Der bedauerlicherweise ungeschriebene Ratgeber der A.

„Ich hab‘ ja auch so viel zu tun.“., lügt die A., dass sich die Balken biegen, und zwinkert dem hübschen Kellner mit den rotbraunen Locken zu. „Noch was für euch beide?“, fragt er, und wir bestellen Negronis, weil wir beide heute kinderlos sind und außerdem ist Samstag. Derweil die A. ihn halb abwesend, halb elegisch anschaut, etwa wie einen Schwan oder eine hübsche Blume, bekommen wir als einziger Tisch noch eine kleine Schale mit Nüssen, Oliven und Brot.

Der A. geht es ziemlich prächtig, weil ihr neues Au Pair Mädchen aus China ungeheuer tüchtig ist, ihre Tochter wohlbehalten bei ihrer Mutter und außerdem schreibt die A. jetzt ein Buch. Es wird von der A. handeln, aber in ihrem Buch heißt sie B., es handelt sich also um einen Roman. „Oha.“, sage ich und beneide sie ein bisschen, denn ich schriebe auch gern einmal einen Roman, aber statt dessen schaffe ich knapp mein Pensum Verwaltungsrecht.

Auf der anderen Seite taucht ein Bekannter der A. auf, und sie winkt mit der linken Hand, sagt irgendwas, wirft abschließend so eine flüchtige Kusshand, schon wieder dem Bekannten ab-, und mir zugewandt und erzählt weiter von ihrem Buch. Es scheint sich um ein ausgesprochen personenreiches Werk zu handeln. Handlung im engeren Sinne kann ich nicht ausmachen, aber das trägt man ja heute so.

Über meinen Kopf hinweg lächelt die A. nun irgendjemandem in meinem Rücken zu, der sich darauf an mir vorbeidrängt, die A. auf beide Wangen küsst, die mit dem kleinen Finger der linken Hand, als sie sich wieder hinsetzt kurz über seinen Hals und seinen Arm streicht, so circa einen Milimeter über seiner Haut. Es ist ein großer Mann mit stark hervortretenden Adern. Die eher kleine A. schaut deswegen mit weit in den Nacken gelegtem Kopf zu ihm auf. Er erzählt das übliche Coronazeug, das gerade jeder von sich gibt, ich manchmal auch, schaut mich nicht mal unabsichtlich an und verschwindet wieder, eine Einladung an die A. ankündigend.

Es sei verdammt schwer, so einen Roman zu schreiben, beklagt die A. Schwerer als jeder Job, den sie jemals hatte. „Hast du mal an einen Ratgeber gedacht?“, frage ich sie, aber sie blinzelt schon wieder jemandem zu, den ich nicht sehe, und streicht sich mit einem Finger einen Tropfen Negroni aus dem Mundwinkel, eine Geste, die bei ihr einfach fabelhaft aussieht.

Und der ultimative Ratgeber zur Bezauberung anderer Leute wird wohl ungeschrieben bleiben.

2 Gedanken zu „Der bedauerlicherweise ungeschriebene Ratgeber der A.

  1. Schön, mal wieder solch eine Geschichte hier bei Ihnen zu lesen. Ich habe diese kleinen Skizzen Ihrer Mitmenschen vermißt…

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