Oder auch nicht.

Ach was, sagt sie und wischt ein einen imaginären Fussel von ihrem weißen Jumpsuit. Von den schönen Punks sei sie ja total ab. Nicht einmal den G. würde sie noch treffen, obwohl der ja so quasi mehr ihre große Liebe, aber was soll man von jemandem schon halten, der sich in Norwegen verkriecht, nur weil er seine Frau mit seiner Nichte betrogen hat.

Hmm. Tja., sage ich, was ja eigentlich nie wirklich falsch ist, und trinke einen weiteren halben Liter sehr kalten Earl Grey mit zermatschten Kumquats. Sehr zufrieden sieht die liebe A. aus, wie sie in schneeweißer Seide auf einer Bierbank am Görlitzer Park sitzt und den Dealern Schönheitsnoten zwischen 1 und 10 gibt. Glaubt man der A., die eine kleine Vorliebe für etwas mesquine Herren pflegt, handelt es sich um eine Versammlung wirlich hübscher Leute, die den Vergleich mit keiner anderen Gruppe Berliner Männlichkeit scheuen müssten.

Die A. jedoch hat, so höre ich, auf ihre sozusagen mittelalten Tage nun doch zur konsequenten Einehe gefunden. Schade, schießt es mir durch den Kopf, denn zwar gönne ich dem über die Jahre doch etwas gebeutelten Gefährten der A. diese Phase der hart verdiente Ruhe, allerdings erzählen mir ansonsten inzwischen verdammt wenig Leute etwas über die leichtlebig-lustige Seite des Berliner Lebens, weil alle Welt nur noch über Immobilienpreise und ihren Beruf spricht. Dabei sind die meisten Berufe noch nicht einmal sonderlich unterhaltsam.

Die A. immerhin ist nach wie vor komplett berufslos, weil das Konzept nicht zu ihr passt. Ich habe nie herausgefunden, was sie tagsüber eigentlich genau macht, aber abends geht sie meistens aus. Manchmal begleitet sie ihr Mann, ein freundlicher Wirtschaftsprüfer, der die Oper liebt. Oder er hat berufliche Termine, und sie kommt mit. Manchmal ist ihr Mann unterwegs, und dann muss die A. allein sehen, wie sie es schafft, nicht an Langeweile zu sterben.

Ganz ab und zu kommt die A. dann ein wenig angetrunken nach Hause. Eigentlich mag die A. nicht so gern alkoholische Getränke, aber ganz gelegentlich sitzt sie dann doch daheim allein vorm Rechner. Unter ihr liegt der Winterfeldplatz, über ihr wölbt sich ein schwarzer, lichtloser Himmel, und wenn die A. dann so sitzt, wird sie, so sagt sie mir, doch ein wenig melancholisch.

Wenn die A. melancholisch wird, muss sie immer an den D. denken. Der war eigentlich nie so richtig ihr Freund, weil leider immer irgendetwas dazwischengekommen ist. Seine erste Freundin etwa. Oder ihr zweiter Freund. Und als sie beide wirlich einmal zeitgleich ineinander verliebt waren, war sie leider in Bordeaux für ein Auslandssemester und er in Marburg.

Heute wohnt er in Karlsruhe. Sie lebt in Berlin Schöneberg. Meistens sehen sie sich einmal im Jahr, nämlich kurz nach Weihnachten, und dann sind so viele Leute da, dass sie nie auch nur drei Sätze ungestört wechseln können. Außerdem hängen meistens seine ungezählten (ich glaube, es sind drei) Kinder an seinen Hosenbeinen, das stört natürlich auch.

An sich ruft die A. ihn nie an. Sie schreibt ihm auch nie, denn was soll das bringen. Nur, wenn sie melancholisch ist, legt sie sich aufs Sofa und schreibt ihm eine E-Mail. Dass man sich mal wieder. Und dass es doch. Und überhaupt. Die schickt sie dann ab.

Ein- oder zweimal hat sie am nächsten Tag Mails hinterhergeschickt, dass sie betrunken nicht ernst zu nehmen sei. In seinem Fall ist ihr das auch nicht peinlich. Denn zwei- oder dreimal im Jahr bekommt sie Mails von ihm, in denen steht, dass sie. Und nur sie. Und ganz und gar. Und: schade.

Die A. und der D. haben sich auf diese Mails noch nie geantwortet. Aber irgendwann, dafür spricht schon das Gesetz der Wahrscheinlichkeit, werden sie mal zeitgleich betrunken und melancholisch vorm Rechner sitzen, und dann. Ja dann. Oder auch nicht.

 

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4 Gedanken zu „Oder auch nicht.

  1. Schön geschrieben. Endlich weiss ich auch, was die Leute am Winterfeldtplatz so machen. Ich wohne auch dort und habe oft den Eindruck, ich bin der einzige der um 8.30 ins Büro muss.

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