kannst du ein bißchen surfen.“ „Du hast aber ein langes Passwort.“, sage ich zum J., und fahre den Rechner hoch. Unten rechts zeigt Acer an, ob drahtlose Netzwerke vorhanden sind, dann muss man auf das Richtige tippen, und wird nach dem Passwort gefragt. Ja, und dann….dann springt ein Fenster auf, in dem steht, das Passwort müsse irgendwie anders eingegeben werden. „Wie machst du das in deiner Wohnung?“, fragt der J. etwas irritiert nach seiner Rückkehr. „Gar nicht.“, sage ich. Und dass ich zwar nicht diese Anzeige bekäme, indes auf verschlungenen Wegen ein viel kürzeres Passwort für das WLAN auf Acer geraten sei, dass jetzt nicht mehr wegginge. Die Eingabe des richtigen Passworts indes führe ebenfalls nicht zur Eröffnung eines Zugangs zum Internet, so dass ich eigentlich nur den großen Rechner auf dem Schreibtisch nutze.
Dieser Blick…
Heute morgen dann fahre ich also den Rechner hoch, öffne problemlos die langweiligste Diss der Welt, und klicke auf das Symbol mit der Note, mit dem normalerweise iTunes aufgeht. Heute aber öffnete sich lediglich ein schwarzes Fenster und ging sofort wieder zu. Panik.
Nach einiger Zeit hektischer, aber erfolgloser Betriebsamkeit und über der zweiten Kanne Tee kam der vermeintlich rettende Gedanke: ich würde, dachte ich mir, iTunes einfach deinstallieren und neu aufspielen. Gesagt, getan.
Irgendwann öffnete sich also das Zeichen, mit dem die Installation hätte beginnen sollen, die Kiste fing an zu rattern und zu rauschen, und dann erschien die irritierende Anzeige, es sei bereits eine neue Version von iTunes installiert. Die Installation könne nicht fortgesetzt werden. Öffnen lässt sich iTunes indes immer noch nicht, statt dessen geht der Installationsvorgang jedesmal erneut und erfolglos auf.
Vielleicht, so dachte ich mir, liegt irgendwas im Weg, und verstopft den Zugang zu den Musikdateien? Der Rechner ist zu voll geworden, und nun kommt das aufgerufenen Programm nicht mehr richtig durch? Wahllos löschte ich ein paar Programme, die mir eher unbekannt erschienen, und klickte erwartungsvoll auf die – sich aus irgendwelchen Gründen nunmehr verdoppelt habenden – iTunes-Symbole. Keine Veränderung. Statt dessen klingelt das Telephon.
„Weißt du, wie ich iTunes wieder draufbekomme?“, frage ich meinen kleinen Cousin nach eiigen einleitenden Worten, denn die jüngste Generation, so sagt man, sei imstande, der Datenverarbeitung in erhöhtem Maße Herr zu werden. „Was?“, fragt der Kleine, und zeigt sich sowohl unkundig als auch uninteressiert. „Wozu brauchst du das`“, fragt er weiter, und referiert seine Feriensorgen, die mich wiederum nur peripher interessieren.
Dann eben nicht, denke ich, und überlege, wie viele Musikdateien nun unwiderruflich den Orkus hinabgeschwommen sein könnten. Und ob ich einen frischen Rechner brauche, und wie lange der gegebenenfalls vorhalten würde.
Mozarts meinten wir, alle miteinander so ungefähr 18, überdrüssig zu sein. Verdi? Ein Fall für´s Abonnementspublikum. Beethoven – „meine Liebe, Beethoven ist ausgeschöpft“.
Schlechte Bücher, so glaubten wir überdies, verdürben den Charakter. Wir lasen Wilde und Céline, Jünger und Benn, und hegten schon deshalb kaum einen Zweifel an unserer Perfektion. Die Welt, so glaubten wir allen Ernstes, habe ein Rausch aus Gold, Blut und Rosen zu sein, Gott war ein toter Hund, und Nietzsche dafür um so lebendiger.
Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts, sagten wir uns vor, und als die Mutter eines Kameraden Schlaftabletten nahm, und eine Woche später begraben wurde, lobten wir, noch etwas weiß um die Nase, die Schönheit dieses Todes, die den Abschied in Würde dem Verlassenwerden vorzog. Den moralischen Rigorismus der Jugend, den sich andere gehalten haben mochten, meinten wir, schon von vornherein überwunden zu haben. Im weißen Kleid mit Lochstickerei ging ich zu der Einladung, die die Geliebte des Vaters eines Freundes für jenen gab, und trank Krimsekt. Mundus vult decipi, zuckten wir die Achseln, und lachten ein bißchen über Regierung und Opposition gleichermaßen und über die, die dumm genug waren, gar nicht gehört zu werden, noch ein bißchen mehr.
Statt der Ungerechtigkeit der Welt hassten wir ihre Hässlichkeit, und stellvertretend jene Kameraden, die das Unglück hatten, mangels anderer geeigneter Ziele in jenem windstillen Winkel der Welt für uns deren Grobschlächtigkeit zu verkörpern: Der dicke, immer etwas schwitzende Junge mit dem Aktenkoffer. Die blonde, ordinäre Bauerntochter, die sich aus der Stadtbücherei Liebesromane entlieh, die „Stürme der Leidenschaft“ hießen oder so ähnlich. Als der Direktor der blonden Bäuerin nahelegte, die Schule nach der U I zu verlassen, hatten wir gesiegt.
Zehn Jahre ist das her. Das Mädchen, das ich einmal war, ist mir fremd geworden, die Sorglosigkeit und die Arroganz, auch der selbstgerechte Äthetizismus, sind mir hoffentlich ferngerückt. Ihre Bücher aber sind die meinen geblieben, und beim Wiederlesen bin ich so bei mir, dass das Mädchen von früher noch in einer meiner Ecken sitzen muss, irgendwo. Neben die gepflegten Ekstasen der letzten Jahrhundertwende sind indes andere Vorlieben getreten, und der jugendliche Snobismus, der alles gesehen und gekannt haben wollte, und dem kaum etwas exklusiv und gesucht genug sein konnte, ist einer Demut gewichen, von der ich mir wünsche, das sie nicht nur die Kunst umfasst.
An die Stelle der Schönheit der Welt als Maß und Regel ist eine Komplexität getreten, vor der wohl nicht nur ich ein wenig ratlos stehe. Schwierig ist die Welt bisweilen geworden, und ich urteile zunehmend weniger und stets ein wenig ungern.
Für die Verwirrung über die Kompliziertheit der Dinge, für den Verlust der Sicherheiten des jugendlichen Selbst, schenkt einem die Welt indes manchmal die Momente, die der Achtzehnjährigen in ihrer Hybris nicht gegeben worden wären: In der Staatsoper zu sitzen, Daniel Barenboim die Sonaten Beethovens spielen zu hören, und vor der Erhabenheit des tausendmal Dagewesenen in Demut zu erzittern, und im Innersten berührt zu sein:
Gebadet – nein: getauft – in den reinen Wassern der Kunst, in denen wir immer wieder neu und rein werden, wenn wir ihr gesenkten Hauptes nahen.
Die RAF-Ausstellung öffnete ihre Tore. Frierend und ein bißchen gespannt stand ich in der Schlange, plauderte ein bißchen mit den Umstehenden, und hielt Ausschau nach den Freunden, die zur vereinbarten Zeit angekommen sein mussten. Meine Nachbarn in der Schlange spöttelten ein bißchen über den naiven Idealismus des Milieus, aus dem einige aufgebrochen waren, die Bundesrepublik der Siebziger und Achtziger auf den Rücken einiger toter Wirtschaftsbosse umzuwälzen. Ein blutiger Kindergeburtstag müsse das gewesen sein, war man sich einig. Mit schnellen Autos und Frauen, die zum Teil schön gewesen sein mussten, Banken zu überfallen, alte Männer totzuschießen, und zu glauben, die Welt würde besser auf diese Weise. – Über die bessere Welt sprach man nicht in dieser Schlange auf der nächtlichen Auguststraße. Der Traum einer besseren Welt ist sehr, sehr weit weg.
Belächelt wird der Glaube an eine bessere, sanfte und gerechte Welt auch an jenen Tischen, an denen ich bisweilen eingeladen bin. Die Gemüsestreifen in der Thai-Style Suppe stammen aus der Bio-Company oder vom Kollwitzmarkt, Ökologie wird großgeschrieben, und nicht nur ich führe ein Karteileichenleben bei amnesty international. Die Mehrheit am Tisch wird ihr Kreuz im September bei den Grünen machen, der eine oder andere wird die CDU wählen, und auch die FDP hat ihre Anhänger: Liberale mit leicht unterschiedlichen Akzenten verlieren einige wohlgesetzte Worte über die Reform der WTO und Politik als Kommunikationsproblem. Dass die Macht der Gewerkschaften zu recht ihrem Ende zuginge, bedarf hier ebenso wenig der Diskussion wie die leise Verachtung der Sozialdemokratie, die zwischen Rotwein und Schokolade durch den Raum wabert.
Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Neokonservatismus verfehlt angesichts dieses gesellschaftlichen Mainstreams ein wenig die Realität: Niemand der Leute, die mit mir an den Bars der Stadt ihren Wein trinken, will mit einer neoliberalen Brechstange die Republik reformieren. Das Primat der Arbeits- und Sozialpolitik stößt vielmehr auf ein leicht erschöpftes Desinteresse. Es möge, so hört man ein wenig gequält, die Politik sich doch einmal wieder mit anderen Dingen beschäftigen. Galt die Politik noch vor zwanzig Jahren, glaubt man meinem Vater, als ein hochinteressantes Spielfeld, so hat diese Faszination einer bisweilen wortreichen Gleichgültigkeit Platz gemacht: Man erwartet nichts mehr vom Staat.
„Ich würde,“, sage ich so dahin und schaue über den sommerlichen Weinbergspark hinüber zur Torstraße, „mich ja gern wieder einmal verlieben.“ – „Wer würde das nicht?“, schallt es postwendend von den beiden anderen Decken zurück.
Aber bei längerem Nachdenken….
Ich würde ihn also irgendwo treffen und der Blitz schlüge ein. Einseitig, versteht sich, denn das ist ja eigentlich immer so, zumindest zuerst. Am nächsten Morgen würde ich die Augen aufschlagen, und noch vor der ersten Tasse Tee an ihn denken. Was er wohl macht. Aus Angst, ihm irgendwie auf den Geist zu gehen, würde ich ihn natürlich nicht einfach anrufen. Außerdem könnte er ja bemerken, geliebt zu werden, und dann… würde ich auf der Stelle sterben. Oder so.
Statt ihn anzurufen, würde ich einen Haufen anderer Leute anrufen, die ihn irgendwie kennen, bis ich so ungefähr wüsste, wo er wohnt, wo er arbeitet, und wie seine privaten Lebensumstände so aussehen. Natürlich würde ich denen nicht erzählen „Ich habe mich gestern nacht in den XY verliebt, und ihr müsst mir helfen, ihn zu erobern!“ – das wäre zu einfach. Würde mir die C., die einen Haufen Leute kennt, etwa mitteilen, er arbeite in der Kanzlei „Schinder Knochenbrecher & Partner“ in der Friedrichstraße, dann würde ich natürlich auch nicht die C. fragen, ob sie mit mir beispielsweise eben dort um die Ecke bei Ishiin Mittag essen ginge, sondern eher den O. Oder die R., die ist besser als ein Mann, und nicht so hübsch wie die C., sonst verliebt er sich noch auf der Stelle in die C. statt in mich. – Das sind dann so meine Gedanken.
In den nächsten zwei Wochen würde ich die gesamte Friedrichstraße kulinarisch abgrasen, die Bars in der Nähe seiner Wohnung frequentieren, und irgendwann stünde ich ihm dann gegenüber. „Hey, Modeste.“, würde er mich begrüßen, und ein bißchen plaudern. Ich risse mich zusammen, denn das habe ich gelernt, und würde gepflegt zurückplaudern, über Restaurants oder so. Oder über Kunst. „Ruf doch mal an.“, würde ich am Schluss des Gesprächs herauswürgen, und dann winken und wieder zu meinem Platz gehen. Von Stund´ an würde ich daheim das Telephon anstarren. Selbst liebste Freunde würden kurz abgebügelt, damit er den Anschluss nicht besetzt vorfindet. Weil meine liebsten Freunde mich und meine schlechten Gewohnheiten kennen, würden sie nach und nach herauskitzeln, wer denn diesmal das Unglück hat, meine Aufmerksamkeit erregt zu haben, und sodann versuchen, mir den Herrn auszureden, damit endlich Ruhe ist, und sie auch wieder einmal irgendwo anders essen und ausgehen können. Natürlich bliebe das ganz und gar erfolglos.
Vielleicht riefe er tatsächlich irgendwann einmal an. Um mich herum würde sich alles drehen, und damit er bloß nicht bemerkt, wie aufgeregt ich wäre, würde ich mich auf der Stelle in eine Art Eisblock verwandeln, eine Art perlenkettengeschmückte Kommunikationsmaschine hinge in der Leitung, und würde höflich und scheinbar gelassen über die Vorzüge der Emilia Romagna sprechen, und nein, mit Kuwait Airlines fliege ich auch nie wieder. Oder so.
Würden Sie sich in jemanden verlieben, der so etwas erzählt? – Der XY natürlich auch nicht. Und wenn es doch zu irgendeiner Art Verabredung käme, dann wanderte ich neben dem Angebeteten zwei Stunden lang durch ein Museum, denn mit anderen Frauen, es sei einmal gesagt, gehen Männer auch einmal ins Bett, mit mir indes geht ein Mann in aller Regel in ein Museum. Vielleicht würden wir uns, beim Tee nach dem Museumsbesuch, sogar ein bißchen über die Liebe unterhalten. „Ich würde mich ja auch gern einmal wieder verlieben.“, könnte der XY vielleicht sagen. „Ich mich auch.“, würde ich antworten, und aus lauter Verzweiflung, weil er mich nicht liebt, vier Stück Zucker in meine Teetasse werfen.
Vielleicht käme es nie auch nur zu einem Kuss. Oder dann, wenn mir nichts mehr daran liegt. Vielleicht bliebe es bei distanzierten, höflichen Treffen alle paar Monate, und in der Zwischenzeit würde ich versuchen, halbwegs mit Würde durch mein Leben zu spazieren. Vielleicht fiele er mir dann doch, Monate später an einem kalten Abend um den Hals. Inzwischen würden wir uns sogar richtig gut kennen, aber anrufen am nächsten Tag? Wohl kaum. – Griffe er nachts nach meiner Hand, ich bliebe immer noch stumm, und würde mich bestenfalls in etwas verwandeln, was einfach nur da wäre. Im schlimmsten Fall liefe ich weg, und würde am Tag danach versuchen, per Telephon alles irgendwie zu richten.
Am Ende, wenn alles gut liefe, würde ich morgens aufwachen. Er läge da neben mir und schliefe, und ich würde mich ganz vergeblich ermahnen, ihn nicht vor Liebe aufzufressen, und auch wieder einmal an etwas anderes zu denken.
Übermäßiges Mitleid und generelle Tierliebe, so schrieb mir der J. letztlich ans Ende der Welt, habe ihn bewogen, in der U-Bahnlinie 2 einem dem Bankrott anheimgefallenen Zirkusdirektor zwei zahme Pinguine abzukaufen. „Was hast Du in der U 2 zu suchen?“, schrieb ich ihm zurück, und überlegte ein bißchen, ob dem J. als berüchtigtem Spontankäufer eine derartige Anschaffung wohl zuzutrauen wäre, und wie man diese gegebenenfalls, am besten legal, auch wieder los würde.
Das Zusammenleben mit den Pinguinen gestaltete sich in den Folgetagen, J.´s per E-Mail vermittelten Auskünften zufolge, recht unkompliziert. Die Pinguine würden durch J.´s Wohnung watscheln und gerade in den Abendstunden neugierig das lebhafte Treiben am Helmholtzplatz beobachten. Aus Kostengründen bekämen die Pinguine zwar im wesentlichen nur Fischstäbchen und Fischfilet à la Bordelaise von Lidl zu essen, hätten sich aber über Unterkunft und Verpflegung alles in allem sehr zufrieden geäußert. Beide Tiere seien überdies so gut wie stubenrein. – Ich atmete auf, und die Vision, mit dem wütend protestierenden J. samt zwei übelriechenden Pinguinen im Taxi zum Tierheim zu fahren, verflüchtigte sich in den reinen Sphären von J.´s üppig blühender Phantasie.
„Es ist verdammt langweilig hier.“, schrieb ich dem J. vom Ende der Welt zurück und beschwerte mich ein bißchen über Wesen und Erscheinung der anderen Teilnehmer und schloß: „Viele Grüße auch an die Pinguine, ich bin am Freitag wieder in Berlin.“ – Ich könnte dann ja bei ihm vorbeikommen, antwortete der J. und bot außer einem Blick auf die Pinguine die Zubereitung warmer Speisen an.
Als ich ankam, waren die Pinguine angeblich im Schrank. Der J. hackte Zwiebeln klein, ließ sich von den Mißhelligkeiten des Wissenschaftsbetriebes berichten und gab seiner Zufriedenheit Ausdruck, selber an derartigen Veranstaltungen nicht teilnehmen zu müssen: Wissenschaftliche wie sonstige Talente und Fähigkeiten, so der J., würden stets erhebliche Risiken bergen, und in allzuvielen Fällen habe man nichts als Scherereien damit. Glück im Winkel, predigte der kluge J., und sah auf die Uhr: Zehn Minuten für die Spaghetti.
Die Wochen gingen ins Land. Der Juni wurde warm, sehr warm, und wieder ein bißchen kühler. Unter den Bäumen im Praterbiergarten an der Kastanienallee berichtete der J. vom Schicksal seiner Pinguine: Beide Tiere würden entsetzlich schwitzen, und hätten schon mehrere seiner Hemden durch ihre Ausdünstungen verdorben, denn nach wie vor würden sich die schüchternen Tiere insbesondere in Anwesenheit Dritter in seinem Kleiderschrank aufhalten.
Bei der „Kleinen Eiszeit“ in der Stargarder Straße ein paar Tage später nahm J. gleich zwei Kugeln extra für die Pinguine, die nur wegen unverhofft auftretender Transportprobleme dann doch unverzüglich verzehrt werden mussten. Als der J. ohne Eis heimkehrte, warfen, so der geschätzte ehemalige Gefährte, die Pinguine mit Fischstäbchen nach ihm, und verweigerten nach einer weiteren Woche den Verzehr von Fischstäbchen komplett.
„Jetzt haben sie sich auch noch zerstritten,“, teilte der J. zum Wochenende mit. Wider Erwarten würden die Pinguine sogar vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken, so dass er das größere Tier, Herbert genannt, ins Badezimmer habe einsperren müssen. Der kleinere Pinguin sei nicht wenig traurig über diese Entwicklung, habe es sich in J.´s Unterwäsche bequem gemacht und versuche dort, die jüngsten Entwicklungen psychisch zu bewältigen.
Wenn du,“, so schrieb ich zurück, „die Tiere in paar Stunden allein lassen kannst, kannst du am Freitag zum Pizzaessen kommen. Der M. kommt auch“ – Der J. sagte zu und teilte mit, einen Pinguin mitzubringen.
„Wo ist denn der Pinguin?“, frug ich den J., der ein paar Bierflaschen im Eisschrank verstaute. Der J. deutete neben sich. „Darf ich vorstellen – mein Pinguin Herbert. Meine Exfreundin Modeste.“ „Setzt euch schon mal hin,“, sagte ich und schob das erste Blech ins Rohr.
„Hallo,“, grüßte der eintretende M. ein wenig später, „Wie schaut´s aus bei euch? Das riecht aber gut.“, setzte sich, und sah den Pinguin den ganzen Abend nicht einmal an, als sei er gar nicht da.
Geht es Ihnen auch manchmal so? Sie liegen bewegungslos in der Hitze, ächzen nach Weintrauben oder Erdbeeren, und überlegen, am Abend vielleicht eine Thaisuppe zu essen. Rot vor Schärfe. Mit Kokosmilch, Zitronengras und -blättern, Galgant und Gemüse drin. Oder eine Reisschüssel mit rohem Thunfisch und Seetangsalat dazu? Oder Spaghettini mit Zitronensahne und ganz, ganz viel Basilikum? – Und während sie noch so am See liegen, und den Kindern zuschauen, die sich bis zur Hüfte im kleinen Wannsee stehend mit Wasser bespritzen, fragen Sie sich:
Was haben die Deutschen eigentlich früher gegessen?
Keine Fragen wirft der Winter auf. Entgegen dem miesen Ruf der deutschen Küche ist die Wildküche gerade im Landessüden nicht übel, und ein Rehrücken Baden-Baden oder eine Hirschkeule in Wein und Schalotten geschmort, passen gut zu klirrender Kälte und mögen die feuchten, kalten Winter ein wenig verschönern. Ein mit einer Fischfarce und Eiern gefüllter Karpfen mit Aspik überzogen. Eine Königinsuppe mit Sahne, Kalb und Huhn, ein Palatschinken mit Mohn oder Topfen gefüllt, oder eine gebratene Gans mit Rotkohl und Knödeln, im Norden aus Kartoffeln und im Süden aus Semmeln gemacht: Der Winter lässt sich aushalten.
Dass eine gebratene Gans aber im Sommer nichts weniger als eine Zumutung darstellt, und auch ein Eintopf mit dicken Bohnen und Weißkohl und Hammel darin nicht zu dem gehört, was man essen mag, wenn die Temperaturen steigen, liegt eigentlich auf der Hand. Die deutschen Suppen enthalten, zumindest meiner Kenntnis nach, entweder Sahne und Ei, oder werden mit ziemlich schweren Einlagen angereichert. – Und wollen Sie etwa heute mittag eine Bouillon mit Maultaschen drin essen? Oder mit Fritatten?
Der Fischgenuß ist ja nicht in allen Landesteilen gleichermaßen beheimatet, und alle mir bekannten traditionellen Salate werden entweder mit Sahne, süß und sauer, oder Mayonnaise zubereitet: Gar nicht gut bei großer Hitze und leicht verderblich dazu. Frisches Obst kann man auch nicht den ganzen Tag essen, und Kurzgebratenes wirft schon wieder die Frage nach der passenden Beilage auf.
Vielleicht, so sinniert man, haben die ehemaligen Bewohner der deutschsprachigen Landschaften einfach auch im Sommer die Winterküche fortgesetzt? Schnittbohneneintopf mit fettigen Würsten drin gegessen und schwarzes Brot mit Schmalz? Vielleicht besaß, wer alle paar Jahre raubend und sengend durch die auswärtigen europäischen Gefilde ziehen konnte, auch einen wahrhaften Ledermagen? Ernährten sich die Vorväter vielleicht nicht gerade von einer sprichwörtlich spartanischen schwarzen Suppe, aber immerhin von gebratener Blutwurst mit weich gekochten Sommeräpfeln?
Wer bin ich, dem großen Darwin, dem verdienten Schöpfer der Evolutionslehre, zu widersprechen! Gleichwohl sei an dieser Stelle einmal schüchtern ausgesprochen, dass mich nicht alle Aspekte seiner Evolutionslehre, soweit mir in groben Zügen bekannt, vollkommen zu überzeugen in der Lage sind.
Im Tierreich, so zwischen Fell und Federn, da geht es meinetwegen noch halbwegs an: Frau Giraffe nämlich liebt immer den Giraffenmann mit dem längsten Hals, der am meisten Futter aus den Bäumen klauben kann, und so werden pro Generation die Hälse länger und länger. Die Pfauendame gibt sich dem prächtigsten Gefieder hin, und die schwachen Störche fallen ins Mittelmeer, ersaufen und geben ihre schwächlichen Gene im nächsten Sommer nicht mehr weiter.
In meiner unmittelbaren Umgebung jedoch sind Tiere – abgesehen von den beiden kastrierten Katern im zweiten Stock – schon eher selten, und bei den Menschen mag es einfach nicht hinhauen. Ginge es nach Darwin, dann müssten doch die Frauen den besten Ernährern hinterherlaufen, die Seniorpartner großer Kanzleien und Vorstände international agierender Konzerne müssten sich vor paarungswilligen Damen kaum mehr retten können, und vor der Deutschen Börse in Frankfurt am Main würden leicht bekleidete Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit der anzugjackerten Investmentbanker zu erregen.
Aber nichts.
Diejenigen Männer meines Bekanntenkreises, die aus der Schar ihrer Anbeterinnen wohlgestaltete weibliche Fußballmannschaften zusammenstellen könnten, können, soweit ich das beurteilen kann, nur auf spärliche Qualitäten als Ernährer verweisen. Und die meisten erwecken noch nicht einmal optisch den Eindruck, optimale Gene zu besitzen. Welche Qualitäten etwa mögen es sein, die ausgewachsene Frauen dazu bewegen, sich um die Gene eines maximal mittelgroßen, dünnen und meistens arbeitslosen Romanisten mit spärlichem schwarzen Haar zu schlagen? Und wieso verschmäht die weibliche Welt einen im Großen und Ganzen wohlgestalteten Richter am Finanzgericht, der Geige spielen kann?
Andersherum indes schaut es auch nicht besser aus: Von den beiden schönsten Frauen, die ich kenne, ist augenblicklich eine Single, und die andere schlägt sich herum mit einem Mann, der sich hartnäckig gegen die Weitergabe seiner und ihrer Gene sträubt. Weibliche Ernährerqualitäten sind ohnehin nicht in der Lage, Männer zu betören, und bezeichnend ist überhaupt, dass nicht die schönsten, erfolgreichsten und klügsten Leute die meisten Kinder haben, sondern sozusagen das Gegenteil der Fall ist – zumindest aus meiner Abiturklasse haben sich bisher nur jene Menschen verheiratet und teilweise sogar reproduziert, die ich nicht ganz grundlos für aussichtslose Fälle auf dem Heiratsmarkt gehalten habe.
Wer mit der S-Bahn nach Wannsee herausfährt, heraus zur Bismarckstraße, der kann beim Ruderclub den Weg zwischen den Eiben auch herauf laufen, und steht nur wenig später vor einem schlichten Grabstein. Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein, verkündet die Inschrift dem Wanderer an jener Stelle, an der im November 1811 Heinrich von Kleist die Unruhe der Welt per Pistolenschuss verließ: Ein grelles und bizarres Ende, die belanglose, zufällige Gefährtin, das ausgelassene Picknick im November am grauen See, und die Abschiedsbriefe, die voll der Würde und der Trauer dessen, der sich falsch ins Leben gestellt sieht, die Misere dieser 34 Jahre währenden Flucht noch einmal scharf beleuchten. Ein Ende, das dem Werk gut zu Gesicht steht, und, an einem sommerlichen Sonntag fast zweihundert Jahre später, etwas Tröstliches ausstrahlt, als habe der, der hier liegt, am Ende einen Frieden gefunden, der zwischen den zuckenden Gegensätzen seines Werkes wie in dem von stetem Ortswechsel und erfolglosen Ansätzen zu Tätigkeit geprägten Leben keinen Raum gefunden hat.
Der zerbrochene Krug, glaube ich, wird bisweilen aufgeführt. Vorm Prinzen von Homburg schreckt die Bühne offenbar ein wenig zurück, auch wenn dieses Stück Passagen einer reinen und schwerelosen Schönheit enthält, ein hastiger Tanz um den Tod herum, den der Prinz ersehnt, um dann wieder ängstlich zurückzuschrecken. Das Gewand von Pflichterfüllung und Kriegsruhm hängt nur lose um diesen Totentanz eines Getriebenen, und der Bühne vielleicht am Rosa-Luxemburg-Platz würde das Stück gut zu Gesicht stehen. Das Käthchen, nun gut, das mag für andere reizend sein. – Von den Novellen liest man die eine oder andere in der Schule zu einem Zeitpunkt, an dem die Kälte von Verhängnis und verderblichem Schicksal dem Leser noch fremd sein muss, und so entschwindet uns Kleist in einem Maße, wie es angesichts dieses todblitzenden, sehnsuchtsvoll eruptiven Werkes kaum zu erklären ist.
Gefällig mag der Tote nicht gewesen sein, der sich mit fast allen Freunden nach hastiger Annäherung entzweite. Körperliche Schönheit war ihm, den wenigen Abbildungen nach, nicht zu eigen. Ausstrahlung muss er besessen haben, und die Gabe, geliebt zu werden. Dass er, der keine Ehe eingehen konnte oder mochte, von der Liebe trotzdem mehr verstand, als es dem 19. Jahrhundert meist zu eigen ist, zeigt die Penthesilea, dieses großartige, brutale und lyrische Drama über die Liebe. Dass dieses Drama, voll der Schönheiten und einer tiefen Wahrhaftigkeit, den Weg auf die Bühne so selten findet, dass es nicht mehr geliebt, nicht mehr gelesen wird, kann ich mir kaum erklären.
Die Klimax des Verfallenseins, Stolz und Gier der Liebe reiner Ausdruck: Wie im vierten Auftritt Achilles schwört, nicht ins Lage der Griechen zurückzukehren, bis er Penthesilea erobert haben wird.
Doch müßt´ ich auch durch ganze Monden noch,
Und Jahre um sie frein: den Wagen dort
Nicht eh´r zu meinen Freunden will ich lenken,
Ich schwör´s, und Pergamos nicht wiedersehn,
Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,
Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,
Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.
Wie Penthesilea den Kampf aufnimmt,
den einen heißersehnten Jüngling siegreich
Zum Staub mir noch der Füße hinzuwerfen.
Wie er sie unterwirft. Wie sie ihn lieben kann nur in dem Glauben, ihn ihrerseits besiegt zu haben. Die Unerträglichkeit des Irrtums, ihm unterlegen zu sein, das Losreißen aus der Verfallenheit, und schließlich das Dahinschlachten, die Rache für die Unterwerfung durch den Helden, der den Kampf herausgefordert hat, mit Hunden und Sichelwagen. Das Rasen der Penthesilea, der Donner rollt heftig, die törichte Verständnislosigkeit des Achilles, der glaubt, die Liebe der Penthesilea bewahre ihn vor ihrem Schwert. Er naht sich ihr, nur leicht bewaffnet, bemerkt den Ernst der Rasenden zu spät, und hebt die Händ´ empor, und duckt und birgt in eine Fichte sich, der Unglücksel´ge, den man auf der Bühne nicht bedauern wird, weil es Lohn genug sein mag, so geliebt zu werden. – Sie aber
…spannt, mit Kraft der Rasenden, sogleich
Den Bogen an, dass sich die Enden küssen,
Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt,
Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals…
Die Gewalttätigkeit der lodernden Liebe: Wie sie die Hunde auf den Sterbenden hetzt. Ihn mit Zähnen zerfleischt, ihn gleichsam aufisst,
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden
Besser beobachtet gibt es die bewusstlose, blutige Ekstase nicht, die von der Liebe aus dunklen Gründen nicht zu trennen ist, gibt man sich dem anderen ganz preis: Mehr, als wir wissen, muss Kleist geliebt haben, denn allein aus der Imagination ist diese tiefe Erkenntnis kaum vorstellbar.
Das Finale schließlich, fällt schon deutlich ab: Der Tod der Penthesilea, die kalte Verzweiflung, dass die Erfüllung der Liebe auch stets ihr Untergang sein muss, und dann der Dolch und das jähe Ende. Besser, intimer, wahrhaftiger, hat das 19. Jahrhundert den Rausch der Liebe an keiner Stelle geformt. Die Besinnungslosigkeit der Begierde, den zerstörerischen Wunsch, einander vor lauter Liebe in Stücke zu hacken, und zu hoffen, dass die blutigen Brocken diesmal ein heiles Ganzes ergeben – kein zweites Beispiel der Literatur jener Epoche ist mir bekannt, in dem die schwarze, widrige Seite der Liebe so ergreifende, wahrhaftige Bilder gefunden hat.
Ach, und was es Tristes aussagt über uns und unsere Welt, die tieferen Schichten auf der Grenze zwischen Hell und Dunkel nicht auf der Bühne sehen zu wollen. Und so geht man denn, an einem sonnigen Sonntag, am kleinen Wannsee am Grab Heinrich von Kleists vorbei, lächelt der Unsterblichkeit, und lege eine schwarze Rose auf den Grabstein.
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