Damals in Polen

Schläfst du schon, frage ich so circa kurz nach zwei, und er tut so, als hätte er nur auf meinen Anruf gewartet. Ich bin all das so müde, fahre ich fort, und dass ich so gern auf der Stelle meine Siebensachen packen und mit dem F. an der Hand einfach davonfahren würde, aber dass das natürlich nicht geht, weil ich 42 bin und nicht 20, und erwachsene Leute nicht einfach ihrem Leben davonlaufen dürfen, um irgendwo an einem Strand mit ihren Freunden zur Gitarre zu singen.

Wie die anderen Leute eigentlich ihr Leben aushalten, fragen wir uns, weil die ja eigentlich so ganz zufrieden wirken, wenn man sie in ihren Anzügen durch Mitte laufen sieht, aber vermutlich sehen wir genauso zufrieden aus, denn komfortabel ist diese Daseinsform ja durchaus. Verlangt einem nichts ab außer Lebenszeit und Seele.

Ob die anderen eigentlich gefunden haben, was sie suchten, und gut damit leben können, dass die Suche zu Ende sein soll und sie nie wieder finden werden, fragen wir uns gegenseitig und haben keine Antwort, wie immer, wenn es wichtig wird, und fangen an zu lachen aus lauter Ratlosigkeit. Erzählen uns das Böseste und Beste des Jahres. Wo wir waren. Was wir gelesen haben. Sehr gutes Essen hier und anderswo. Die schönsten Schuhe, die ich jemals hatte, oh, fast zehn Zentimeter, lackschwarz mit kleinen silbernen Knöpfen. Wie gut es uns damals ging, ohne dass wir das wussten. Und ob wir wohl nochmal wie damals in Polen.

(Wohl nicht.)

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8 Gedanken zu „Damals in Polen

  1. Es ist wie es ist. Wer das versteht und Geduld hat, bis die Kinder aus dem Haus sind, verkauft weder seine Seele noch seine Lebenszeit. Und die Suche macht eh keinen Sinn, weil sich alles findet.

      1. Geniessen Sie die Zeit mit dem F.

        Sie glauben ja gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht und die Kinder aus dem Haus sind.

        Spaetestens da werden Sie den F vermissen.

        Man muss lernen, im hier und jetzt zu leben und das positive zu sehen. Geniessen Sie zusammen mit der Familie so viel schoene Zeit, wie nur moeglich.

        Kinder sind ein Segen, so aufgeweckte Kinder, wie der F sind auch noch eine Freude dazu.

  2. Hoppla. Gelegentlich lese ich hier still mit und war bisher der Meinung, ihre Ehe mit dem J. sei ein Quell ewiger Freude. Da hab ich wohl was falsch verstanden. Aber was?

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