Bugs like us

„So ein Quatsch!“, schüttele ich den Kopf. Mein Gegenüber wiegt sorgenvoll den Kopf. Man könne alles Mögliche falsch machen, so als Mutter, und dann hätte das Kind lebenslang einen Knacks. Also zu früh abgestillt, oder einmal zu viel negatives Feedback gegeben, und dann lebenslang Komplexe mit allem drum und dran. Ich weise das energisch zurück: Meiner Erfahrung nach ist die menschliche Spezies robuster als Kakerlaken und Ratten zusammen. Bis da einer wirklich Schaden nimmt, muss Einiges passieren.

Nehmen wir nur einmal die Ernährung. Als ich so circa fünf war, hielt man Kalte Platten für ein richtig gutes Essen. Oh, und erst die vielen Sonntag im Akropolis, weil wieder keiner Lust hatte, zu kochen. Die Nudeln mit Tomatensauce aus Tomatenmark mit Brühe. Die giftgrünen Granny Smith, tagelange Müsli-und-Brot-Diäten, weil meine Eltern gerade viel zu tun hatten, und das Jahr, in dem meine Mutter ein Aufbaustudium absolvierte, und zur Überbrückung der hierdurch bedingten Ernährungsschwierigkeiten eine wirklich hohe Kühltruhe Monat für Monat mit Fertigmahlzeiten von bofrost füllte. Nach dem Jahr und der damit verbundenen Prüfung kehrten wir zu einer halbwegs normalen Ernährung zurück. Schäden durch dieses nach aktuellen Maßstäben eher unkonventionelle Vorgehen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe keinerlei Allergien, außer gegen Steinfrüchte. Ich bin verhältnismäßig gesund, wiege zumindest nach medizinischen (wenn auch nicht persönlichen) Maßstäben normal viel und esse meistens selbstgekocht, gut und halbwegs ausgewogen. Es scheint also nicht geschadet zu haben. Ebenso geht es den meisten meiner nachweislich nichtgestillten Freunde prächtig, trotz des Milchpulvers und der frühen Auswilderung aus den elterlichen Schlafzimmern ins Dunkel des Kinderzimmers, meistens schon als Säugling. Pekip war da auch noch nicht erfunden.

Mit negativem Feedback und fiesen Erziehungsmethoden sieht es ähnlich aus. Meine Familie hält insgesamt mit ihrer durchaus tendenziell eher kritischen Meinung über eigentlich alles selten hinterm Berg. Meine Grundschulzeit war unerfreulich. Von den negativen Folgen, die die aktuellen Erziehungswissenschaften mit schwarzer Pädagogik verbinden, insbesondere Unlust und Verweigerung, ist jedoch eigentlich nichts eingetreten. Für die meisten mir bekannten Generationsgenossen gilt dasselbe. Klar, man hätte sich als Schulkind weniger langweilen können, und nicht jeder Lehrer war an jedem Tag gerecht. Vermutlich hätte es einem diverse unangenehme Stunden erspart, wenn die Menschen um einen herum sich mehr bemüht hätten. Doch Schaden habe ich nicht erlitten: Man sagt ja, Kinder würden die Lust verlieren, wenn man sie scharf kritisiert und so entmutigt. Vermutlich überschätzt man damit grenzenlos den Einfluss, den Erziehung überhaupt hat. Man kann Kinder vermutlich durch überhaupt keine persönliche Kritik, sei sie, wie sie sei, davon abhalten, sich für irgendetwas zu begeistern. Menschen mögen nun einmal tolle Geschichten über Götter, Könige und Revolutionen, sie verfügen über einen grenzüberschreitenden Mitteilungsdrang, sie lieben die Üppigkeit der Musik und die strenge Schönheit der Mathematik und sie wollen alles wissen und erobern. Einfach nur so, ohne dass das was mit Lehrern zu tun hätte. Weil es geht, nicht weil jemand kommt, und es anregt.

Wahrscheinlich finden Pädagogen diesen Befund deprimierend, weil sie glauben, dass es ihre Arbeit entwertet. In Wirklichkeit ist wahrscheinlich noch nicht einmal das der Fall, weil es einen Eigenwert hat, Kindern die Tage zu verschönern, die sie Erwachsenen ausgeliefert sind. Auf jeden Fall aber ist diese Erkenntnis geeignet, Eltern zu beruhigen, denn offenbar sind Menschen unverwüstlich. Man soll zwar freundlich zu ihnen sein. Man soll sich so verhalten, dass sie schöne Tage haben, keinen Grund, sich zu beschweren, und natürlich sind Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Humor auch gegenüber sehr kleinen Leuten Vorzüge, an die man sich an anstrengenden Tagen erinnern sollte. Doch sollte es einmal nicht hinhauen, sollte das Baby nachts so nerven, dass man es in ein anderes Zimmer legt und schlafen geht; nicht stillt, weil man keine Lust dazu hat oder eine Brustentzündung; das Kind einmal wochenlang aus der Pizzeria an der Ecke versorgt; hässliche Bilder als solche bezeichnet oder nur jede dritte Frage beantwortet: Dann muss man sich trotzdem keine Sorgen machen. Menschen sind nämlich nicht kleinzukriegen. Und Eltern – auch das beruhigt – nicht halb so wichtig, wie die meisten meinen.

6 Gedanken zu „Bugs like us

  1. In einen Erziehungsartikel, den ich ziemlich am Anfang meiner Mutterschaft, also vor ca. 10 Jahren las, stand der schöne und ungemein entlastende Satz, um ein Kind daran zu hindern, sich zu entwickeln, müssten Eltern es schon in denen Kleiderschrank sperren und jedesmal wenn es rauskommen will, ihm eins mit der Bratpfanne überziehen 😉

    Liebe Grüße,
    eine Leserin aus Hamburg

  2. Erziehung ist eine Illusion. Die Kinder machen das, was man ihnen vorlebt, so wie wir früher. Warum sonst erkennt man plötzlich die eigenen Eltern in sich, wenn man selbst Kinder hat? Ein einziges Ding tue ich, was in meiner Kindheit nicht üblich war, und was aber einen sehr großen Unterschied macht: Ich erkläre mein Verhalten, und ich entschuldige mich, wenn ich daneben lag.

  3. Ihr Problem ist offensichtlich, dass Sie kein Problem haben – in unserer von hypochondrischen Wellen durchschüttelten mittelstandsangstgeplagten Gesellschaft macht Sie das schon verdächtig. Vielleicht legen Sie sich zur Tarnung irgend einen harmlosen und dafür um so öffentlicher gemachten Tick zu, etwa den, keinen Tofu sondern nur Fleisch, oder kein Caroben sondern nur echte Schokolade essen zu dürfen.
    Im Übrigen: ich glaube daran, dass Kinder am besten gedeihen, wenn man ihnen, innerhalb fester verlässlicher Beziehungen zu den Eltern, Abwechslung innerhalb einer großen aber doch endlichen Palette bietet, aber eben keine Beliebigkeit.
    Nur beim Essen hat es sich bewährt – Mademoiselle wurde von Anfang an allem ausgesetzt, was Markthalle und Speisekarte zu bieten hatten, und isst heute mit Wonne Dinge, welche Klassenkameraden nicht mal kennen. Bislang ohne täglich wechselndes Iieehhabichnochniegegessen-Obst oder Gemüse.

  4. Wir Pädagogen sind nicht deprimiert. Wir wissen um unsere eigentlich marginale Bedeutung im kognitiven System der uns Anvertrauten. Wir wissen aber auch um unsere sehr wohl bedeutende Rolle, hin und wieder diese magischen Aha-Erlebnisse auslösen zu können. Letzteres treibt den (hoffentlich mehr als nur durchschnittlich oft vorkommenden) Pädagogen in seiner täglichen Arbeit an.

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