Karlsbader Notizen (2)

III.

Die Spuren der in den letzten Jahrzehnten angerichteten Verwüstungen sind auch im Hotel nicht zu übersehen. Zwar sind die Gesellschaftsräume – der herrliche Speisesaal mit seinen apart nachgedunkelten Gemälden, und die Halle in dem für Hotelbauten des 19. Jahrhunderts charakteristischen anglisierenden Stil – im Wesentlichen unversehrt und entsprechen, ausweislich einiger Photographien an den Wänden, ungefähr der Gestaltung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Für die Zimmer gilt dies allerdings nicht im selben Maße.

Erkennbar stand zwar der Wunsch nach einer Annäherung an die versunkene Grandezza der Hotelpaläste der Belle Epoque Pate bei der Neugestaltung, die nach 1990 vollzogen wurde. Tatsächlich ist dort, wo der Boden der Konvention aus dunklem, polierten Holz, Chintz und den beruhigenden Farben englischer Wohnzimmer nicht verlassen wird, dieses Vorhaben als im Großen und Ganzen gelungen zu betrachten. Allerdings zeugen Nuancen von der ästhetischen Katastrophe des real existierenden Sozialismus. Ein vollkommen verdorbener Farbensinn etwa, der für den fleischfarbenen Grund einer an und für sich unbedenklich geblümten Tapete verantwortlich sein muss. Die Bodenbeläge der Flure, auf die die Imitation eines persischen Läufers aufgedruckt zu sein scheint, und die in einem abstrusen Gegensatz zu der Pracht der vielleicht etwas zu sorgfältig restaurierten Stuckatur steht, und – rührend possierlich – eine kleine Topfpflanze mit dicken, gummiartigen Blättern auf einem viktorianischen Blumenschemel zur Seite meines Bettes: All dies erinnert an eine Dame in Abendgarderobe, aufwendig frisiert mit sorgfältig gewähltem Schmuck, deren Füße in rosa Gesundheitslatschen aus Plastik stecken und die sich nicht im Geringsten für diese Entgleisung schämt.

IV.

Woher wissen eigentlich die anderen Leute, was ihnen zuträglich ist, frage ich mich und sehe mich um. Vor und innerhalb der Kolonnaden sitzen und stehen Menschen jeden Alters – sogar ein paar Kinder sind dabei – und trinken langsam und andächtig aus den geschwungenen Tüllen ihrer Karaffen. Warm ist das Wasser, salzig und ein wenig bitter, und entbehrt gänzlich jener Frische, die man normalerweise mit Quellen assoziiert. Für einen Moment frage ich mich, ob der gute Ruf des Karlsbader Wassers nicht möglicherweise gerade auf seinem wenig ansprechenden Geschmack beruht, was, wie man weiß, die Wirksamkeit von Medikamenten in der menschlichen Vorstellungskraft erhöht.

Wie viel Wasser trinkt man täglich richtigerweise, wenn man eigentlich, sinniere ich, gar nichts hat, abgesehen vielleicht von einer gewissen Nervosität. Gibt es irgendwo Anleitungen, wie eine ordentliche Wasserkur auszusehen hat? Sollte, müsste oder könnte man zumindest einen Badearzt konsultieren, oder ist hier jeder seiner eigenen Wasserkur Schmied?

2 Gedanken zu „Karlsbader Notizen (2)

  1. … verdammt, verdammt wo sind meine BfA Unterlagen – kann ich bitte sofort in Rente gehen? Geht das? ja? Gleich hier in diesem Blog?

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