Archiv für den Monat: Juni 2006

Gelübde

Okay, die Damen, die Sie kennen, sagen das auch immer, aber bei mir stimmt’s wirklich: Ich nehme gerade massiv zu. Ob’s der neue Job ist, der mehr Hunger verursacht, als eigentlich Brennstoffbedarf besteht, ob’s das ruhige Leben ist, das ich mir ja extra zugelegt habe dieses Jahr, nachdem das letzte Jahr sich als etwas strapaziös erwiesen hat, so privat und auch sonst so – drei Kilo seit Februar, da werden Sie mir zustimmen, sind eine Menge, und vielleicht ist es auch das Alter, das zwei warmen Mahlzeiten täglich so langsam doch einen Riegel vorschiebt, will ich nicht so enden wie die Leute, die man manchmal in der Bahn auf gleich zwei Plätzen sitzen sieht.

Übertriebene Diäten jedoch verursachen ja nicht nur schlechte Laune – öffentlich und sehr spektakulär umgekippt bin ich irgendwann einmal, Jahre ist es her, als ich einmal versucht hatte, drei Kilo in drei Wochen von den Hüften zu schaufeln. Langsames Abnehmen ist also das Gebot der Stunde, und so entsage ich nunmehr öffentlich, meine sehr verehrten Damen und Herren, dem fetten Käse, dem späten Haloumi im Brot, dem Bier natürlich, und verstecke das neue Heft von „Essen und Trinken“ irgendwo, wo ich es nicht ständig sehe. Rehspieße mit Pfifferlingen, S. 50 oder den Lammbraten mit Kräutern irgendwo hinten im Heft gibt es also erst wieder, wenn ich die 60 Kilo unterschreite.

Leider gehöre ich keineswegs zu denjenigen Menschen, die ohnehin am liebsten Salat essen. Zu einem Essen gehört Butter, zu einem Essen gehört Sahne, feines Olivenöl, Käse in jeder Form, und panierten Fleischlappen bin ich auch nicht abgeneigt. Ein Leben ohne Kuchen oder Schokolade gehört auch nicht zu den Dingen, die mir am wünschenswertesten erscheinen, aber ab heute gibt es nur noch diejenigen Dinge, die trotz geringer Nährstoffdichte zumindest annehmbar schmecken: Morgens Obst. Mittags Sushi oder Salat. Und abends thailändisch ohne Kokosmilch oder chinesisch ohne Friteuse. Oder Sushi, Unmengen rohen Fisches, sehr wenig Reis, und die drei, vier Obstsorten, die ich ganz gerne mag: Melonen, Erdbeeren und Beerenfrüchte, aber nicht die, die man zuckern muss.

Oh, werde ich schlechtgelaunt sein die nächsten Wochen. Das wird hart für meine Umgebung. Dieses Blog wird versinken in einer gigantischen miesen Laune, aber damit ich das auch durchhalte:

Wer auch immer, meine Damen und Herren Berliner, mich in den nächsten drei Wochen mit einem Bier, einer Bratwurst oder ähnlich fettem Zeug sieht, bekommt auf der Stelle ein Eis von mir ausgegeben. Drei Kugeln. Gern mit Sahne.

Und ich esse nicht mit.

Alte Frauen

Aus den Augenwinkeln sehe ich, schon sitzend, einer dicken Frau zu, die ihre Tasche in der Gepäckablage verstaut. Gutmütig schaut sie aus, vielleicht lacht sie viel, wenn es nicht so heiß ist wie heute, und unter ihren Achselhöhlen sich dicke, dunkle Schweißflecken ausbreiten. Ihre Oberschenkel spannen die weiße Caprihose, und über dem Top, unter dem sich zwei Fettrollen wölben, weht eine leichte Bluse. Neben ihr steht ein Mann und hält eine weitere Tasche.

Ganz mager ist der Mann, vielleicht 45 wie seine Frau, ein bißchen ausgemergelt mit einem struppigen Bart, und schaut so in der Gegend herum, bis sein Blick an einem Mädchen hängenbleibt, das sich schlank, mit langen, braunen Haaren über den Korridor des ICE an den schwitzenden Menschen vorbeischlängelt. Auch sie trägt weiße Hosen, ein Top, auf dem „Brazil“ steht, und in ihren Ohren stecken zwei Stöpsel. Mit denen hört sie Musik.

Lieber, denke ich, würde der dünne Mann wohl mit dem Mädchen weitergehen, ins nächste Abteil, und ihr etwas erzählen, und sich freuen, wenn sie lacht. Vielleicht würde er sie in die schlanken Seiten stupsen, die nicht wirken, als gäbe da etwas nach. Vielleicht möchte der magere Mann das Mädchen küssen, vielleicht träumt er nächste Nacht von ihr, wenn er neben der dicken Frau liegt, die bestimmt schnarcht, wenn sie auf dem Rücken liegt, und die dicke Frau tut mir leid.

Dann aber hat die Frau ihre Taschen fertig verstaut, der Mann setzt sich neben sie, und zieht eine Zeitschrift aus seiner Tasche. Wenn das Mädchen, denke ich mir, ihm zugelächelt hätte, wenn er eine Chance sehen würde, mit so einem Mädchen durchzugehen – dann würde er vielleicht nicht neben der dicken Frau sitzen bleiben, und vielleicht bliebe er nicht einmal, wenn seine Frau dünn wäre und noch leidlich hübsch, aber eben 45 und nicht ungefähr 18.

Ein bißchen Angst wird mir da bei der Vorstellung, eines Tages auch 45 zu sein, und mit einem Mann an der Hand durch die Stadt zu laufen, der lieber als mit mir mit irgendeinem Mädchen davonginge, das schlechte Musik hören mag, dumm sein mag, ein bißchen ordinär vielleicht mit riesengroßen Ohrgehängen, aber jung und mit einer glatten Haut, die ich nicht mehr habe. Dass alle Liebe und die ganze gemeinsame Zeit nicht mehr ins Gewicht fallen werden, wenn es darum geht, begehrt zu werden. Dass das Lächeln eines Tages ausbleiben wird, wenn man einen Raum betritt und strahlt, weil es Sommer ist und warm. Dass man eines Tages nicht mehr mitspielen kann, wenn die Männer doch noch gut im Geschäft sind, weil Klugheit, Charme und das alles bei Frauen nichts mehr wert sind, wenn sie erst einmal 45, sind, 50 vielleicht, und die Wünsche noch lebendig. Dass man zur lächerlichen Figur wird, wenn man nicht wahrhaben mag, dass die Zeiten vorbei sind, in denen irgendwer darauf wartet, dass man ihn anruft.

Dass das alles vorbei sein wird, lange bevor erst die Wünsche sterben, und dann wir. Dass vielleicht eine Kameradschaft bleibt, vielleicht etwas, was auch zur Liebe gehört, aber nicht der Rausch, nicht das goldene Leuchten, dass niemand für einen sterben würde, und niemand für einen umziehen bis ans Ende der Welt. Und dass man eines Tages noch froh sein muss, wenn das, was dann noch bleibt, ausreicht, jemanden zu halten, der von schlanken, jungen Körpern träumt, und dass er nicht eines Tages seine Sachen packt, wenn er noch kann, und man selbst kann nicht mehr.

The never ending Tour

Ehen enden, Freunde sterben an Altersschwäche, aber wahre Liebe dauert ewig: Modestes Vater altert mit Bob Dylan.

18 sein. Nachts vor irgendwelchen Clubs sitzen, eine Bierflasche in der Hand, rauchen und auf jemanden warten, der vielleicht gar nicht kommt. Irgendeiner Band zuhören, die vielleicht mal berühmt wird, und vielleicht auch nicht, und an der Decke des Clubs hing der Schweiß der ganzen Nacht in dicken Tropfen…

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Chili con carne

„Willst du Zwiebelringe? Soll ich Zwiebeln braten?“, fragt der J., und ich schüttele den Kopf. Muss nicht sein, denke ich, und: Je schneller, desto besser. – Der J. wendet Lammsteaks in der Pfanne, deckt den Tisch, mischt Salat, und ich muss lächeln.

„Was lachst du?“, fragt der J. und kramt nach Besteck. „Nichts..“, sage ich und lache noch immer: „Weißt du noch, das Chili con carne?“ – „Das war was.“, sagt der J. und schüttelt den Kopf. „Da kannten wir uns noch gar nicht lange.“, erinnert er sich jener längst versunkenen Tage.

1997 war’s, und wir Studenten. Vielleicht war’s auch ein Jahr später, aber wie auch immer: Der J. war damals lediglich ein geschätzter Bekannter, der gelegentlich einmal vorbeikam, um in Gesellschaft anderer netter Menschen meinen Kühlschrank leerzufressen. So ganz besonders oft, also irgendwie auffällig oft, kam er eigentlich nicht, seltener als R., der freilich auch im selben Haus wohnte. Auch seltener als die C.², die täglich da war, wenn ich nicht bei ihr weilte, aber regelmäßig, alle paar Tage, nahm der J. an meinem Tisch Platz, und es gab etwas zu essen. Bevorzugt Spaghetti.

„Da wolltest du dich mal revanchieren.“, krame ich aus meiner Erinnerung zusammen. „Meine Mutter“, beginnt der J. sich auf der Stelle zu rechtfertigen, „hat mich ja nie in die Küche gelassen.“ – und deswegen ging der J. mit viel gutem Willen und weitaus weniger Sachverstand zu Werke.

An ein vollkommen selbständig zubereitetes Gericht wagte sich der J., eingedenk des Premierencharakters der ganzen Angelegenheit, nicht heran. Eine Packung Fertigmischung für „Chili con carne“, 300 Gramm Gehacktes, zwei Dosen Bohnen. Und natürlich Reis. In Kochbeutel verpackt von Uncle Ben’s. „Komm rein!“, öffnete der J. die Tür, zu der ich damals noch keinen Schlüssel besaß, und ich warf meine Sachen irgendwo in eine Ecke. „Es gibt Chili!“, trumpfte der J. auf und öffnete zwei Dosen rote Bohnen. „Riecht gut.“, lobte ich, setzte mich aufs Sofa und plauderte ein bißchen vor mich hin. Ab und zu antwortete der J., der um die Ecke, unsichtbar für mich, über zwei Töpfen vor sich hin werkelte.

„Bald fertig?“, fragte ich nach einer Weile und schnupperte ein wenig vor mich hin. Es roch verbrannt. „Irgendwas brennt da.“, bemerkte ich. „Jetzt riech‘ ich’s auch.“, sagte der J. und hob entsetzt die Deckel der Töpfe. – Es brannte zweifellos.

„Das riecht aber komisch.“, merkte ich an. Ein dicker, chemischer Geruch drang um die Ecke. „Das qualmt total!“, warf der J. einen Deckel wieder auf den Topf und zog ihn vom Feuer. „Was ist denn da passiert?“, stand ich auf und kam in die Küche.

Vor dem Herd enthüllte sich mir das ganze Ausmaß der Katastrophe. Schwarzer, dichter Qualm stieg aus dem Topf auf, in dem der J. den Reis kochen wollte. Der Plastikbeutel hatte sich offenbar entschlossen, dem Druck der Temperaturen nicht länger standzuhalten.„Hast du da kein Wasser drin?“, wandte ich mich um und sah den J. an.

„Wasser?“, fragte der J. in so ungefähr demselben Tonfall, in dem er im selben Zusammenhang nach Nagellackentferner, Jauche oder Badezusatz gefragt hätte.

Der Fall war klar.

„Jaja….“, brummt der J., an das volle Ausmaß seiner Unfähigkeit erinnert, und verteilt das Fleisch fast gerecht auf beide Teller. „Ein gewisser Fortschritt ist ja zu verzeichenen.“, necke ich den geschätzten Gefährten und steche mit der Gabel in das braungebratene, duftende Fleisch.

Almost famous

„Auf einer Bühne stehen! Im Fernsehen vorkommen! Das Leben eines Rockstars, der Tod einer Diva, und jeden Tag gutes Essen!“, träumt mancher Jüngling so vor sich hin, und malt sich ein Leben als Künstler aus, oder zumindest als Fernsehmoderator oder so, als außerordentliche, unalltägliche Existenz jedenfalls, weit jenseits jener Sphäre, in der Menschen Tag für Tag ihre staubigen Büros aufsuchen, um dort beispielsweise der Tätigkeit eines Bilanzbuchhalters nachzugehen.

„Oh du hoffnungsloser Traumtänzer!“, entgegnen dann die Erziehungsberechtigten und raten zu der Aufnahme eines Studiums der Elektrotechnik oder der Juristerei, und sprechen mit sorgenzerfurchtem Gesicht von den Aberhunderten junger und nicht minder talentierter Menschen, die täglich in den Straßen Berlins für ein Glas Latte Macchiato ihre Dispo ausschöpfen, denn Erfolg, so wissen Alter und Weisheit zu berichten, haben sowieso immer nur die anderen.

Traurig und desillusioniert von den Worten derer, die ja stets nur das Beste wollen, schleppen sich junge Menschen dann hoffnungslos an die Uni, werden Betriebswirt, studieren Verfahrenstechnik, und träumen nur selten noch von Ruhm und einem Bekanntheitsgrad, der es ihnen erlaubt, beim Metzger vorgelassen zu werden oder vielleicht gar nicht mehr selber einkaufen gehen zu müssen, weil das dann ja andere Menschen machen, wenn man erst einmal sehr berühmt ist.

Trostreich indes möchte man diesen Menschen zurufen: Es gibt noch Hoffnung. Eröffne, sagt man, doch einfach ein Blog.

Zwar winken keine kreischenden Heerscharen junger, hingebungsvoller Jugendlicher vor deinem Fenster. Niemand fällt in Ohnmacht, wenn du gleich beim Presseshop in der Zionskirchstraße Zigaretten kaufen gehst. Auch beim Bäcker wird selbst ein Don Alphonso nur als guter Kunde, und nicht als berühmter Blogger erkannt, und für die Bambi-Verleihung bekommt schätzungsweise nicht einmal Johnny Spreeblick Karten.

Wer aber, fragt man sich, will da überhaupt hin? Und wer will sich in der Gala abbilden lassen, wenn man von the most marvellous Glamourdick photographiert werden kann? Und was ist ein Portrait im Goldenen Blatt gegen den Tagesspiegel? Und wer möchte mit Victoria Beckham picknicken, wenn man mit lauter viel netteren Leuten im Volkspark sitzen kann?

„Pah!“, entgegnen dann die hoffnungsvollen Jünglinge und Jungfräulein, rümpfen die Nasen und behaupten unausprechliche Dinge über Blogs und Blogger.

Aber die sind natürlich alle, alle falsch.

Die kleine Freiheit

So ungefähr mit 82 fing mein Großvater an zu husten, und mit circa 84 wurde sein Husten der ganze Familie so widerlich, dass einzelne Mitglieder ernsthaft erwogen haben sollen, Weihnachten 1985 woanders zu verbringen als in seinem Hause. Mit 86 fiel er einfach um, und kam ins Krankenhaus. Die Ärzte sprachen von Lungenkrebs und ermahnten ihn, mit dem Rauchen aufzuhören, aber ein paar Wochen später war er tot, und so kam es nicht mehr zu einer späten Entwöhnung vom Nikotin. Es hätte wohl auch nichts mehr genützt.

Die bedeutenderen Besitztümer meines Großvaters erbte meine Großmutter. Mit souveräner Ungerechtigkeit allerdings vererbte er diejenigen Kleinigkeiten seinen Kindern und Enkeln, um die niemand ernsthaft prozessieren würde, über deren Verteilung sich die Zukurzgekommen aber trotzdem ärgerten: Ich bekam den Globus und Morgensterns gelbes Inselbändchen „Palmström“, aus dem er mir gelegentlich vorgelesen hatte. Mein Cousin L. erbte den großen Gibbon und eine bronzene Perikles-Büste. Schwesterchen allerdings bekam nichts, denn die war schlecht in Latein und spielte bei Tisch zudem ab und zu mit den Haaren.

Der Wagen natürlich blieb in der Garage, die nun meiner Großmutter gehörte. Mein Vater bot an, beim Verkauf zu helfen, mein Onkel A. bot an, selber mit dem Wagen herumzufahren, aber meine Großmutter lehnte ab, und strafte diejenigen, die an einen Akt purer Sentimentalität geglaubt hatten, Lügen: Noch im selben Jahr begab sie sich zur örtlichen Fahrschule, und was ihrer Enkelin nicht gelingen sollte, gelang der damals über siebzigjährigen Dame: Der Führerschein wurde ihr ausgehändigt, und meine Großmutter setzte sich hinter das Steuer.

„Dann kannst du die Kinder ja mal mitnehmen.“, hatte meine Mutter vorgeschlagen, die – wie eigentlich jedermann – nicht an die reale Möglichkeit geglaubt hatte, dass meine Großmutter jemals wirklich fahren würde. Meine Großmutter jedoch verpackte Käsebrote in Butterbrotpapier, befüllte eine Thermoskanne mit Kaffee und eine mit Früchtetee und fuhr sehr, sehr vorsichtig vor.

In der Kindheit meiner Großmutter, hatte man mir erzählt, pflegte man bisweilen noch mich Pferdekutschen zu reisen, und das Tempo, mit dem ein Pferd die Lande durchquert, schien meiner Großmutter die angemessene Reisegeschwindigkeit darzustellen. Mit ungefähr 50 Stundenkilometern, auf der Autobahn auch gerne einmal mit 70, fuhr meine Großmutter über Land. Langsamer als wir hatte seit dem 19. Jahrhundert niemand mehr den Wolfgangssee erreicht. Mit der Gemächlichkeit wandernder Handwerksburschen bereisten wir die Mosel, meine Großmutter erzählte mir alles, was sie über die Porta Nigra wusste, wir fuhren zum Loreleyfelsen und nach Altötting, und nachts schliefen wir in Familienpensionen, die die Dame des jeweiligen Hauses mit geschmackvollen Souvenirs der Region und fröhlich-bunten Kunstdrucken dekoriert hatte.

Weil meine Großmutter dem Glauben meiner Eltern nicht anhing, Zucker sei schlecht für Kinder, und ich sei ohnehin schon hyperaktiv genug, gab es immerzu Kuchen und Limonaden. Morgens schmierte sie mir Semmeln dick mit Butter, und ich durfte Eier essen, so viel ich wollte. Wenn es irgendwo einen Aussichtspunkt gab, dann gab es auch eine Bank, und meine Großmutter setzte sich hin und bewunderte die Aussicht. Am Abend saßen wir auf den Terrassen der Familienpensionen unter farbigen Markisen und schrieben Karten an die ganze Familie. „Liebe Mama, lieber Papa!“, schrieb ich etwa „hier ist es sehr schön, und mit dem Wetter haben wir viel Glück gehabt. Gestern waren wir in … und haben den … besucht.“ – und nach einigen Tagen fuhren wir zurück. Es war großartig.

Ab und zu kam meine Schwester mit, aber der wurde im Auto ab und an schlecht. Einmal fuhr auch Cousin S. mit, aber der konnte nicht stillsitzen, und zappelte auf den Bänken an Aussichtspunkten immer solange herum, dass meine Großmutter die Aussicht nicht genießen konnte, und deswegen blieb er zukünftig daheim.

Ab und zu hupten Leute, wenn wir vor ihnen fuhren, und manchmal überholten sie uns sogar da, wo das gar nicht erlaubt war. „Die haben ja gar nichts vom Fahren!“, sagte meine Großmutter dann und fuhr noch langsamer. „Ich weiß nicht, warum ich das nicht schon vor zehn Jahren gemacht habe!“, rief meine Großmutter ab und an aus.

Eines Tages aber fuhr ihr jemand auf einem Parkplatz in den Wagen, und sie brauchte einen Neuen, der ihr nicht so gut gefiel wie der alte. Und eines Tages sagte ihr ihr Arzt, sie solle auch mit dem neuen Wagen besser nur noch kurze Strecken fahren. Und eines bösen Tages wurde sie krank, und als sie aus dem Krankenhaus ein letztes Mal für ein paar Wochen herauskam, fuhr sie nicht mehr gern. Sie fühle sich zitterig, sagte sie, und mein Vater solle das Auto verkaufen.

Dann war sie tot. Aber wenn jene recht haben, nach deren Glauben noch mehr als nur nichts auf uns wartet, wenn wir gestorben sind, dann fährt sie in jenen ewigen Gefilden herum, schreibt Karten, übernachtet in Familienpensionen, und bewegt ganz langsam den Wagen, der ihr wohl so etwas wie Freiheit bedeutet haben muss, über jenseitige Autobahnen überallhin, wo es ihr gefällt, zur Blumeninsel Mainau etwa oder bis nach Bayreuth.

Aber unten liegt ein Land,

Manchmal aber presst die Stadt uns zu schnell durch ihre Adern, manchmal schlägt ihr Puls uns mit eisernen Hämmern auf die Schläfen, und die Nacht reißt den Rachen auf und haucht dich an, dass du fast zu Boden gehst vor lauter Fäule. Manchmal bist du dann müde, viel zu müde für den Strom aus Lärm und Stimmen, und dann liegst du nachts im Bett und schaust mit offenen Augen an die Decke. Unter dir schreit die kleine Tochter der Nachbarn, und selbst das Haus, in dem du wohnst, ist so unruhig wie du.

Manchmal rufst du den Schlaf dann vergeblich, und die Gedanken beginnen herumzuwandern, von rechts nach links und zurück, sitzen wie schwarze Spinnen über dir an der Wand, und der, der neben dir schläft, schnappt im Schlaf nach Luft, denn so dünn ist die Stadtluft geworden, dass sie nicht länger frei macht, sondern nur unruhig, getrieben mit weit geöffneten, müden Augen. Dann kneifst du die Lider zusammen, dann malst du dir ein anderes Leben aus, vielleicht in einer kleinen Stadt an einem großen Fluß, Wasser, vielleicht Berge, und eine Erde unter den Füßen, die sich nicht schneller dreht als du. Dann malst du dir das Haus aus, in dem du wohnen würdest, Stockrosen und Dahlien im Garten, Efeu am Giebel und grüne Fensterläden aus Holz.

Am Morgen würdest du aufwachen, stellst du dir vor, und Kipferln mit Butter und Honig essen, statt einfach so loszulaufen, weil es doch immer zu spät ist, und die Nacht immer zu kurz. Viel ausgeschlafener wärst du in dem kleinen Haus, und eine rot-weiße Katze hättest du, die würde auf einem Kissen am Fenster sitzen, und morgens käme sie angesprungen und säße auf dem Plumeau. Mit dem Fahrrad würdest du zur Arbeit fahren, statt mit der BVG, und die Zeit würde sich locker über den Tag spannen, der lang wäre, viel länger als hier.

Vielleicht würdest du in der Uni arbeiten, etwas beforschen, was zehn Jahre dauert oder zwanzig, Aufsätze schreiben, die du sorgfältig immer wieder lesen würdest und deine Sätze wägen könntest und lange überlegen. Vielleicht würdest du auch mittags um die Ecke lange essen, in einem Gasthof „Zum Goldenen Lamm“ oder so, zwei Scheiben Braten, Rosenkohl und Knödel dazu, gebratene Forelle mit buttrig glänzenden Kartoffeln und Gurkensalat statt einer schnellen Sushiplatte oder einem Sandwich mit Pastrami.

Am Abend würdest du mit dem, der auch da wohnt, daheim sitzen oder bei den Nachbarn grillen, und ihr würdet dicke Bücher lesen und euch mit einem Glas Wein im Garten erzählen, was in den Büchern steht. Du würdest einkaufen und kochen, du würdest Leute einladen und mit deiner Katze spielen, und einmal in der Woche würdest du in die einzige Buchhandlung gehen, die es am Ort gibt, und Bücher bestellen, denn das, was du haben willst, hätten sie ohnehin nicht da.

Bestimmt würdest du dich langweilen nach ein paar Wochen oder Monaten. Vielleicht würden dir die Freunde fehlen, die ein so schnelles Leben führen wie du jetzt, ein paar hundert Kilometer weiter im Norden. Vielleicht zögest du dann irgendwann wieder die Stadt, weil die Unruhe Berlins nicht an den Steinen, nicht am Asphalt und nicht an dem bröckelnden Putz der Stadt haftet, sondern an dir. Vielleicht führest du, wie vor fünf Jahren, auch diesmal wieder mit deinem Umzugswagen nachts am Funkturm vorbei, vorbei an der Siegessäule, die Linden hoch, bis der Fernsehturm dir anzeigen würde, dass du hier richtig bist, und die Stadt nicht zu schnell für dich, sondern nur dein Lauf zu hastig für dein Herz und deine Lungen.

The happy Kollwitz Family

Die kleine Anna-Lena wirft einen bunten Ball hoch, fängt ihn wieder, wirft ihn höher und lässt ihn auf den Boden fallen. Ihre Mutter sitzt auf der niedrigen Mauer des Spielplatzes am Kollwitzplatz, isst Kirschen aus einer Papiertüte, und Anna-Lenas Vater trinkt Erdbeerbowle. Der Vater trägt ein gestreiftes Hemd, vielleicht Paul Smith, beigefarbene Hosen, asics in beige und braun an den Füßen, und bestimmt hatte er in den Achtzigern einmal so eine Föhnfrisur und war blond. Jetzt hat er nur noch wenig Haare und die ganz kurz rasiert, denn dann fällt das nicht so auf. Ansonsten sind hier alle blond, außer uns, der kleine Junge mit dem adrett verwuschelten Stufenschnitt und dem roten Halstuch zum kurzärmligen Hemd. Das Mädchen im schilffarbenen Kleid mit geblümter, seidiger Taille von Noa Noa, und ihre Mutter, die mit einer rotblonden Freundin Törtchen löffelt, Pâtisserie von Lautz, und ihr irgendetwas erzählt. „Nein!“, reißt ihre Freundin amüsiert die Augen auf und breitet die Arme aus zum Zeichen, dass sie das nun wirklich nicht gedacht hätte, also nie im Leben….worum es geht, verstehen wir aber leider nicht.

Ob der Mann in den hellen Cargo-Hosen mit blauem Hemd und riesengroßer Sixties-Sonnenbrille zur Mutter oder zur Freundin gehört, können wir auch nicht sehen. Mit ein paar Tüten in der Hand steht er vor den beiden Frauen. Aus einer Tüte schauen ein paar Lauchstangen hervor, Sellerie, Brot scheint er auch gekauft zu haben, und vielleicht noch irgend etwas Verderbliches, denn er schwenkt ungeduldig zwei-, dreimal die Tüte, sagt etwas und verschwindet dann, die Kollwitzstraße abwärts Richtung Schönhauser. Die Mutter und die Freundin reden weiter, das kleine Mädchen hat auf einmal ein anderes, noch viel kleineres Mädchen, noch viel blonderes Mädchen an der Hand, und die beiden laufen kreischend und lachend hintereinander her.

Ein drittes Mädchen will auch mitspielen, zerrt ihre Mutter ungeduldig an der Hand in Richtung der anderen Kinder, aber die hat keine Zeit und beide Hände voll mit Tüten und Taschen. In einer Tüte beult der Spargel, den man durch die Lücke zwischen zwei Ständen sehen kann, hoch aufgetürmt.

Der kleine Junge mit dem Halstuch hat jetzt keine Lust mehr zu spielen und sitzt neben seiner Mutter. Die bindet ihm das Tuch neu, und er hebt den Kopf ein bißchen an, wie Männer, wenn man ihnen spaßeshalber einmal die Krawatte bindet. Gute Schuhe hat er an, fällt mir auf, und mein Begleiter erinnert mich an die Kinderabteilung letzte Woche bei P&C, wo man Kinder vollausstatten kann, die in zwanzig Jahren immer noch Sohn sein werden, weil ihnen nichts einfallen wird, was einträglicher und amüsanter sein wird als einfach so zu bleiben, wie man sowieso gerade ist. Das aber, sind wir uns einig, finden wir eigentlich ziemlich blöd. Nie im Leben, finden wir alle drei, würden wir Cashmerepullover mit dem big pony drauf in Größe 144 kaufen oder ein Burberry-Hemdchen für Dreijährige oder so. Auf keinen Fall würden wir eine weitere Generation von Leuten aufziehen, denen es mit zwölf so gut geht, dass sie keinerlei Anstalten machen werden, erwachsen zu sein, bevor sie 35 sind.

Niemals aber auch, fällt uns ein, würden wir solche Kinder haben wollen, wie wir sie schon in der Schule nicht ausstehen konnten. Kinder mit Koffern, die gut in Mathe wären und hässliche Brillen mögen. Kinder, die Mitglied der Umwelt-AG würden, wegen toter Robben weinen und dann den ganzen Haushalt terrorisieren, weil man den Müll nicht trennt und Pfandflaschen ab und zu wegschmeißt, weil man keine Lust hat, zu Kaisers zu gehen. Natürlich würden wir auch keine Kinder haben wollen, die später Bankangestellte würden und Einfamilienhäuser kaufen, in denen dann so Kunstdrucke aus dem Baumarkt hängen. Mit den zerlaufenden Uhren von Dali drauf. Und Kindern, die Kevin heißen und jeden Satz mit „wa!“ beenden, hätten wir natürlich auch nicht.

The happy Kollwitz family, fällt uns ein, finden wir ja irgendwie alle nicht so, aber über the happy Spandau family lohnt es sich ja nicht einmal mehr zu lachen, und das Weddinger Familienglück existiert ja eigentlich überhaupt nur noch als Problem. The happy Passau family geht natürlich gar nicht, zum Amokläufer würde man da oder anfangen, sehr heavy zu trinken, und mit dem Familienglück wäre es wieder nichts. Aber wie man es richtig macht, das wissen wir alle drei nicht, die wir da sitzen, am Kollwitzplatz, ein Glas Cidre von Wegehaupt in der Hand, und den anderen Leuten zuschauen auf dem Weg vom Markt nach Hause.

Ödipus

Mit einer Hochzeit ist ja landläufig ein Zusammentreffen der ganzen Familie verbunden, und wenn nahe Anverwandte fernzubleiben drohen, so empfinden nicht nur die Brautleute selbst die Abwesenheit als einen eher unfreundlichen Akt. Man sollte also schon eine wirklich gute Entschuldigung zu bieten haben, um einfach wegzubleiben, wenn die eigene Schwester heiratet, und ob A.‘s kleiner Bruder einen solchen guten Grund hat, darüber gehen die Meinungen durchaus auseinander.

„Die kleine Kröte war ja noch nie ganz normal….“, beginnt die A. ihren Bericht über die Weigerung ihres kleinen Bruders, ihrer Heirat bezuwohnen. „Hat er keine Lust zu kommen?“, frage ich und bestelle einen Montepulciano und ein paar Oliven dazu. „So ganz unverständlich ist das ja nun nicht.“, interveniert die B.² und blättert lustlos in der Speisekarte. „Der hat sich doch nicht mehr alle!“, wischt die A. den Einwand von der blanken Holzplatte und wedelt voll des Unwillens so heftig mit der Hand über den Tisch, dass beinahe die Kerzen ausgehen, und Wachs auf das Holz tropft.

Der kleine Bruder der A., erfahre ich, ist 22 oder so, studiert „irgendwas Bescheuertes“ an der HU und wohnt ein paar Straßen von seiner Schwester entfernt irgendwo in Mitte in einer schmutzigen WG. In aller Gemütsruhe, die beiden Geschwistern eigen zu sein scheint, durchfeiert der jugendliche Knabe die Berliner Nächte, verliebt sich alle paar Wochen, trennt sich enttäuscht und vorwurfsvoll, wenn der Erkenntnis, dass auch die aktuelle Bekanntschaft entgegen seiner verzweifelten Hoffnung nicht makellos ist, nicht mehr auszuweichen ist, und zieht ansonsten freudig und bedenkenlos seine lustigen Kreise. Ab und zu besucht er seine große Schwester, isst alles, was im Kühlschrank ist, und nimmt mit, was er nicht mehr essen kann.

Letztlich jedoch, eines Nachts, schrak der kleine Bruder aus dem Schlaf auf. Neben ihm lag ein schönes Mädchen, Gelegenheitsfriseurin und Möchtegernmodel, und das Mondlicht fiel durchs Fenster, weil er zwei Jahre nach seinem Einzug immer noch keine Vorhänge angebracht hat. Alles war Bestens, nichts war passiert, aber zu Tode erschrocken schlug sein Herz, und das Blut pochte mächtig gegen seine Schläfen. Ein Würgen presste sich durch seinen Hals nach oben, bis er ins Bad ging und sich minutenlang übergab. Vor seinem inneren Auge tanzten Traumbilder auf und nieder, eine blonde Frau griff nach ihm, zog ihn an sich, küsste ihn, und, was das Schlimmste war: Er küsste zurück.

Perfekt sei es gewesen, berichtete er ein paar Stunden später seiner Schwester. So großartig, wie man sich die Liebe immer vorstellt, und ein Traum von so schwereloser, heiterer Harmonie, wie es sie tagsüber eigentlich gar nicht gibt.

„Und was hat das mit der Hochzeit zu tun?“, frage ich und verziehe ein wenig das Gesicht über den sauren Kreuzberger Wein. – „Die Frau…“, japst die A. und lacht ein wenig vor sich hin. „Die Frau also…“

Die Frau, berichtet die A. als sie ausgiebig gelacht hat, sei einmal mit ihrem Vater verheiratet gewesen, der ja ganz gern einmal heirate, und dies auch alle paar Jahre täte. Nach innerfamiliär einhelliger Meinung gehöre diese Frau ganz eindeutig zu den dümmsten Frauen, denen ihr Vater jemals die Hand geschüttelt hat, und die Ehe habe, im Wesentlichen deswegen, auch nur wenige Jahre gedauert. Sie selbst habe damals gar nicht mehr zu Hause gewohnt, ihr Bruder allerdings sei damals so ungefähr 14 gewesen, bevor er dann aufs Internat kam, weil er sich mit der nächsten Frau nicht so gut verstand. – „Und?“, frage ich stirnrunzelnd und versuche, einen Zusammenhang zwischen der ehemaligen Stiefmutter, dem Bruder und der Hochzeit der A. herzustellen.

Die Ex-Stiefmutter, klärt die A. mich auf, habe sich aufgrund ihrer schier unendlichen Dummheit bei der Scheidung dermaßen übers Ohr hauen lassen, dass sie im Kreise der Familie bestehend aus Exfrauen und Exmännern, Stiefgeschwistern und Halbgeschwistern und sonstigen Verwandten nach wie vor so gern gesehen sei, dass man sie zur Hochzeit eingeladen habe.

Und ihr kleiner Bruder habe nun Angst, ihr zu begegnen.

Anregung an Wissenschaft und Technik

Verbrennen denkt man sich ja recht appetitlich, wenn man die Alternativen bedenkt, aber ich habe gehört, der Kopf platze, bevor man ganz verbrennt, und selbst wenn ich es nicht mehr erlebe, ist das keine Vorstellung, mit der man sterben möchte. „So, das war’s jetzt offenbar, die Luft wird reichlich knapp, und morgen schieben sie dich in einen großen Ofen und dann platzt dir der Kopf.“ – Nein danke.

Auf der anderen Seite fürchtet man natürlich auch die Würmer. Nimmt das Kopfplatzen immerhin recht wenig Zeit in Anspruch, so schaut es mit den Würmern ja schon anders aus. Die dicken, weißen Maden, die sich aus und in das Fleisch bohren, brrr…, die hässlichen Löcher in der Haut, die ja ohnehin ein wenig leidet in den ersten Monaten, die auf das Ableben folgen, das alles schreckt ja nicht wenig. Auch das Schmatzen, das selbst dann, wenn es keiner hört, als Geräuschkulisse des Endes meines zeitlichen Seins ein wenig unwürdig erscheint.

Die alten Ägypter haben sich bekanntlich aus Angst vor dem Verfall einbalsamieren lassen, auch fürchtete man, seine Überreste im Jenseits eventuell noch zu brauchen. Eines Tages in den Museen späterer Zeitalter herumzuliegen, ist aber keine hübsche Vorstellung, die mir im Übrigen auch ein wenig unbescheiden scheint, denn wo, fragt man sich angesichts einer tatsächlich wachsenden Weltbevölkerung, kämen wir denn hin, wenn sich jeder dahergelaufene Hans und Franz einbalsamieren lässt. Am besten noch mit Aufbewahrung der Mumie in einem riesengroßem Mausoleum, das für Bedürftige in einer einfachen Plattenbauversion von der AOK bezahlt wird. Binnen weniger Jahre wäre Deutschland voller exorbitant hässlicher Totenhäuser, die großen Baumarktketten würden Mausoleen in jedweder Ausstattung zum Selberbauen anbieten, und man kann sich vorstellen, wie ein Mausoleum aussehen würde, das etwa der Praktiker Markt anböte. Oder das in Vorarlberg handgefertigte Bakelitmausoleum von Manufaktum.

Mein Mausoleum wäre dem gegenüber natürlich sehr individuell und äußerst geschmackvoll. Trotzdem dünkt mich die Einbalsamierung nicht als vollkommen angemessen bezüglich der Überreste einer Allerweltsperson wie mir, und nicht nur qualvoll, sondern auch noch unbescheiden zu versterben, ist vielleicht wirklich ein bißchen viel.

Nicht übel wäre es, man löste sich mit dem Moment des Ablebens einfach in seine chemischen Bestandteile auf und würde teilweise durch unauffällige Abflüsse, die findige Architekten unter den Betten der Krankenhäuser anbringen, der Erde zufließen, und zum anderen entwiche man gasförmig einfach in die Luft. Auch in dieser Beziehung erweist sich aber die Schöpfung als durch und durch defizitäres System.

Wie auch immer, auch bezüglich der letzten Maßnahmen, die auf dieser Erde die eigene Person betreffen werden, besteht noch erheblicher Innovationsbedarf, und so rufe ich hiermit die deutsche Wissenschaft und Industrie auf, sich dieses Problems endlich anzunehmen und Lösungen zu entwickeln, die sich als geeignet erweisen, uns einen würdigen und umweltfreundlichen Umgang mit unserem Körper zu ermöglichen, wenn wir ihn eines Tages nicht mehr brauchen.

(Im Rahmen einer noblen Geste an diejenige Dame, die den Anstoß für die Lösung dieses Problems, das so alt ist wie die Menschheit, gegeben hat, dürfen freundliche Ingenieure die Maschine, die irgendetwas Appetitliches, aber Wirkungsvolles mit menschlichen Überresten macht, übrigens gern „Modeste“ nennen.)