Laterne, Laterne

Entschuldigung, ringe ich nach Luft und schiele auf die Uhr. Es ist 15.17 Uhr, und ich habe die Strecke vom Büro zur Kita in 7 Minuten geschafft. Persönlicher Rekord. „Hier ist noch Platz!“, rudert eine andere Mutter mir zu, und ich lasse mich auf eins der Stühlchen fallen. Ein Laternenboden und ein Deckel wird mir zugereicht, in Bechern stehen Scheren, Kleber in Schüsseln und dann geht es los. Transparentes Papier, Tonkarton, irgendwelches Bastelzeug. Den Laternenstab habe ich schon, die sind nämlich heute batteriebetrieben und aus Plastik. Zumindest bei den Kleinen.

Vorsichtig schiele ich nach rechts und links. Mit heiligem Ernst bekleben ausschließlich Frauen zwischen 30 und 45 Papier mit farbigen Förmchen, halten Scherenschnitte gegens Licht und fingern in kleinen Tütchen nach Sternen aus Stanniol. Manche lassen die Böden und Deckel auch ganz beiseite und gestalten frei. Man bastelt auf hohem Niveau. Leicht betreten schaue ich die künftige Laterne des F. an.

Macht nichts, rede ich mir ein, als die anderen Kürbisse, Schnecken und Fledermäuse ausschneiden und Laternen herstellen, die genau richtig selbstgemacht wirken und nicht nur wie eilig hingehauen. Der F. wird’s nicht merken. Der F. ist erst eins, und allein der Umstand, dass Mama überhaupt mit ihm und ganz vielen anderen Kindern und Müttern durch den abendlichen Prenzlberg zieht, reicht wahrscheinlich aus, aus einem normalen Tag einen tollen Tag zu machen, an dem man noch viel mehr als sonst lacht und tanzt und Leute umarmt.

Meine Laterne sehe „pragmatisch“ aus, sagt am Ende eine andere Mutter und ich stelle das leicht zerknitterte und insgesamt auch eher sparsam beklebte Machwerk leicht betreten behutsam in eine Ecke. Eine Bastelmutter werde ich wohl nicht, resümiere ich und überlege schon mal, ab wann man ohne Gesichtsverlust auf gekaufte Produkte umsteigen kann. Dann aber hole ich den F. aus dem Garten, breite die Arme weit, weit aus, und wirbele den kleinen Kerl durch die warme Oktoberluft und laufe nach Hause. Ich muss noch arbeiten. Der Tag ist noch nicht vorbei.

2 Gedanken zu „Laterne, Laterne

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