Ich, die Hypochonderin

„Etwas wirklich Ernsthaftes haben Sie also nicht?“, die Ärztin schaut mich streng an. Ich rutsche ihr gegenüber auf der Plastiksitzfläche des Stuhles ein wenig umher. Angesichts der Massen schniefender, Tröpfcheninfektionen versprühender Patienten im Wartezimmer hatte mich diese Idee zwar auch schon beschlichen. Indes – wäre nichts, wäre ich nicht hier, und so packe ich den Stier bei den Hörnern.

„Sehen Sie,“, sage ich der ungefähr sechzigjährigen Ärztin, „es ist jetzt nicht so akut. Halt etwas Herzklopfen, Händezittern in den Morgenstunden, ein gelegentlich nervöser Magen und hin und wieder Schlafstörungen. Das hält nun schon einige Wochen an, beeinträchtigt mein Wohlbefinden in gewisser Weise schon, und da dachte ich…“ – Die Ärztin schaut noch strenger.

„Nehmen Sie Drogen?“, ich schüttele den Kopf. Alkohol? – Mäßig. Dafür rauche ich. Die Ärztin schnaubt. Wann ich zu Bett gehe? Was ich beruflich tue? Habe ich Kinder?

Die Darlegung meiner persönlichen Verhältnisse scheint die Ärztin nicht zufriedenzustellen. Etwas unbehaglich rutsche ich hin und her. Die Ärztin hält ein flammendes Plädoyer für einen geregelten Tagesablauf, regelmäßige und maßvolle Mahlzeiten im Abstand von jeweils wenigen Stunden, nächtliches Schlafen und Nikotinabstinenz. Hinter ihr im Spanplattenregal stehen die Miniaturen der Wirbelsäule früherer Opfer als Trophäen und Warnung nebeneinander.

„Die Schwester wird jetzt ein EKG mit Ihnen machen.“, bescheidet mich die Ärztin.

Nach dem EKG sitze ich stundenlang im Wartezimmer auf einer ungeschlachten Couch und blättere in den ausliegenden Zeitschriften. Mein mitgebrachtes Buch habe ich lange durch, draußen dunkelt es, und nach und nach leert sich das Wartezimmer, bis schließlich auch ich erneut in die Ordination gerufen werde.

„Frau Modeste,“ verkündet mir die Medizinerin, „Ihr EKG ist völlig in Ordnung. Sie haben nichts. Suchen Sie sich eine vernünftige Beschäftigung und schlafen Sie regelmäßig.“ Die Ärztin streckt mir die Hand über ihren Schreibtisch hinweg entgegen und verabschiedet mich. „Machen Sie die Tür hinter sich zu.“, ruft mir die Ärztin auf dem langen Weg zur Tür noch hinterher.

Längst abgemessen

Meine Freundin erzählt von ihrem langsam in den Wahnsinn abgleitenden Bruder und tut mir leid dabei mit ihrem Schwanken zwischen Ekel und Mitleid und der feinen Prise von Selbstvorwürfen, die wohl immer dabei ist, wenn denen, die wir lieben, etwas geschieht. Hinter den großen Fenstern ist es kalt und dunkel, und das gedimmte Licht über der Bar wirft weiche Schatten, in denen die Gesichter verschwinden.

Wir sind alle tot, denke ich. Am Nachbartisch greift ein Mann seiner Begleiterin an die Wange, als wolle er sich vergewissern, dass da Fleisch ist unter seiner Hand. Die Kruste der Crème Brûlée bricht noch, noch kommt der Kellner, wenn ich winke und im Spiegel über dem viereckigen Waschbecken lacht noch eine Frau, die einmal mehr ihren Friseur wechseln sollte.

„Bist du auch wieder einmal daheim,“ begrüßt mich mein Vater, als ich noch in meiner Jacke das Telephon abnehme. Er ist heiterster Stimmung, plaudert und lästert, liest mir Rätselgedichte vor, und lässt mich ein Geschenk erraten, das er mir von einer kurzen Reise mitgebracht hat.

Kurz denke ich an jenes ausnahmslos geltende Tabu, eine Stimmung zu durchbrechen, aber dann frage ich ihn doch nach dem Tod. Und ob Berlin schon die Unterwelt sei, der Totenfluß irgendwann gleichgültig über eine Autobahnbrücke überschritten. „Ach, geh,“, lacht mein Vater, und malt mir in braunen und pastellenen Kreiden jenen Moment aus, ein Absinken in leuchtenden Schlamm, Schmerz und Verwandlung. Dann kündigt er ein Paket in den nächsten Tagen an und wünscht gute Nacht.

Als ich im Bett liege, klingelt es, aber ich mache nicht auf. Im Dunkeln stehe ich am Wohnzimmerfenster und sehe einen Wagen auf der anderen Straßenseite lange stehen und schließlich davon fahren.

Vor lauter Schnee, vor lauter Blütenlos

„Nicht sehr charmant, meine Liebe.“, sagt mir die C., und so muss ich den gestrigen Eintrag wohl berichtigen: C. hat durchaus abgenommen. Der Gewichtsverlust beträgt bisher 750 Gramm. Anschließend verabrede ich mich mit der C. auf 21.00 Uhr und arbeite weiter.

Über Mittag spaziere ich die Kastanienallee entlang. „Ihr Handy klingelt.“, ruft mir ein Mädchen beim Vorbeigehen zu. Ich sehe die Nummer und drücke den Anruf weg. Ein paar Minuten später klingelt es erneut, dann kommt eine SMS, und als ich vor meiner Haustür stehe, steht ein Wagen auf der anderen Straßenseite, den ich kenne.

Der Mann, dem der Wagen gehört, war einmal Richter irgendwo in der Provinz. Verheiratet, gelangweilt, und bereit, sich in jede Frau zu verlieben, die sich länger als ein paar Minuten in ein Gespräch verwickeln ließ. Er war klug, hatte kaum etwas erlebt und viel zu viel gelesen, um keinen Roman erleben zu wollen. Als es kompliziert wurde und seine Frau kurzzeitig auszog, bestellte ich ein paar Kartons, mietete einen Umzugswagen und floh per Vito in eine andere Stadt. Er verließ den Richterdienst, wurde ein wohl erfolgreicher Anwalt am Main und nach ein paar Jahren vergingen Monate, ohne dass ich an ihn dachte.

Auf dem Bürgersteig wirft mir nun ein fremder Mann Informationen zu wie Bälle. Er ist also wieder verheiratet, hat ein Kind. An den Schläfen spannt seine Haut inzwischen, und die Haare werden grau. Dann schließe ich die Tür auf und er fährt zu seinem Termin.

„Sehen wir uns heute abend, auf eine Blaue Stunde?“, fragt er schon in der Tür. „Ich bin verabredet.“, sage ich. Und dass ich mich melde, wenn die Verabredung ausfällt.

Die C. ist zuverlässig.

Die Auflösung der Bulgurpfanne

Leider, leider verschlechtert sich die Ernährungslage im Haushalt meiner lieben Freundin C. derart deutlich und rapide, dass ich die Wohnung in der Sredzkistraße inzwischen nur noch sehr satt aufsuchen kann. Trauriger Scheitelpunkt dieses kulinarischen Niedergangs stellte die Gemüse-Bulgurpfanne von letzter Woche dar, nach deren teilweisem Verzehr ich mich mitten in der Nacht gezwungen sah, daheim noch einmal den Herd anzuschmeißen.

Über die Ursache dieses dramatischen Absinkens habe wohl nicht nur ich ergebnislos gerätselt. Nachdem sich auch T.´s Annahme, das Land Brandenburg habe in dramatischer Weise die Richtergehälter gekürzt, als unzutreffend erwies, schien einiges für die Annahme zu sprechen, C. habe durch eine Infektion den Geschmackssinn eingebüßt.

All unser Mutmaßen, oh liebe Freunde, hat sich aber als völlig unzutreffend herausgestellt. Meilenweit von der Wahrheit im Dunkeln stochernd gestehe ich nach einem längeren Gespräch mit C. den Bankrott meiner Menschenkenntnis:

C. macht eine heimliche Diät.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte das nähere menschliche Umfeld der C. vermutlich nie im Leben von diesem Vorhaben erfahren. Indes ging es der C. nicht darum, den M., den T. oder mich von des Pudels Kern abzulenken. Opfer der Täuschung ist vielmehr der Lebensgefährte der C., der von einer Gewichtsabnahme nichts hören will. Hört der Lebensgefährte „Diät“, so steigen vor seinem inneren Auge Bilder von anorektischen Amazonen auf, die mit knochigen Fingern Salatblätter zerreißen.

Lange überstieg der Unwille des Gefährten die Abnahmewilligkeit der C. Passte eine Jeans nicht mehr, kaufte die C. eine neue. Hielt ein Bekleidungsunternehmen keine Kleidung mehr in C.´s Größe bereit, so kaufte sie woanders, und so gingen die Jahre ins Land.

Bei Größe 42 wurde es der C. mulmig. Vorsichtig sprach sie den Lebensgefährten an. Der Lebensgefährte strich der C. zärtlich über die Oberschenkel, fasste sie um die Taille und bestritt jede Notwendigkeit.

Als auch Größe 42 eng zu werden drohte, ergriff C. eine wilde Entschlossenheit. Sie sagte dem Gefährten gar nichts. An einem Samstagnachmittag bei Dussmann schlich sie sich einige Minuten von der Seite des stöbernden Gefährten und kaufte in aller Hast ein Buch, welchem die gewichtsreduzierenden Leserin Rezepte entnehmen kann, welche angeblich gleichermaßen wohlschmeckend wie nährwertarm sein sollen. Noch am selben Abend begann die C. mit der Zubereitung.

Damit der Gefährte nicht abnimmt, kocht die C. stets die doppelte Menge und lädt dem Gefährten größere Mengen auf den Teller. Bisher hat er laut C. noch nichts bemerkt.

„Das kann ich mir kaum vorstellen.“, sage ich der C. und denke an das Bulgurzeug. „Dem ist doch eh gleich, was auf dem Teller liegt.“, gibt mir die C. fröhlich zurück.

Abgenommen hat sie übrigens noch nichts.

Des T. Großmutter

Zu den lässig gehüteten Geheimnissen einiger östlicher Bezirke Berlins gehört die Tatsache, dass der dem aufmerksamen Leser einflussreicher Presseorgane bekannte Generationenkrieg hier bereits mit einem totalen Sieg der unter Dreißigjährigen beendet wurde. Wer sein vierzigstes Lebensjahr überschreitet, hat guten Grund sich langsam nach einer Wohnung in anderen Bezirken der Stadt umzuschauen und beizeiten etwa ein Charlottenburger zu werden. Schreckliches dräut aber dem, dem diese Flucht nicht gelingen sollte. Von jugendlichen Häschern grausam gepackt, verendet der Senior in heruntergekommenen Hinterhäusern, um sich sodann den nachfolgenden Generationen beim U-Bahnhof Eberswalder Straße im Betrieb der Frau Waltraud Ziervogel ein letztes Mal nützlich zu erweisen.

Infolge dieser von mir schon oft gerügten Praxis sieht man hier so gut wie keine älteren Menschen auf der Straße. Seit dem Tod meiner eigenen Großeltern enthält mein Telephonbuch daher nunmehr auch keine einzige Nummer mehr, die einem Menschen über 70 gehört. Das Alter hat keinen Platz in meinem Leben, und es mag Tage geben, wo ich diese Entmischung als Ausdruck einer gewissen Monotonie bedaure.

Heute jedoch ist das anders. Wer heute an meiner Tür klingelt, um mich als zahlendes Mitglied der Antigerontischen Vereinigung Deutschlands e. V. zu gewinnen, stößt auf offene Ohren und wird ein freudig unterschriebenes Mitgliedschaftsantragsformular stolz der Zentrale übermitteln dürfen. Schuld an diesem Sinneswandel ist wie immer der T. – genauer gesagt:

T.´s Großmutter zu Besuch in Berlin.

Es ist ohnehin überhaupt nicht schön vom T., seinen Verwandten Geschenke zu machen, die seinen Freunden zur Last fallen. Entsprechend hatte mir der T. dann auch wochenlang verschwiegen, seine mir seit gemeinsamer Kindheit bekannte Großmutter nicht nur eingeladen, sondern auch meine Anwesenheit im Rahmen des Besuchsprogramms fest eingeplant zu haben.

„Wir sind gleich bei dir.“, kündigte der T. seine Ankunft mitsamt Großmutter in den Morgenstunden telephonisch an und reißt mich aus dem Schlaf. Mir bleiben von diesem Anruf an keine fünf Minuten, bis der T. die Tür aufreißt. Hoheitsvoll schreitet die Großmutter über meine schmutzige Dielen und versucht die Tatsache, dass ich Ihr um 11.00 Uhr vormittags im Bademantel entgegentrete, zu ignorieren. Es gelingt ihr mäßig.

Der T., ansonsten ortsüblich verschlampt, trägt sich zur Feier des Besuchs als ein Großmuttertraum aus Tweed, Cord und seidenen Tüchern und übt einen subtilen Druck aus, sich ebenfalls etwas anzuziehen, in dem ich ausschaue wie eine altjüngferliche Handarbeitslehrerin. Das Kostüm findet die Billigung der Großmutter, die Korallen um den Hals wünscht sie ausgetauscht zu sehen, und so macht der „Dienstmädchenflitter“ einer Perlenkette Platz. Und apropos Dienstmädchen – es gebe wohl ein Problem mit meiner Zugeherin? T.´s Großmutter betrachtet stirnrunzelnd den Fußboden und lässt mich an ihrem reichen Erfahrungsschatz bezüglich der perfekten Zugeherin teilhaben. Der großmütterliche Sermon endet in einem Seufzer über die Probleme, heute noch Mädchen zu finden, die in der Familie wohnen. Und das bei der Arbeitslosigkeit. – T., zu dessen wenigen Charakterfehlern einer ausgeprägter Neoliberalismus gehört, murmelt zustimmend irgend etwas Garstiges über die ehemals arbeitenden Klassen.

Dass es T. angesichts der großmütterlichen Suada über Kreuzfahrten und die gräßlichen Enkel anderer Leute unmöglich ist, der alten Dame allein gegenüberzutreten, ist vollkommen nachvollziehbar. Sein atypisches und geradezu aufreizendes Schweigen mag das Ergebnis einer annähernd dreißigjährigen Erfahrung mit dem Wesen der Großmutter sein. Indes wälzt mir der freundlich lächelnde und bis ins Restaurant kein Wort sprechende T. auf diese Weise die ganze Last der großmütterlichen Unterhaltung auf die Schultern.

Immerhin ist es völlig egal, was ich der alten Dame erzähle. Nach wenigen Worten werde ich unterbrochen. Mein Friseur sei wohl nicht gut. Ob ich eine Handcreme verwende? Französische Seifen kauft die Großmutter ja gar nicht mehr. Ob ich reite? Die Enkelin der Nachbarin von gegenüber habe ja Turniere geritten. Auch schon verheiratet, das gute Kind, und dabei jünger als ich. Zu frühe Hochzeiten nähmen kein gutes Ende. Aber zu lange solle man auch nicht warten. Nicht zu wählerisch sein. Die Wochenmärkte in Berlin? Wenn eine Kanne angelaufen, Silberkannen stets mit Backpulver – aber auf keinen Fall Sprühstärke, das verdirbt die Wäsche – weißes Fleisch macht keine Gicht, und ist eigentlich mein Vater schon pensioniert?

T. schaut durch die Fenster auf die Charlottenstraße und schneidet sein Fleisch in schmale Streifen, die er exakt parallel nebeneinander anordnet. Gräßlich wallt die Springflut des großmütterlichen Redeschwalls. Ich schaue der Großmutter fest in die Augen und denke an die Antigerontische Vereinigung. Ob die da schon ein Justitiariat haben? – Ab und zu nicke ich, sage „Nein, wirklich!“ oder „Ach was!“. Dann kommt der Kellner, räumt ab, und ich täusche dringende berufliche Verpflichtungen vor und springe davon.

Weidwund schaut mir der T. nach.

Örtliche Betäubung

Diese Leute mit ihrer unerschöpflich erscheinenden Vitalität, derb und robust mit den roten Wangen wie Äpfel, habe ich stets bewundert. In ihrem Inneren scheinen zuverlässige Walzwerke einen steten Strom angemessener Emotionen hervorzubringen, die in regelmäßigen Abständen ruhig und ohne Schrecken, Blitz und Donner zu Boden fallen.

In den bald drei Jahrzehnten meines Lebens habe ich nie eine solche Mitte gefunden. In meinem Unterbewusstsein produziert eine Art rostiger Pastamaschine, wie man sie manchmal in italienischen Hinterhöfen sieht, ruckartig und unregelmäßig einen schmierigen Gefühlsbrei. Auf jeden Reiz hin tummeln sich schmutzige Trolle im Keller meiner Gesamtpersönlichkeit und produzieren in kurzer Zeit riesige Mengen des Breis, um dann nach Hause zu gehen und ihre Überstunden abzufeiern. Für jede Aufregung, jeden Streit, jeden kleinen Exzess der Gehässigkeit und jeden Rausch aus Kunst oder Liebe bezahle ich dann mit Stunden oder Tagen einer unbeweglichen Taubheit. Gleichermaßen können Nachrichten über Krebserkrankungen wie Hochzeiten an mich kommen, das bleibt sich gleich. Ein Notbetrieb aus Konvention und Erziehung verhindert öffentliche Faux pas.

Als Kind habe ich in den Wellen dieser Betäubung mich gern verkrochen, unter dem Schreibtisch meines Vaters oder zwischen den Abendkleidern meiner Mutter gesessen und auf die Rückkehr des Gefühl gewartet, wie man nach dem Zahnarzt wartet, dass die Lippe wieder schmerzt, die man blutig beisst.

Gerechtigkeit auf Erden ist hundsgemein

So, Sie sind also eine Frau. Sie marschieren mit Ihrer zehn Kilo leichteren Schwester durch Mitte, und Schwesterchen kommt vor lauter Einkaufstüten kaum mehr durch die Tür. Sie sind ein von Neid zerfressenes Geschöpf mit einem reichen Strauß mieser Charaktereigenschaften, von denen Sarkasmus keineswegs die schlechteste darstellt. Sie wiegen 62 Kilo und fühlen sich wie ein Elephant.

Greifen Sie sodann in Ihre Tasche, wenn das Telephon klingelt. Erkennen Sie die Nummer des fernab weilenden T., dann freuen Sie sich, denn T. ist Ihr Retter. Folgen Sie also genau seinen Anweisungen, denn er kennt Sie genau und hat Ihre Hilferufe vernommen.

Der Weg zur Rettung führt über die Max-Beer-Straße in die Rosa-Luxemburg Straße. Da ist es nicht schön, sagen Sie? Dann gehen Sie etwas schneller, in Ihren Camper sind Sie sowieso schneller als Schwesterchen. Aber nehmen Sie ihr ruhig ein paar Tüten ab, denn Sie sind gleich da.

Vor der Rosa-Luxemburg Str. 22 halten Sie inne. Berufen Sie sich auf den T., behaupten Sie, keine vernünftige Wäsche mehr zu haben, und betreten Sie das Paradies. Es heißt Blush, und gleich wird alles besser.

Am besten, Sie probieren alles an, was der Laden hergibt. Auch Ihre Schwester wird sich in Spitzen hüllen, aber hey – können Sie sich Kate Moss in Dessous vorstellen? Das Leitbild der Oberbekleidung tragenden Frau enthält weniger Fett als Magerquark, aber darunter sieht es anders aus. Lassen Sie sich ruhig Zeit, drehen Sie sich vor dem Spiegel und genießen Sie, dass alles passt. Die Beleuchtung ist klasse, Sie bedauern, dass das Leben nicht mehr Gelegenheit bietet, sich in Unterwäsche zu präsentieren, während Ihre Schwester gerade in diesem Moment eigentlich nur aus Knochen besteht.

Bedauern Sie mit Schwesterchen den Unverstand der Modedesigner. Drücken Sie das leicht belämmert wirkende Schwesterchen herzlich. Kaufen Sie irgendwas von dem fabelhaften Zeug, gehen Sie essen, und verzeihen Sie dem Schwesterchen sogar den silbernen Süßstoffspender in der Handtasche.

Wieder daheim können Sie alle Vorhänge zuziehen und sodann angetan mit Ihrer Neuaquisition eine Runde durch die Wohnung tanzen.

Emotionale Intelligenz

Das Telephon klingelt, und meine Schwester würde wetten, dass ich nicht weiß, wo sie ist. Keine zehn Minuten später steht sie vor der Tür und neben ihr steht ihr grauenhaft grobschlächtiger Freund. Wer sein Unternehmen von so etwas beraten lässt, hat es nicht anders verdient, schießt es mir durch den Kopf.

Schwesterchens Kerl hat beruflich den ganzen Tag zu tun. Auch ich bin nicht ganz beschäftigungslos, ganztägige Einkaufstouren verbieten sich also schon aus diesem Grunde von selbst. Schwesterchen zieht einen Schmollmund und wirft sich auf mein Sofa. „Ich hab´ mich schon so auf dich gefreut.“, jammert Schwesterchen. Wir einigen uns auf eine gemeinsame Mittagspause und abendliche Lustbarkeiten.

Vorerst bleibt Schwesterchen auf dem Sofa liegen und schaut versonnen die Reihe der Bücherregale entlang zum Fenster. „Du hast´s gut,“ sagt Schwesterchen, „du kannst lesen.“ Seit Schwesterchen im Staatsexamen stecke, lese sie kaum noch. Den ganzen Tag – und dann auch noch abends, das wäre zuviel. Ich kann mich allerdings gerade nicht erinnern, Schwesterchen im gemeinsamen Elternhaus jemals mit Büchern gesehen zu haben. Dann schreitet Schwesterchen an den Büchern vorbei Richtung Esstisch. „Wenn Papa mal stirbt, hast du ja alles doppelt,“ spricht sie und deutet auf die Bücher. Dann lässt sie sich den Tee eingießen, plaudert ein bißchen von einer Kaffeeverkostung, schimpft über ihren Friseur und wirft sich tatsächlich mitgebrachten Süßstoff in meinen weißen Tee.

Anschließend geht Schwesterchen einkaufen, ich gehe arbeiten und sie ruft immerhin nur zweimal an. Ja, ich finde A.P.C. auch in Ordnung. Und wir treffen uns bei den Galeries Lafayette.

Bevor ich losfahre, stelle ich mich vor den Spiegel. „Das ist meine einzige Schwester und ich muss nett zu ihr sein.“. schärfe ich mir ein. „Aus meiner intellektuellen Herablassung gegenüber meiner schönen Schwester spricht der blanke Neid.“, wiederhole ich, was ich seit Jahren weiß. „Was ich jemals gelesen, gelernt oder geleistet habe, ist völlig egal in Ansehung ihres bombastischen Aussehens.“, mache ich mich fertig.

In den Galeries Lafayette isst Schwesterchen sechs Austern und drei Petit Fours. „Du langst ja ganz schön hin, Liebchen.“, meine Schwester strahlt mich an. „Mir schmeckt´s halt.“, gebe ich wütend zurück. Schwesterchen zeigt ihre Neuaquisitionen in Größe 34/36.

Ich erzähle ein bißchen vom Besuch unseres Vaters bei mir. „Der interessiert sich doch eh nur für dich.“, unterbricht sie mich. Und dass sie Jahre gebraucht habe, diesen Satz für sich zu formulieren. Ich starre sie an. Ich hatte in den letzten 26 Jahren nie das Gefühl, Schwesterchen könne an der väterlichen Wertschätzung auch nur irgend etwas liegen. Außerdem wird Schwesterchen schon von ausreichend Leuten geschätzt. Dass wenigstens unser Vater nicht zum Verein zur schwesterlichen Anbetung gehört, finde ich ausgleichend und richtig. Und das sage ich auch.

„Dir geht´s doch gut.“, sagt die kleine Schwester. Bei mir funktioniere im Normalfall alles, was ich mir vornehme. Die meisten Menschen würden mich mögen. Und die Liebe sei mir ja ohnehin nicht so wichtig. Sie persönlich würde für ihre große Liebe ja alles tun, sogar ihr Studium abbrechen. Aber emotionale Intelligenz werde unterschätzt.

Ich atme tief durch. Nett sein. Einzige Schwester. Bloßer Neid.

Dann sehe ich auf die Uhr, verabschiede mich hastig und lasse Schwesterchen in den Galeries Lafayette sitzen. „Aber heute abend gehen wir aus.“, freut sich meine kleine Schwester und lacht mich an. „Ich freue mich auch!“, winke ich und stehe schon im Aufzug.

Noch zwei Stunden. Und keine Anfälle von emotionalem Schwachsinn. Nett sein. Nett.

Reisewarnung oder: Pikante Röllchen

Den reiselustigen Deutschen warnt das Auswärtige Amt vor Gegenden, die der deutschen Gesundheit unzuträglich sein könnten. Den Sudan sollte man etwa nicht aufsuchen.

Das Land Berlin allerdings warnt den Reisenden nicht. Hinweise, wo die Gastronomen den Touristen vergiften könnten, fehlen völlig. Belästigungen harmloser Spaziergänger, terroristische Musikbeschallung – Berlin verschweigt seine gefährlichen Ecken. So sehe ich mich also berufen, an dieser Stelle eine ausdrückliche Warnung abzugeben, und ich kann nur nachdrücklich jedem Auswärtigen raten, den Alexanderplatz tunlichst zu vermeiden.

Bekannt ist, dass es sich beim Alexanderplatz um einen der häßlichsten Plätze Europas handelt. Weniger herumgesprochen haben sich ernsthafte Gefährdungen des Wohlbefindens, die sich bei längeren Aufenthalten und Interaktionen mit der anwesenden einheimischen Bevölkerung ergeben könnten.

Für Ortsansässige ist der Alexanderplatz manchmal unvermeidbar. Die Versorgungslage in Ostberlin ist unverändert schlecht. Und so vermummt man sich, den eisigen Ostwinden trotzend, spaziert die Schönhauser Allee hinab und findet sich vor einer Baustelle wieder, in deren Inneren sich Galeria Kaufhof verbirgt. Körbchen über den Arm und hinein in die Lebensmittelabteilung.

Wer jeweils 50 Gramm von vier verschiedenen Fischfilets verlangt, braucht mit Freundlichkeit an der Fischtheke nicht zu rechnen. Wer allerdings seit mehreren Jahren am Alex einkauft, den kann das nicht anfechten. Doppelrahm für diejenigen, die schlappe Schlagsahne verachten, Bandnudeln aus dem Kühlregal und ein großes Stück Rinderbrust. Hofft man auf frischen Kren, dann wird man hier verzweifeln.

Schließlich, der Einkaufszettel ist abgearbeitet, stehe ich vor dem Bäckereistand. Zu einer vernünftigen Backwarenabteilung hat es nicht gereicht, die gibt es erst wieder an der Friedrichsstraße. Aber ein Krapfen lockt, und so gehe ich entschlossenen Schrittes auf den Tresen zu. Hinter dem Tresen steht jedoch kein freundliches Bedienungspersonal. Ich schaue ich mich um. Hinter mir, an einem Stand, der der Verkaufsförderung von Fischdosen dient, steht der Backwarenverkäufer und löffelt aus kleinen Plastikschälchen eine leicht faulig riechende Speise. „Junge Frau,“ ruft mich ein älterer Schnauzbart, und ich gehe einige Schritte auf den Mann zu, der mit einer Schürze um den Bauch hinter einem Tischchen steht. In unverkennbar norddeutschen Tonfall preist der Fischpromoter den Inhalt seiner Schälchen an. Hintereinander warten Hering in Tomatensoße, Hering in Senfsauce und Pikante Röllchen auf Verkoster. Ich hebe ablehnend die Hände.

„Nein, nein,“ sagt der Fischmann. Ich müsse ja gar nichts kaufen. Nur kosten solle ich. Seit mehr als hundert Jahren vertreibe die Firma Sywan, die Schwaaner Fischwaren GmbH, ihre Fischprodukte in Dosen, teilt mir der Promoter mit. Flugs halte ich ein Schälchen in der einen und eine Gabel in der anderen Hand. Fisch und Sauce sind miteinander eine ungute Verbindung eingegangen. Vielleicht zersetzt auch die Tomatensauce die Fischfasern. Überdies bin ich ein wenig heikel was Gerüche angeht. „Sehr lecker,“ sage ich, weil mir der Schnauzbart leid tut mit seinen Dosen und werfe das leere Schälchen in den Abfalleimer.

Geschwind streckt mir der Fischmann ein anderes Schälchen entgegen das Pikante Röllchen in würziger Tomatensauce enthält. Er schaut freundlich und etwas bekümmert. Die Schwaaner Fischwaren GmbH aus Mecklenburg verkaufe heute vorwiegend über Handelsmarken, wird mir bekümmert erklärt. Ich halte die Gabel über das Schälchen und frage interessiert nach.

„Ich bin ein bißchen in Eile,“ sage ich dann und versuche mich des Fisches unauffällig zu entledigen. „Sie haben ja noch gar nicht probiert. Sind sie kein Fischfreund?“, betrübt schaut mir der Fischpromoter auf meinem Weg zum Krapfen nach. „Doch, doch,“ sage ich. Die Schwaaner Fischwaren GmbH dauert mich und so werfe ich schnell eine Dose der Pikanten Röllchen in den Korb.

„Lecker“, sagt der Backwarenverkäufer und deutet auf mein Körbchen mit der Dose. Ich nicke und gehe zur Kasse.

Vor der Tür beiße ich in den Krapfen. Er ist mit Vanillecreme gefüllt und etwas trocken. Von rechts nähert sich ein abgerissen erscheinender Mann von schätzungsweise fünfzig Jahren und bittet um Geld. Ich schüttele den Kopf. Dann fällt mir etwas ein. Aus den Tiefen meiner Tasche krame ich die Fischdose heraus und halte sie dem Bettler entgegen. Der Bettler schaut mich verständnislos an und wendet sich ab.

Gehen Sie nicht dorthin.

Männerversteherin Modeste

Noch am Donnerstag sag´ ich doch noch der Frau Fragmente, die Männerseele sei mir ewig unergründlich. Schon am Freitag allerdings kam die Erkenntnis über mich: Männer haben zuviel Phantasie. Das ist das ganze Elend – und es verhält sich folgendermaßen:

„Wenn Kathrin Angerer nicht mitspielt, komm´ ich erst Sonntag.“, verkündet der Wochenendbesuch, auf die Möglichkeit des Samstagabends in der Volksbühne angesprochen.
„Banause!“, entgegne ich. Der Besucher, fernab eines tieferen Kunstverständnisses, grunzt in den Hörer und verweist auf den T.

Die Kathrin Angerer, so der T., sei doch kein schönes Weib. Als Idol sei die gleichwohl großartige Schauspielerin der Volksbühne völlig untauglich. Sein Frauenideal sei ein völlig anderes. Sorgfältig schabt sich T. die Bartstoppeln aus dem Gesicht. Die provozierte Frage nach der eigenen Idee aller Weiblichkeit wird, das Messer an der Wange, prompt beantwortet. Dann gleitet das Messer den Hals hinab, ich halte die Luft an und es ist….Madame Catherine Deneuve. Vor ungefähr hundert Jahren.

„Blondinen find´ ich blöd.“, zicke ich den T. an und fahre mir durch die schwarzen Haare. T. zuckt mit den Schultern.

„Haben eigentlich alle Männer feststehende Ideale?“, frage ich ein paar Stunden später in die Runde. M., so stellt sich heraus, träumt von Audrey Hepburn. Sein Bruder liebt dralle Blonde, die dank der Mutter des M. unter der Sammelbezeichnung „die böhmische Köchin“ bekannt sind. Der ordinäre Begleiter meiner lieben C., den ich noch nie leiden konnte, verehrt Jennifer Lopez.

Und auf einmal wird mir alles klar:

Geht eine Frau umher und sucht nach dem Mann ihres Lebens, so hält sie sorgsam Ausschau nach Wesen und Individualität der Kandidaten. Sie wird die Herren sorgfältig ausforschen – Lieben sie die Bühne? Beherrschen sie Zeichensetzung und Konjunktiv? Haben sie vielleicht ein anstrengendes Frauenbild, weinen in intimen Situationen oder sind einer Burschenschaft eng verbunden? Am Ende eines sorgfältigen Auswahlprozesses, das demjenigen international agierender Großkanzleien in nichts nachsteht, wird der passendste Kandidat erkoren. Bei einem Höchstmaß gegenseitiger Übereinstimmung in Temperament und Neigungen sind die Aussichten auf gemeinsames Glück durchaus begründet.

Der passende Kandidat aber will nicht und steht bockig beiseite. Übereinstimmung, wahrhafte Seelenverwandtschaft und gleichartige Neigungen sind ihm Wurst. Katherine Hepburn oder keine, sagt der Kandidat und sucht nach größtmöglicher Ähnlichkeit mit dem Ideal. Traurig schleppt sich die suchende Dame nach Hause, leckt ihre Wunden und ruft alle ihre Freundinnen an. Nach einigen einsamen Monaten nimmt sie einen der nächstplazierten Herren. Weil der Übereinstimmungsindex hinter dem Optimalfall deutlich zurückbleibt, geht die ganze Sache schrecklich schief.

Aber auch der Kandidat verfehlt sein Glück. Bezaubert von einer fernen Ähnlichkeit nähert er sich einer Frau, die ihm so unähnlich wie möglich ist. Nach nur wenigen Monaten wird das Paar sich hassen. Er findet heraus, dass sie seinem Katherine-Hepburn-Ideal nicht einmal im Ansatz gleicht und geht seiner Wege.

So hat es dann wieder einmal nicht funktioniert. Traurige Singles betrinken sich in schummerigen Bars. „Frauen sind merkwürdige Wesen“, lallen die Männer und denken an das Idol. „Ich verstehe die Männer nicht.“, prosten sich die Frauen zu.