Gelesen

Ich habe mir Reisebücher gekauft. Ein klassische Ersatzhandlung eigentlich: Ich würde so gern wieder reisen. Also so richtig reisen, so mit einer kleinen Tasche am Arm, einem Ticket und einer Kreditkarte, Sonnenbrille nicht vergessen, und dann einfach los. Ein Bahnhofshotel in Bukarest und dann mit irgendwelchen dahergewehten Passanten auf den nächsten Markt, sich zeigen lassen, wo man hier die beste Suppe isst. Sich überreden lassen, immer weiter nach Osten zu fahren, mit Zügen am besten. Kartenspielen mit Fremden in einem heißen, abgeschabten Abteil. Auf einem leergefegten Flughafen in Asien stranden, nachts mit den Taxifahrern diskutieren, und dann am Morgen übernächtigt, überwältigt an einem fremdem Hafen sitzen und in die Sonne blinzeln. Nicht wissen, wo man morgen Abend die Auge schließt. Statt dessen nun: Ein Ferienhaus, ein Mietwagen und acht Tage mit den Schwiegereltern, die wegen ihrer eher eingeschränkten Kommunikationsprozesse – mein Schwiegervater kennt nur zwei Gesprächsthemen – vermutlich nicht einmal den Turing-Test bestünden. Nun ja.

Zu Fuß

Schon vor dem eigenen Urlaub gereist mit Patrick Leigh Fermor. Sie wissen schon. Der Mann, der 1933 als entlaufener Schuljunge von von England aus nach Europa reist, um zu Fuß bis nach Konstantinopel zu laufen. Eine unglaubliche Reise, ein Füllhorn von Begegnungen, kreuz und quer über den Kontinent, um mit dem Adel Ungarns zu tanzen, mit Pferdeknechten Bier zu trinken, und so gestochen scharf und farbig einen letzten Blick auf dieses alte Europa zu werfen, bevor es unterging: Zerrissen, zerbomt und geteilt. Zwei Teile begründeten – nein: vertieften – den Ruhm Leigh Fermors. Der dritte, der letzte Teil der Reise, ist nun posthum erschienen, und mit leisem Bedauern versteht man, wieso der Autor selbst die vielen bunten Flicken nicht mehr zusammenzufügen vermochte. Es war am Ende auch alles schon allzu lang her. Für ein paar Abende ohne Bedauern aber reicht es, und lohnt sich nicht zuletzt für die paar goldenen Adern im Schiefer der verfallenden Zeit. Mir hat es – bei allen Schwächen – gefallen.

(Patrick Leigh Fermor, Die unterbrochene Reise, Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié)

Auf hohem Ross

Keine Ahnung, warum ich das überhaupt gekauft habe. Ich habe von Altmann schon einmal ein Buch gelesen. Da ging es um seinen bayerischen Heimatort, ein verlogenes, verstunkenes Kaff. Dass man in so einem Nest nicht leben und atmen kann, leuchtet mir irgendwie ein. Ich könnte das auch nicht. Dass man durch die Welt zieht, einfach um des Fremden in der Fremde willen: Auch das erscheint mir einleuchtend. Ich mag auch keine hässlichen Menschen, die halbnackt und schwitzend durch den Petersdom schnaufen, und ich würde meine Urlaube ebenfalls nicht in einem Club verbringen, all inclusive mit einem Bändchen am Arm. Da bin ich aber nicht besonders stolz drauf, und zu einem besseren Menschen macht mich das auch nicht. Den Leuten vor Ort wäre ein Neckermann-Tourist, der Geld für Kitsch ausgibt, Henning Mankell liest und sich abends für 10 Euro ein Eisbein servieren lässt, vermutlich auch lieber als ein Backpacker, der die heiligen Schriften des örtlich ansässigen Kultus gelesen hat, sich mit allen unterhalten will, egal, was die davon halten, und dann für 20 Cent das Nationalgericht isst.

Mir erscheint diese Form des Reisens oft eher etwas distanzlos, aufdringlich nachgerade, und sich öffentlich zu rühmen, ein besserer Reisender zu sein als andere Leute, empfinde ich als mindestens taktlos, wenn nicht gar als nachgerade hoffärtig. Um nicht zu sagen: Widerwärtig arrogant.

(Andreas Altmann. Gebrauchsanweisung für die Welt. )

Im Cabrio

Reizend dagegen, vergnügt, raschelnd vor fröhlich-sinnloser Geschäftigkeit, wirbelt das Buch von der Riviera an mir vorbei. 1931 ist es erschienen, Klaus und Erika Mann haben es geschrieben, und es ist genau die Küste, die wir lieben: Dieser schmale Streifen Land zwischen Marseille und Menton. Sehr viel geschieht gar nicht in diesem eher schmalen Reisebüchlein. Man fährt herum, trifft hier diesen und dort jenen. Man geht zum Friseur, isst mal scheußlich und mal fabelhaft, erfreut sich des Lichts, des Nichtstuns, der Casinos, der Nachtclubs, wirft einen flüchtig-trägen Blick auf Städtchen und Dörfer und ist schon wieder weg.

Unsere Cǒte d’Azur ist das – bei allen Ähnlichkeiten – nicht. Was wir sehen ist geprägt vom Boom des französischen Südens in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Ein bisschen aus der Zeit gefallen sieht es dort heute bisweilen aus, ein wenig rührend passé auf diese sehr gemütliche Weise, die gerade wieder ein wenig in Mode kommt: Wie eine Karikatur von Paul Flora, die so langsam, langsam ein wenig Nostalgie und Patina ansetzt. In den Dreißigern aber war die Cǒte d’Azur nicht ein wenig unmodern und sehr gemütlich, sondern todschick, rasant, es war Jugend und Jazz und F. Scott Fitzgerald, und es nimmt dem kleinen, schnell gelesenen Büchlein nichts, dass Klaus Mann am Ende nach Cannes nur zurückkehren sollte, um 1949 an Drogen und Einsamkeit zu sterben.

(Klaus und Erika Mann, Das Buch von der Riviera)

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