Der äußerste Optimismus

Die halbe Welt macht sich angeblich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Ich dagegen, und mit mir mein geschätzter Gefährte, sehen mit Optimismus in die Zukunft unseres F., und das liegt nicht etwa an unseren nicht vorhandenen Reichtümern oder an einer gleichfalls nicht erkennbaren Hochbegabung. Hochbegabung kann hier schließlich jeder. Der F. dagegen lässt weit wertvollere Anlagen erkennen.

Nehmen wir etwa so einen gewissen Hang zur Manipulation. Wir etwa kürzlich so auf dem Spielplatz. Der F. rennt mit seinem Freund A. zwischen den Klettergerüsten herum, rutscht, schaukelt, und dann steht er lange vor dem Gerüst und starrt nach oben. Das Gerüst ist hoch, erst recht, wenn man selbst nur so circa einen Meter und zehn zählt, und oben könnte man – das kann man deutlich sehen – ziemlich tief fallen. Der F. starrt also den Turm an und der Turm starrt zurück. Schließlich fällt dem F. etwas ein.

„Da kommst du nicht rauf.“, wendet sich der F. laut an den A., den ebenfalls vierjährig neben ihm steht. „Das kann niemand. Nur mein Papa!“, vertieft der F. seine Äußerung und deutet herausfordernd auf die oberste Plattform. Als der gleichwohl A. zögernd am Fuße des in der Tat ziemlich hohen Spielgerüsts stehen bleibt, legt der F nach: „Da kommst du auch nicht drauf, Lalalala!“.

Wenige Minuten später hat er den A. soweit: A. sitzt auf dem Klettergerüst ganz oben. Der F beginnt vorsichtig, ebenfalls die Stufen zu erklimmen. Und als er auf der ersten ungefähr mittigen Plattform dann doch den Mut verliert, brüllt er nur kurz noch oben: „Da oben ist es viel zu warm.“

Mit Freuden entdecken der geschätzte Gefährte und ich auch eine gewisse Neigung zur beherzten Angeberei. So ist es dem F. vor einiger Zeit gelungen, seine Freunden weiszumachen, er könne schon lesen und schreiben.  Bisweilen zieht man ihn nun als Experten heran,  dann hilft er sich mit einer Mischung aus einem gut entwickelten Sinn für das Wahrscheinliche und der Kenntnis einzelner Buchstaben. Erst kürzlich auf einem Kindergeburtstag brüllte er beherzt auf die Fragen der Gastgebermutter, wer denn die Namen auf den Geschenktüten schon entziffern können: „Ich!“ Stolz sahen der J. und ich uns an. Unternehmensberater? Investmentbanker? Oder einer der erfolgreichsten Anlagebetrüger des noch jungen Jahrhunderts?

Auch die Fähigkeit, mit der ernsthaftesten Miene der Welt die unwahrscheinlichsten Geschichten zu erzählen, wird den F. noch weit bringen. Wer in Flugzeugen lauten Vordersitzern mit der Tötung durch Angela Merkel droht, und bei einem Waldspaziergang behauptet, erst kürzlich mit seinem in unserem Keller wohnhaften Drachen eine Wildschwein- und Hirschkontrolle auf Vollständigkeit durchgeführt zu haben, muss sich keine Sorgen machen, wenn er dermaleinst Banken gegenübertritt, um Finanzierungen inklusive üppiger Gehälter zu ermöglichen, sich Finanzprodukte ausdenkt oder gar eine Sekte gründet.

Wie ich gehört habe, wird der Teil der Schulbildung, den man schlicht lernen muss, sowieso immer kleiner. „Skills“ seien gefragt. Das ist vermutlich genau F.’s Ding.

5 Gedanken zu „Der äußerste Optimismus

  1. Fantastisch, ein Mann für den vorderen Bühnenrand, ein „F. of Wall Street“ und unerschrockener Scheinwerfermagnet! Notfalls kann er es im Imperium des M. E. G. zu etwas bringen und ganz große Räder drehen. Ich hoffe, er erinnert sich dann an mich, wenn er doch ganz oben auf dem Turm sitzt.

  2. Ich frage mich, wie viel – wenig – Wertschätzung dieses Kind in seiner Familie erfährt, wenn es sich so zeigen muss. Was wird ihm vorgelebt von Mutter und/oder Vater usw., dass es sich so entwickelt hat?

    F. tut mir wirklich leid. Wie soll aus diesem Kind eine starke, sympathische… liebenswerte… Persönlichkeit werden?

    Abgesehen davon: Sehr süß geschrieben! 🙂

  3. *lach*
    Nein, natürlich war mein Kommentar falsch. Lösch ihn am besten!

    Nachdem ich deinen Eintrag nun mit voller Konzentration und nicht nur quer gelesen habe, habe ich ihn dann auch endlich verstanden. 🙂
    Mea culpa! Ich saß auf meiner Leitung.

    Cleveres Bürschchen! Später mal werden die Mädels sicher reihum an seinen Lippen hängen, bei dieser Überzeugungskraft.
    Wie ich schon sagte, sehr süß! LG

    1. Süß ist er wirklich. Und mit einer Phantasie, die bevölkert ist von den sonderbarsten Menschen, Tieren und Maschinen.

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