Journal :: 19.11.2017

Ach, Möhre, denke ich, und schaue meinem Fünfjährigen nach, der im Naturhistorischen Museum wild gestikulierend um ein Modell des Sonnensystems herumwandert und frenetisch auf seinen Freund S. einredet.

Ich beneide Kind F. nicht ganz wenig um sein brennendes Interesse für eigentlich alles. Der F. begeistert sich unterschiedslos für Napoleon und BB-8, Mädchen mit schönen Haaren, die mineralogische Sammlung des Naturkundemuseums und die Frage, wie um alles in der Welt Hitler so böse geworden ist, dass er sogar Kinder einsperren ließ. Dass ich mich für irgendetwas auf Erden mit ähnlicher Intensität interessiert habe, dürfte Jahre her sein, und würde der geschätzte Gefährte morgen unglücklicherweise von einem Meteoriten erschlagen, fiele es mir absehbarer Weise extrem schwer, noch einmal nur ansatzweise so viel Interesse für einen anderen Herrn aufzubringen, wie es für die Aufnahme einer näheren Beziehung erforderlich sein dürfte.

Vielleicht steht jedem Menschen nur ein bestimmtes Maß an Begeisterung zu, und ich habe meins verbraucht, überlege ich, aber so richtig überzeugend klingt die These nicht. Oder die für Euphorie zuständigen Drüsen stellen irgendwann, das wäre dann so eine Art emotionales Klimakterium, die Produktion ein. Oder – und das hoffe ich inständig – es handelt sich ganz schlicht um die betäubenden Auswirkungen einer Mischung aus Erschöpfung und bohrender Langeweile, die mit der Zeit auch wieder verschwinden.

Aber so wie mit fünf wird es nie wieder.

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13 Gedanken zu „Journal :: 19.11.2017

  1. Das lässt sich ueben. Und ich hab zudem nenn geheimen Trick: sei 40 werde ich jedes Jahr wieder jünger. D.h. irgendwann hab ich die Erfahrung eines 70 und die Narrenfreiheit und Begeisterung eines 10 Jährigen. Das wird… super!

  2. Das ist ein sehr interessanter Beitrag. Kurz, aber umso prägnanter. Das mit der Begeisterung ist ein entscheidendes Merkmal. Ich habe mich vor Jahren einmal untersuchen lassen. 24 Stunden Dauer-EKG. Man trägt das Gerät mit sich herum, alle 5 Sekunden wird über drei Elektroden der Herzschlag registriert. aus den Mikroschwankungen im Rhythmus und den Amplitudenveränderungen der Signale werden dann durchaus interessante Ableitungen diagnostiziert. Die Methode geht Auf TCM zurück. (Bösartige Kernaussagen der TCM: gibt es keine Schwankungen, ist man praktisch schon tot.) Man verwendet die Resultate aber eher, um bestimmte Talente herauszufinden. ich habe damals meinen Kaffeekonsum drastisch eingeschränkt. Die eigentlichen Aussagen waren nicht sonderlich überraschend, nur bestimmte Übereinstimmungen waren bemerkenswert.
    Heute, zehn Jahre später, bin ich viel, viel ruhiger geworden. Und es regt mich fast nichts mehr auf, was mich früher extrem verärgert hat. Ich kann mir vorstellen, dass der Ärger anderer Leute allerdings legitim ist.
    Aber Begeisterung möchte ich mir erhalten. Und da fühle ich mich durchaus wie der Fünfjährige. Deswegen mache ich auch Fernkurse über Quantenmechanik und maschinelles Lernen. (Denn man gönnt sich ja sonst nichts.) Und die eigentliche Batterie zum Erhalt der Begeisterungsfähigkeit liefert das Klavier Spielen. Ich hatte noch nie so konsequent und nachhaltig üben können wie jetzt. Dann spüre ich schon, dass ich noch lebe.

  3. Mein E ist vier und kann die gleiche Begeisterung an den Tag legen. Dafür leidet er aber auch dramatisch unter Langeweile, Verdruss und den sonstigen Widrigkeiten des Lebens.
    Ich glaube ja, dass bei Kindern einfach die Output-Filter noch nicht so aufgebaut sind. Die jeweilige Gefühlslage wird halt in der maximalen Signalstärke mitgeteilt. Erwachsene machen das dann zurückhaltender.

  4. Ich glaube ja dass der Nebeling der völlig falsche Monat ist um seine Begeisterungsfähigkeit abschließend zu beurteilen. Sich dabei auch noch am F. zu messen kann nur zu Abwertung führen.

  5. Das kommt von der Gewohnheit und ist bestimmt ein Schutz der Filtereigenschaft unseres Bewusstseins nach einigen Jahrzehnten millionenfacher Eindrücke.
    Außerdem ist unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gar nicht kompatipel mit kindlichen, begeisterungsfähigen Menschen. Unser westlich kapitalisch geprägtes Leben ist viel besser zugeschnitten auf gelangweilte, leicht frustrierte Menschen, die dann umso mehr kaufen und konsumieren wollen.
    Denn wenn ich noch genauso begeisterungsfähig und leidenschaftlich wäre wie als Fünfjährige, müsste ich morgen sofort meine Arbeit niederlegen!

  6. Mit meinen 57 muss ich feststellen, dass die letzten 5 Jahre so emotional aufgeladen waren wie keine Zeit zuvor in meinem Leben. Ob das eine gute Nachricht ist weiß ich auch nicht.

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