Karlsbader Notizen (1)

I.

Die Brücke zur Innenstadt, behauptet der Taxifahrer, sei gesperrt, und fährt sehr, sehr langsam in weitem Bogen um die Stadt. Der uralte Mercedes keucht und stöhnt wie ein Droschkengaul, und sogar der Plüschlöwe am Rückspiegel macht einen sonderbar angestrengten Eindruck, als sei das Baumeln eine schwierige und strapaziöse Angelegenheit.

Es sei langweilig hier für junge Leute, behauptet der Taxifahrer und zählt abfällig ein paar Adressen auf. Nichts für junge Frauen, beeilt er sich hinzufügen und zündet sich eine weitere Zigarette an ihrer heruntergebrannten Vorgängerin an. Nach Prag könne er mich fahren, bietet er an. Eine Stunde. € 100,–. Ich könne einkaufen, er würde warten und führe mich nach dem Einkaufen wieder nach Karlsbad zurück. – „Nein?“, fragt er nach, als habe er mein Kopfschütteln falsch verstanden, und sein Angebot sei nichts, was man ablehnen könne.

Nein, beharre ich, und enttäuscht verstummt der Taxifahrer. Erst auf der Auffahrt des Hotels richtet er wieder das Wort an mich. Wann ich zurückfahre, will er wissen. Er hole mich ab. Lächelnd schüttele ich den Kopf. Verstimmt bleibt der ältere, etwas formlose Mann hinter dem Lenkrad sitzen und überlässt es einem ältlichen Pagen, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen.

II.

In der Hotellobby bin ich der einzige Gast. Überhaupt atmet das Hotel eine leichte nachsaisonhafte Melancholie, die ich mir mitten im Sommer nicht recht erklären kann. Es scheint kaum Gäste zu geben, stetig sitzen die selben beiden Araber mit imposanten Schnauzbärten in der Lobby, sehen konzentriert fern und rauchen schlanke, etwas affektiert wirkende, schneeweiße Zigaretten. Außer den beiden Lobbydauergästen sehe ich ein paar lautlose, japanische Familien, eine tief verschleierte Frau mit einem ebenfalls verschleierten Kind an der Hand, und ein paar sportliche Deutsche in farbenfroher North Face Wanderbekleidung stramm durch die Hotellobby marschieren.

An der Rezeption stehen zwei magere, hochgewachsene Mädchen, ein wenig zu blondiert für ihre rosigen Gesichter und lächeln eisern gegen die Leere in der Hotelhalle an. Mit einer etwas militärisch anmutenden Professionalität schlagen die beiden mir den Zimmerschlüssel, verschiedene Vouchers und Broschüren auf den Tresen, als gelte es, Fliegen zu erschlagen und schicken mich in mein Zimmer. „Sie werden sich wohlfühlen!“, schärft mir die Größere der beiden ein, und die andere nickt.

2 Gedanken zu „Karlsbader Notizen (1)

  1. Das mit der Kur war also ernst gemeint.
    Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins spielte das nicht auch teilweise in einem Kurbad?
    Gute Erholung wünsche ich. Wenn das Hotel nett ist und die Aussicht auch, dann kann nicht viel schief gehen 😉

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