Hört Musik

Herr Mequito, sind Sie müde? Ein bißchen schwere Augen, eine Katze auf dem Schoß und einen heißen Tee in den Händen? „Gar nicht!“, sagen Sie? Sie sind sogar die Vitalität in Person?

„Hah“, kann ich da nur sagen: „Vital war mal!“ Denn mein musikalisches Universum ist langweilig, langweiliger als Graz bei Nacht, langweiliger als ein Sonntagnachmittag in Spandau, sozusagen exakt so öd wie die Gemeinde Annaberg-Lungötz, die Sie zu recht nicht kennen. Nur nicht ganz so gepflegt.

Schlafen Sie schon?
Nun denn:

1. Wieviel gigantische Bytes an Musik sind auf deinem Computer gespeichert?

Im PC auf meinem Schreibtisch säuseln 5,32 GB. Ein Notvorrat schlummert im ibook, aber das treibt sich gerade im schwesterlichen Kosmos herum, deren Toshiba immer zur Unzeit krank wird.

2. Die letzte CD, die du gekauft hast…

Greenday, „American Idiot“. Glaube ich. Und hören Sie auf zu schnarchen.

3. Welches Liedl hast du gerade gehört, als dich der Ruf ereilte?

Carla Bruni, „Le plus beau du quartier“. Das Album hat mir mein Wochenendbesuch als ein überzeugter Blumenverweigerer mitgebracht. Ein paar Titel kann ich schon mitsingen.

4. Fünf Lieder, die dir viel bedeuten oder die du oft hörst.

4.1 Tocotronic „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“.

Auch ich wäre einmal gerne Teil einer Jugendbewegung gewesen. Leider war gerade keine passende da.

4.2 Oasis „Cigarettes And Alcohol“

Die große Schwester meiner Schulfreundin bekam ein Auto, „Definitely Maybe“ erschien, und mit der Schwester durften wir am Wochenende in die Stadt fahren. Diese großartige Vorfreude auf Sensationen, die dann nie stattfanden, oder sich als wenig sensationell entpuppten… , die Freundin und ich mitsingend auf der Rückbank.

4.3 Rio Reiser „Mitten in der Nacht“

Ja, da stöhnen´s. Das ist fies, und dabei hat der Reiser doch viel besser gekonnt. Aber als ich einmal ziemlich jung war, und unterwegs als eine Interrailerin, da zerstritt ich mich in griechischen Gefilden schrecklich mit meinem damaligen Freund. In pubertärer Unrast verließ ich Insel samt Freund, attachierte mich an einen anderen Herrn und verbrachte eine ganze Nacht eingehüllt in einen Schlafsack am Strand, wo mir der Fremde vorspielte und dazu sang. Das waren noch Zeiten, in denen ich meine Adresse und Telephonnummer um einiges bereitwilliger rausrückte, als es eine Dekade später der Fall ist. Und so schickte mir der Fremde ein paar Wochen später eine Kassette zu, mit dem gesamten Repertoire dieser griechischen Strandnacht.

4.5 George Brassens „Il N´Y a Pas D´Amour Heureux“
Wenn ich traurig bin.

5. Wem wirfst du dieses Stöckchen zu (3 Personen) und warum?

Der Frau Fragmente, um einmal herauszubekommen, was jemand sonst so mag, dem Cure gefällt. Und der Frau Engel, mit der ich noch nie über Musik gesprochen habe, und die auch nie über Musik schreibt. Und die Frau Schnatterliese, die bestimmt einen großartigen Musikgeschmack hat.

Nur das Belanglose ist interessant (Modeste wird 100)

Angelegenheiten fremder Leute interessieren mich ja stets nur dann, wenn sie mich nichts angehen. Mit Freude erfüllt mich daher die Tatsache, im elektronischen Unterholz von twoday.net auf Gleichgesinnte gestoßen zu sein. Zwar argwöhne ich manchmal, dass nur die Schadenfreude gegenüber einer vom Schicksal schwer gebeutelten Berlinerin mit Schwierigkeiten bei der Anschaffung von Männern und Kleidungsstücken mir meine spärlichen Leser zutreibt. Verrät mir der auf diesem Blog unten rechts angebrachte Zähler zwar eine geradezu empörend wenig umfangreiche Leserschaft, so übersteigt die Zahl derjenigen, die mir beim Essen und Einkaufen zuschauen, doch immerhin erheblich die Anzahl der Leser, die die von mir verfassten Fachpublikationen goutieren.

Immerhin kann ich mit recht behaupten, dass es nicht der Voyeurismus ist, der Sie, liebe Leser, auf dieses Blog gespült hat. Mit Faszination verfolge ich gelegentlich, über welch obskure Suchworte andere Bewohner dieser kleinen Welt ihre Leser fischen. In den modestinen Kosmos verirren sich fremde Seelen im wesentlichen über Google-Eingaben, die sich mit Jeansgrößen oder dem verehrten weiland Altphilologen Fuhrmann beschäftigen. Interessanter Weise wenden sich die Jeansgrößenforscher ohne Vertun ab, derweil die Waller auf den Spuren des jüngst verstorbenen Altphilologen bisweilen eine Weile verharren. Rätsel über Rätsel: ist der Jeanskäufer ein gewitzteres Kerlchen als der Adept der klassischen Philologie und bemerkt schneller die Unergiebigkeit dieses Suchergebnisses? Oder ist der Interessent der klassischen Philologen ein unermüdlicher Konsument alles Geschriebenen und verschmäht auch fernliegende Ausführungen nicht?

Als bekennendes Befindlichkeitsblog werden ich und meinesgleichen verächtlich abgetan von ernsthaften Publizisten, die ihre Arbeit den wirklich relevanten Fragen der Gegenwart widmen. Errötend gestehe ich, dass es in den Tiefen dieses Blogs keine wie auch immer verwertbaren Inhalte zu holen gibt. Trotzdem hoffe ich, Sie alle auch in den nächsten 100 Tagen und darüber hinaus zu amüsieren. Getrieben von einer keinen Lebensbereich aussparenden Eitelkeit rufe ich Ihnen im übrigen zu:

Mit Zuspruch und herzlichen Kommentaren versüßen Sie mir den steinigen Alltag. Verlinken Sie mich in ausschließlich schmeichelhaftem Zusammenhang, und nehmen Sie mich in Ihre Blogroll auf. Der Honig meines Wohlwollens wird dauerhaft mit Ihnen sein.

(Für Kritik bin ich erwiesenermaßen unempfänglich, und wer mich beleidigt, fliegt raus.)

Die Hand Gottes im Leben des S.

Zum Schluss liebt der Kammerdiener die Zofe und der Graf die Gräfin. Ob der S., zwei Parkettplätze neben mir, geliebt wird, ist indes nicht zu erkennen. S. ist allein gekommen.

„Was macht die Mitbewohnerin?“, fragt die C. daher im Taxi. S. murmelt irgend etwas, was „Zuhausegeblieben“ heißen kann oder auch „Zurhöllegefahren“. Wie er zwanzig Minuten später beim Wein berichtet, ist die zweite Alternative allerdings in hohem Grade unwahrscheinlich.

Von einer Mitbewohnerin höre ich zum ersten Mal. Die 80 m², die der S. in der Sophienstraße bewohnt, dürfte er problemlos sowohl selber nutzen wie auch bezahlen können. „Wieso hast du überhaupt jemanden mit ´reingenommen?“, frage ich den S. deswegen.

Der S., so erfahre ich, sei vor einigen Monaten nach Norwegen gefahren, der erste Urlaub nach Aufnahme einer Tätigkeit als Anwalt in einem außerordentlich langweiligen Rechtsgebiet. S.´ langjährige Freundin hatte seinerzeit auf die Unterzeichnung dieses Arbeitsvertrages keineswegs mit dem Freudenausbruch reagiert, der nach S. Auffassung dem Anlass angemessen gewesen wäre. Statt ihm um den Hals zu fallen, stellte sie ihn vor ein Ultimatum: Berlin oder sie. Berlin hat gewonnen.

Im Urlaub wandelte der S.´ daher in blendender Einsamkeit entlang der majestätischen Fjorde, aß die kargen, aber ehrlichen Spezialitäten des nordischen Paradieses und sprach tagelang mit keiner Seele. In einem Gasthofe am Ende der Welt, kristallklare Bergseen zu seinen Füßen, traf der S. erstmals wieder auf menschliche Gesellschaft. Eine norddeutsche lustige Runde nahm S. in ihre Mitte. Aus dieser Mitte wiederum traf es sich, dass eine junge Dame ohnehin wenig später ein längeres Praktikum in Berlin absolvieren würde. Das Mädchen war hübsch und schien vergnügt, S. war einsam und Mieter einer wohngemeinschaftstauglichen Wohnung.

Man wurde schnell handelseinig. Voll der schönsten Hoffnungen kehrte S. zurück nach Berlin.

Einige Wochen später zog das Mädchen ein. Sie nannte viele bunte Gegenstände ihr eigen, brühte regelmäßig Früchtetees auf und stellte S. sogar belegte Brote in den Kühlschrank, wenn er abends aus der Kanzlei kam. Die Mitbewohnerin brachte ihre Gitarre mit und spielte S. zur Aufmunterung gern etwas vor.

Am ersten Sonntag, den die Mitbewohnerin nicht nach Hause fuhr, erwachte S. in einer leeren Wohnung. Die Mitbewohnerin, so stellte sich später heraus, war zum Gottesdienst gegangen. Überdies hatte sie Anschluss gefunden und blieb jetzt öfter die ganze Woche. Manchmal saßen abends, wenn der S. nach Hause kam, fröhliche junge Mitglieder eines christlichen Zusammenschlusses junger Menschen in der Küche, die sangen, Tee tranken und den S. fragten, ob er am Sonntag mit in den Gottesdienst käme.

Zuerst ärgerte der S. sich ein wenig über den Fehlschlag bezüglich seiner nach wie vor einsamen Lagerstatt. Nach und nach begann der S. aber, die Mitbewohnerin zu vermissen, wenn sie doch einmal ein Wochenende in die norddeutsche Tiefebene fuhr. Nachts stand er vor ihrer Tür und horchte, ob sie schlief. Als der S. einige Tage beruflich in London weilte, verlängerte er den Aufenthalt nicht übers Wochenende und kaufte der Mitbewohnerin ein kleines Geschenk.

Schließlich, der Zustand des S. war nicht mehr zu übersehen, nahm die Mitbewohnerin ihn zur Seite. Er habe, so sagte sie, wohl eine Neigung zu ihr entwickelt. Auch sie habe ihn von Herzen gern. Allein, ein wahrhafter Christ sei der S. nicht, und sie könne ihn nicht lieben. Er sei für sie wie ein großer Bruder. Sie werde für ihn beten.

Was blieb dem S.? S. stimmte zu, sagte Ja und – vor allem – Amen. Unterdessen verlängerte die Mitbewohnerin erst ihr Praktikum und wechselt zum kommenden Sommersemester an die FU. Sie ließ sich in den Mietvertrag aufnehmen, sie strich des S.´ Küche in hellen, freundlichen Farben und feierte ihren 22. Geburtstag mit allen jungen Christen von Berlin. Abends kocht die Mitbewohnerin, und am Sonntag holt der S. sie vom Gottesdienst ab.

S. gilt inzwischen in religiösen Kreisen der Stadt als leuchtendes Beispiel der wahren Freundschaft zwischen Mann und Frau. Seine Bekehrung soll unmittelbar bevorstehen. Ausgesprochen weltliche Freunde bekommen ihn nur noch selten zu Gesicht.

Hilfe! (Perfect Keylogger?)

Und wieder einmal besteht Gelegenheit, sich Frau Modestes ewige Dankbarkeit zuzuziehen. Gewiefte und erfahrene Meister der Datenverarbeitung biegen sich jetzt wahrscheinlich hohnlachend über ihren Tastaturen. Als eine echte Analphabetin aller Gerätschaften, die komplizierter sind als mein neuer Blitzhacker – schenken Sie mir trotz allem einen Moment der Aufmerksamkeit:

Gestern rauscht der PC auf meinem Schreibtisch ab. Ich starte die perfide Kiste neu, und sehe kurz ein Icon, das ich nicht kenne. Im Zuge einer eingehenden Suche in den Systeminformationen werde ich schließlich fündig. Das selbststartende Programm heißt „Perfect Keylogger“ und dient dazu, alles, was getippt wird, in einer Extradatei aufzubewahren. Laut Anleitung, die auch dabei ist, soll das Programm gänzlich unsichtbar sein, nicht gelöscht werden, und demjenigen dienen, der schon immer mal alles über seine Kollegen, Familie etc. wissen wollte.

Ich fühle mich etwas verfolgt. Ratlos schleiche ich um den PC herum und benutze fortan nur noch das Notebook.

Mit ist ganz und gar nicht klar, wie das Ding auf den PC geraten ist. Gibt es in meinem Leben mehr Psychopathen, als ich schon immer annehmen musste, oder kommt der Angriff aus dem Netz? Kann nur derjenige, der an dem Ding sitzt, meine Daten lesen, oder kann auch jemand außerhalb an mein Geschriebenes, wenn ich im Internet bin? Mit meinen Daten kann im übrigen soweiso keine Sau etwas anfangen, außer man hegt ein reges Interesse für rechtswissenschaftliche halbfertige Doktorarbeiten und meine nicht sonderlich spektakuläre und zudem unvollständige Privatkorrespondenz.

Helfen Sie mir. Bitte.

Halten zu Gnaden

Irgendwann zwischen meinem 12. und meinem 20. Lebensjahr habe ich eine halbe Stunde verloren. Vielleicht war´s der Tag, an dem ich stundenlang an einer Bushaltestelle stand, durchweicht und frierend, und auf jemanden wartete, der just an diesem Tag von seinem Vater am Clubhaus abgeholt worden war. Oder der Tag, an dem ich die letzte rettende Matheklausur verschlief, die mich vorm „mangelhaft“ hätte retten sollen. Ich bin dann doch nicht sitzengeblieben, aber das ist eine andere Geschichte.

Die habe Stunde habe ich nicht mehr aufgeholt.

Bin ich um 20.00 Uhr verabredet, wird es halb neun. Ich stelle mir die Uhr auf den Schreibtisch, ich kann mir sogar einen Wecker stellen. Wenn ich eine halbe Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt aufbrechen möchte, klingelt das Telephon und einer Freundin geht´s dreckig. Wer hätte das Herz…. Meine Strumpfhosen haben immer Laufmaschen, ich schmiere mir Make-Up auf´s Oberteil, und habe ich es ins Treppenhaus geschafft, steht mein netter Nachbar auf dem Absatz. Die U-Bahn ist gerade weg, die Taxen sind voll, und eine halbe Stunde nach dem verabredeten Termin stehe ich atemlos in der Tür.

Schlimm war das Jahr, als ich nach Berlin zog. Alles schien nah, alles war eine Dreiviertelstunde entfernt, und für ein paar Monate wurde aus der halben eine ganze Stunde.

Die halbe Stunde hängt mir nach. Bin ich eine halbe Stunden zu spät am Marheinekenplatz, um beim M. Tee zu trinken, so kann ich nicht nach einer knappen Stunde aufbrechen, denn ich bin ja kaum angekommen. Dann sitze ich also beim M. auf dem Sofa, trinke Tee und bin viel zu spät in der Pasteurstraße, wo die C. schon wartet. Aber der C. habe ich schon seit Wochen versprochen, ihr beim Formatieren ihrer Diss zu helfen. Dann schlägt die Absatzkontrolle Kapriolen, die Fußnoten stehen auf der falschen Seite, und die halbe Stunde steht auf meinem Zeitkonto wieder rot und dick im Minus.

Ungeküsst

Ein guter Teil meiner verpassten Chancen lagert in einer Teedose, in der das Warenhaus Fortnum & Mason mir vor Jahren einmal eine Portion Earl Grey verkauft hat. Die Teeblätter sind nun dahin, und statt der braunen Blätter knüllen sich seit Jahren die Zettelchen mit unangerufenen Telephonnummern junger Herren im Blech und riechen streng nach Bergamotte. Weil sich die Zahl der Interessenten in Grenzen hält, reicht eine Teedose völlig aus, mein ungelebtes Liebesleben aufzubewahren.

Hinter dieser ohnehin nicht besonders umfangreichen Sammlung von Telephonnummern, deren Inhaber gewillt waren, von Mademoiselle Modeste angerufen zu werden, bleibt die Zahl der beherzt zugreifenden Herren noch einmal deutlich zurück. Aus verständlichen Gründen halte ich keine Trophäen in Händen – besäße ich welche, wäre eine Zigarettenschachtel mit einiger Sicherheit groß genug.

Die These, wonach auch alleinstehende Frauen eher selten zur Keuschheit gezwungen sind, scheint in meinem Leben irgendwie nicht zu funktionieren. Kein nächtlicher Nachbar fällt mir auf öffentlichen Sofas um den Hals. Kein hübscher Tänzer probiert, ob ich nicht nur tanzen, sondern auch küssen kann. Auf der vorerst letzten Party meines Singlelebens saß ich irgendwann mit einem reizenden Jungen in der Küche, der mir einen feurigen Vortrag über das EU-Beihilfenzertifizierungsverfahren hielt. Vor meiner Tür bekam ich seine Nummer, und das Taxi fuhr davon. Und der niedliche Schweizer am Samstagabend aus den Kunstwerken ist auch ohne weiteren Körperkontakt entschwunden.

Tips guter Freundinnen, in deren Leben dieses spezielle Problem keine Rolle zu spielen scheint, können sich die Ratgeberinnen alle ans Knie nageln. Nonverbal habe ich einen Sprachfehler. Und zu direkten Ansprachen bin ich auch nicht fähig.

Da bleibt wohl nur Heiraten.

Hymne auf den T.

„Modeste“, sagt der T., „ist dir nicht besonders ähnlich.“
„Ist mir mein linker Fuß ähnlich?“, frage ich zurück. Bloß keinen Streit anfangen, denke ich, und die frische Versöhnung gefährden.
„Nicht, wenn du die Pediküre noch länger rausschiebst. Aber überhaupt, Melancholie…,“ sagt der T. „Besser wäre vielleicht: Teilzeitdepressiver Neurosenstadl. Oder gleich: Hysterische Hinrichtungen.“
„Wen leg´ ich denn schon unters Fallbeil?“
„Das fragst du mich?“, T. wird lauter. „Ich komm doch ganz mies weg, ich schau doch aus wie eine ganz eitle Knallcharge. Danke.“
„Schreib´ dir ein eigenes Blog.“, schlage ich dem T. vor.
„Pfff…,“, macht der T. und wedelt ein wunderschönes Blog über den Tisch ins Nirvana.
„Du weißt doch, was du mir bist.“, sage ich und gieße das Nudelwasser ab.
„Dann schreib´ das auch mal.“, gibt mir der T. auf und stößt die Gabel wütend in die Spaghetti.

Also gut:

Wie ich den T. kennenlernte

Irgendwann um meinen zehnten Geburtstag herum beschlichen meinen Vater Sorgen bezüglich meiner Ausbildung. Im alternativen Schulprojekt war Goethe immer noch nicht vorgekommen. Und nach den Sommerferien sollte kein Lateinunterricht beginnen. Schwer wogen die Prinzipien, schwerer wog das Kindeswohl, und so schlich mein Vater heimlich und hinter dem Rücken seiner Kumpane zum ältesten Lehrinstitut der Stadt. Der Direktor, ein berufskatholischer Hüne, ließ ihn zappeln. Und mein Vater tat Abbitte für sich, seine Frau, aller beider Abstammung und das alternative Schulprojekt. Dann durfte ich einen Aufsatz schreiben, ein bißchen rechnen und ward schließlich Sextanerin. – Komischerweise blieb der Kulturschock aus, irgendwie hatte ich es nicht anders erwartet.

Der größere Teil der neuen Sextaner kannte sich von den Nonnen, denen man die Grundausbildung der Kinder anvertraut hatte. T. dagegen kam von der Waldorfschule, was den Patres nicht wesentlich weniger suspekt war als das Schulprojekt. Ob wir uns aus Notwehr anfreundeten oder aus tiefer innerer Verwandtschaft – wir saßen jahrelang nebeneinander. T. fragte mich Erdkunde ab und ich ihn Latein. Wir zelteten in Dänemark, wir stritten uns alle drei Tage und tanzten miteinander auf dem Abschlussball. Weil der T. Äonen schlauer ist als ich, ist sein Abi bombastisch, und meines so lala.

Warum der T. toll ist

Der T. ist nicht nur wesentlich intelligenter, als ich es auch nur für fünf Minuten simulieren kann – er verfügt über jene gediegene Bildung, um die mich zu bemühen ich zu faul war und bin. Bekleidungstechnisch besitzt er das Pendant zum absoluten Gehör: Er findet in jeder Boutique in kürzester Zeit die Kleidungsstücke, die man besitzen muss. Die Kleidungsstücke, die mir dann auch stehen und die ich tragen mag, gehören zwar selten dazu, aber meine besten Stücke im Schrank hat mir der T. aufgeschwatzt. Alleine hätte ich mich wegen Extravaganzverdacht nicht getraut.

Warum ich den T. mag

T. ist zuverlässig, wann er immer er es für erforderlich hält. Er kann überhaupt immer (außer vormittags) angerufen werden und kommt meistens sofort. Als einer der wenigen Bewohner dieser Stadt kann er hauchdünne Wiener Schnitzel braten und macht auf Ansagen und auf die niederträchtigste Weise jeden meiner Feinde nieder, den er auch nicht leiden kann. Und um mir den Ausstieg zu erleichtern, hat T. acht Tage lang nicht geraucht, wenn ich dabei war.

Was ich am T. nicht ausstehen kann…

…sage ich ihm selber.

Perle am Helmholtzplatz

Haben Sie eine Perle gefunden? Sie muss am Helmholtzplatz liegen. Man sieht sie bestimmt kaum, denn sie ist ziemlich klein und so weiß wie der Schnee. Ich habe gesucht, ich bin den ganzen Heimweg zurückgegangen, aber die Perle ist weg.

Eine Perle, sagen Sie, ist doch nicht die Welt? Auf der Welt gibt es so viele Perlen. Schau, sagen Sie, bei Wempe gibt´s Nachschub, und ein Schenker wird sich finden.

Ja, sage ich Ihnen. Perlen gibt´s genug, aber diese Perle hat mir der B. geschenkt, als ich 14 war, und es war das erstemal, dass mir ein Mann ein richtiges Erwachsenengeschenk gemacht hat.

Der B. hat schon studiert damals, und ich war noch nicht mal in der Oberstufe. Es war August, ich war bei meiner Großmutter zu Besuch, und habe mich redlich gelangweilt und den ganzen Tag gelesen. Meiner Großmutter hatte nur ziemlich langweilige Bücher, aber angesichts der Langeweile im großmütterlichen Haushalt war sogar Adalbert Stifter ziemlich spannend.

Meine Großmutter kannte einen Haufen anderer alter Damen, die alle ähnlich rochen. Sie besuchten sich alle gegenseitig reihum, und ich war zwei Wochen lang der einzige Mensch unter 70. Da saß ich dann herum, lächelte, trank Tee und hörte mir die Geschichten an, die die alten Damen erzählten.

Irgendwann brachte eine der alten Frauen ihren Enkel mit, auf den sie mächtig stolz war. Sie verkündete den Ruhm seiner Sportlichkeit, seiner Intelligenz, seiner brillanten Studienleistungen, und der B. stand blond und etwas geniert neben ihr.

Vermutlich war es meine einzige Möglichkeit in meiner früheren Jugend, überhaupt von einem Mann angesprochen zu werden: Als einziges Mädchen unter lauter alten Frauen. Der B. setzte sich also neben mich und sprach fast ganz allein. Das war auch gut so: ich hätte keinen Ton herausgebracht. „Verabredet´s euch doch.“, sagte seine Großmutter, der der mangelnde Unterhaltungswert der großmütterlichen Sommerfrische wohl dunkel bewusst war. Und so gingen wir am nächsten Tag schwimmen, dann radfahren, und am dritten Tag war ich so entspannt, dass ich sogar in zusammenhängenden Sätzen mit ihm sprechen konnte.

B. las mir vor, er machte mir sogar ein paar Komplimente. Auf dem Weg zum See nahm er meine Hand, damit ich nicht stolpern würde, und ließ sie auch nicht los, als wir am See lagen und keine Stolpergefahr mehr bestand. Wir haben uns ein paar Mal geküsst, und ich erinnere mich an den Geruch von Wasser und Gras, als wir an einem verregneten Tag die einzigen waren am See. Dann musste der B. wieder fort, und ich langweilte mich noch mehr bei meiner Großmutter und den alten Damen, dem Tee und dem See, in dem alleine zu baden keine Freude war.

An meinem Geburtstag war der B. wieder da. Er aß mit mir und der Großmutter Torte, Hand in Hand umwanderten wir den See und küssten uns, wenn keiner zusah. Als er abends fuhr, steckte er mir das Schmuckkästchen in die Tasche.

Den Brief, der dabei war, habe ich lange nicht mehr. Die Großmutter ist tot, das Haus am See verkauft, und was der B. heute macht, weiß ich nicht und werde es nicht erfahren. Die Perlenohrstecker blieben bei mir. Mir den Jahren wurden die Verschlüsse locker, ich bekam anderen Schmuck, und trug die Perlen selten.

Manchmal, wenn ich nach Schmuck suchte, gerieten mir die Perlen zwischen die Finger. An den B. dachte ich selten dabei. Aber heute Nacht, wo die Perle am Helmholtzplatz liegt, tut es mir leid um den B., der nichts verlangte, nichts versprach und keinen Schmerz hinterließ, als ich nichts mehr von ihm hörte.

Polemischer Anfall braver Juristin

Ich habe gern studiert. Acht Semester Jura inklusive ein bißchen Wildern in jenen Gefilden, wo die dicken Bücher wohnen. Ein Auslandsemester war auch dabei. Ein paar Praktika hier und dort, eine Stelle als studentische Hilfskraft, und schließlich das Staatsexamen nach einem einjährigen sauteuren Repetitorium, aus Angst und weil es alle machen. Das ganze Vergnügen hat ein Schweinegeld gekostet. Und wer behauptet, ohne Geld ließe sich genauso komfortabel studieren, dem spucke ich höchstpersönlich auf die gelackten Schuhe und schicke ihn zur Frau Eriador, deren Beitrag ich leider noch nicht kannte, als ich vorhin mit einigen teilweise noch studierenden Bekannten essen war, die sich alle so mächtig auf die tolle neue Uniwelt gefreut haben, bis mir der Wein nicht mehr schmeckte, und ich so polemisch zu werden drohte, dass ich ganz schnell nach Hause fahren musste.

Kommen zu den Kosten, die ohnehin gegenwärtig schon mit einem Studium verbunden sind, nun auch noch Gebühren hinzu, so kann mir keiner erzählen, dass das nicht Leute vom Studium abschreckt oder das Studium gleich ganz verhindert. Geld, das nicht da ist, kann man eben einfach nicht ausgeben. Und dem Verweis auf Stipendien oder Darlehen traue ich erst, wenn auch diese Programme auf dem Tisch liegen, und nicht nur die Referentenentwürfe für die Zahlungsverpflichtung. Mit entsprechender sozialer Abfederung habe ich nichts gegen Studiengebühren, wenn es denn erforderlich sein sollte. Ich sehe nur weder Notwendigkeit noch Nutzen.

Das ausgerechnet jetzt Forderungen nach Studiengebühren laut werden, dürfte im übrigen keinen Zufall darstellen. Ich bin weder eine Freundin der politischen Linken noch werfe ich mich im Regelfall Verschwörungstheorien an den schrundigen Hals – aber es sollen seit dem Ende des Systemgegensatzes schon einige Anzeichen für eine gewisse grundlegende politische Umgestaltung der Bundesrepublik gesichtet worden sein.

Hat der Gremliza doch recht behalten.