Journal :: 13.11.2017

In ansonsten seriösen Zeitungen steht, Frauen würden sich zu viel mit ihrem Aussehen beschäftigen und hätten es deutlich leichter, trügen sie so neutrale Kleidungsstücke wie, sagen wir, ein deutscher Ingenieur. Als eine Person, die die vorgeschlagene Neutralität in Gestalt blauer, knielanger Kleider zu klassischen Pumps bereits umgesetzt haben dürfte, kann ich allerdings nicht dazu raten, dies auf breiter Front umzusetzen. Man sieht nicht nur langweilig aus. Man fühlt sich nach einer Weile auch so.

Nun ist in meinem an Sensationen insgesamt eher armen Leben ein Kleiderwechsel schon tendenziell schwierig. Gut, niemand hindert mich daran, mir großartige Kleider und Schuhe zu kaufen, die ich dann in meinen Schrank hänge und ab und zu wehmütig streichele. Für eine Person, die pro Spielzeit drei- bis fünfmal in die Oper geht, besitze ich außerdem schon unverhältnismäßig viele festliche Kleider. Und meine Neigung zu sehr hochhackigen Schuhen bringt mich, der geschätzte Gefährte J. weiß es genau, eines Tages ins Grab, weil ich stolpern und mir den Hals brechen werde. Zu alledem sind die Kleider, die mir bei ausgedehnten Streifzügen im Netz oder in Mitte gefallen, garantiert nie die, in denen eine Dame mittleren Alters mit Kind und wirklich sehr bürgerlichem Beruf halbwegs passend gekleidet erscheint, und außerdem bin ich für viele Kleider schlicht zu dick.

Ein vernünftiger Mensch würde insofern alle überflüssigen Ausgaben ersparen und auch die nächsten Jahre anziehen, was er hat. Ich aber, ich habe mir rote Satinschuhe mit elf Zentimetern Absatz gekauft. Einen Paillettenrock. Einen Traum in weißem Tüll. Wunderschöne, völlig untragbare Strümpfe. Und nun sitze ich auf dem Sofa, trinke Tee und zerbreche mir den Kopf, wie die Gelegenheit wohl aussehen könnte, zu der ich all das anhaben werde.

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24 Gedanken zu „Journal :: 13.11.2017

  1. Wow, wie toll sind die denn! Ich würde die Sachen am nächsten freien Abend, wo das Kind mal nicht da ist, zuhause anziehen und auf den geschätzten Gefährten wirken lassen.

  2. Diese Schuhe sind einfach wunderschön – ein grandioser Geschmack! Und auch ich finde den erwähnten Artikel nicht gelungen.
    Kleider schon mal bei Dolzer in Charlottenburg maßgeschneidert versucht?

    1. Bei Zalando. Ich würde gern wieder in schöne Schuhgeschäfte gehen, leider ist der F., der mich am Wochenende stets begleitet, wenn er die Woche schon nicht viel von mir hat, kein großer Freund dieser segensreichen Institutionen

  3. Die Schuhe sind ein Traum. Einfach sie immer wieder an sich selbst ansehen zu dürfen, war den Erwerb wert.
    Mir muss erst mal einfallen, warum ich mich mit schönen augenschmeichelnden oder inspirierenden Dingen umgeben darf, ohne dass das ein persönlicher Makel ist – Sehnsucht nach denselben Merkmalen bei meiner Kleidung aber anrüchig sein soll.

    1. Eigentlich erfreut man ja nicht nur sich, sondern auch alle anderen, wenn man sich hübsch macht. Ist ja immer schöner, von schönen Menschen umgeben zu sein als von Leuten, die sich in Sack und Asche kleiden.

  4. Gelegenheiten muss man sich einfach schaffen.

    Im Übrigen bewundere ich Sie schon dafür, dass Sie mit elf Zentimeter hohen Absätzen auf dem Sofa sitzen können – und dann können Sie darauf auch noch laufen! Ich käme auf diesen Stilettos wahrscheinlich nicht einmal bis zu Ihrer Wohnungstür.

    P.S. Falls es Sie aus irgendwelchen Gründen mal beruflich in die Nähe von Baden-Baden verschlagen sollte, packen Sie die Schuhe, den Rock, den Traum aus weißem Tüll und die untragbaren Strümpfe sowie 25 € extra in den Koffer. Das Casino ist auf jeden Fall eine geeignete Kulisse dafür.

  5. Pingback: Joël
  6. Sollen wir uns zum Tee im Adlon treffen?
    So ein Hotelteppichboden wäre doch ideal für diese Absätze.

    (Dafür müsste ich allerdings nach Berlin kommen, aber für diese Schuhe würde es sich lohnen)

  7. Sind die Schuhe geil! Äh durchstreich. Darf ich das so frech bei jemandem kommentieren, den ich erst 4 blogposts weit gelesen habe? Juchz. Ich würde schon beim vom Sofa aufstehen in diesen Schuhen der Länge nach hinsegeln. Sehen umwerfend aus.

  8. Oh, Allerschönste! Da jeder Tag ein Unikat ist, versucht der Alltag auch noch so sehr ihn grau und miesepetrig zu färben, ist somit JEDER TAG der allerrichtigste, diese Schuhe, den Rock, die Pailletten, den roten Lippenstift auszuführen. (Ich empfehle sonst einen Blick herüber zu Stasia Savasuk und ihre grandiose ‚inside out congruency‘). Sonst gerne auf ein Gläschen in roten Schuhe und mit Glitzerkette am Frühstücksbuffett. Allerliebst.

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