Kinderlos und Spaß dabei

soso, Herr Petropulos, der Sie in der gestrigen Ausgabe der FAZ das Ende der „Illusion der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ proklamiert haben.

Alles geht also nicht, und nur eine Ganztagsmutter gewährleistet das Kindeswohl. Die karrieregeilen Teilzeitmütter der von Ihnen zitierten zwei von drei Kindern aus der Berliner Innenstadt, die nicht richtig deutsch können, sollen also mit einem „Erziehungsgehalt“ daheim bleiben, derweil der Vater (gleichwohl in dem Artikel kein einziges Mal erwähnt), hinaus ins feindliche Leben strebt, um dort die Karrieren zu machen, um die die pflichtvergessenen „Ganztagsbetreuungstfetischistinnen“ sich zu bemühen erdreisten.

Lassen Sie es sich ganz nebenbei von einer kinderlosen Endzwanzigerin gesagt sein, die mit oder ohne Erziehungsgehalt keinen Nerv auf die Ganztagsbetreuung kreischender Bälger hat: Einer Frau, die zehn Jahre in ihre Ausbildung investiert hat, könnt Ihr Kinderfreunde gar kein Betreuungsgehalt zahlen, das sich die Bundesrepublik auch nur annähernd leisten könnte. Die meisten Menschen, die einen komfortablen Beruf haben, gehen überdies unermesslich lieber ins Büro als auf den Spielplatz.

Es gehört ohnehin zu den großen Irrtümern dieser absurden Debatte um die mangelnde Fortpflanzungsbereitschaft der Deutschen, dass die Frauen liebend gern Kinder hätten, und allein die schlechte Welt mit zu wenig Betreuung oder zu wenig Geld schuld an der Kinderlosigkeit sei. Die Wahrheit ist: Kinder haben macht keinen Spaß. Punkt. Und denjenigen Müttern, die mir mit rotgeränderten Augen von dem Wahnsinnsgefühl erzählen, dass kleine Kinder vermitteln, glaube ich erst wieder, wenn sie sich weniger sehnsüchtig von langen Clubnächten und Abenden im Theater erzählen lassen.

Schlechte Bücher oder: Modeste hat nichts zum Lesen mehr

Irgendwer, vielleicht war´s Maxim Biller, hat zum Zustand der aktuellen jüngeren Literatur einmal ausgeführt, die Langweiligkeit der Bücher habe ihren Ursprung in der Langweiligkeit der Leben, die diejenigen führen, welche Literatur absondern. Aus der Provinz an die Uni, 13 Semester Germanistik, ein paar Schreibworkshops und dann ziehen alle nach Berlin.

Angesichts der Tatsache, dass das Leben Prousts oder Kafkas noch um einiges eintöniger gewesen sein muss, als das Leben, das Judith Hermann in meiner persönlichen Vorstellung führt, ist diese These vermutlich falsch. Die Langeweile, die die Bücher jüngerer deutscher Autoren schwitzen, hat ihre Ursache nicht in der Eintönigkeit der Schriftstellerleben, sondern in der Eintönigkeit ihrer Phantasie. Die Tatsache, dass alle diese Menschen, soweit ich ihre Elaborate gelesen habe, ein nicht sonderlich aufregendes Leben führen, sollte mit ihren Büchern eigentlich nicht viel zu tun haben. Was spricht eigentlich dagegen, sich etwas Grandioses auszudenken? Oder einen historischen Roman zu schreiben, der nicht so muffig riecht wie die Werke Robert Schneiders? (Herr Perutz – stehen Sie auf von den Toten…) – Oder was spricht dagegen, einfach vernünftig zu recherchieren und Geschichten zu erzählen, die großartige Geschichten sind?

Die traurigen jungen Autoren aber erzählen keine großartigen Geschichten. Statt dessen erzählen sie Geschichten, die fortwährend von ihnen selbst handeln, von ihren Gefühlen, von ihrer Weltsicht, also von vorne bis hinten von langweiligen jungen Menschen, die aus irgendwelchen Käffern in die große Stadt gezogen sind und an der Welt leiden. Gibt es einmal eine nennenswerte Handlung, so ist diese sowohl stark metaphorisch überladen als auch in hohem Grade unwahrscheinlich, vermutlich weil der unselige Grass in die verwirrten Gemüter einen Hang zu erzählerischen Extravaganzen gelegt hat, gerne mit sexuellem Einschlag. Ich interessiere mich nicht für zehn Pfennig für die negativen Gefühle, die Sybilles Bergs letzte Heldin ihren Mitmenschen im Zuge einer anschlagsbedingten Notstandssituation entgegenbringt. Und derjenige, der mir glaubhaft ein ehrliches literarisches Interesse an diesen Ereignissen darlegen kann, kann mein Exemplar gerne haben.

Natürlich spricht die relative Ereignislosigkeit eines Romans nicht im geringsten gegen denselben – das Leben in einem Lungensanatorium gehört nicht zu den unterhaltsamsten unter den denkbaren Existenzen. Von mir aus kann ein Buch von der Fliege an der Wand handeln – aber ich will mit der Fliege mitfiebern: Wird sie es schaffen? Oder wird die harte Hand des Schicksals in Form der Fliegenklatsche die zarte Unschuld doch dahinraffen? Ich verlange also in aller Schlichtheit ein gewisses Maß an Empathie. Und der Entwicklung dieser Empathie ist eine Sprache nicht förderlich, die es in meinem Leben nicht gibt, weil niemand so denkt oder spricht. Diese Tatsache muss nicht gegen eine Sprache sprechen, die eben besser als die Alltagssprache geeignet ist, bestimmte Gefühle, Stimmungen oder Situationen zu charakterisieren. Dies trifft auf die in der aktuellen Romanlandschaft verwandte Sprache allerdings nicht zu. Sie ist nicht besser, sondern in aller Regel schlechter geeignet, Dinge auszusprechen, die vielleicht auch deswegen so flach und unsinnlich daherkommen, dass der Tod nicht schreckenerregend und der Sex nicht lustvoll wirkt.

Mir ist völlig unklar, wie es zu diesen Texten in dieser Form und mit dieser Sprache kommt. Es erscheint mir nicht besonders wahrscheinlich, dass jugendliche Enthusiasten der Literatur in die Welt aufbrechen, um diese mit bedeutungsschwangeren, langweiligen Geschehensabläufen in abgehackten Sätzen und unsympathischem Personal zu bevölkern. Entweder schätzen diese Menschen an Büchern etwas völlig anderes als ich, oder es gibt Lehranstalten der Literatur, die ein anderes Erziehungsideal vermitteln, als ich es als Leserin goutiere. Als eine Person, die nie einen Literaturworkshop besucht hat, und weder mit dem Lesen noch mit dem Verfassen literarischer Texte in einem professionellen Zusammenhang steht, mag mir da was entgangen sein. Und der Kritik scheint´s ja zu gefallen. Aber trotzdem – wer schreibt Bücher für mich?

Vorgeschichte oder: Nicht wieder gutzumachende Dummheiten im Verlaufe der letzten Woche

„Wo bleibst du?“, zischt T. ins Telefon. Ich kann mich an keinen Verabredung erinnern, aber „18.1., 13.00 Uhr“ steht auch auf dem gelben Post-It auf meiner Wohnungstür, und so hat T. wohl recht. Mit ziemlich nassem Haar und einer lila Bügelhandtasche zum kirschroten Mantel stürze ich eine knappe halbe Stunde später in das Kreuzberger Restaurant, welches sich der besten Schnitzel Berlins rühmt.

K. und T. sitzen sich gegenüber. Die Atmosphäre am Tisch mit „eisig“ zu beschreiben, wäre fast noch geschmeichelt. Die Versöhnung der beiden, die Zweck dieses Mittagessens war, ist offenbar noch nicht eingetreten.

Dass K. und T. sich nicht gut leiden können würden, war vorhersehbar. Der schlichte, bodenständige K, solider Insolvenzverwalter mit einem akuten Mangel an Phantasie, und der kluge, nervöse T. haben so gut wie kein Interesse gemein. Streiten hätte man sich vielleicht nicht müssen, aber nun sind über Tage böse Worte gefallen, derb von der einen Seite, von der anderen Seite ziselierte Bosheiten.

Ich lese noch in der Karte, als der K. auf die Uhr schaut. Eine Besprechung in der Kanzlei. „Gut“, sage ich. Ich habe ohnehin keinen rechten Hunger und gebe der Kellnerin die Karte ohne Bestellung zurück. Vor der Tür winkt K. einem Taxi.

In der offenen Taxitür dreht sich K. zu mir um, legt mir die Hände an die Wangen und küsst mich auf die Wange, ziemlich lang. Es fühlt sich gut an in diesem Moment, und so lasse ich mich küssen und drehe den Kopf ein wenig zu seinem Mund. Er küsst, atmet, drückt mich an sich und flüstert mir etwas ins Ohr, was ich nicht verstehen will. Mir wird die Kehle eng, ich reiße mich los. K. schaut mich an, und steigt in das Taxi.

Geh bloß weg, denke ich. Du bist es doch keinen Fall, denke ich auch noch und dann drehe ich mich zum T. um, lege ihm die Arme um den Hals und drücke ihm einen Kuss auf den Mund. Schau, K., denke ich, so ein Kuss hat gar nichts zu bedeuten, und ich liebe dich so wenig wie den T. oder sonst irgendwen. Das Taxi mit dem K. fährt weg.

T. könnte mich nun loslassen, aber er küsst weiter und zieht mich dicht an seinen Körper. Da schau her, denke ich. Fließt in diesen Adern also doch noch Blut und kein Frostschutzmittel.

Dann stehen wir einander sprachlos gegenüber und gehen stumm zum Lausitzer Platz, wo der T. parkt. „Bis dann“, sagt er, steigt ein und fährt davon.

Das Singleleben ist nichts für mich.

So scheint die Liebe

„Warum bist du gekommen?“, frage ich und schiebe mir ein Stück Weichkrokant zwischen die Zähne.

„Weil du das wolltest.“ Er lacht, aber sein Lachen hört sich an wie Gebell.
„Ich bin gekommen, obwohl du fürchterlich bist. Unzuverlässig. Das Gegenteil von konsequent. Du verzeihst jemandem, der seiner Freundin einen Marmoraschenbecher auf den Kopf haut und wirfst Leute raus, weil sie mit Alpenveilchen vor der Tür stehen. Du hast überhaupt keine Grundsätze. Du kannst fürchterlich austeilen, aber bist sofort beleidigt, wenn du glaubst, dass man dir nahe zu tritt. Du versuchst nicht einmal, dich zu beherrschen und gibst jeder Laune nach. Und man weiß nie, was dir in den nächsten fünf Minuten einfällt.“

Onkel S. findet mich unproblematisch.“, ich lehne meinen Kopf an seine Schulter und sehe ihm zu, wie er ein Nougattütchen vom Stanniol befreit. Sanft legt er es mir auf die Zunge.
„Und dein Vater hält dich für sein persönliches Geschenk an die Menschheit. Und weißt du was? Sie haben unrecht!“, er lacht und diesmal klingt es schon besser.
„Was willst du dann hier?“, frage ich ihn nochmal.
„Dich mit Ingwerstäbchen füttern.“ Knisternd löst sich das Cellophan von der Packung.

Aber auch er hat Fragen: „Warum hast du mir ausgerechnet jetzt geschrieben?“ Er zieht seinen linken Arm hinter meinem Nacken hervor und bricht mit beiden Händen Schokolade, Domori Latte Sal. Mir wird langsam übel. „Nein, wehre ich ab. „Das willst du nicht wissen.“ Oh doch. Er will. Und es dauert lange und ist ein bißchen peinlich.

„Das sieht dir ähnlich.“, sagt er, als ich fertig bin. „Sieh zu, wie du die Sache mit K. und T. wieder in Ordnung bringst. Ich hänge mich diesmal nicht rein.“.

„Brauchst du auch nicht,“ sage ich, und das ist natürlich ganz und gar gelogen.

Warten

Wenn er bis 14.00 Uhr nicht angerufen hat, dann gehe ich Kaffee trinken und warte nicht mehr. Bis 15.00, nein besser: 16.00 Uhr. Die Post war doch schon lange da. – Wenn der nächste Wagen, der um die Ecke kommt, ein Renault ist, dann ruft er gleich an, in den nächsten fünf Minuten. – Verdammt, wieso hab´ ich den Brief geschrieben. Wieso abgeschickt? Jetzt sitzt er am längeren Hebel und kann mich warten lassen. Alles in allem nur fair.

Hast du gedacht, er sitzt neben dem Briefkasten und wartet, ob Du Dich nochmal meldest? „Hey, ich hab´s mir anders überlegt“ – schön blöd wäre er, wenn er sich gleich drauf einließe. Bestimmt ruft er später an. Oder er ist gar nicht in seiner Wohnung, vielleicht ist er auch verreist. Dann hat es nichts zu sagen, wenn er heute nicht anruft, denn dann ist er ja gar nicht daheim. Das wäre gut, denn es ist ja schon drei durch. Aber vielleicht ist er nicht in Urlaub, vielleicht hat er den Brief gelesen, vielleicht hat er ihn weggeworfen und wird nie wieder anrufen. Vielleicht hat er aber auch Termine, kommt später, und der Brief ist noch im Kasten und wartet, ob er sich freut und vielleicht heute abend noch nach Berlin fährt.

Und wenn nicht? Wie lange werd´ ich hier sitzen, nervös, mit kalten Händen, ungeduscht, weil das Telefon ja klingeln könnte. Jeden Anruf nach Sekunden beenden, nicht arbeiten können, weil ich das Telefon anstarren muss, als hätte es die Kraft, ihn wiederzubringen.

Der Tod kann kein Berliner sein

Waren Sie schon einmal in Wien? Dann haben Sie den Zentralfriedhof gesehen, oder? Und die Hamburger, hört man, gehen am Sonntag in Ohlsdorf spazieren. In den kleinen Städtchen am Lande liegt noch der Gottesacker zu Füßen der Kirche; und in Japan, wo der Platz rar ist, stapeln sich die Toten in vollautomatischen Nekropolen, zu denen die Angehörigen Zugangscodes bekommen mit Plastikkarten oder Nummerncodes.

Aber wo verscharren die Berliner ihre Toten? Auf den paar Friedhöfen, die in den Reiseführern stehen, auf denen Brecht liegt oder Liebermann, da ist kein Platz für die Toten von drei Millionen. Auf diesen Friedhöfen ist kein Grab jünger als vielleicht dreißig, vierzig Jahre. Wo aber ist der Berliner Zentralfriedhof, wo lässt sich die Wilmersdorfer Witwe zu Grabe tragen, wo vergräbt man den Junkie aus dem Dixie-Klo und was passiert, wenn die Nachbarn von dem tagelang stinkenden Rentner aus der Nachbarwohnung endlich erlöst werden?

Wenn die Berliner es wissen, so verraten sie es jedenfalls nicht. Niemals entschuldigt sich der Berliner für sein vorabendliches Fehlen mit einer Beerdigung. Nicht fährt er zu den Gräbern seiner Großeltern. Gehört seine Familie zu den glücklichen Inhabern eines prachtvollen Erbbegräbnisses, gar einer romantischer Gruft? Er wird es nicht erzählen. Überhaupt berichtet der Berliner ungern vom Ableben seiner Umgebung. Bestellen Berliner eigentlich Kränze, wenn es einen Kollegen vorzeitig vom Ledersessel haut? Und wo inseriert der untröstliche Berliner seinen Schmerz um die geliebte Nichte, Schwester, Tante und Großtante?

Aber der Tod lässt die Seinen nicht aus den knochigen Fingern. „Memento mori“, rattert die U 2 dem Berliner in die Ohren. Gerade noch mittten im blühenden Leben, sieht sich der Berliner mit den Todesschwaden der Currywurstbuden konfrontiert. Gellend erinnert das Martinshorn den Berliner daran, dass auch er sterben muss.

Öffentliche Einöden

Beate Heine, Dramaturgin der Schaubühne, die ich selten aufsuche, sieht das Gegenwartstheater von der Kritik zu wenig geliebt. Sie moniert eine Rückwärtsgewandtheit der Kritik, die dem Theater als Ort eines politischen Verständnisses von Kultur in enger Anbindung an die Populärkultur und den Zeitgeist nicht gerecht würde.

An diesen Worten ist dabei leider nur eines wahr – die Theaterkritik ist in einem dermaßen niedrigen Zustand, dass der unglaublichen geistigen Einöde der meisten Theaterinszenierungen beim Lesen der Besprechung gleich der nächste Schlag nachfolgt. Das Verständnis des Theaters, das Beate Heine offeriert, dürfte aber ein wesentlicher Grund dafür sein, dass seine öffentliche Rezeption so miserabel geworden ist, dass sich kaum jemand über die unfähige Kritik beschwert.

Bei der Erwähnung eines „politischen Verständnisses von Kultur“ fallen mir auf der Stelle die Augen zu. Es gibt eine Menge politischer Stücke – und darunter sollen sich sogar einige Sehenswerte befinden. Jeder, der „Wilhelm Tell“ dieser Dimension berauben würde und etwa eine Klamotte auf die Bühne brächte, verdient zu recht die volle Verachtung von Frau Heine, und da schmeiße ich meine gern mit dazu. Wer allerdings glaubt, durch plumpe Parallelen im Rahmen der Ausstattung oder textliche Veränderungen oder Einschübe die Aktualität des Stückes dem Publikum wie eine Torte ins Gesicht zu werfen – der hat nicht etwa die politische Dimension des Stückes herausgearbeitet. Der weiß nicht, was Theater ist und hält das Publikum offenbar für eine Versammlung von Volltrotteln, das ohne die Verlesung längerer Passagen der Briefe Rosa Luxemburg´s nicht weiß, was uns der Dichter mit der „Mutter“ mitteilen möchte. Glanz und Scheitern des politischen Theaters sind auch nicht erst seit gestern bekannt. In den Inszenierungen Piscators ist schon alles dabei – inklusive des die Internationale grölenden Bürgertums, das deswegen nicht einen Revolutionär weniger erschießen ließ.

Dass das Theater kein politischer Raum sein sollte, liegt dabei eigentlich auf der Hand. Kein Ort, an dem die Mehrzahl der Anwesenden schweigt, sollte das sein. Es gibt eine Menge denkbarer Labore des gesellschaftlichen Umbruchs, und es ist bedauerlich, dass etwa die Unis diese Aufgabe nicht besser wahrnehmen. Es gibt aber keinen Grund, warum das Theater zu diesen Laboren gehören sollte.

Es versteht sich von selbst, dass Theater nur gegenwartsbezogen denkbar ist. Zur Gegenwart gehört zwingend und unterschiedslos die Populärkultur genauso wie die Hochkultur. Und zur Gegenwart gehört auch die Vergangenheit, die sich in einer Stadt wie Berlin, die aus dreckigen Vergangenheitsmythen und dreckiger Gegenwartswahrheit geradezu gebacken ist, nicht wegdenken lässt. Und zu dieser Vergangenheit gehört natürlich auch die Vergangenheit des Theaters. Es gibt hier keinen Konfrontationskurs, den das Theater abbilden müsste. Und der Akt des Erinnerns braucht auch keine „subversive Kraft“, sondern bloß die Kraft, im Wettstreit der bewegendsten Bilder, der treffsichersten und originellsten Interpretation gut abzuschneiden. Mit Werktreue hat das nichts zu tun, die mag gegeben sein oder auch nicht.

Diejenigen, die auf der Bühne nicht Stücke inszenieren wollen, sondern Botschaften vermitteln, Experimente um ihrer selbst willen wagen oder auf ominöse „Diskurse setzt“, erregen bei mir den Verdacht, eine Unfähigkeit zu bemänteln – die Unfähigkeit, Geschichten zu so zu erzählen, dass ich sie glaube.

Denn das suche ich im Theater. Ich will mir von der Liebe erzählen lassen, und vom Scheitern, das in den hoffnungsvollen Anfängen liegt. Vom Unglück des Altwerdens in einer Dschungelsimulation, die so unecht ist, wie das Leben, das ich manchmal führe. Ich will die Verzweiflung sehen, den Verrat und den Mord, die Macht und das Elend. Bestenfalls: Tua res agitur. Im schlechtesten Fall eine mechanische Vorführung tausendmal gesehener Pseudoprovokationen, ein bißchen politische Rhetorik, ein paar Nackte, und dann hinaus in die Nacht.

Es ist mir völlig egal, welche Haltung das Theater zur Gegenwart und zu sozialen Umbrüchen einnimmt. Aber wenn ich aus dem Portal komme, das in meinem Fall in der Regel am Rosa-Luxemburg Platz steht, dann will ich versucht sein, mich auf der Stelle anbetend auf den Boden zu werfen. Und sollte das nicht der Fall sein, will ich mich wenigstens ordentlich streiten.

Die neue Freundin

Dass sie allein ins Taxi steigen würde, hatte sie sichtlich nicht erwartet, als sie M. kurz vor eins am Ärmel zupfte. Sie sei todmüde, sagte sie, und in diesem einen Moment tat mir M.´s neue Freundin leid.

„Und?“, M. sah in die Runde. Der Blickkontakt blieb vorerst einseitig: C. prüfte die Füllhöhe ihrer Bierflasche, T. las die Karte, und ich beantwortete eine SMS.

„Modeste“, M. legte mir die Hand auf den Unterarm, „Ich weiß, sie ist nicht der Typ, mit dem du dich umgibst. Was hältst du von ihr?“
„Liebst du sie sehr?“, ich lenke ab. M. lacht leicht geniert, und einen Moment weiß ich nicht, was mir lieber wäre. Ich mag es nicht, wenn sich Männer von der Frau distanzieren, mit der sie schlafen. Aber M.´s neue Freundin mag ich eindeutig auch nicht. Bestimmt ein nettes Mädchen, sage ich deshalb, und erst als M. nochmals nachfragt, platze ich heraus:

„Bist du böse, wenn ich sie abscheulich finde?“ – M. sieht gekränkt aus. Selber schuld, denke ich. Ich dränge mich zu den Waschräumen durch, und als ich wiederkomme, hat sich die Atmosphäre am Tisch deutlich abgekühlt. Es ist ohnehin laut, und so höre ich nur einige Gesprächsfetzen, als ich auf meinen Platz durchrutsche. „Proseccotussi“, höre ich, „Urlaubskrimileserin“, und dann steht M. auf und geht. Er muss sauer sein, der rücksichtsvolle, brave M. schiebt die Kellnerin harsch zur Seite und steht schon auf der Straße.

Tut mir leid, M., denke ich. Vielleicht wäre es besser gewesen, bei der Version vom netten Mädchen zu bleiben. Aber die Vorstellung, M.s´ neue Freundin allwöchentlich mit lauter Stimme und etwas vulgärer Diktion erklären zu hören, dass sie ja den ganzen Tag lesen würde, und deswegen abends lieber einen guten Film schaut…nein. Auch, dass sie ihr Fitnessstudio mag, „weil da nicht so´ne Plebs abhängt“, plant niemand am Tisch sich häufiger anzuhören. Ob M. diese Seite seiner neuen Freundin nicht wahrnimmt? Seine letzte Freundin war doch auch nicht so. Ob seine Urteilsfähigkeit gelitten hat in den letzten drei Jahren?

Ach, M., denke ich da. Armer M., die drei Jahre waren zuviel für dich. „Komm zurück!“, tippe ich deswegen ins Mobile. „Kommt her“, summt M.´s Nachricht, keine Minute später.

Als wir kommen, steht M. in T-Shirt und Pyjamahose vor der offenen Balkontür und wärmt sich die Hände an einer Schale Tee. Seine neue Freundin raucht, und was er weder T. noch mir jemals erlaubt hat – sie raucht in seiner Wohnung. Eine Menge „Marlboro Lights“-Stummel mit roten Lippenstiftspuren liegen in einem gläsernen Aschenbecher neben der Spüle.

M. sieht unglücklich aus. Mechanisch und schweigend stellt er Teekanne und Zubehör auf ein Tablett. „Ich mag dich,“ sagt C. zu ihm, und streicht ihm über Schultern und Rücken. Das war wohl falsch. M. fängt an zu weinen. Er schluchzt an C.´s Schulter, die ihn festhält wie ein Kind, das sich wehgetan hat.

Ich ertrage keine Tränen, ich stelle mich zu T. auf den Balkon. Wir rauchen und es ist kalt.

Als C. und M. aus der Küche kommen, ist es wieder gut. Oder zumindest vorbei. Dann bricht C. auf, auf sie warten daheim Freund und Katze. Auf uns wartet keiner. Wir wickeln uns in Decken ein und trinken den süßen Tee mit Sahne. M. stellt sein Notebook auf die Kommode vor dem Bett und wir schauen Helmut Berger als traurigem König zu.

Als es hell wird, schlafe ich ein.

Manfred Fuhrmann ist tot

„PISA“, so T., sei der Sieg der Sozialdemokratie über den Geist: Dieser Glaube, Bildung diene der ökonomischen Verwertung, sichere Industriearbeitsplätze und habe etwas mit Ganztagsschulen und Kindertagesstätten zu tun.

„Ja,“, sage ich achselzuckend und winke dem Kellner. Das möchte wohl so sein. Aber was der durchschnittliche Fünfzehnjährige weiß, kann oder denkt, bewegt sich außerhalb meiner Sphäre. Die PISA-Debatte ist mir vollkommen egal.

T. wirkt leicht verstimmt.

Ich habe T. im Verdacht, seine Reden an die Nation und andere Völkerschaften sorgfältig vorzubereiten. Und so ist mir klar, dass ich der Rede nicht entgehen werde über Bildung, PISA und die Sozialdemokratie, die zu T.´s Privatobsessionen gehört.

Als mit einiger Verspätung R. erscheint, ist es dann soweit. Während ich in den erkaltenden Resten meiner Tagliolini stochere, erledigt T. den funktionalistischen Bildungsbegriff, die Bundesbildungsministerin und jene Lehrer, die das Heil der Ausbildung darin sehen, die Erstellung von Präsentationen zu vermitteln und die Fähigkeit, Inhalte aus dem Internet zu laden als eine wesentliche Kulturtechnik ansehen.

Nach einer effektvollen Pause, die ich zur Bestellung des Desserts nutze, fährt T. fort. Nostalgie senkt sich über die karierte Tischdecke, während T. eine Vergangenheit beschwört, die niemand von uns durch Erfahrung kennt. Damals, als die Großväter noch fließend Latein sprechen konnten. Als der Student in Goethe das Gute, Wahre und Schöne suchte und fand.

„Die Sozialdemokratie,“ dekretiert T., „hat Kritik und Rezeption zu Unrecht in einem Ausschließlichkeitsverhältnis vermutet.“ Ich ächze ein bißchen. Allerdings ist T. erfahrungsgemäß gegen den Vorwurf der Weltfremdheit ebenso immun wie gegen unzureichende Faktenbasis, und so schweige ich und schaue den träge durch den Raum ziehenden Rauchschwaden meiner Zigarette hinterher.

Mit R., die ich nicht sehr gut kenne, hat T. offenbar ein dankbareres Publikum gefunden. Begeistert breitet die ruhige, etwas unscheinbare Frau die Arme aus. T. habe artikuliert, was sie schon immer gedacht habe. Ich denke kurz an die befristete halbe Assistentenstelle, mit der die kluge R. nicht ein Fünftel soviel verdient, wie ihre Klassenkameraden. Dann schaue ich aus dem Fenster, sehe Mütter mit Kind die Kollwitzstraße herunter schlendern, und ordere noch einen Espresso.

R. befindet sich nun im Zustand gehobener Erregung. Auf ihren Wangen bilden sich zwei erdbeerrote Flecken, sie atmet hörbar und trompetet:

„Und dann ist auch noch Manfred Fuhrmann gestorben!“

Wenn einem der Gäste des Delizie d´Italia dieses Faktum noch unbekannt gewesen sein sollte, so ist es R.´s Verdient, für Aufklärung gesorgt zu haben. Ein dicker, etwas pickliger Mann schaut sich auch prompt nach uns um. Besonders traurig wirkt er allerdings nicht, höchstens etwas besorgt, wobei die Sorge mehr dem Zustand der R. als dem Heil Fuhrmanns gelten dürfte.

Nun sind alle Dämme gebrochen, T. verlässt das Drehbuch und geht zur Improvisation über und zitiert aus Fuhrmanns großartiger Cicero-Übersetzung. Gegen Verres. Pro Sexto Roscio Amerino.

Wer im Angesicht Ciceros einen Digestif zu trinken vermag, hat keine Seele, sagt der T.; so zahlen wir und laufen die Straße herab. Die Straßenzüge rechts und links täuschen eine bürgerliche Vergangenheit vor, die es so nie gegeben hat, zumindest nicht hier. R.´s Schritte schlagen hart auf die Gehsteigplatten, und T., der die Häßlichkeit der Welt mit eleganten Gesten beklagt, beschwört eine arkadische Vergangenheit aus ehrwürdigem Papier.

Wiederkehr des Parasiten

„Sie können den Vortrag auch mit einem Partner vorbereiten.“, sagt Dr. V..
„Vielleicht nicht schlecht.“, sage ich. Denn ich habe genug auf dem Schreibtisch, und ein Vortrag macht Arbeit, noch mehr Arbeit macht dann der Beitrag für den Tagungsband, und so frage ich Dr. V. nach Namen.

„Der Dr. F. würde auch gerne. Schafft´s aber nicht mit einem eigenen Beitrag. Da finden sie sich bestimmt zusammen. Denken sie drüber nach und melden sie sich“, Dr. V. hängt auf.

F., denke ich. F. sagt mir was. F. kenn´ ich. – Und brühe mir eine frische Kanne Tee.

Und dann, auf einmal, als käme er just zur Tür hinein – sehe ich F. Klein, mit dünnen, stark behaarten Armen. Wieso mir gerade diese Arme so vor Augen stehen?

Natürlich. August 2001. Die Terrasse. – Sein Institut hatte seine Büros an der Südseite des Juridicums. Und an der Südseite gab es eine Terrasse. Und auf dieser Terrasse hatte F. mir gegenüber gesessen, mit hoch aufgekrempelten blaukarierten Hemdsärmeln. Und um einen Vortrag ging es auch, allerdings nicht um meinen, sondern um den meines Chefs, der mit F.´s Chef einen Gemeinschaftsbeitrag erarbeiten wollte. Und F. und ich sollten den Entwurf schreiben.

„Du bist Modeste“, begrüßte mich der F. damals, gute zehn Jahre älter und schon tief in der Habilitation, deren Besprechung ich letztes Jahr irgendwo überflogen habe .
Ich setzte mich ihm gegenüber. F. fuhr fort, an seiner Zigarette zu ziehen und blies den Rauch über die Brüstung.
„Wie hast du dir den Vortrag vorgestellt?“, F. sah mich an, und ließ den Blick wieder lässig übers Tal schweifen. Ich zog meine Notizen aus der Mappe und fing an. F. unterbrach mich.

„Hast du schon Vorträge ausgearbeitet?“ Ich verneinte. F. seufzte. Alles würde also wieder ihm hängen bleiben. Er kenne das schon. Zumindest die Recherchen könnte ich aber machen. Das sei ihm schon eine Hilfe. Und an einer ersten Grobfassung könne ich mich ja mal versuchen. Mein Konzeptpapier sei nicht schlecht, an sich. Er werde das Papier überarbeiten und mich anrufen. Oder er werde mir die Arbeitsaufträge faxen. Und die Koordination mit den Vortragenden könne er auch machen, das sei eine Sache der Erfahrung. Ob ich mitkäme zur Tagung? Ich könne mir den Aufwand natürlich auch sparen. Er sei ja schon das dritte Jahr dabei, er könne die Präsentation machen. Ich nickte, leicht verwirrt. Dann deutete F. an, er müsse jetzt arbeiten, und ich ging sehr eingeschüchtert und mit dem leichten Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein, davon.

In den nächsten Wochen geschah alles, wie F. sagte. Es war eine Menge Arbeit. Nachdem ich meinen Entwurf bei F. abgeliefert hatte, hörte ich nie wieder vom Vortrag, und nie wieder vom F.

Am Nachmittag rufe ich also bei Dr. V. an. V. sei nicht da, teilt mir seine Sekretärin mit. Wo er sei? Sie sei seine Tippse und nicht seine Kindergärtnerin. Ich könne später anrufen. Oder morgen. Ich schreibe ein Post-It: V. anrufen, und vergesse die ganze Sache.

Als ich spät heimkomme, blinkt der Anrufbeantworter. Es ist F. Dr. V. muss ihm die Nummer gegeben haben.

Dumpf, wie aus dem Inneren einer leeren Dose quäkt F. aus meinem Uraltanrufbeantworter. Und er sagt:

„Modeste, du bist ja inzwischen auch ein alter Hase im Metier. V. sagt, du kannst mir ein bißchen Arbeit abnehmen. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Vielleicht kannst du ein paar Vorarbeiten machen, Recherche, erster Entwurf. Um den Rest kann ich mich kümmern. Bist du bei der Tagung die ganze Zeit dabei?“